Hier spricht Edgar Wallace

Edgar Wallace-Filme waren echte Leinwandmagneten. Dafür standen die Leute in den 1960er Jahren vor den Kinokassen Schlange. Dann wurden sie zu Straßenfegern. Ein Phänomen älterer Fernsehgeschichte. Die Wallace-Krimis trommelten in den 1970er Jahren mit ihren reißerischen Titeln wie Der schwarze Abt, Der Bucklige von Soho oder Der Mönch mit der Peitsche landesweit ganze Familien und Nachbarschaften vor den Bildschirm. Einmalig war das. Los geht es (meistens!) mit einem Mord.

Natürlich nicht mit einem „gewöhnlichen“, der Mord ist schon mal stets spektakulär. Oft regelrecht bizarr. Von einem Geheimnisvollen, grotesk maskiert. Meistens. Und ermordet wird durch die Reihe weg und auch überall: Mann, Frau, Schurke oder Gutmensch, alt, jung, reich oder arm. Im Wald, in der Stadt, in der Gasse, im Salon, in der Hütte, im Schloss. Gefackelt wird da nicht, der Nervenkitzel bestimmt vom ersten Moment an die Richtung. Allein der Vorspann, die Schriftzüge mit Einzug der Farbe ab 1966 blutrot und giftgrün. Wirkte, als wir damals guckten. Da fieberte man bereits. Dazu diese Respekt einflößende, raue Stimme, die so einen gewissen Schauer einjagt: „Hallo, hier spricht Edgar Wallace.“

Ermordet wird ausnahmslos und überall

Wer da wirklich sprach, wusste niemand. Wir Kinder dachten, der sei es garantiert wohl selbst. Wer sonst? Tatsächlich war es in den meisten Fällen Regisseur Alfred Vohrer.

Nachdem der sich als Wallace höchstpersönlich ausgibt, fallen Schüsse. Nicht von Anfang an, der Knalleffekt wurde mit dem „Zinker“ 1963 eingeführt. Zu diesem Zeitpunkt lief die von der dänischen Produktionsgesellschaft Rialto-Film für den deutschen Markt kreierte Edgar-Wallace-Krimi-Reihe bereits vier Jahre. Startsignal war „Der Frosch mit der Maske“, Originaltitel „The Fellowship of the Frog“, als Roman 1925 veröffentlicht und immer mal wieder gern aus dem Bücherschrank gefischt als einer der Lieblings-Wallace-Krimis. Damals schon, tatsächlich heute noch. Kleine Leseprobe, die saubere deutsche Übersetzung trifft den Stil:

(…) Genter hatte nun, da seine Augen sich an das Dunkel zu gewöhnen begannen, festgestellt, wo der Mann stand. Seine Hand griff plötzlich zu und umfasste den Arm des Frosches. „Ich habe eine Pistole“, sagte er zwischen den Zähnen. „Ich bin Inspektor Genter vom Polizeihauptquartier, und wenn du dich zur Wehr setzt, bringe ich dich um.“

Eine Sekunde lang herrschte Totenstille. (…) Dann wurde die Pistole mit unerträglicher Drehung aus Genters Hand gewunden, und zwischen ihm und seinem Gefangenen kam es zum Handgemenge. Dabei berührte sein Gesicht das des Frosches. War es eine Maske, die er trug? Er spürte die kalten Glimmerbrillengläser auf seiner Wange. (…)

Am Morgen fand eine Londoner Polizeipatrouille Inspector Genter im Garten eines leeren Hauses liegend und rief einen Krankenwagen.

Aber ein Mann, der mit konzentrierten Blausäuredämpfen vergiftet worden ist, stirbt schnell. Zehn Minuten, nachdem der Frosch den Glaszylinder, den er für ähnliche Notfälle in der Hütte aufbewahrte, zerbrochen hatte, war Genter eine Leiche.

(…)

Die Verfilmung vom „Frosch mit der Maske“ kam in heimischen und ausländischen Kinos bombastisch an und machte Lust. Eben diese legendäre Lust auf mehr Wallace, mehr Thriller-Trash von der edleren (durchaus!) Sorte, mehr Zündstoff für die Nerven.

