Etrigan – Der reimende Dämon aus Camelot

Ein König, ein Zauberer und eine Strafe für die Ewigkeit

Etrigan

Es gibt Momente in der Comicgeschichte, die sich im Nachhinein wie Naturgewalten lesen – Schöpfungsakte, bei denen ein einzelner Autor eine so vollständige und fremde Idee in die Welt setzte, dass das Medium danach ein kleines Stückchen anders aussah. Jack Kirbys Erschaffung von Etrigan im Jahr 1972 ist einer dieser Momente. Merkwürdig ist, dass er heute zu den am wenigsten gefeierten zählt.

Die Prämisse ist so schlicht wie sie gewagt ist: In der letzten Nacht von Camelot, als Artus‘ Reich in Flammen und Verrat versank, band der Zauberer Merlin einen Höllendämon namens Etrigan an einen menschlichen Ritter namens Jason Blood. Es handelte sich um eine Strafe, war aber auch Schutz, Fluch, und Gabe. Die Quellen sind sich da uneins, und das ist mit Bedacht so gewählt. Seitdem streift Jason Blood unsterblich durch die Jahrhunderte, trägt das Wissen um die Vergänglichkeit aller Dinge in sich und die Fähigkeit, sich in ein gelbes, feuerspuckendes Höllengeschöpf zu verwandeln, das in Reimen spricht und das Böse mit einer Begeisterung bekämpft, die gelegentlich beunruhigender wirkt als das Böse selbst.

Ursprung

Jack Kirby — der vierte Weltengott des Comics

Jack Kirby autor, zeichner, visionär

Co-Erfinder von Captain America, Fantastic Four, X-Men, New Gods, Darkseid, Thor und Hunderten weiterer Figuren. Kirby war 1972, als er Etrigan erschuf, bereits eine lebende Legende, und gleichzeitig ein Mann, der sich von Marvel tief ungerecht behandelt fühlte und zu DC gewechselt war, um dort völlige kreative Freiheit zu erproben.

Die DC-Phase kontext

Kirbys DC-Jahre (1970–1975) sind das seltsamste und ambitionierteste Kapitel seiner Karriere. Neben Etrigan entstanden die Fourth World-Saga, OMAC, Kamandi und The Demon; allesamt Serien, die kommerziell mäßig liefen und die das Medium konzeptuell weit überforderten.

Um Etrigan zu verstehen, muss man zunächst Kirby verstehen, und das ist keine einfache Aufgabe. Jacob Kurtzberg, der sich Jack Kirby nannte, war der Sohn jüdischer Einwanderer aus der Lower East Side. Er betrachtete Comics als Vehikel für das Erschaffen von Mythen und nicht als Unterhaltungsprodukt. In den 1940er Jahren hatte er gemeinsam mit Joe Simon Captain America erfunden und damit buchstäblich ein kulturelles Symbol geschaffen, das Amerika bis heute begleitet. In den 1960ern hatte er zusammen mit Stan Lee das Marvel-Universum aus dem Boden gestampft. Und dabei hatte er weder die Rechte an seinen Figuren noch die angemessene Anerkennung erhalten.

Als Kirby 1970 zu DC wechselte, kam er mit einem Hunger, der schwer zu beschreiben ist. Er wollte etwas erschaffen, das zumindest kreativ ihm gehörte. Die Fourth World-Saga mit Darkseid, Orion und New Genesis bildet das Zentrum dieses Hungers, ein kosmisches Epos über den ewigen Krieg zwischen Freiheit und totaler Kontrolle. Etrigan ist das dunklere, kleinere Geschwisterkind dieser Ideen: weniger kosmisch, dafür tiefer im Schlamm der menschlichen Seele verwurzelt.

Kirby erschuf Etrigan in einem Moment, in dem er beides gleichzeitig war: der mächtigste Comicautor seiner Generation und ein Mann, der das Gefühl kannte, eine Bestie in sich zu tragen, die kein angemessenes Gefäß fand.

Warum spricht der Dämon in Versen?

