Vincent Price: Ikone der Nacht

Ob es Poe gefallen hätte, dieses Diabolische, Irrsinnige, das Vincent Price auf der Leinwand so genial verkörperte? Gute Frage wohl. Auf jeden Fall hat der Ausnahmeschauspieler dem weltbekannten Ausnahmeschriftsteller eine spannende Extraportion an Popularität geschenkt, die dem literarischen Vermächtnis auf spezielle Art Respekt und Bewunderung zollt.

Sieben Filme nach literarischen Vorlagen von Edgar Allan Poe drehte Vincent Price (1911-1993) in den 1960er Jahren, und seine unverwechselbare Art, mit seiner Darstellungskunst, seiner Sprechweise, seiner Mimik auf dem schmalen Grat zwischen (fast) idealem Genie und schleichendem, packendem, bezwingendem Wahnsinn balancieren zu können, machte ihn zu einem Idol der Horrorszene, zum Kultstar des Genres, zu einer der wenigen echten Ikonen der Nacht.

In all diesen Filmen, – House of Usher (Die Verfluchten), Pit and the Pendulum (Das Pendel des Todes), The Haunted Palace (Die Folterkammer des Hexenjägers), Tales of Terror (Der grauenvolle Mr. X), The Raven (Der Rabe – Duell der Zauberer), Masque of the Red Death (Satanas – Das Schloß der blutigen Bestie), Prematural Burial (Lebendig begraben) -, war B-Film-König Roger Corman Regisseur; er setzte auf den perfekten, wie für ihn persönlich geschaffenen Poe-/Price-Charakter, und er gewann mit ihm haushoch.

Fürchten lehren: Eine Passion

Das galt und gilt vom ersten Moment an, in dem Price 1960 als Roderick Usher, letzter Nachfahre der alten, zum Untergang verdammten Familie Usher, sein Publikum das Fürchten lehrt. Seine große, wahre Passion? Vor der Filmkamera gestanden, um fröstelnd erschauern zu lassen, hat Price schon 1939. Ihm zu Ehren sei genießerisch verwegen spekuliert:

Blauschwarzer Nebel schlief über der Themse, Herbstregen raunte geheimnisvoll, und der Big Ben weckte die Mitternacht. So ungefähr war das bestimmt, vielleicht auch etwas anders, als die erste Horrorfilmrolle eines der berühmtesten Genre-Darsteller überhaupt im Kasten war. Die Zeichen waren ergo gesetzt. Mit seinem bescheidenen Kurzauftritt in Tower of London (Der Henker von London) als ein im Weinfass ertrinkender Graf an der Seite von Boris Karloff und Basil Rathbone war der erste, freilich gemütliche Schritt in die große, geniale, gute Finsternis getan. Ein sehr gemütlicher.

Damit hatte es sich dann erst einmal. Neue Schauer-Stories, zumal mit mehr Raum und Zeit, gab es vorerst keine für den 1,93-Meter-Mann mit dem gewissen optischen Etwas, – attraktiv, arrogant (war er aber nicht) und undurchschaubar. Price, wohl blitzgescheit zudem, der in Yale Kunstgeschichte und Anglistik studiert hatte und für seine Doktorarbeit über Albrecht Dürer ein Jahr in Frankfurt und Nürnberg lebte, war in New York zwar fleißig auf der Kinoleinwand und auf der Theaterbühne vertreten, seine famose dunkle Stunde schlug aber später.