1959 schreiben wir. Privatdetektiv Richard „Dick“ Gordon (Joachim „Blacky“ Fuchsberger) und Inspektor Elk (Sigfried Lowitz) jagen einen als Frosch mit Tennisball-großen Glubschaugen kostümierten Gangsterboss, der über Leichen geht. Klingt beinahe albern, so eine Maske. Ist aber sogar gruselig. Die Jagd geht quer durch London. Hamburg als Drehort in echt. Das haben die damals gut hingekriegt, merkt man so nicht. Londonbilder wurden bei Bedarf hinein geschmuggelt. Einwandfrei. Altersfreigabe für den Frosch 1959 ab 16! Das gehörte sich auch so. Allemal, der temporeich inszenierte Film schlägt voll zu und läutet die „klassische“ Wallace-Reihe der Rialto-Filmgesellschaft ein. Harald Reinl führt Regie, dann noch bei weiteren sechs Edgar-Wallace-Verfilmungen. „Zwischendurch“ dreht er die Nibelungen-Sage und Karl Mays „Winnetou“-Trilogie.

Satte 32 Edgar-Wallace-Krimis, allesamt mit markanten, teils sehr phantasievoll arrangierten Soundtracks versehen, wurden von 1959 bis 1972 auf die Leinwand bzw. auf den Bildschirm gebracht. Darunter seit 1966 auch solche, die nicht direkt auf Romanvorlagen, sondern auf Ideen und Motiven von Edgar Wallace basierten, die dann dem Zeitgeist entsprechend ergänzt wurden. Das war nicht immer so gut wie gedacht, aber der Name Wallace zog.

Und es zogen hierzulande eben auch die Namen der Hauptdarsteller, Publikumslieblinge gleich Mit-Garanten für Kassenerfolge, die für die Verfilmungen von Der Hexer, Der grüne Bogenschütze, Zimmer 13, Der Hund von Blackwood Castle, Die seltsame Gräfin und, und…gleich mehrmals engagiert wurden: Joachim Fuchsberger (13 x) und Heinz Drache (9 x) als Ermittler, Karin Dor (5 x) und Uschi Glas (5 x) als hübsche Unschuld in arger Not, Eddi Arent (23 x) als meist komische Figur, Klaus Kinski (16 x) als Bösewicht bzw. stets leicht durchgeknallter Schurke.

Legendäre Lust auf edlen Thriller-Trash

Wirklich kompliziert gestrickt sind die Handlungen nun nicht. Muss auch nicht sein, dafür stimmen Atmosphäre, Akteure, Abenteuer. Klar ist: Den oder die Bösen schnappen die Guten am Ende immer. Und vorher wird gekonnt erschreckt. Maskiert, gerätselt, gejagt, geschrien, geflirtet, gemordet, gelacht, gebibbert, entlarvt. Genug für alle. Das kommt dem Unterhaltungswert schwer zugute, man wollte ja nicht auf irritierende Art schocken. Fesseln wollte man. Mit den Geschichten eines berühmten englischsprachigen Schriftstellers, der als Erfinder des modernen Thrillers gilt und sagenhafte 175 Romane, hauptsächlich Krimis, geschrieben hat. Zusätzlich vierundzwanzig Bühnenstücke, ungezählt enorm viele Kurzgeschichten und eine überwältigende Anzahl an Artikeln. Drehbücher verfasste er auch. Alles in einem Rekordtempo, das seinesgleichen sucht und schwerlich findet.

Edgar Wallace selbst lebte längst nicht mehr, als das Kino Ende der 1950er Jahre und nur recht kurz darauf eben auch das Fernsehen seinen Namen verkündete und unauslöschbar ins Gedächtnis brannte. Er starb 1932 im Alter von nur siebenundfünfzig Jahren in Hollywood, Kalifornien, an einer Lungenentzündung. Ein Jahr zuvor hatte er London den Rücken gekehrt, um in der amerikanischen Filmmetropole als Drehbuchautor zu arbeiten. England ließ ihn vermutlich ungern gehen. Längst schon galt er als einer der ganz großen Söhne des Landes, er war immens berühmt. Sein Name: Ein absolutes Markenzeichen. Er selbst soll auch nicht die größte Lust gehabt haben, über den großen Teich zu gehen. Aber er brauchte mal wieder Geld. Und das Honorar reizte.

Edgar Wallace war ein bis zum Ende unermüdlich kreativer Kopf, der sich selbst ständig unter Druck setzte, um Leistung zu bringen. Noch kurz vor seinem Tod arbeitete er am Drehbuch für „King Kong und die weiße Frau“ mit Fay Wray in der Hauptrolle. Das war die schöne Blonde, die so herrlich schreien konnte. 1933 kam „King Kong“ in die US-amerikanischen Kinos. Ein Jahr darauf wurde der Film „Der Doppelgänger“, eine Kriminalkomödie nach einem Roman von Edgar Wallace, in Berlin uraufgeführt. Interessant daran ist: Es war bereits die sechste Edgar-Wallace-Verfilmung mit deutscher Beteiligung. Heißt: Auf der Leinwand ging es nicht erst 1959 los, sondern viel früher. Exakt schon in der Stummfilmzeit. 1927 wurde „Der große Unbekannte“ (Original: The Sinister Man), 1929 „Der Würger“ und „Der Rote Kreis“ gedreht. Bereits vertont waren 1931 „Der Zinker“ und ein Jahr darauf „Der Hexer“ (The Gaunt Stranger), eines der berühmtesten Wallace-Bücher, das auch als Bühnenstück in London und Berlin 1926/27 gefeiert wurde.