Es ist die auffälligste und meistdiskutierte Eigenheit der Figur, und sie war bei Kirbys Konzeption keineswegs von Anfang an vorgesehen: Der originale Etrigan aus dem Jahr 1972 reimte nicht. Er sprach wie ein Comicschurke: erhaben, bedrohlich, gelegentlich pompös, aber in Prosa. Die Idee, Etrigan in Jamben und Reimen sprechen zu lassen, stammt von Alan Moore. Er griff die Figur 1984 in seinem Swamp Thing auf und gab ihr diese sprachliche Eigenheit.

Moore erkannte, dass die mittelalterliche Herkunft der Figur ein ästhetisches Versprechen in sich trug, das die Originalserie nicht eingelöst hatte. In der Tradition der englischen mittelalterlichen Dichtung, von Beowulf bis zu den Mysterienspielern des 14. Jahrhunderts, sprachen Dämonen und übernatürliche Wesen oft in metrisch gebundener Sprache, teils als Zeichen ihrer Andersartigkeit, teils weil Vers und Magie konzeptuell verwandt gedacht wurden. Moore, der Comicautor als Literaturforscher, griff diese Tradition auf und pflanzte sie in Etrigans Mund.

Sprachstil · Etrigan

Diese zwei Zeilen gehören zum Beschwörungsruf, mit dem Jason Blood die Transformation auslöst. Sie sind zu einem der bekanntesten Zweizeiler der Comicgeschichte geworden und haben eine Qualität, die wenige Catchphrases erreichen: Sie klingen wie Liturgie. Wie ein Gebet, das in die falsche Richtung betet. Matt Wagner, der die Figur in den späten 1980ern in seiner preisgekrönten Miniserie Demon: A Tragedy weiterentwickelte, verfeinerte Etrigans Verssprache zu einem veritablen literarischen Instrument: Wenn der Dämon spricht, weiß man es, bevor man noch das erste Wort liest.

Nachtrag des Autors: Was mich bei Etrigan am meisten fasziniert, ist dieser Produktionshintergrund: Kirby erschuf die Figur in einem Moment tiefer persönlicher Frustration, als jemand, der das Gefühl kannte, eine Kraft in sich zu tragen, die das System, in dem er arbeitete, nie angemessen würdigen würde. Dass daraus ausgerechnet eine Figur wurde, die buchstäblich eine Bestie in sich eingesperrt trägt — das ist kein Zufall, das ist unbewusste Autobiografie in Vierfarben-Druck.

Und Alan Moores Entscheidung, den Dämon reimen zu lassen, ist eines der elegantesten Autorenmanöver der Comicgeschichte: Er machte aus einer interessanten, aber unvollendeten Idee etwas Unvergessliches, indem er ihr einfach eine Sprache gab.

Wonder Woman

Sensation Comics #1

Es gibt eine Szene im ersten Wonder-Woman-Comic von 1942, die man nicht vergisst, wenn man sie einmal gesehen hat: Eine Frau im Sternenbanner-Bikini und mit roten Stiefeln schleudert einen Nazi-Panzer durch die Luft, als wäre es Spielzeug, und lächelt dabei. Es ist ein breites, beinah kindliches Strahlen, das echte Freude an der eigenen Stärke ausdrückt. Das war 1942 in einem amerikanischen Mainstream-Comicheft. Mit einer Frau als Protagonistin.

Man muss kurz innehalten, um zu begreifen, wie ungeheuerlich das war.

Wonder Woman erschien erstmals in All Star Comics #8 im Oktober 1941, knapp einen Monat vor dem Angriff auf Pearl Harbor. Ab Frühjahr 1942 erhielt die Figur dann ihre eigene Serie. Ihr Schöpfer war William Moulton Marston, ein Psychologe, Erfinder des ersten brauchbaren Lügendetektors, Harvard-Absolvent und promovierter Jurist. Er schrieb die Comics unter dem Pseudonym Charles Moulton. Der Name war eine Mischung aus seinem eigenen mittleren Vornamen und dem seines Verlegers Maxwell Charles Gaines, dem Gründer von All-American Comics. Gaines hatte Marston auf Empfehlung der damaligen Bildungsberaterin Olive Richard engagiert. Wie sich herausstellte, war Olive Richard eine seiner beiden Lebensgefährtinnen.