»And whosoever shall be found, without the soul for getting down, must stand and face the houl of hell, and rot inside a corpse’s shell…«

Sie schlug 1953 mit House of Wax (Das Kabinett des Professor Bondi). Es vergingen ergo stolze vierzehn Jahre, bis Vincent Leonard Price jun. , Sohn eines Süßwarenfabrikanten aus St. Louis, den Riesentreffer landete, der ihn berühmt machte und später in Edgar Allan Poe (1809 – 1849) einen Meister finden ließ, dessen Name jeder passionierte Filmfan untrennbar von seinem im Kopf hat. Auch wer Poe gar nie gelesen hat, – und von der Sorte, so munkelt man gar entrüstet und betrübt, soll es einige Viele geben -, kennt Poe. Dagegen mag sich jeder noch so Detailverliebte sträuben.
Sensationserfolg mit Wachsleichen

Price spielt in House of Wax, im brandneuen, ergo spektakulären 3-D-Verfahren gedreht, den begnadeten, freilich wahnsinnigen Henry Jarrod, Schöpfer von großartig gemachten Wachsfiguren. Es bleibt nicht dabei, Jarrod benutzt Leichen für seine Kunst, wird entlarvt und findet seinen Tod in einem Kessel mit heißem Wachs. Unschön, aber fair. Der Film wurde ein Sensationserfolg, man zeigte ihn bis Ende der 1980er immer wieder in den Kinos. Bei der Hollywood-Uraufführung, in Bildern der damaligen Wochenschau festgehalten, unter den beeindruckenden (und beeindruckten) Gästen: Bela Lugosi in seinem Dracula-Kostüm und Leinwand-Cowboy Ronald Reagan, der spätere US-Präsident.
Der Weg steil nach oben war mit House of Wax für Price frei gegeben. Es folgte The Mad Magician; hier verkörpert er einen irren Zauberkünstler, der einen Kollegen mit einer gewaltigen Kreissäge ermordet und in dessen Identität schlüpft. House on Haunted Hill (Das Haus auf dem Geisterhügel, 1958), – Price als exzentrischer Millionär Frederick Loren mit schaurig-netten Einfällen -, erlebte im Jahr 1999 ein Remake; Loren heißt in der Neuverfilmung Stephen Price, das galt als dicke Verneigung. In Erinnerung gebracht wird Price auch heute noch immer wieder mit The Fly ; hier gibt er zwar weder den finsteren Schurken noch den geistig verwirrten Bösen, aber es ist (mit) sein Film. Einwandfrei.

In The last man on earth verkörpert Price einen Wissenschaftler, der eine das Wesen verändernde, letztlich die Unmenschlichkeit und den Tod bringende Seuche überlebt hat. Die Gesamtbevölkerung ist infiziert. Der Film basiert auf dem Roman I am Legend von Richard Matheson und wurde 2007 unter dem Originaltitel mit Will Smith in der Hauptrolle gedreht. Den kennen wir.

Die Erstverfilmung mit Price freilich ist trotz seines großen Namens und trotz einer damals bereits stark und düster inszenierten Hammerstory fast völlig vergessen. Gilt allerdings in Fan- und Expertenwelt, selbst wenn die Mehrheit sie noch nie gesehen hat, als stilistischer Vorreiter und Vorbild auch für George A. Romero (The night of the Living Dead) und als wegweisend für die Entwicklung des modernen Horrorfilms.
Price als Legende: So bleibt’s!

Price wandte sich Mitte der 1970er Jahre, nachdem er noch erfolgreich in bewährter schräg-schön-schauriger Manier in The Abominable Dr. Phibes (Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes), der Fortsetzung davon und in Theatre of Blood gewirkt und gegruselt hatte, wieder mehr dem Theater zu, zeigte Glanzleistung in dem Ein-Personen-Stück Diversions and Delights von Oscar Wilde. Überhaupt: Der Mann bestach vielfältig, war Kunstkenner und -sammler, schrieb Kochbücher, – sein Großvater hatte sich einen Namen gemacht mit der Erfindung eines Backpulver, der Vater war Süßigkeiten-Experte, irgendwas gut Appetitliches blieb auch auf dem Sektor an ihm hängen -, und er war Radio-/Kurz- und Zeichentrick-Film-Sprecher.

