Das Monster

Es war das Jahr 1896. Der kleine William Henry Pratt spielte im Schultheater den Dämonenkönig in Cinderella. Und sagte lange Zeit später: „Das war der Beginn eines langen und glücklichen Lebens als Monster.“

Aus William wurde der Schauspieler Boris Karloff, den Hollywood als „Boris the Uncanny“ auf das Podest der Einzigartigen, der Unvergesslichen stellte. Es war und blieb die Rolle seines Lebens: Frankensteins Monster, 1931 auf die Leinwand gebracht, erschaffen 1818 von der blutjungen Schriftstellerin Mary Shelley.

Die Geburt einer Legende! Wir dürfen uns vorstellen, vielleicht auch auf recht geheimnisvolle Weise nur zu gut wissen, wie sie war:

1818, irgendwann, irgendwie zu später Stunde: Regen peitscht, Blitze zucken, es grummelt, grollt, prasselt, kracht die schaurige Nacht. Die Luft ist dick und schwarz und riecht nach Feuer, die Erde spuckt blutigen Morast. Oder ist es nur Spuk und Trug in der Dunkelheit, die wir genießen wollen, solange sie unsere Ideen küsst? Egal auch.

Es bewegt sich – es lebt!

Die schöne junge Lady, – wir betrachten Mary Shelley wohlwollend: gutbürgerlich fein gekleidet in pastellfarbenem Musselin, die seidene Schärpe gebunden unter der Brust, das dunkle Haar gescheitelt und gelockt – , sitzt am Sekretär, taucht mit eleganter Eilfertigkeit wieder und wieder die Feder in das Tintenfass. Ihr Blick ist stolz, die Stirn klug. Ihre Idee ist kühn, das Monster macht Angst. Aber es ist schön. Und das Papier ist für die Ewigkeit.

Es bewegt sich – es lebt – es lebt! ES LEBT …
(Victor Frankenstein)

Frankenstein oder der moderne Prometheus : Die Entstehung des Romans ist beneidenswert originell. So was wünscht man sich schon mal… gemeinsam mit geschätzten Grusel-Phantasie-Verbundenen abends beieinander zu sitzen, Geister-Stories zu erzählen und dabei auf den Einfall zu kommen, jeder der Anwesenden solle selbst eine Geschichte schreiben. So soll es gewesen sein, als Mary Shelley es sich 1816 in der Schweiz mit ihrem Mann Percy, Lord Byron und dessen Leibarzt John Polidori am Kamin für intellektuelle Plaudereien über Schauriges gemütlich gemacht hatte.

Mary Shelley sagte später, dass Berichte, mag sein, Gerüchte über galvanische Experimente Charles Darwins mit toten Würmern sie angeregt hätten, einen Wissenschaftler Herr über Leben und Tod spielen zu lassen. Mit gar fürchterlichem Ende…

Victor Frankenstein, völlig überfordert von dem, was er geschaffen hat, panisch entsetzt über sein eigenes, von ihm selbst als teuflisch definiertes Handeln, erhält letztendlich die grausame Quittung: Sein Monster, das er im Stich gelassen, dessen einzige Hoffnung auf Flucht vor der Einsamkeit (eine Frau) er vernichtet hat, tötet seine Braut. Und zeigt seinem „Vater“ damit, was er unter Gerechtigkeit versteht. Als wütendes Monster. Verzweifelt. Ohne Rat und Trost. Menschlich.

Frankensteins Monster ist weltberühmt, gilt als das Monster schlechthin. Und mal angenommen, man kennt das Buch gar nicht geschweige denn weiß man, wer es wann und warum bloß geschrieben hat, so weiß man trotzdem irgendwie von dieser seltsamen,düsteren, alten Geschichte. Und hat das Monster genau vor Augen. Freilich das aus Hollywood. Mary Shelley wäre vermutlich von seiner Furcht einflößenden, unschönen Optik etwas enttäuscht gewesen, sie beschrieb es deutlich attraktiver. Aber es war eben kein unheimlicher Adonis, sondern der Engländer Karloff in seiner Maske und Unverwechselbarkeit, der Shelley weit über hundert Jahre später rund um den Globus auf der Kinoleinwand huldigte und ihr eine neuere, modernere Art von Größe und Genialität verlieh. Und auch hier dürfen wir uns nur allzu gern, vorstellen, wie es war.