Marstons ungewöhnliches Privatleben


Marston war alles andere als ein gewöhnlicher Comicschreiber. Er hatte eine dezidierte pädagogische und fast messianische Überzeugung. Seiner Meinung nach würde die Welt in etwa tausend Jahren von Frauen regiert werden, was das Beste wäre, was ihr passieren könnte. Frauen verbänden laut seiner Theorie Stärke mit Liebe und Mitgefühl auf eine Art, die Männern schlicht nicht möglich sei. Wonder Woman war der literarische Beweis für diese These, die sich heute immer mehr zu verdichten scheint.

Die seltsamste Ursprungsgeschichte des Goldenen Zeitalters

Die Figur hat eine selbst für Comic-Verhältnisse ungewöhnlich reichhaltige Herkunft. Diana ist die Prinzessin der Amazonen auf Paradise Island, einer geheimen Insel, die von Frauen bewohnt wird. Sie haben sich aus der von Männern dominierten Welt zurückgezogen, um in Frieden und Selbständigkeit zu leben. Ihre Mutter Hippolyta formte sie aus Ton, und die Götter hauchten ihr Leben ein. Zumindest in der Ursprungsversion. Spätere Revisionen, darunter die weitgehend kanonisch gewordene aus den 1980er Jahren von George Pérez, machten Zeus zu ihrem Vater, was dramatisch zwar konsequenter, aber weitaus weniger subversiv ist.

Als der amerikanische Pilot Steve Trevor auf Paradise Island notlandet und gerettet werden muss, verlässt Diana die Insel, um ihn in die Welt der Menschen zurückzubegleiten und im Zweiten Weltkrieg für die Alliierten zu kämpfen. Sie nimmt die Identität von Diana Prince an, einer Krankenschwester. Dieses Kostüm wirkt in seiner Banalität komisch neben dem funkelnden Sternenbanner-Outfit.

Was Marston in den frühen Comics dann entfaltete, war ein seltsames, freudianisch überladenes Universum voller Fesselungen, Unterwerfungen und psychologischer Machtspiele. Kaum eine Ausgabe kam ohne Szenen aus, in denen jemand – oft Wonder Woman selbst – gefesselt, angekettet oder auf andere Weise in seiner/ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt wurde. Der Zeichner H. G. Peter setzte diese Szenen mit einer Akribie um, bei der modernen Lesern schwindelig wird. Der DC-Herausgeber Sheldon Mayer und der Ethikausschuss der Branche waren regelmäßig besorgt. Marston erklärte ihnen geduldig, dass all dies symbolisch gemeint sei, eine Metapher für die psychologische Befreiung von emotionalen Fesseln.

Ob man ihm glaubt oder nicht, ist eine andere Frage. Die Forscherin Jill Lepore, die 2014 die maßgebliche Biografie The Secret History of Wonder Woman veröffentlichte, kommt zu dem Schluss, dass Marstons Fetische und seine feministische Überzeugung untrennbar miteinander verwoben waren, und dass man das eine nicht ohne das andere verstehen kann.

Das Lasso der Wahrheit

Nach Marston: Die Jahrzehnte des Vergessens und Wiederfinders

Als Marston 1947 an Krebs starb, verlor die Figur ihre wichtigste Stimme, und ihre schärfsten Kanten. Robert Kanigher übernahm das Schreiben und machte aus Wonder Woman eine sehnsuchtsvolle Romanheldin, die Steve Trevor heiraten wollte und sich mit alltäglicheren Abenteuern begnügte. Das Feuer des Goldenen Zeitalters war erloschen.

Wonder Woman auf der Titelseite

Die 1960er Jahre brachten eine Krise eigener Art mit sich. Im Zuge der Neuausrichtung vieler DC-Charaktere verlor Wonder Woman ihre Kräfte vollständig und wurde – man reibe sich die Augen – zur Besitzerin einer Modeboutique. Das war als Modernisierung gedacht, als Emma-Peel-Moment für das Silberne Zeitalter. Herausgekommen ist jedoch einer der größten Fehlgriffe der Comicgeschichte. Die Frauenrechtlerin Gloria Steinem war so entsetzt, dass sie 1972 Wonder Woman im Originalkostüm auf das Titelblatt der ersten Ausgabe des Ms. Magazine setzte, als eine Art öffentliche Rehabilitation, die signalisierte: Diese Figur gehört dem Feminismus, nicht der Boutique.