Darkness falls across the land

Seine markante Stimme, sein Markenzeichen, (s)ein Thriller: Er ist der Mann, den Michael Jackson 1982 für einen Song haben wollte, der ein absoluter Mega-Hit wurde. Die musikalische Schauermär Thriller ist legendär, da kocht das Blut, da verneigen auch wir uns vor und präsentieren gleichsam als Ehrerweis die im Lied von Horror-Altmeister gesprochenen Textzeilen. Produzent Quincy Jones bezeichnete Price, der seine Aufnahme in nur zwei Takes fertig hatte, als „einfach nur großartig“. Richtig so.

»Darkness falls across the land, the midnite hour is close at hand. Creatures crawl in search of blood, to terrorize y’awl’s neighbourhood…«

In dem preisgekrönten, mehrfach ausgezeichneten Kino-Welterfolg Edward mit den Scherenhänden (Johnny Depp) aus dem Jahr 1990 spielte Price, der dreimal verheiratet war und seiner dritten Frau Coral Browne zuliebe 1987 zum Katholizismus konvertierte, seine letzte große bekannte Rolle. Er war der Schöpfer des künstlichen Jungen, dessen Vollendung ihm nicht mehr gelang, weil er starb, bevor er Edward richtige Hände schenken konnte. Eine recht traurige letzte Geschichte. Aber nicht seine eigene. Die war bunt. Lebendig. Facettenreich. Mit Sicherheit gut. Der Tag seiner Bestattung am 25. Oktober 1993 war so. Ein guter. Er wurde verbrannt, die Asche vor der kalifornischen Küste verstreut, und sein geliebter Strohhut wurde in den Pazifik geworfen. Mit dem spielten eine ganze vergnügte Weile die Seehunde, wie seine Tochter Victoria erzählte. Hätte ihm wohl gefallen. Price konnte eben so.

»And though you fight to stay alive, your body starts to shiver, for no mere mortal can resist, the evil of the thriller.
Can you dig it?!«

Und so.

The Crow

Nun stell dir vor, dass diese Liebe im Nu gewaltsam von dir genommen wurde. Du hast von einem Augenblick auf den nächsten alles verloren. Was würdest du tun? Würdest du verzweifeln? Drogen und Selbstzerstörung über dich stülpen? Jeden, den du triffst, deinen Hass spüren lassen? Oder würdest du etwas anderes machen? Dich etwa in Kunst ausdrücken?

Sein Name ist James, und ihr Name war Bethany. 1978 wurde sie von einem Fahrzeug erfasst und getötet. Laut dem Archiv einer James O’Barr / The Crow-Fanseite war „Beth allein auf einem Bürgersteig in Detroit unterwegs, als ein betrunkener Fahrer in einem Lieferwagen sie erfasste und sie durch mehrere Vorgärten schleifte.“ Dieses Ereignis prägte James O’Barr so gewaltig, dass das Ergebnis Comicgeschichte geschrieben hat und bei all jenen auf Widerhall stieß, die ein Exemplar des Comics The Crow von 1989 besitzen oder den gleichnamigen Film von 1994 sahen oder, wenn alles gut läuft, dem Neustart des Films in naher Zukunft entgegenfiebern. Über all die Jahre hat es fünf Filme über The Crow gegeben, und lange schon kursieren Gerüchte über einen weiteren. Das Projekt, das jetzt von Regisseur Corin Hardy (Hallow) geleitet wird, sichtete für die Rolle der zentralen Figur Eric Draven bereits eine Menge möglicher Darsteller.

James O'Barr
James O’Barr

Nachdem O’Barrs Welt zerbrochen war, wechselte er in die Welt des Militärdienstes, trat den Marines bei und wurde in Deutschland stationiert, wo er begann, Kampfhandbücher zu illustrieren. Tagsüber zeichnete er fleißig für sein Land, aber abends suchte er sich heftige Konfrontationen. Die oben genannte Fanseite bemerkt, dass er sich „während des Feierabends kopfüber in Schlägereien stürzte. Im Nachhinein war sein Verhalten offensichtlich selbstzerstörerisch, und es ist es ein Wunder, dass er noch am Leben ist.“

O’Barr erreichte seine frühe Entlassung aus seinem Militärdienst und entschied sich, nach seiner Heimkehr, die Person zu suchen, die für den Tod der Frau verantwortlich war, die er liebte, und sich zu rächen. Stattdessen erfuhr er, dass der Fahrer bereits gestorben war, angeblich unter natürlichen Umständen.