Edgar Wallace sah im Kino, das ja fast noch in den Kinderschuhen steckte, eine neue, große Sache. Seine Kriminalgeschichten hatten bereits im Theater ein begeistertes Publikum von den Stühlen reißen können., jetzt lockten sie auch in die Lichtspielhäuser. Eine Erfolgsgeschichte. Wallace war ein von Glück, Gespür und zweifelsohne auch wahrem Talent verwöhnter Mann, finanziell wohl bestens gestellt bei soviel Arbeitseifer, Talent und Anerkennung. Sollte man meinen. Aber er gab halt viel zu gern Geld aus. Jede Menge, und hauptsächlich für sich selbst. Er starb verschuldet. Er hatte sehr, sehr gern hoch und höher gezockt. Und natürlich verärgert, aber halt auch wohl achselzuckend verloren. Motto: Neues Spiel, neue Hoffnung. Pferderennen. Die schluckten sein Geld. Trotzdem: Eigener Rennstall. Exzessiv gelebt. Luxus genossen. Cremefarbener Rolls-Royce. Es auch sehr wohl genossen, dieser Mann zu sein, der diesen Namen hatte.

Er kam, sah, schrieb und träumte

Aber wie nun genau wurde aus dem kleinen Richard Horatio Edgar Wallace, der unehelich, – seine Eltern waren Schauspielerkollegen, die sich gut leiden mochten, mehr aber eben nicht – , am ersten April 1875 in Greenwich/London zur Welt kam und in einer kinderreichen, arg bescheiden lebenden Pflegefamilie aufwuchs, der große Macher, dieser Erfolgstyp Edgar Wallace?

Ein Schulschwänzer war er. Verkaufte lieber Zeitungen am Ludgate Circus in London, als Mathe zu pauken. Als Zwölfjähriger brach er die Schule ab und wurde Mitglied einer Jugendgang, die auch auf Diebestour ging. Nicht im großen Stil, aber immerhin wurde geklaut. Auf die richtig schiefe Bahn geriet er bekanntlich nicht, sein Leben verlief ganz anders. Wallace schlug sich in den Folgejahren als Milchkutscher, Schuhverkäufer und Bauarbeiter durch, soll in dieser Zeit auch gern mal ins Theater gegangen sein. Er meldete sich schließlich bei der Armee, landete in Südafrika und schrieb erste Artikel für die Zeitung. Sein Stil, lebendig und gut verständlich, kam an. Während des Burenkrieges, 1899 bis 1902, war Wallace als Kriegsberichterstatter in Südafrika vor Ort, sammelte Eindrücke und Erfahrungen für spätere Geschichten, heiratete Ivy Maud Caldecott in Kapstadt, arbeitete nach seiner Rückkehr wieder als Journalist in London und träumte von stattlichen Geldsummen, die er definitiv nicht hatte und wohl, wenn es so weiter ginge, nie im Leben haben würde. Sei denn…er würde ein Buch schreiben. Ein unmoralisches, gut blutig, hübsch böse. Denn nur sowas, verkündete Edgar Wallace Ehefrau Ivy, wäre ein Garant für viele Leser. Ergo würde er ein erfolgreiches Buch schreiben. Natürlich. Dann noch eins. Noch eins. Noch eins.

Eine Idee, Treffer ins Schwarze: Es lag ihm, zu erzählen. Seine Schreibe war flüssig. Keineswegs genial, aber eigen. Sozusagen gelenkig und ausgesprochen leserfreundlich. Edgar Wallace wusste, worauf es ankam: Spannende Story mit mehr oder auch mal minder sensationellen Highlights, nicht zu verworren, auch nicht zu simpel, wie leichtfüßig aufs Papier gebracht. An sicheren Stellen mit etwas Humor gewürzt, ansonsten vor allem eins: Den Leser mitreißend zu unterhalten und ihn dann und wann die Luft anhalten zu lassen.