Die eigentliche Rettung kam 1987 mit George Pérez und seiner bahnbrechenden Neuinterpretation nach Crisis on Infinite Earths. Pérez verankerte Wonder Woman tief in der griechischen Mythologie, gab ihr mit Themyscira (dem neuen Paradise Island) eine komplexe politische Heimat und zeichnete sie mit einer Würde und Komplexität, die zuvor selten erreicht worden waren. Es war das erste Mal seit Marston, dass sich eine echte künstlerische Vision durchsetzte, die sich nicht entschuldigen musste.

Phil Jimenezes elegante Linien in den frühen 2000ern, Greg Ruckas dichte politische Prosa und Gail Simones emotionale Schärfe – all das sind Meilensteine in der Geschichte einer Figur, die immer dann am stärksten ist, wenn ihre Autoren verstehen, dass Wonder Woman nicht Stärke statt Mitgefühl verkörpert, sondern Stärke als Mitgefühl. Das ist Marstons Vermächtnis, ob man seine persönlichen Eigenheiten mag oder nicht.

Was die Figur wirklich besonders macht

Man könnte meinen, Wonder Woman sei lediglich das weibliche Pendant zu Superman oder Batman. Das ist ein Missverständnis, das sich hartnäckig hält. Superman ist der Immigrant, der Amerika liebt. Batman ist der traumatisierte Milliardär, der die Dunkelheit bekämpft. Wonder Woman ist etwas Anderes: eine Figur, die aus einer fremden Kultur stammt und diese für überlegen hält, aber dennoch beschließt, der menschlichen Welt zu helfen, aufgrund einer aktiven, freiwilligen Entscheidung für das Gute.

Das macht sie aus philosophischer Sicht interessanter als die meisten ihrer Kollegen. Sie ist keine gebrochene Figur, die durch Heroismus Heilung sucht. Sie handelt aus einer Position der Stärke und Unversehrtheit heraus. Ihre Waffe ist das Lasso der Wahrheit und nicht die Faust des Zorns. Sie tötet nur im äußersten Notfall, und wenn sie es tut, trägt sie die Last dieser Entscheidung sichtbar mit sich.

Die Armbänder, die sie trägt – im Original „Bracelets of Submission“ – sind eines der merkwürdigsten Symbole der Comicgeschichte. Von den Göttern auferlegt, dienen sie den Amazonen als Erinnerung an ihre frühere Versklavung und sind zugleich unzerstörbare Schutzwaffe und Mahnmal. Sobald Wonder Woman die Armbänder ablegt, verliert sie in manchen Versionen die Kontrolle über ihre Kraft und wird gefährlich. Freiheit ohne Begrenzung ist keine Befreiung, sondern eine andere Form der Gefangenschaft. Marston, der Psychologe, steckt also in jedem Detail.

Nachtrag des Autors: Einige Dinge, die mich beim Schreiben besonders fasziniert haben: Marstons Lügendetektor und das „Lasso of Truth” sind kein Zufall. Es ist dieselbe Obsession, einmal als Wissenschaft, einmal als Mythos. Und: Jill Lepores Biografie „The Secret History of Wonder Woman” (2014) ist wirklich eine Pflichtlektüre, wenn jemanden das Thema tiefer interessiert. Lepore legt offen, wie sehr Elizabeth Holloway und Olive Byrne die Figur prägten, während Marston allein den Ruhm kassierte.

Die Bedeutung der Robins im Batman-Kosmos

Mehr als nur ein Sidekick

Es gibt eine Frage, die Comicfans seit Jahrzehnten spaltet, und sie lautet ungefähr so: Warum braucht Batman überhaupt einen Robin? Der Dunkle Ritter, diese monolithische Figur aus Schmerz, Disziplin und Nacht, wirkt auf den ersten Blick vollständig in sich selbst ruhend. Er ist kein Teamplayer. Er braucht niemanden. Und trotzdem kehrt Robin immer wieder zurück, in verschiedenen Gesichtern, verschiedenen Kostümen, mit verschiedenen Lebensgeschichten. Das ist kein Zufall und keine Nostalgie, das ist Absicht, und hinter dieser Absicht steckt eine der klügsten erzählerischen Entscheidungen in der Geschichte des amerikanischen Comics.


