Die Alchemie des Oscar de Muriel

Es gibt Autoren, deren Biografie sich wie ein Laborprotokoll des Unwahrscheinlichen liest. Oscar de Muriel, 1983 in Mexiko-Stadt geboren – ausgerechnet in jenem Gebäude, in dem sich heute das Ripleys Believe it or Not Museum befindet – ist einer von ihnen. Er ist promovierter Chemieingenieur, Geigenspieler, Übersetzer und schließlich Chronist viktorianischer Verbrechen geworden. Heute (ich nehme an, dass er es heute noch tut) pendelt der Autor zwischen Manchester und Mexiko-Stadt, aber sein literarisches Schaffen entsteht in einem Gartenschuppen im Norden Englands.

Das Geheimnis von Windsor Castle (Oscar de Muriel)

Oscar de Muriels sechster Band der Frey-&-McGray-Reihe markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der wohl besten viktorianischen Serie, die bisher meisterhaft die Grenze zwischen rationaler Kriminalistik und übernatürlichen Phänomenen ausbalanciert hatte. „Das Geheimnis von Windsor Castle“ führt die beiden ungleichen Ermittler in ihre bisher persönlichste und gefährlichste Konfrontation, während gleichzeitig die narrative Architektur der Serie fundamentale Veränderungen durchläuft, die sich allerdings schon die ganze Zeit über angekündigt hatte.

Die Totenfrau von Edinburgh (Oscar de Muriel)

Im Zentrum steht Madame Katerina, die das Medium verkörpert, aber nicht als Scharlatanin gezeichnet wird. Ihr Status bleibt immer in der Schwebe: Sie ist weder eindeutig Betrügerin noch eindeutig Verbindungsglied zu einer jenseitigen Welt. Genau in diesem Schwebezustand entfaltet sich der Roman. Der Okkultismus ist hier weniger eine Sammlung von Ritualen als ein Weltzustand: eine Art Zwischenreich, in dem Schuld, Trauma und gesellschaftliche Konflikte eine Stimme finden.

Im Bann der Fledermausinsel (Oscar de Muriel)

Im Zentrum der Geschichte steht ein Auftrag, der zunächst unscheinbar wirkt: Eine junge Frau namens Millie Fletcher bittet die Ermittler, ihren Sohn Benjamin zu beschützen, der als unehelicher Nachkomme eines Adligen plötzlich zum Erben erklärt worden ist und nun anonyme Morddrohungen erhält. Was zunächst wie ein klassischer Krimianfang klingt, öffnet sich bald zu einem tiefen psychologischen und symbolischen Raum. Die Ermittler reisen in das schlossähnliche Landhaus der Familie Koloman am Loch Maree – ein Ort, der wie ein eigener Organismus wirkt, ein düsterer Körper aus Stein, Nebel und Schweigen. Der See selbst ist dabei nicht bloß Kulisse, sondern ein Spiegel der inneren Vorgänge. Seine Wasseroberfläche ruht trügerisch, unter ihr aber sammeln sich die Schatten der Vergangenheit, verdrängte Schuld und das Unheimliche, das jederzeit wieder auftauchen kann.

Die Todesfee der Grindlay Street (Oscar de Muriel)

Im Zentrum steht erneut das Spannungsfeld zwischen Rationalität und Aberglauben. Frey, der Londoner Gentleman und bekennende Skeptiker, erzählt die Geschichte mit ironischer Distanz und verkörpert die aufstrebende Vernunft der späten viktorianischen Ära. McGray dagegen glaubt fest an Geister und dunkle Mächte und vertritt damit die Seite einer schottischen Volkskultur, die sich nicht von alten Legenden trennen will. Zwischen den beiden entsteht ein ständiger Dialog, der sowohl Witz als auch philosophische Tiefe besitzt.

Der Fluch von Pendle Hill (Oscar de Muriel)

Neujahr 1889: In der Irrenanstalt von Edinburgh gelingt einem Patienten die Flucht, eine Krankenschwester stirbt – und die sture, scharfzüngige Lokallegende „Nine-Nails“ McGray sowie der nüchterne Londoner Exilant Ian Frey nehmen die Verfolgung auf. Der Fall ist von Anfang an von Gerüchten über Okkultes umflort; die Spur führt schließlich über verschneite Landstriche hinweg in den Schatten von Pendle Hill, dem sagenumwobenen Schauplatz der Lancashire-Witchcraft-Prozesse.

Die Schatten von Edinburgh (Oscar de Muriel)

Der viktorianische Krimi, oder die Gothic Mystery, hat mittlerweile eine Vielzahl an Ablegern, so dass man sich wundert, wenn ein neuer Autor für sich beschließt, seine Geschichte ebenfalls in dieser Zeit anzusiedeln. Man fragt sich, ob dieses ganz spezielle historische Setting nicht schon längst überlaufen ist. Meine Antwort darauf ist ein klares Nein, denn auch, wenn es viele Reihen und Romane gibt, die das 19te Jahrhundert aufsuchen, sind wenige davon wirklich herausragend. Es wird wohl kaum möglich sein, die De Quincey-Trilogie von David Morrell vom Thron zu stoßen, aber auch darunter ist noch eine Menge Platz… für Frey und MacGray.

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