Ist der nicht das Monster?

Hollywood 1931, Premierenfeier. Taft raschelt, Gläser klirren, die Luft trägt Tabak und schweres Parfum. Jemand raunt. „Ist das nicht der?“ Irgendwer zögert, nickt. „Das Monster.“ Irgendwo auf dem Film-Olymp, nur zwei, drei Wimpernschläge später, eine weitere lange Nacht. Jemand sagt: „Da. Endlich.“ Alle heben die Köpfe. Einige flüstern. „Karloff the Uncanny.“ Andere rufen. „Er ist es. The Master of Horror.“ Und er lächelt, verneigt sich, der Mann, den Mary Shelley ungefragt, unbeteiligt und doch da zur Ikone der Populär-Kultur gemacht hat, zu einem der Heroen des Finster-Genres. Boris Karloff. Frankensteins Monster.

Ursprünglich vorgesehen für die Rolle war übrigens Ur-Dracula Bela Lugosi, damals als Erfolgsgarant für eine Schauerverfilmung im Visier. Lugosi lehnte kompromisslos ab, er wollte kein sprachloses Gruselsubjekt spielen, das Gesicht unkenntlich geschminkt, Mimik und Gestik beleidigend für einen berühmten Mimen wie ihn. Er unterschätzte das Monster und verhalf Kollege Karloff zu einer Karriere, die seine eigene weit übertreffen sollte. Karloffs Verkörperung der von genial-wahnsinniger Menschenhand erschaffenen Kreatur war perfekt. Die Maske war perfekt.

Dafür sorgten mit ganzer Raffinesse kreative Köpfe am Set. Für den Dreh von Frankenstein – The Man who Made a Monster (1931, Regie: James Whale) wurde genau festgelegt, wie der von Dr. Victor Frankenstein aus Leichenteilen gebastelte künstliche Mensch, bei Weltuntergangs-Gewitter durch Elektrizität zum Leben erweckt und für das Endzeit-Leid bestimmt, auszusehen hatte. Die Stahlbolzen im Hals erinnern an den, – wieder verworfenen – , Gedanken, das Monster als eine Art Roboter darzustellen.

Die Monstermaske mit dem traurig-hilflosen Blick aus dem Film erkor man bereits 1938 zum Symbol der Surrealismus-Ausstellung in Paris aus. Filmplakate wurde zu gigantischen Summen versteigert, Briefmarken mit seinem Konterfei wurden gedruckt, Künstler porträtierten ihn als Pratt (ohne Maske), der Nr.-1-Hit Monster Mash (1962) wurde ihm gewidmet, und bis Anfang 1980 zierte er als Zeichnung die Comicbuch-Reihe Boris Karloff’s Tales of Mystery (Gold Key Comics).

Boris Karloff in seiner Ur-Maske, mit diesem deformierten, traurigen, hilflosen, enttäuschten, zornigen Gesicht, hat dem Monster eine Identität geschenkt, die zumindest in der Pop-Kultur als nicht mehr austauschbar gilt: In Trickfilmen, Comics und in der Werbung ist es Karloff, den wir sehen. Zwar ist auch Christopher „Dracula“ Lee 1957 inThe Curse of Frankenstein (Regie: Terence Fisher)in die Haut der Kreatur geschlüpft, aber die Rechte für das typische, klassische Make-Up befanden sich im Besitz der Universal Studios. Hammer musste neu kreieren. Im globalen Kopf blieb/bleibt freilich Karloff.

Mit Karloff the Uncannyerhielt das Monster, dem erstmalig 1910 in einem sechzehnminütigen Stummfilm, in England produziert von Thomas Alva Edison, dem Erfinder des Telefons, auf der Leinwand schreck- und ehrfurchtsvoll gehuldigt worden war, – Untertitel: A liberal adaption of Mrs. Shelley’s Tale, ein unzerstörbares Spiegelbild.