James O’Barrs Geburtstag wird am 1. Januar gefeiert, aber er selbst ist sich nicht sicher, ob es wirklich sein Geburtsdatum ist. Er kam in einem Wohnwagen zur Welt und wurde erst etwa eine Woche später in ein Krankenhaus gebracht. Sein Vater war, während er das Licht der Welt erblickte, betrunken, und weder er noch seine Mutter konnten sich an das tatsächliche Datum seiner Geburt erinnern. Von diesem Zeitpunkt an drehte sich für O’Barr das Karussell der Pflegefamilien bis er ungefähr sieben Jahre alt war.

Zu zeichnen begann er schon früh; desinteressiert an den Illustrationen, die er in seinen Bilderbüchern vorfand, kreierte er seine eigenen. Er zeigte sie niemanden, wollte die negative Aufmerksamkeit seiner Pflegefamilie nicht auf sich ziehen. Trotz des Trostes, den er beim Zeichnen fand, behielt er seine Arbeiten für sich und isolierte sich sozial.

Durch das Zeichnen entdeckte er jedoch einen Weg, seine Gedanken und Gefühle auszudrücken.

James O'Barr
James O’Barr

Ohne sich jemals einer Kunstschule angeschlossen zu haben lernte O’Barr, instinktiv Bilder zu schaffen, die von Emotionen durchtränkt waren. Die Charaktere, die seine Geschichten bevölkern, scheinen aus echtem Fleisch und Blut zu bestehen und rufen tiefe Reaktionen des Publikums hervor. Durch seinen künstlerischen Ausdruck entfernte sich O’Barr von den typischen Figuren der meisten Comic-Bücher und wandte sich der Renaissance-Skulptur, lebenden Modellen und der Stillleben-Fotografien zu. Statt einer übertriebenen Helden- und Schurkenanatomie nahm sich O’Barr die Formen von Michelangelos Kunst vor, und dieser Realismus zeigt sich in jedem Bildstrich, besonders aber in The Crow.

O’Barr erhält im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern kein Drehbuch und bringt es dann als Bild auf Papier. Stattdessen hat er sein gesamtes künstlerisches Leben als Schöpfer und Illustrator verbracht und wird nur dann in Projekte involviert, wenn er einen persönlichen Bezug dazu hat. Jede Linie in jedem Bild rührt von einer tiefen Emotion, sei es Liebe, Hass, Wut oder Trauer. Jedes Bild hat eine Lebenskraft, die auch das Publikum betrifft. Für O’Barr ist Zeichnen Therapie. The Crow, sowohl die Graphic Novel als auch der Film, drücken den rohen Schmerz von Liebe und Verlust aus, wie ein kaltes Rasiermesser, das über einen Nerv gezogen wird, inklusive der zerstörenden Wut, die daraus folgen kann. Hier wird der Schmerz in das Licht gedrängt und das Publikum wird gezwungen, ihn als das zu betrachten, was er ist: ein Lehrer. In seinem ersten Auftritt wird The Crow auf die Straße gestoßen, registriert den Schmerz aber kaum und sagt: 

„Ich kenne den Schmerz auf molekularer Ebene. Er zieht an meinen Atomen und singt in einem Alphabet der Angst zu mir.“ 

The Crow illustriert all denen Gerechtigkeit, die Mut brauchen, um ins Angesicht der Angst zu blicken. In den Köpfen des Publikums wird die Idee des Antihelden als jemand verfestigt, dessen Handlungen gerechtfertigt sind, der aber genauso viel Angst und Schrecken erzeugen kann wie die Schurken der Geschichte selbst.