Der erste Robin und die Wahrheit hinter seiner Erschaffung

Dick Grayson trat 1940 auf, gerade einmal ein Jahr nach Batman selbst. Bob Kane, Bill Finger und der Zeichner Jerry Robinson schufen ihn, wobei Robinson oft als der eigentliche kreative Motor hinter der Figur gilt, was in der Comicgeschichte leider lange zu wenig gewürdigt wurde. Die offizielle Begründung war zunächst eine rein kommerzielle: Batman verkaufte sich gut, aber die Redaktion von DC wollte eine Identifikationsfigur für jüngere Leser. Ein Junge, der neben dem großen Helden kämpft, der dieselbe Sprache spricht wie der Leser zu Hause.

 Dick Graysons unterschiedliche Erscheinungsformen auf dem variant cover von Nightwing #118 (September 2024).
Gestaltet von Nicola Scott.
Zu sehen sind Dick Graysons unterschiedliche Erscheinungsformen auf dem Variant-Cover von Nightwing #118 (September 2024).
Gestaltet von Nicola Scott.

Das funktionierte. Die Verkaufszahlen schnellten nach Dicks erstem Auftritt in Detective Comics #38 in die Höhe. Aber was dabei entstand, war weit mehr als ein Marketinginstrument. Dick Grayson spiegelt Bruce Wayne auf eine Weise, die das gesamte emotionale Fundament der Figur verändert. Beide verloren ihre Eltern durch Gewalt. Beide kennen das schwarze Loch, das ein solcher Verlust hinterlässt. Der Unterschied ist, dass Dick Grayson trotzdem lacht. Wo Bruce Wayne sich in sein Trauma eingegraben hat wie in eine Festung, trägt Dick sein Leid mit einer Offenheit, die geradezu beunruhigend wirkt, wenn man es neben Batmans stoische Starre hält.

Das ist der erste und vielleicht tiefste Grund, warum Robin existiert: Er ist das, was Batman hätte werden können, wenn Thomas und Martha Wayne in einem anderen Moment erschossen worden wären. Wenn Bruce ein Jahr jünger gewesen wäre, oder ein Jahr älter, oder wenn Alfred früher eingegriffen hätte. Robin ist die Möglichkeit, die Bruce Wayne nie hatte.


Nightwing, oder: Wie eine Figur erwachsen wird

Jerry Robinson hatte für Dick Grayson etwas Besonderes im Sinn gehabt, etwas, das über die bloße Sidekick-Funktion hinausging, aber die Comicgeschichte brauchte Jahrzehnte, um diese Möglichkeit wirklich einzulösen. Es war Marv Wolfman, der in The New Teen Titans ab 1980 gemeinsam mit Zeichner George Pérez die entscheidende Weichenstellung vornahm. Dick Grayson legte das Robin-Kostüm ab und wurde zu Nightwing.

Dieser Moment ist in der Geschichte des Superhelden-Comics fast einzigartig ist. Ein Sidekick, der seinen eigenen Weg geht, seinen Mentor herausfordert und als eigenständige Figur überlebt, ja sogar zu einem der beliebtesten DC-Charaktere überhaupt wird. Nightwing wurde zur Blaupause dafür, wie man mit einer Nebenfigur umgehen kann, wenn man ihr echte Entwicklung gönnt. Dicks Akrobatik, sein Charisma, seine Fähigkeit, mit anderen zu arbeiten statt gegen sie, all das steht im direkten Kontrast zu Batman, und dieser Kontrast ist äußerst produktiv.

Es ist kein Zufall, dass Nightwing in Umfragen regelmäßig als einer der moralisch kompetentesten Superhelden des DC-Universums abschneidet. Er hat Batmans Schule durchlaufen und ist trotzdem kein Bruce Wayne geworden. Das ist eine Leistung.


Jason Todd und das Gewicht einer Abstimmung

Dann kam Jason Todd, und mit ihm eine der dunkelsten Episoden in der Geschichte des Superhelden-Comics überhaupt.

Jason Todd als Red Hood in Red Hood: Outlaw #47 (August 2020).
Zeichner: Paolo Pantalena, Arif Prianto und Troy Peteri.

ason war zunächst, in seiner ursprünglichen Version, erschaffen von Gerry Conway und Don Newton im Jahr 1983, eine ziemlich direkte Wiederholung von Dick Grayson. Gleiche Herkunft, ähnliche Energie, wenig eigenständiges Profil. Das Leserpublikum blieb reserviert. Als dann 1987 Jim Starlin und Jim Aparo im Zuge der Crisis on Infinite Earths Jason komplett neu aufstellten, ihn rauer machten, kantiger, weniger sympathisch, wendete sich die Stimmung weiter ins Negative.