Träume, Furcht und Liebe

Hat sie geträumt, was sie bewirken würde mit ihrer Geschichte, die 18jährige Mary Godwins, spätere Mrs. Shelley, eine für die damalige Etikette und Moral recht progressiv denkende und agierende Frau, Tochter eines Sozialphilosophen und einer Schriftstellerin, die von Percy Shelley, mit dem sie durch Europa reiste, schwanger wurde, als der noch ein verheirateter Mann war?

Nach dem Selbstmord seiner von Gram und Schmach besudelten Frau Harriet im Londoner Hyde Park heiratete er Shelley zwar, die feine Gesellschaft freilich blieb verschnupft. Nach Percy’s Tod unterstützte der Schwiegervater Mary finanziell. Vom Schreiben allein konnte sie nie leben. Kaum vorstellbar… genügt uns heutzutage ein einziger literarischer Knaller, und wir gelten als hoch gehandelte Bestseller-Autoren forever. Andere Zeiten eben.

Wen’s belangt: Die Schreibmaschine wurde erst 1829 erfunden, zwei Jahre nach der Photographie. Mary wurde (noch) ganz üblich porträtiert. Und gehörte grundsätzlich zu den im positiven Fall liebreizenden Mädchen jener Tage, die Klavier spielen, etwas zeichnen, tanzen, bescheiden französisch parlieren konnten und etwas von Mythologie, wenig von Geographie, nichts von den großen Wissenschaften verstanden. Grundsätzlich, wohlgemerkt. Mary war besonders.

Ahnte die Besondere das Phantastische, als sie während eines längeren Aufenthaltes am Genfer See, – es waren trübe, regnerische Tage, wie geschaffen für die von genialster Finsternis umarmte Muse – , zu schreiben begann und nicht mehr aufhörte, bis er stand, einer der berühmtesten Horror-Romane aller Zeiten? Mit einem Helden, der über einhundert Jahre später als hässliches Monster weltweit Film-Karriere machte, obgleich er von seiner Schöpferin definitiv nicht als unansehliche, abstoßende Kreatur gedacht und beschrieben war? Mit einer Identifikationsfigur für Outsider, die hoch geachtet wird? Wie beispielsweise in Brasilien: Da fuhr vor sechs Jahren zum 200. Geburtstag des Monsters beim Karneval in Rio ein prunkvoller Jubiläums-Mottowagen durch die Straßen. Die Menschen jubelten ihrem Monster zu, dem Andersartigen, dem Ausgestoßenen, wegen seines so fremden, gleichwohl erschreckenden Erscheinungsbildes Gefürchteten und Verfolgten. Den sie lieben, weil er für sie authentisch, ehrlich, echt ist.

Zu schön für Hollywood

Mary, zum Zeitpunkt der (vorerst) anonymen Veröffentlichung ihres Buches frisch verheiratet mit dem älteren Percey Shelley, der trotz seiner Affären und seines frühen Todes, – er ertrank 1922 während einer Bootstour im Golf von La Spezia – , immer ihre große Liebe blieb, malte mit ihren beschreibenden Sätzen einen überdurchschnittlich großen, athletisch gebauten Mann mit schwarzem Haar und weißen Zähnen. Das klingt fast zum Dahinschmelzen. Einwandfrei zu schön für Hollywoods Gruselkabinett.

Den Mann, den Mary Shelley beschrieben hat, kennen wir, wenn überhaupt, nur aus der Vorstellung heraus: Das Monster hätte schön sein können. Durfte, sollte, musste es aber nicht, um sich einen Platz im Horror-Olymp, gleichsam in der Gunst des Publikums zu sichern. Das wollte und will das Tragische an der wenn auch scheußlichen Figur, das Mitleiderregende, Bedauernswerte.

Und somit war klar: Es mussten die grotesk hohe Stirn, der platte Kopf, die tief hängenden Augenlider, der wuchtige, ungelenke Körper sein.

So sah, sieht es aus, so kommt das Monster alias Karloff zurück in The Bride of Frankenstein (1935, Regie erneut James Whale). Da wird das Herz warm bei seiner Begegnung mit dem blinden Einsiedler, da fröstelt es einen, wenn das bitterlich traurige Ende naht: Victor Frankenstein vernichtet die Braut, dem Heulen des Verfluchten gilt die Rache…und mächtig Eindruck schindet zweifellos die Frisur von Elsa Lanchester: Einen halben Meter hoch senkrecht stehendes Haar mit einem hineingefärbten Blitz.