„Ich schreibe keine guten Bücher, sondern Bestseller.“

Sein erster Kriminalroman „Die vier Gerechten“ (The Four Just Men, Eigenverlag) erschien 1905. Sein erster Afrika-Roman „Sanders vom Strom“ (Sanders of the River), wurde 1911 veröffentlicht. Beide Bücher hoch beachtet. Man las Wallace. Er schrieb noch weitere Romane über Afrika, er schrieb vor allem weitere Krimis. Mehr und mehr. Und die waren absolute Hits. Wurden in vierundvierzig Sprachen übersetzt und weltweit über 100 Millionen Male verkauft. In den 1920er war jedes vierte verkaufte Buch in Großbritannien ein Roman von Edgar Wallace.

Er selbst nahm es so hin, wie es war. Kommentierte die fetten Erfolge, die sich wie von selbst einstellten: „Ich schreibe keine guten Bücher. Ich schreibe Bestseller.“

Vom riesigen Geschäft mit Edgar Wallace profitierten zuerst einmal die Erben. Vier Kinder hatte Edgar Wallace. Patricia, Edgar und Michael aus der Ehe mit Ivy (1901 – 1918), als Nachzögling Penelope aus der zweiten Ehe mit Ethel Violet King, seiner Sekretärin. Der Schuldenberg des Vaters war nach seinem Tod rasch abgetragen, Bücher, Theaterstücke, Filme, kurz, die Einnahmen der Tantiemen seiner Werke machten und machen weiterhin die Kassen voll. Edgar Wallace erzielt als Name hohe Preise. Steht für Ruhm und Erfolg. Und für Geld, mit dem er selbst Zeit seines Lebens einfach nicht hatte umgehen können.

Sich alles erlauben, sich nichts verbieten

Er selbst war, als seine Karriere stetig nach oben ging, ewig der Mann mit sehr viel und schnell wieder so ziemlich wenig in der Tasche, geschweige denn zur Absicherung auf dem Konto. Edgar Wallace wollte ein tolles Leben führen, eins, das ihm als junger Mensch unerreichbar erschienen war. Sich alles erlauben, sich selbst nichts verbieten. Keine Grenzen setzen. Er diktierte seinem Sekretär an einem einzigen Wochenende ein komplettes Buch, trank dabei literweise seinen heißgeliebten, stark gezuckerten Tee, – er war Diabetiker – , rauchte viel zu viele Zigaretten, ernährte sich unvernünftig, – er wurde zusehends dicker und schwerfälliger – , verprasste Unmengen an Geld mit Pferdewetten und verfasste Buch um Buch, um sich das Geld durch unermüdliches Schreiben zurück zu holen.

Das Drehbuch für „King Kong und die weiße Frau“, an dem Edgar Wallace zuletzt gearbeitet hatte, ließ er in seiner Rohfassung zurück. Fertig gestellt wurde es von James Ashmore Creelmann und Ruth Rose, und vom ursprünglichen Entwurf blieb bis auf die grobe Handlung wenig übrig. Da konnte er halt nicht mehr mitreden. Aber man hört ihm ja trotzdem zu. Bitte um höchste Aufmerksamkeit, ein Satz genügt. Der Satz. Hallo, hier spricht Edgar Wallace.

Sein Leichnam wurde zurück nach England gebracht, im Hafen von Southampton setzte man für den „King of Thrillers“ die Flaggen auf halbmast. Glocken läuteten bei seiner Heimkehr, so richtig feierlich war es. Auf dem Fern Lane Churchyard in Little Marlow, einem Ort etwa 50 km westlich von London entfernt, befindet sich das Grab von Edgar Wallace. Diesem großen, berühmten Krimi-Autor, über den es hieß: „It is impossible not to be thrilled by Edgar Wallace.“

Unmöglich, sich von ihm nicht fesseln zu lassen.

So war’s. Immer noch? Das ist und bleibt wohl kriminelle Ehrensache.

Bela Dracula

Er war eine spektakulär gekleidete Leiche. Elegant, aber denkwürdig. Sollte so sein. Vielleicht regnete es ausnahmsweise in Kalifornien am 16. August 1956, und die aufgespannten Regenschirme waren solidarisch schwarz und glänzten wie sein Umhang. Wie der Lack seines Sarges. Vermutlich erklang düstere Trauermusik. Mozarts Requiem oder Wagners Schwere hätten gepasst. So schaurig gut. Das eine Lied, sein Lied wurde erst dreiundzwanzig Jahre nach Bela-Draculas Tod geschrieben. Hätte ihm (auch) gefallen.