The Crow verkörpert Liebe, die zur Wut geworden ist, Verzweiflung, die sich zum Wahnsinn wandelte. Mit krass-weißer Haut, einem schwarzen Haarschopf und dem verräterischen Schwarz über seinen Augen und seinem Mund, das ein nie endendes Grinsen erzeugt, war The Crow eine neue Art von Held der unerbittlichen Rache und äußersten Brutalität, jene Art von Held, die Batman wäre, wenn er ganz seiner Dunkelheit nachgeben würde. Das soll nicht heißen, dass The Crow einfach ein hirnloser Killer ist, der auf Rache sinnt. Weit davon entfernt. Eric Draven ist trotz der Verwandlung immer noch derjenige, der er einst war. Wir erhaschen einen flüchtigen Blick auf ihn, wenn er sich an die schönen Dinge erinnert, die er mit seiner verlorenen Liebe teilte. Obwohl die Geschichte einen düsteren, unbeugsamen Blick auf den sintflutartigen Einbruch der Tragödie bietet, zeigt sie auch, was Gerechtigkeit und Erlösung leisten können. In den Worten von The Crow im Film von 1994:

Dracula Lee

So viele kamen nach ihm. Sie waren schön und grausam, hässlich und traurig, unerbittlich und zerstörend, sanft und voller Sehnsucht. Sie alle waren gierig darauf, uns in ihre Visionen, ihren Bann, ihre alptraumhafte Unwiderstehlichkeit zu ziehen. Manchen gelang es mit Bravour. Manche vergaßen wir, weil der Morgen die launige Nacht einfach verschluckte. Egal. Es folgten, folgen andere. Blutsauger im Roman, im Film…im Kopf…die Palette ist gewaltig. Und trotzdem: Der erste, wahre, große Vampir, Quell einer Furcht, die unsere Phantasie bis in die fantastischsten Sphären hinein nährte, war er: Christopher Dracula Lee.

Der große, der eine Vampir hat ihn Lee weltberühmt gemacht. Unvergesslich ist dieses erste Bild von ihm. Wir warteten auf ihn mit der Gewissheit, dass die Sonne vorerst nicht aufgehen würde. Dass er uns Furcht einjagen würde. Dass es vernünftiger wäre, ihn nicht in unsere Gedanken zu lassen. Aber wir warteten. Wir, die schreiben würden, ahnten noch nicht, dass er uns diktieren könnte, wie so viele Schatten der Angst es in all den Jahren taten.

Da trat er hervor aus der Finsternis, so eisig elegant, und er kam uns vor wie der Leibhaftige und gleichsam wie der Liebhaber, den wir nicht haben würden und nicht wirklich wollten und doch begehrten wie einen einzigartigen Traum. Und er stand dort in ewiger Nacht und blieb als sein eigenes Denkmal. So elegant, so bleich. So böse, so schön. So unheimlich und doch so verlockend. Dieses Bild steht. Wir kratzen nicht daran. Wie sollten wir? Lee selbst definierte es als professioneller Vampir-Versteher.

The blood is the life.“

So romantisch, so böse

Christopher Lee als Dracula ist der einsame Unsterbliche, eine verlorene Seele, getrieben von einer unheilvollen Macht, böse sein zu müssen, Furcht einflössend, wenn er erscheint, hypnotisierend in all seiner düsteren Pracht. Ein heroischer, ein gleichwohl romantischer Charakter. Und weiter sagt Lee:

And there’s, of course, the obvious association with the bite in a sexual sense, if you like. So I tried to put all those particular characteristics into the character. It appears that I succeeded.“

Zweifellos.