„Wie Gott zu fühlen!“

Die Szene aus Frankenstein – The Man who Made a Monster , in der das Monster versehentlich ein kleines Mädchen ertränkt, weil es möchte, dass es wie die Seerosen schwimmt, wurde nach der Uraufführung gekürzt: So poetisch sie ist, umso grausamer wirkte sie auf die Zuschauer. Die aber sollten die Kreatur nicht hassen, sondern begreifen. Und sich gleichwohl auch nicht über die Blasphemie des Monstermachers erzürnen sollen. Der von Victor Frankenstein mit gellend lauter Stimme in die Nacht gebrüllte Satz…

Jetzt weiß ich, was es heißt, sich wie Gott zu fühlen!“

…fällt in seinem Original-Ton der Schere zum Opfer. Zu anmassend. Zu ungehörig.

Shelley’s Monster erfuhr 1994 in Frankenstein (Regie: Kenneth Branagh) mit Robert de Niro in der Hauptrolle ein aufwühlendes, bewegendes Bekenntnis zur Quelle der Geschichte. Das vermenschlichte Geschöpf demonstriert die ganze Schwere, Traurigkeit, Verletzbarkeit und Wut seiner ungewöhnlichen Persönlichkeit, die sich so wesentlich gar nicht vom wahrhaftig Menschlichen unterscheidet. Auch De Niro beweist Mut zu einer generell als hässlich eingestuften Optik. Gleichwohl wirkt diese zwar fremd und furchterregend auf den ersten Blick, wird aber vertraut und damit fast sympathisch. Allemal, dieses Monster geht an die Substanz.

Ein Tragik-Revival anderer Machart erfolgt auch in der US-amerikanisch-britischen Horror-Serie Penny Dreadful (2014 – 2016, John Logan); Rory Kinear spielt das Monster. Er ist genial. Es ist (fast) schön. Und so darf es bitte auch sein. In bester böser Erinnerung, Mary!

Elfen

Wenn die meisten Leute an klassische Fantasy denken, denken sie vielleicht an Tolkien, und bei weiterem Nachdenken wahrscheinlich an Elfen. Und das aus gutem Grund: Elfen gibt es in der Fantasy schon sehr lange. Aber wie viele Tropen und Wesen, die unsere Buchseiten bevölkern, stammen sie aus der germanischen Folklore. Die Elfen ließen sich davon allerdings nicht aufhalten und wanderten quer durch ganz Europa, nach Skandinavien und Großbritannien. Es ist jedoch Island, das die größte Population der Elfen beherbergt, besser bekannt als das vergessene Volk, das in Felsformationen lebt.

Jacob Grimm definiert in den 1830er Jahren Elfen als übernatürliche Wesen dritter Klasse in seinem Standartwerk „Deutsche Mythologie“. Es dauerte nicht lange, und sie erlebten in den USA der 1890er Jahre einen Aufschwung als fleißige Helfer des Weihnachtsmanns, die in Skandinavien lebten und ihre Magie zur Herstellung von Geschenken einsetzten. Die Elfen widmeten sich eifrig der Aufgabe und entwickelten schnell den Ruf, die beste Handarbeiter der Welt zu sein.

Die meisten Elfen-Sichtungen finden dann auch in den wenigen Tagen vor Weihnachten statt, wenn sie unterwegs sind, um Kinder mit grenzwertigem Verhalten auszuspionieren. Eine Elfe namens Albtraum besucht Kinder Tage vor Weihnachten. Wenn die Kinder unartig sind, beschert sie ihnen Elfenträume oder ganz ihrem Namen nach Albträume, indem sie sich auf ihre Brust setzt, während sie schlafen. Elfen bestrafen Kinder auch mit Schluckauf, wenn sie zu ungestüm werden.