The bats have left the bell tower, the victims have been bled, red velvet lines the black box… (Bauhaus, 1979, Bela Lugosi’s Dead)

Keine Fangzähne, kein Blut

Weltruhm erlangte Béla Ferenc Dezső Blaskó (1882 – 1956) als erster offizieller Bram-Stoker-Vampir: Dracula , 1931 von Tod Browning, Regie, verfilmt, mit Bela Lugosi (Blaskó leitete seinen Künstlernamen von seinem ungarischen Geburtsort Lugos ab), als legendärer Fürst der Nacht, der in diesem Ton-Sensationserfolg tatsächlich kein einziges Mal seine Fangzähne zeigt. Die sieht man nicht, Bisswunden auch nicht. So richtig Blut fließt, streng betrachtet, ergo nicht. Das mag den vom optischen Wahnsinn verwöhnten Cineasten enttäuschen, irritieren, amüsieren gar, schön schrecklich-dunkel und düster-gut ist der Horror-Klassiker allemal. Zudem gilt Dracula als wertvolles Erinnerungsstück, wurde als „kulturell, geschichtlich und ästhetisch bedeutend“ im Jahr 2000 in das National Film Registry der Library of Congress, USA, aufgenommen.

Die erste Wahl war Lugosi für Browning nicht, obwohl er Ende der 1920er bereits am Broadway den Stoker-Vampir spielte und phantastische Kritiken bekam. Für die geplante Verfilmung kamen zahlreiche der damaligen Leinwand-Helden in Betracht und sprachen vor, darunter eben auch der attraktive, exotisch aussehende, zu dem Zeitpunkt freilich immerhin schon fast Fünfzigjährige, aber den wollten die Universal Studios (hier konkret Produzent Carl Laemmle), warum auch immer, partout nicht. Man entschied sich für den absoluten Favoriten, den Man of a thousand Faces, Lou Chaney sen. (1883 – 1930), der damals ein ganz Großer des Genres war. Famos fürchterlich: Chaney als Phantom der Oper (1925). Sein Sohn, Lou Chaney jun. (1906 – 1973), trat als Darsteller in Horror-Filmen in seine Fußstapfen, kam aber an seinen Ruhm nie heran.

So wäre denn Filmgeschichte anders verlaufen, und der Walk of Fame hätte einen Stern weniger. Etwas herzlos formuliert. Es kam aber anders. Lugosi, der vor seiner Emigration in die Vereinigten Staaten 1921 in Deutschland/Berlin auch unter Friedrich Wilhem Murnau gedreht hatte, blieb nach dem plötzlichen Tod des Kollegen umso beharrlicher, er wollte diese Rolle. Unbedingt. Auch mit bescheidener Gage. Als dann ein zweiter Hochgehandelter, Ian Keith, das Angebot ablehnte, machte er das Rennen, und die Universal Studios hörten rasch und angenehm überrascht auf, mit den Zähnen zu knirschen. Punktgenau gesagt:

Weil Channey vor Drehbeginn starb, ergatterte ein Ungar mit kommunistischer Vergangenheit die Rolle des adligen Blutsaugers. Er nannte sich Bela Lugosi und wurde mit diesem ersten Dracula-Tonfilm unsterblich.“ (Cinema)

Tatsächlich hatte sich Lugosi in Ungarn Jahre vor seiner Einreise in die amerikanische Wahlheimat nicht nur als Schauspieler einen Namen gemacht: Er war Gewerkschaftsgründer, führte Protestmärsche gegen die Republik an und stand auf der „Schwarzen Liste“; das ist lästig Biographisches, über das er ungern, unvollständig und anfangs vor allem wohl aus Angst vor Berufsverbot und Ausweisung im Nacken sprach. Mag sein, dass sein politischer Background einigen Studio-Bossen nicht gefiel, mag auch sein, dass es an seinem schlechten Englisch lag. Vielleicht sprengte er einfach nur ein ursprünglich festgelegtes stures Konzept. Darunter fiel beispielsweise auch, dass der Vampir keine Männer beißen sollte, – er biss aber doch, aus logischen Gründen -, weil das zu homoerotisch wirken würde. Gleichzeitig wollte man die Frauenrolle (Mina, gespielt von Helen Chandler) nicht mit der vorgeschlagenen, einzigartigen, wunderbaren Bette Davis besetzen, weil sie nicht genügend Sexappeal hätte. Das darf man anders sehen.