Was folgte, ist Comicgeschichte. In Batman: A Death in the Family (1988) bauten DC und Starlin eine 900er-Telefonnummer ein, über die Leser abstimmen konnten, ob Jason Todd sterben soll. Die Abstimmung fiel für den Tod aus, angeblich mit einem Vorsprung von nur 72 Stimmen. Der Joker erschlug Jason mit einer Brechstange und ließ ihn in einer Explosion sterben.

Man kann über die ethische Dimension dieser Entscheidung lange diskutieren, und das ist auch notwendig. Es war Publikumsbeteiligung auf eine Weise, die eine Figur zu einem Objekt kollektiver Aggression machte. Was DC damit gewann, war eine schockierende Geschichte. Was die Figur Jason Todd daraus gewann, war nachträglich etwas viel Interessanteres: Er wurde zur dauerhaften Wunde in Batmans Psyche. Das Kostüm im Glaskasten in der Bathöhle, die Inschrift A Good Soldier, das ist eine der bewegendsten Gesten, die das Batman-Narrativ kennt.

Dass Jason Todd 2005 bei Judd Winick als Red Hood zurückkehrte, als gewalttätiger Anti-Held mit einer Rechnung, die er mit Batman offen hatte, machte aus einer reaktivierten Figur plötzlich eine der komplexesten Stimmen im gesamten Bat-Kosmos. Red Hood stellt eine Frage, die Batman nie abschließend beantworten kann: Was wäre, wenn du den Joker einfach getötet hättest? Hätte ich dann überlebt?


Tim Drake und die Selbsterfindung des Genies

Tim Drake auf dem Cover von Robin: A Hero Reborn trade paperback (Januar 1991).
Gezeichnet von Brian Bolland.
Tim Drake auf dem Cover von Robin: A Hero Reborn (Trade Paperback, Januar 1991).
Gezeichnet von Brian Bolland.

Tim Drake ist der einzige Robin, der die Identität aktiv wollte, der sie sich erarbeitet hat. Marv Wolfman schuf ihn 1989 unter anderem mit dem Hintergedanken, dass Batman einen Robin braucht, und zwar aus therapeutischen, menschlichen Gründen, und dass dieser Robin sich die Rolle verdienen sollte.

Tim ist derjenige, der Batmans und Nightwings wahre Identitäten durch reine Detektivarbeit herausfand. Als Kind. Das ist kein kleines narratives Detail, das ist eine Charakterisierung in einer einzigen Handlung: Tim Drake ist der Robin, der auf Augenhöhe denkt. Kein Trauma als Eintrittsticket, keine Zufälligkeit, nur eine intellektuelle Entscheidung.

Seine Jahre als Robin und später als Red Robin sind geprägt von einer Leichtigkeit im Umgang mit Moral, die weder Dicks naive Güte noch Jasons verzweifelte Wut hat. Tim ist der Pragmatiker, der Stratege, der vielleicht Batman in seiner Denkweise am nächsten kommt, dabei aber empathischer bleibt. Er ist auch derjenige, um den die Community bis heute am leidenschaftlichsten kämpft, was Darstellungsrechte und Handlungsstränge betrifft.


Stephanie Brown, die oft Vergessene

Stephanie Brown on the cover of Detective Comics #809 (2005). Art by Jock.
Stephanie Brown auf dem Cover von  Detective Comics #809 (2005). Gezeichnet von Jock.

Stephanie Brown verdient mehr als eine Randnotiz; sie verdient ein eigenes Kapitel. Von Chuck Dixon zunächst als die Figur Spoiler geschaffen und dann zur ersten weiblichen Robin in der Hauptkontinuität gemacht, wurde ihre Geschichte von DC auf eine Weise behandelt, die viele Leserinnen und Leser bis heute beschäftigt.