Die Romantik des 19. Jahrhunderts gibt den Elfen eine Größe von 1,50 m, atemberaubende Schönheit und lang anhaltende Jugendlichkeit während ihres tausendjährigen Lebens. Laut der Literatur des 19. Jahrhunderts haben Elfen göttliche Einflüsse, einschließlich magischer Fähigkeiten. Ihre blattförmigen Ohren kanalisieren magische Energien vom Himmel, was ihnen die Fähigkeit verleiht, zu kontrollieren, was Menschen sehen und fühlen. Sie legen Magie in Gegenstände, wie z. B. Pilze, um Menschen vorübergehend eine magische Sicht zu gewähren.

Viele Elfen im materiellen Erdkreis haben ihr Zuhause in Bäumen. Es handelt sich dabei um längliche Öffnungen in den Stämmen der Bäume, die die gleiche Höhe erreichen, wie die jeweilige Spezies, die darin wohnt.

Am 6. Januar eines jeden Jahres feiern die Elfen den letzten Tag der Weihnacht in verborgenen Feldern. Ihre brennenden Fackeln sind schon von weitem zu sehen. In jeder Nacht oder an einem nebligen Morgen kann man Elfen auf Wiesen tanzen sehen, wo sie Elfenkreise hinterlassen. Wer auf einen Elfenkreis tritt, hat Pech, und wer in einen solchen uriniert, bekommt eine Geschlechtskrankheit.

Ältere Aufzeichnungen

Um 1220 dokumentierte Snorri Sturluson die Unterschiede zwischen Licht- und Dunkelelfen in der Prosa-Edda. Laut Snorris Edda sind Lichtelfen strahlender als das Sonnenlicht und leben an einem himmlischen Ort namens Alfheim, während Dunkelelfen dunkler als Pech sind und sich in unterirdischen Höhlen oder tief in den Wäldern aufhalten. Eine dritte Art, die schwarzen Elfen, ähneln Zwergen und leben in Svartalfaheim. Die skandinavische Folklore verstärkt die übernatürlichen Fähigkeiten der Elfen.

Die englische Tradition sieht Elfen als boshafte Wesen, die ihren menschlichen Opfern Unglück und Krankheit bescheren. Die Christen entwickelten Erzählungen von Elfen, die mit bösen Absichten handeln. Ein metrischer Zauberspruch aus dem 10. Jahrhundert bietet ein Elfenheilmittel für Rheuma, das durch ein Projektil namens Elfenschuss oder einen von einem Elfen geschossenen Pfeil verursacht wird. Elfen benutzen Pfeilspitzen aus Feuerstein, um Menschen und Vieh scharfe Schmerzen zuzufügen. Wiederholte Einstiche führten zu einem Elfenschlag, der Lähmungen verursachte. Verführerisch attraktive Frauen wurden in England mit Elfenschönheit beschrieben. Im Beowulf lesen wir von einer Elfenschönheit, die ihre Opfer betäubt, und die dadurch mit Dämonen in Verbindung gebracht wird. Eine Elfe namens Königin Mab verknotete Haare zu Elfenlocken.

In Schottland wurde Alfheim zu „Elphame“ oder „Elfhame“ und seine Herrscherin ist die Feenkönigin; oft wird sie die Königin von Elphame genannt, besonders in Balladen wie Thomas the Rhymer. Trotz der Tatsache, dass die meisten modernen Interpretationen von Feen und Elfen kleinwüchsige Kreaturen beinhalten, trifft dies nicht unbedingt auf diese spezielle Feenkönigin zu, vor allem angesichts der etablierten gälischen Tradition von Feen und Elfen in ihrer Mythologie (die als Sídhe bekannt sind).

Manche Gelehrte sind der Meinung, dass die Dunkelelfen lediglich Zwerge waren, aber die Tatsache, dass die Zwerge gesondert im Gebiet um Nidarvellir wohnen, legt etwas anderes nahe.

Natürlich bleibt es beim Rätselraten, denn die Mythologie ist bereits so alt und die Quellen, die wir zu Rate ziehen können, im Vergleich zu den überlieferten Texten aus anderen Mythologien so schmerzhaft spärlich. Daran ist wahrscheinlich die mündliche Überlieferung schuld.