Finstere Würde, große Geschichte

Ein Glückstreffer wurde der Film für die Kino-Geschichte allemal. Und Lugosi gab ihm mit seiner „finsteren Würde“ (Reclams elektronisches Filmlexikon) seine Einmaligkeit. Mit Dracula saß er fest im Sattel der Metropole Hollywood. Da oben hielt er sich aber nicht: Die sagenhafte Gruselmär, ursprünglich vorgesehen als Big-Budget-Projekt, das an den Finanzen scheiterte, – es war die Zeit der Großen Depression (Weltwirtschaftskrise) -, wurde (wie) vor Theater-Kulisse gedreht, was tatsächlich perfekte Schauerstimmung erzeugte. Sie wurde Lugosis eine ganz große Geschichte. Er war zwar auch in den Folgejahren in etlichen bekannten Filmen des Horror-Genres dabei, oft als Bösewicht oder halt Monster, aber er schaffte es nie wieder, so gut, gar besser noch als der eine, der erste, der große Vampir zu sein. Seine Karriere verblasste, zumal das ehemals so populäre Feld der finsteren Hollywood-Träume in den 1940ern langsam verdorrte. Der Grusel nahm an Beliebtheit ab, und Lugosi, jahrelang drogenabhängig, hielt sich und seine Familie, – er hatte viermal geheiratet -, mit Auftritten in B-Movies über Wasser. Einmal noch konnte er trumpfen als Dracula in der Horrorkomödie „Abbot und Costello treffen Frankenstein“(1948); in „Die Schreckenskammer des Dr. Thosti“ (1956) spielte er einen Stummen. Extra für ihn hatte man den Part umgeschrieben, weil er nicht mehr in der Lage war, sich den Text zu merken. Am 16. August 1956 wurde Lugosi tot in seinem Bett gefunden. Die Bestattungskosten übernahm Frank Sinatra.

Niemand weiß wirklich, ob er selbst ernsthaft auf dem Friedhof „Holly Cross Cemetry“ im Dracula-Kostüm beerdigt werden wollte, aber es geschah auf Wunsch seines Sohnes und seiner Frau, sie mögen es in seinem Sinn erbeten haben. Immerhin war Lugosi mit den Jahren schon recht merkwürdig geworden. Er lag durchaus auch schon mal in einem Sarg, während er Interviews gegeben hat, und am Schluss soll er die feste Überzeugung gehabt haben, Dracula leibhaftig zu sein. Man glaubt halt so manches, wenn Drogen die fruchtigsten Kirschen an den Bäumen sind.

Fataler Fehler: Kein Englisch

Die Rolle, welche die zweite Mega-Chance seines Lebens war, hatte er aus Eitelkeit abgelehnt: Er, der einzigartige, phänomenale Dracula wollte sich nicht in Frankensteins Monster als Ungeheuer verunstalten lassen, er wollte erkannt werden. Und anerkannt als Mime mit Gesicht. Boris Karloff schlug beim Angebot ungeniert zu. Wurde Weltstar. Und lief Lugosi den Rang ab. Karloff sagte später:

Der arme alte Bela. Es war schon seltsam mit ihm. Er war ohne Frage ein scheuer, empfindsamer und begabter Mann, der in Europa hochwertiges klassisches Theater gespielt hat. Aber er machte einen fatalen Fehler. Er unterzog sich niemals der Mühe, unsere Sprache richtig zu lernen.“

Ob’s daran gelegen hat oder ob Frankensteins Monster sein fataler Irrtum gewesen ist oder ob es einfach ganz andere Gründe gab, die im Keller liegen und dort bleiben…wer weiß das schon? So genau niemand. Aber was war? Ganz simpel: Lugosi war Dracula. Über Nacht. Blieb Dracula. Bis zu seinem Ende. Ein Mythos. Ein Maskenmann. Geschminkt, gegelt, gelackt, gemacht. Anders kennt die Nachwelt ihn kaum. Das ist vielleicht auch richtig so.

The Virginal brides file past his tomb, strewn with time’s dead flowers, beneft in deathly bloom, alone in a darkened room. The count: Bela Lugosi’s dead. Undead.“ (Bauhaus)

Schauer hinter Klostermauern

Eine wahrhaft böse Geschichte über einen Mönch namens Ambrosius schreibt 1796 Matthew Gregory Lewis. Moralische Schwäche, letztendlich Skrupellosigkeit bescheren Ambrosius ein arg verwerfliches Ende.

Es sei erzählt: Ambrosius, nach außen hin gebührlich sittenstreng, erliegt den Reizen der schönen Matilda, einer vom Teufel gesandten Hexe. Deren Herr und Meister zeigt sich bestätigt angesichts der Fleischelslust des wankelmütig Frommen, den nunmehr, da die Gier geweckt ist, weiteres Verlangen packt. Er lauert Antonia auf, einem fünfzehnjährigen Mädchen aus dem Dorf, und tötet die Mutter Donna Elvira, unverhofft Zeugin seiner versuchten Vergewaltigung, die ihm als Ordensmann zum Verhängnis geworden wäre.

Möge an dieser Stelle bereits das alte Sprichwort mahnend zitiert sein: Hat der Fuchs noch Zähne, geht er nicht ins Kloster.