Stephanie wurde Robin, wurde von Batman wieder gefeuert, versuchte trotzdem einen Einsatz, wurde dabei von Black Mask gefangen, gefoltert und starb. Oder starb scheinbar, wie sich später herausstellte. Was ihren Tod von Jasons unterschied: Es gab keinen Gedenkkasten in der Bathöhle. Es dauerte Jahre, bis DC auf den Druck der Fangemeinde reagierte.

Der No Batgirl Memorial Case-Aufschrei in der Community, initiiert u.a. von Gail Simone, war ein Moment, in dem Comiclesende laut sagten, dass die Behandlung einer Figur eine inakzeptable Haltung gegenüber dem Publikum widerspiegelt. Stephanie Brown als Batgirl unter Bryan Q. Miller (2009) war dann eines der besten Soloprojekte im DC-Universum dieser Ära, von der Community geliebt, aber abgebrochen durch den New 52-Relaunch. Ihre Geschichte ist eine über das Potenzial von Figuren, das regelmäßig institutionell vergeudet wird.


Damian Wayne und die Erbschaft des Bösen

Damian Wayne, wie er auf dem Variant-Cover von „Nightwing“, Band 4, Nr. 16 (Mai 2017) dargestellt ist.
Zeichnungen von Ivan Reis, Oclair Albert und Sula Moon.
Damian Wayne, wie er auf dem Variant-Cover von „Nightwing“, Band 4, Nr. 16 (Mai 2017) dargestellt ist.
Zeichnungen von Ivan Reis, Oclair Albert und Sula Moon.

Bruce Waynes leiblicher Sohn, der von der Liga der Schatten aufgezogen und zum Killer ausgebildet wurde, wurde schließlich seinem Vater übergeben und ist vielleicht der herausforderndste Robin aller Zeiten. Mit Damian Wayne schuf Grant Morrison 2006 in Batman and Son eine Figur, die das Vater-Sohn-Verhältnis im Batman-Kosmos vollständig neu kalibrierte.

Damian ist arrogant und kalt. Er muss von Grund auf lernen, was es bedeutet, kein Leben zu nehmen, während er das Töten als das logischste Mittel betrachtet. Er ist das direkte Gegenteil von Dick Grayson – und genau deshalb die interessanteste Robin-Variante der letzten zwanzig Jahre. Sein Tod in Batman Incorporated #8 (2013) traf viele Leser härter als erwartet, weil Morrison die Figur in relativ kurzer Zeit so aufgebaut hatte, dass sie trotz ihrer Kälte zutiefst verletzlich wirkte.

Das Verhältnis zwischen Damian und Dick Grayson, die eine Zeit lang als Batman und Robin operierten, ist dabei besonders zu betonen. Es war das erste Mal, dass ein Robin ein älteres Robin-Vermächtnis übernahm. Gleichzeitig war die Dynamik vollständig invertiert: Der kleinere, jüngere Robin war der gefährlichere, der ältere Batman derjenige, der Geduld und Menschlichkeit in die Partnerschaft einbrachte.


Was Robin über Batman sagt

Wer all diese Figuren betrachtet, erkennt ein Muster: Jeder Robin ist eine Antwort auf eine Frage, die Batman selbst nicht stellen kann. Dick fragt, ob man trotz Trauer Freude empfinden darf. Jason fragt, ob Gerechtigkeit ohne Gewalt überhaupt möglich ist. Tim fragt, ob Intelligenz allein ausreicht, wenn die Antwort der Welt nicht intelligent zurückkommt. Stephanie fragt, ob das System Raum hat für diejenigen, die es nicht braucht. Damian fragt, ob Natur durch Erziehung überwunden werden kann.

Batman ist, für sich allein, eine Antwort auf eine einzige Nacht in einer dunklen Gasse. Interessant, erschütternd, mythologisch. Aber die Robins sind die Fragen, die diese Antwort herausfordern, erweitern, manchmal widerlegen. Ohne sie wäre Batman zwar vollständig. Mit ihnen aber wird er menschlich.

Das ist die Bedeutung der Robins. Sie sind nicht nur Sidekicks, auch keine Marketingentscheidungen. Ihre Bedeutung liegt darin, was eine Figur braucht, um mehr zu sein als ein Symbol: einen Spiegel. Und manchmal, in den besten Geschichten, ist es der Spiegel, der interessanter ist als das Gesicht, das er zeigt.