Um bei den Lichtelfen zu bleiben: Wenn wir einen Blick auf ihre Erwähnung in der nordischen Mythologie werfen, finden wir Freyr als ihren Gott. Es gibt aber noch einen anderen Namen, der viel älter zu sein scheint, je nachdem, welche Quelle man konsultiert, und der lautet „Yngvi“. Wenn wir noch einmal einen Blick in Tolkiens Werk werfen, mag es angesichts seiner Vorliebe für Mythologien nicht überraschen, „Ingwe“ als Namen für den Hochkönig der Elfen im Westen zu finden.

Gütige und böse Elfen

Wenn wir uns von der nordischen Mythologie wegbewegen und uns in die englische und gälische Folklore hineinwagen, stellen wir also fest, dass sich die Vorstellung von Elfen im Allgemeinen zu verändern beginnt. Anstatt wohlwollende Kreaturen oder kleine Gottheiten, sind es nun Betrüger und Unholde, wie in der Ballade „Lady Isabel and the Elf Knight“, wo der Elf versucht, Isabel zu ermorden. Besehen wir uns die Rolle der Drachen in der weltweiten Mythologie, stellten wir merkwürdigerweise fest, dass der Drache umso grausamer ist, je weiter die Mythologie im Westen liegt. Nordische Drachen und asiatische Drachen waren weitaus wohlwollender als ihre verschiedenen Gegenstücke.

Die Dökkálfar waren jedoch weder gütig noch wohlwollend, und die Tradition der „Dunkelelfen“ hat sich gegenüber dem nordischen Konzept nur wenig verändert. Ob Drow, Dunkelelfen oder Schwarze Elfen, die Idee von dunkelhäutigen und/oder in der Dunkelheit lebenden Kreaturen, die weit mehr in Fantasy-Rollenspielen und Videospielen auftauchen als in der Literatur, scheint genug Anklang zu finden, um überdauern zu können.

Eines lässt sich jedoch festhalten: die Elfen sind heute so weit von ihren ursprünglichen mythologischen Konzepten entfernt, wie sie von Tolkiens Darstellung entfernt sind. Man könnte freilich dasselbe über Vampire sagen.

Stellen wir uns doch einmal die Frage, ob man eine Elfe noch als Elfe bezeichnen sollte oder ob man einen ganz anderen Namen benötigt. Hier kommen wir an einen Scheideweg: In der einen Richtung haben wir die Elfen, die sich unter dem Banner der klassischen Mythologie und der Folklore tummeln, und diejenigen, die Elfen in einer wesentlich neuen Haut präsentieren.

Sam Sykes Die Tore zur Unterwelt und Richard Morgans Dwenda (Das Zeitalter der Helden 1 – 3, erschienen bei Heyne) sind hier die Bücher, die dem geneigten Leser als erstes einfallen mögen. Natürlich sind diese Rassen keine Elfen im eigentlichen Sinne, sie werden von uns nur mit Elfen verglichen, so wie man eine fiktive Kultur, die luftige, weite Hosen trägt und mit dünnen Klingen kämpft, mit japanischen und anderen ostasiatischen Kulturen vergleichen würde. In gewisser Weise wollen die Leser immer etwas Vertrautes sehen. Es könnte sein, dass eine Rasse, die wir als Elfen wahrnehmen, in Wirklichkeit, abgesehen von den spitzen Ohren und der natürlichen Schlankheit, von Elfen so weit entfernt ist wie Kreide von Käse. So sind wir nun mal.

Früher boten Elfen eine Möglichkeit, etwas Ungewöhnliches in Geschichten einzubringen. Jetzt, wo Elfen in der epischen Fantasy so abgetragen erscheinen, ist das etwas anderes. Das Konzept hat sich überholt. Es gibt neuere und relevantere Wege, fremde Rassen zu erforschen, und da viele Autoren in der modernen Fantasy auf verschiedene Quellen schauen, um sich inspirieren zu lassen, wird die Elfe immer weniger beachtet – bis jemand beschließt, neoklassisch zu sein und sie zurückzubringen oder ihnen ein komplettes Makeover zu verpassen. So oder so, irgendwann wird man sich mit ihren mythologischen Ursprüngen auseinandersetzen; sei es mit einem literarischen Kopfnicken oder einer kompletten Ablehnung des traditionellen Konzepts.