Lügt das Sprichwort wohl?

Ambrosius ging aber. Schlimm genug. Und er geht noch weiter: Nach dem Mord flieht er, kehrt aber zurück, betäubt Antonia mit einem magischen Trank, entführt sie in die Katakomben, vergeht sich dort an ihr und ersticht sie anschließend mit einem Dolch. Die Inquisition nimmt ihn und die Hexe Matilda gefangen, der Teufel ermöglicht ihnen aber die Flucht aus dem Kerker und bringt sie auf einen Berg, wo Ambrosius zu seinem Entsetzen erfährt, dass die von ihm umgebrachte Donna Elvira seine leibliche Mutter, Antonia seine Schwester war. Satan erklärt, dass selbst in seiner Hölle kein Platz für so finstere Wesen wie Ambrosius sei. Er lässt ihn in eine Bergkluft stürzen, wo er zerschmettert und schmerzerfüllt sein Leben aushaucht.

Und es bleibt die eine große Sinnfrage mit all ihren erstaunlichen Sichtweisen nach der denkwürdigen Moral des Ganzen: Lügt das Sprichwort wohl, dass Mönch und Weib und Weib und Mönch des Teufels beide Krallen sind? (Gotthold Ephraim Lessing)

Böser Klosterstoff ist das just mit wohl schreckgeweiteten Augen Gelesene, so herzlich gering antiquiert, so wenig diskret recherchiert und begeistert verpackt in der Tradition der Gothic Novel, dass natürlich auch die Filmindustrie in die Truhe mit erlesener Schauerromantik gegriffen hat: 2011 kam Le Moine (Der Mönch), Regie Dominik Moll, mit Vincent Cassel in der Rolle des Paters Capucino Ambrosio in die Kinos und zeigt den schauerlichen Wandel eines getreuen, standfesten Diener Gottes, als Findelkind in der spanischen Abtei aufgenommen und mit dem Mönchtum verwachsen, der plötzlich vor einer Macht steht, die im Begriff ist, sein ganzes, von tiefster religiöser Überzeugung geprägtes Weltbild zu zerschlagen. Ambrosio erlebt, indem er das Magisch- Diabolische des Andersartigen erfährt, seinen persönlichen Alptraum. Und entdeckt die Angst vor einer Erkenntnis, einer Gewissheit, die ihn verschlingt.

Am Ende ist Ambrosio für sich selbst unabdingbar zu einer Art Monster, zu einem Horror-Wesen geworden.

Und wir kennen den Schrecken nunmehr in seinem allumfassenden Ausmaß. Es bleibt vielleicht, neben der Faszination einer guten, seltsamen Geschichte, nur eine gewisse Ernüchterung. So was ist menschlich durchaus nachvollziehbar. So schlimm war, ist so etwas eben nicht. Oder doch?

Zu den Prototypen der unheimlichen Wesen gehören Mönche zweifellos nicht. Im Film und in der Literatur sind sie im Regelfall keine garstigen Kreaturen, keine abscheulichen, stumpfsinnigen Killer, keine chaotischen Psychopathen. Aber in der Dunkelheit schleichen sie lautlos um die Ecke. Manchmal reicht das. Ihre Schatten können Unbehaglichkeit oder Hoffnung erzeugen, sie können erleichtern und zutiefst erschrecken. Manchmal sind sie gute Seelen. Manchmal verschlagen und korrupt, feige, unmoralisch, kalt und gierig. Und manchmal sind sie auch nicht die eingeschworene Bruderschaft, die sie sein müssten, um korrekt im Sinn der einen Sache zu funktionieren:

Das Diabolische des Andersartigen

1980 verfasst Umberto Ecco sein Meisterwerk Der Name der Rose (verfilmt 1986 von Jean-Jaques Anaud). Es wird gebetet. Gestritten. Gebeichtet. Gelogen. Gepeinigt. Gewinselt. Getötet. Gelacht, obwohl es verboten ist. Und das alles im finsteren 14. Jahrhundert in einer düsteren Abtei der Benediktiner mit Bewohnern, die sehr wohl gruseln lassen, ohne Klauen und Fangzähne zu haben. Es sei nochmals heftig nickend ein Sprichwort zitiert: So wollt ich’s haben, sagte der Teufel, da sich die Mönche rauften.

Passt exakt, wird demonstriert.

Bruder Tuck aus dem Sherwood Forest, dickleibig, gemütlich, trinkfest und streitlustig, war mein erster (durchweg harmloser) Mönch, der zweite hieß Black Abbot, ein toter Abt, spukender Angstmacher, der sich zwar als als profaner Killer aus Fleisch und Blut erwies, der aber für gescheite Gänsehaut sorgte. Als doch recht unheimlich dürfte wohl Eccos fanatischer Mördermönch Jorge de Burgos gelten.