Nicht mehr wirklich jung ist, wer sich erinnert, wie wir uns erinnern. Auch nicht wirklich alt. Wer sich erinnern kann, darf ein Erzähler sein, der eine Zeit lebendig werden läßt, die Geschichte ist. Eine verdammt gute Geschichte. Christopher Lee ist Legende. Der ewige Dracula ist sein Vermächtnis.

Diese Plötzlichkeit, diese Furcht

Er war die lebendig gewordene Angst unserer Kindheit. Es war in den 1970ern, als wir, die Euch erzählen dürfen, ihn kennengelernt haben. Die Fernsehapparate waren meist bescheiden klein, wir Kinder hockten nebeneinander nah davor, die Blicke festgeklebt am Bildschirm, um ja nichts zu verpassen, stets in der Hoffnung, dass die Erwachsenen einen dort sitzen und gucken ließen, was so irgendwie verboten für uns klang und leider oft auch war: Horror. Und ganz speziell eben: Dracula!

Diese Augen, diese Ahnung. Diese Plötzlichkeit. Die Furcht. Der Schrei. Damals. Unser Schrei, hinein gebissen in ein Sofakissen. Er war die Neugier, Faszination unserer Jugend. Diese Bedrohung, diese Warnung. Verführung. Eleganz. Diese Erotik der Finsternis, die wir noch nicht verstanden. Die wir aber speicherten für das, was wir später vielleicht zu Papier bringen würden, um die Nacht geheimnisvoll knistern zu lassen.

Wegbegleiter war Lee für so manchen, der heute im Horror-Genre zuhause ist, schreibt, Filme macht, liest oder eben einfach nur zuschaut. Und hat ihn, sie in dem genialen Gefühl bestätigt, dass es gut ist, in der Dunkelheit nach Abenteuern zu jagen. Das Düstere, Unheimliche zu lieben, das ist großartig, dachten und denken wir, solange die Sonne immer noch im Blickfeld ist, solange die Grenzen nicht verwischen, solang der Horizont da vorn noch weit ist. Irgendwo. Aber eben präsent. Lee, einem klugen, sympathischen Kopf, war das klar. Uns ja nun oder wohl auch. Irgendwie.

Verdammt dazu zu sein, als Vampir und eben nur als solcher, – wenn auch als der Eine -, im Gedächtnis zu bleiben, wollte Christopher Frank Carandini alias Christopher Lee, geboren 1922, natürlich nicht unbedingt. Ursprünglich hatte der 1,96-Gentleman mit englisch-italienischen Wurzeln eh andere Pläne: Der musikalisch Versierte, der er auch blieb, wäre gern Opernsänger geworden. Ein guter. Er wurde Schauspieler. Er wurde Dracula. Der Beste. Ein Meistergriff des britischen Studios Hammer Film, das ihn 1957 unter Vertrag nahm und ihn zuerst das Monster in Frankensteins Fluchspielen ließ, bevor 1958 der erste von acht Filmen mit ihm in der Hauptrolle als „Kronprinz des Schreckens“ (so wurde er tituliert) in die Kinos kam und die Richtung wies: Sosollte es sein, so sollte ERsein.

Blutiges Zepter wurde weiter gereicht

Der Vampir-Ruhm des ungarische Filmschauspielers Bela Lugosi war da zwar längst verblichen. Aber immerhin ebnete Lugosi 1931 als Dracula den Weg für Großes, was folgen sollte. Christopher Lee war er gänzlich unbekannt, bevor die Hammer-Studios ihn als den weltberühmten Grafen unter Vertrag nahmen. Zu diesem Zeitpunkt war Lugosi bereits tot, und es hielt sich eine ganze Weile hartnäckig das Gerücht, der Ungar hätte Lee den Dracula-Ring vermacht, um ihn mit gruseligem Segen zum offiziellen Erben zu machen. Eine originell unheimliche Publicity-Idee war das, mehr nicht. Besagter Ring befand sich tatsächlich in einer Privatsammlung in Los Angeles. Das Publikum freilich fand die Vorstellung durchaus atemberaubend, vielleicht gar logisch: Das blutige Zepter wurde weiter gereicht an den neuen, ungleich fesselnderen König der Finsternis…und lang, länger, ewig lebte Dracula.