Elfen wurden in der Fantasy-Literatur des 20. Jahrhunderts durch ihren größten Fan, J.R.R. Tolkien, bekannt. Ihre bemerkenswertesten Beschreibungen finden sich in Tolkiens Silmarillion. Als geschätzte Geschichtenerzähler teilen Elfen gerne ihre Erfahrungen mit talentierten menschlichen Schriftstellern.

Karloff the Uncanny

Traumfabrik Hollywood, wir blicken weit zurück: 1931, der Tonfilm steckte (fast) noch in den Kinderschuhen, vielen populären Stummfilmstars hatte er aber bereits das Genick gebrochen. Der große „Rest“ träumte von großen Rollen. Einer von den Träumern, die Ehrgeiz hatten und hofften, war Boris Karloff, gebürtig William Henry Pratt (1887 – 1969), ein noch recht unbekannter britischer Theater- und Filmschauspieler. Ihm wurde eine Rolle angeboten, die sein Leben verändern sollte. Die ihn zur Legende machte.

Karloff war Frankensteins Monster in der ersten Ton-Verfilmung des weltbekannten Romans von Mary Shelley. Er wurde über Nacht in der Monstermaske mit dem traurig-sehnsuchtsvollen Blick, die prägend war für das Bild, das wir immer noch kennen und kompromisslos als das richtige definieren, zum Leinwandstar. Man nannte ihn „Karloff the Uncanny.“ Master of Horror.

Über Nacht der Master of Horror

Da war er nun berühmt, der mittlerweile 44jährige Pratt, der bis dahin eher als Typ-Darsteller, – oft ungenannter Indianer, Araber, Inder, Leibwächter, Taschendieb oder Bösewicht und Schurke allgemein -, freilich auch als ernstzunehmender Charakter durch Hollywood lief, verweilte, weiter lief und suchte. Gute Rollen. DieRolle. Gefragt war er schon. Den schwierigen Übergang vom Stumm- zum Tonfilm schaffte Karloff problemlos. Er spielte nicht überzogen künstlich, seine Stimme war geschult, sein leichtes Lispeln empfand man als ungewöhnlich, ergo positiv, und seinem Oxford-Englisch trainierte er ein tiefes, dunkles Knarren an. Seine Optik trug Übriges dazu bei: Er klang exotisch, er sah auch so aus.

Gescheit überleben konnte Karloff vor Frankensteins Monster von den Gagen allein in der Filmmetropole freilich nicht. Er fuhr nebenher LKW (ohne Führerschein), heiratete allerdings auch bis Ende der 1920er dreimal und ließ sich gleichsam dreimal scheiden, was grundsätzlich unklug ist und den Geldbeutel zusätzlich derb lädierte. Der füllte sich nicht nur ganz beträchtlich mit Frankensteins Monster (Regie: James Whale, Originaltitel: nur Frankenstein), er war jetzt auch ein Mann, den alle kannten, schätzten und haben wollten.

Die 1930er Jahre stehen für eine besonders wirkungsvolle Zeit. Die Maske des Fu-Manchu, Das Haus des Grauens, Scarface, Die Mumie, Der Rabe, Die schwarze Katze…es war das ganz große Kino. Mit Frankensteins Braut (Bride of Frankenstein, 1935), ebenfalls unter der Regie von James Whale, mit der phantastischen Elsa Lanchester in der Titelrolle, gelang dann der absolute Clou. Der Film gilt nicht nur als einer der besten des Schwarz-Weiß-Horrors, des Genres überhaupt, er wird auch zu den Meisterwerken des Hollywood-Kinos gezählt.