Valak, der Dämon, ist so richtig fürchterlich. Und der trägt keine Kutte, sondern einen Habit. Die Nonne aus The Conjuring 2 ist derart fürchterlich und damit auch phantastisch gut zu vermarkten, dass The Nun als Fortsetzung der Beschwörungs-Filme mit dem Dämologen Ed Warren und Medium Lorraine Warren sein muss. Story: Man schreibt die 1950er Jahre, eine Ordenschwester hat in einem abgelegenen rumänischen Kloster Selbstmord begangen. Die mysteriösen Umstände alarmieren den Vatikan, der den durch vorangegangene Geschehnisse traumatisierten Father Burke (Demián Bichir) in Begleitung der Noviozin Irene (Taissa Farmiga) auf die Reise ins schrecklich Ungewisse schickt. Denn das Kloster birgt ein unheilvolles Geheimnis…

Die Schreckenstauglichkeit von Ordensschwestern in voller Schauer-Pracht entfaltet The Nun, wie auch Asylum, zweite Staffel der American Horror Story. Die farblosen Frauen in ihren langen schlichten Gewändern und den das Haar verhüllenden Hauben, prädestiniert für die Rollen der Gutmenschen, die uneigennützig lehren und helfen, Waisenhäuser leiten und psychisch Kranke betreuen, werden als bedrohliche Figuren, als Horrorgestalten eingesetzt.

Um die anderen, die düsteren, bösen, durchaus eben unsere Geschichten erzählen zu können, verlieren Glauben, Unschuld und Güte ihren Wert. Wenn Schwester Jude (Jessica Lange), selbst hart geworden durch eigenes menschliches Versagen, in Asylum brutal züchtigt und Patienten quält, die in ihren Augen Sünder sind, scheint sie mehr Ungeheuer denn fühlendes Wesen zu sein. Und wenn die unschuldige, liebe Schwester Mary Eunice (Lily Rabe) in Briarcliff, nach einem Exorzismus vom Dämon besessen, sich über ein noch diskret verschlagenes in ein wirklich brutal grausames Subjekt entwickelt, wird es abwechselnd heiß und eisig kalt im Raum.

Ein blutend Herz in Händen

Ludwig Hölty

Ludwig Hölty (1748 – 1776) beschreibt in seinem Gedicht „Die Nonne“, veröffentlicht 1775 im Göttinger Musenalmanach, dem Forum der Sturm- und Drang-Generation, wozu eine Ordensfrau für Sinn und Schreck in Dichtung und Wahrheit (auch) herhalten darf. Eine junge, hübsche Nonne verliebt sich in einen schönen Ritter, lässt sich von ihm nach allen (un-)rühmlichen Regeln der Kunst verführen und rächt sich von Zorn erfüllt, nachdem ihr Galan sie schmählich abgeschoben hat, um sich mit anderen, weltlichen Frauen zu vergnügen.

(…)Die Nonne, voll von welscher Wuth,
Entglüht‘ in ihrem Muthe,
Und sann auf nichts als Dolch und Blut,
Und schwamm in lauter Blute.
Sie dingte plötzlich eine Schaar
Von wilden Meuchelmördern,
Den Mann, der treulos worden war,
Ins Todtenreich zu fördern.

Die bohren manches Mörderschwert
In seine schwarze Seele.
Sein schwarzer, falscher Geist entfährt,
Wie Schwefeldampf der Höhle.(…)

Der wütenden Nonne genügt der blutrünstige Mord aber nicht. In der Nacht begibt sie sich zur Dorfkapelle, öffnet den Sarg, reißt dem toten Ritter das Herz aus der Brust, wirft es zu Boden und bearbeitet es mit derart kräftigen Tritten, „dass das Gotteshaus erschallte“.

Zufrieden war sie denn. Spukt aber fortan herum.

(…) Ihr Geist soll, wie die Sagen gehn,
In dieser Kirche weilen,
Und, bis im Dorf die Hahnen krähn,
Bald wimmern, und bald heulen.
Sobald der Seiger zwölfe schlägt,
Rauscht sie, an Grabsteinwänden,
Aus einer Gruft empor, und trägt
Ein blutend Herz in Händen.

Das ist fürwahr ein wunderbares Poem aus dem 18. Jahrhundert. Wäre als früher Einstieg in die wundersame Materie wie geschaffen gewesen. So gilt das blutend Herz in Händen als Ende. Irgendwie auch durchaus angemessen.