Der allein genügte Lee freilich nicht. Er war nicht nur Dracula. Er war viele. Auch ein James-Bond-Schurke (Der Mann mit dem goldenen Colt). Er war Scaramanga. Dooku. Später ein Tolkien-Zauberer. Saruma. Als Schauspieler mit den meisten Credits (genannte Rollen im Vor- oder Abspann), – über 280 Filme -, steht er im Guiness-Buch der Rekorde. Als Sir Christopher Lee. 1992, ein Jahr vor dem Tod seines berühmten „Horrorfilm-Kollegen“ Vincent Price, mit dem Lee über viele Jahre hinweg eng befreundet war, wurde der gebürtiger Londoner von der Queen geadelt.

„Schauspielurgesteinsbösewicht“ liest man über ihn, als „Meister des Makabren“ und „einen der größten britischen Schauspieler“ würdigt ihn Boris Johnson, Ex-Premierministier des Vereinigten Königreiches.

Genug Horror für ein ganzes Leben

Lee machte später in Interviews deutlich: „Ich mag keine Schubladen. Halbherzig, seufzend, vom Stempel, Image genervt…das soll hier gar nicht bewertet werden. Es ist ein nachvollziehbares, ehrliches Wort, durchaus. Er spielte viele unterschiedliche Charaktere. Was immer blieb, war Lee als Dracula. Vor diesem prägenden Hintergrund war er als ein trottelig verliebter Schreibtischhengst in einer Romantik-Komödie sehr, sehr schwer vorstellbar. Dass er allerdings die von ihm unbedingt gewünschte Rolle in dem aufwändig gedrehten US-amerikanische Kriegsfilm „Der längste Tag“ (1962) nicht bekam mit der merkwürdigen Begründung, „nicht soldatisch genug“ zu wirken, ärgerte ihn. Immerhin war er Royal-Air-Force-Veteran, und seine stattliche Größe, sein markantes Gesicht sprachen keineswegs dagegen, dass man ihm den Kriegshelden (oder Anti-Kriegshelden) abgenommen hätte. Zudem hatten ihn die eigenen Erfahrungen als junger Mann im Krieg sehr realistisch und authentisch werden lassen: Was er an grauenvollen Dingen gesehen hätte, wäre genug Horror für ein ganzes Leben. Realer Horror. Reales Blut.

That is real horror and blood. When the Second World War finished I was 23 and already I had seen enough horror to last me a lifetime. I’d seen dreadful, dreadful things, without saying a word. So seeing horror depicted on film doesn’t affect me much.“

Halloween mit Dracula

Verpatzte Chance: 1978 wurde Lee die Rolle des Dr. Sam Loomis in Halloween angeboten. Lee, dem es letztendlich wichtig war, einen gewissen Abstand zum Horror-Genre zu halten, um dort als Schauspieler nicht fixiert zu sein, lehnte zugunsten von Donand Pleasence ab. Halloween wurde ein Welterfolg, und Lee gab später zu, dass seine Absage „mein größter Fehler“ war. Wir bedauern das auch, ohne Pleasence auf die Füße treten zu wollen. Der war gut. Aber Lee an der Seite der Scream-Queen Jamie Lee Curtis: Was für ein Doppel!

Stephen King verneigte sich als einer der Ersten mit einem letzten Gruß vor dem Godfather, als der große Mann, der größte Vampir aller Zeiten ging. Christopher Lee starb am 7. Juni 2015 im gesegneten Alter von 93 Jahren in seiner Geburtsstadt London. Wir, die ihn als den Einzigen, den Unvergleichlichen zu erkennen glaubten, zollen ihm unseren Tribut. Und hören sein Bekenntnis:

Dracula habe ich das Meiste zu verdanken.

Wir auch. Thank you, Sir.