Meisterwerk des Schwarz-Weiß-Horrors

Ursprünglich sollte The Uncanny höchstpersönlich in der genial-köstlichen Verfilmung des Theaterstücks Arsen und Spitzenhäubchen (1944, Regie: Frank Capra) mit dem göttlichen Cary Grant (Mortimer Brewster) den aus dem Knast entflohenen Massenmörder Jonathan Brewster spielen, der nach einer missglückten Gesichts-OP wie Karloff in seiner Frankenstein-Maske aussieht. Der Gag wäre phänomenal gewesen, zumal die Rolle eigens für Karloff geschrieben worden war; allein, es war nicht machbar, er stand zeitgleich zu den Dreharbeiten als Jonathan auf der Bühne am New Yorker Broadway. Die Theaterproduktion war überaus erfolgreich und brachte es auf über 1.400 Vorstellungen; da Karloff selbst sie finanziert hatte, verdiente er damit viel Geld.

Natürlich konnte der Alt-Meister Karloff nicht ewig auf dem Thron bleiben. Sein persönliches Zepter nahm er mit, wer sollte ihm nachfolgen? Andere Zeiten, Techniken, Ideen, Möglichkeiten, Stars kamen. Und die Farbe. Immerhin drehte man mit Karloff noch bis Ende der 1950er Jahre in Schwarz-Weiß, um die düstere Atmosphäre, die morbide Stimmung, sein unvergleichliches Finster-Schauspiel zu verstärken. Er blieb auch später immer noch ordentlich im Geschäft, engagierte sich weiterhin gewerkschaftlich (SAG: Screen Actors Guild), arbeitete für das Fernsehen, als Synchronsprecher, Vorleser und Erzähler, – seine markante Stimme konnte wunderbar sanft sein, sagt man -, im Radio und auf Schallplatten. 1962 drehte Roger Corman mit Karloff noch einmal Leinwand-Finsternis mit ironischer Prise: Der Rabe – Duell der Zauberer und The Terror – Schloß des Schreckens, zwei B-Movies, gelten als Kult-Muss in Genre-Kreisen.

Als das Grauen anonymer wurde

Für typische Einzel-Heroen wie Karloff ging Ende der 1960er so langsam endgültig das Licht aus. Realer Schrecken beeinflusste den Horror-Film, das Grauen wurde anonymer und allumfassender: Gesichts- und namenlose Zombies (Night of the Living Dead, 1968, George A. Romero) kämpften und bissen sich durch die Kinosäle. Der Vorhang für The Uncanny fiel. Er starb 1969 in West Sussex, England. Seit 1946 bis zu seinem Tod an seiner Seite: die sechszehn Jahre jüngere Evelyn Helmore, seine fünfte Ehefrau.

Boris Karloff
Boris Karloff

Was allemal bleibt: Frankensteins Monster als Riesenwurf. 1938 wurde die Monstermaske aus dem Film zum Symbol der Surrealismus-Ausstellung in Paris. Filmplakate wurden zu gigantischen Summen versteigert, und bis Anfang 1980 zierte er als Zeichnung die Comicbuch-Reihe Boris Karloff’s Tales of Mystery (Gold Key Comics).

Frankensteins Monster: Für Boris Karloff durchaus ein Segen. Auch sein Fluch? Sagt man ja so. Segen ist klar, zum (bedingten) Fluch wird es, wenn man nicht mehr schätzt, auf ewig auf etwas reduziert zu werden, das einem unweigerlich ein Stück von der eigenen Persönlichkeit gestohlen hat, obgleich es einem so viel schenkte. Karloff war zufrieden, das erzählt man sich, das glauben wir. Gesagt haben soll er, sein „Leben als Monster“ sei lang und glücklich gewesen. Karloff war ein zufriedener Mann, das erzählt man sich, das glauben wir.

Sympathisch war er wohl auch. Eine kleine Anekdote: Zum Set von Frankensteins Monster fuhr die siebenjährige Marilyn Harris, ein damaliger Kinderstar,- sie war die „Little Mary“ im Film, das kleine Mädchen am See, das vom Monster (versehentlich) getötet wird -, gemeinsam mit Karloff, der in voller Montur neben ihr saß und vergnügt mit ihr plauderte. Die Crew hatte zuvor gedacht, sie hätte vermutlich furchtbare Angst vor ihm, aber Marilyn nahm seine Hand und fragte ihn ganz unbekümmert, ob sie mit ihm in seiner Limousine sitzen dürfe. Karloff, ganz Gentleman, lächelte: „Es wäre mir ein Vergnügen, Kleines.“

So war es. Das war es. Das war er.