Ebenezer Scrooge (Die Geister der Weihnacht)

Weihnachten: Seit Charles Dickens 1843 „Eine Weihnachtsgeschichte“ veröffentlicht hatte, ist der Name Scrooge zu einem Synonym für einen gemeinen, geizigen Menschen geworden. Ebenezer Scrooge ist Dickens‘ berühmteste Figur und eine der berühmtesten Charaktere der so reichen englischen Literatur. Bei der Erschaffung von Schurken hat sich Dickens von jeher mehr ins Zeug gelegt und mehr Energien auf sie verwendet als bei seinen gutherzigen Figuren. In unseren Breitengraden ist Scrooge zwar bekannt, nimmt aber keineswegs die Popularität ein wie in englischsprachigen Ländern. Selbst der bekannteste (und vielleicht beliebteste) Ableger in Form der Ente Scrooge McDuck heißt bei uns „nur“ Dagobert.

Laut imdb gibt es 124 Darstellungen sowohl im Film als auch im Fernsehen über den Misanthropen, der solange von Geistern gequält wird, bis er schließlich geläutert ist. Er mag zwar nicht erfolgreicher als der Weihnachtsmann selbst sein, ist aber aus den jährlichen Dezember-Events nirgendwo mehr wegzudenken.

Tatsächlich gab es einst eine Zeit, in der man den Wunsch nach einer „frohen“ oder „fröhlichen“ Weihnacht“ noch als etwas Neues uns Spannendes wahrnahm. In der viktorianischen Epoche der 1840er Jahre begann die festliche Plattitüde „Merry Christmas“ erst in Mode zu kommen – und das dank Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte. 1844, also ein Jahr nach der Originalveröffentlichung kam das Werk auch zu uns – mit dem gleichen Effekt. Es mag ein Grund für den andauernden Erfolg der Erzählung sein, dass zu dieser Zeit viele der Traditionen und Praktiken um die Weihnachtszeit noch gar nicht entwickelt waren. Das gegenseitige Beschenken, die Familienzusammenkünfte etc., sind weitere Beispiele der Prägung, die von diesem literarischen Stück übernommen wurden.

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Zweifellos sagt die Novelle mehr über die Bedeutung von Weihnachten aus als jeder religiöse Text, und der Erfolg dieser weltberühmten Geistergeschichte führte zu einem weiteren Phänomen, das bis heute anhält: Dickens schrieb nämlich von da an jedes Jahr eine weitere Weihnachtsgeschichte. Diese Tradition hat sich – auch wenn es zu sonst nichts taugt – ins Fernsehprogramm retten können. Die themenbezogenen Produktionen, die jedes Jahr über den Bildschirm flimmern, sind ein Vermächtnis des großen englischen Romanciers.

In der Weihnachtsgeschichte geht es um einen Menschen, der vom Leben zerschlagen und zerquetscht wurde und sich dadurch in einen Menschenfeind verwandelte. Dann aber geschieht etwas phantastisches: sein Herz öffnet sich für Freundlichkeit und Empathie. Scrooge wird zu einem guten Menschen, und wir alle möchten glauben, dass das möglich ist.

Wenn es darum geht, die besten Geistergeschichten aufzulisten, hat „A Christmas Carol“ zwar starke Konkurrenz, in Sachen Langlebigkeit aber eindeutig die Nase vorn. Und das, obwohl es nicht Dickens‘ einzige ist. Ganz im Gegenteil interessierte er sich sehr für diese literarische Form. In einem kleinen Aufsatz erwähnt er, dass er noch sehr jung war, als ihm seine Amme furchtbare Geistergeschichten erzählte. Das blieb wohl bei ihm haften, auch wenn dieser Teil seines Werkes nicht besonders viel Aufmerksamkeit erhält. Vielleicht, weil nicht jede Geschichte gleichermaßen kulturfördernd sein kann.

Aber die Feiertage waren und sind natürlich immer eine Zeit der Geschichten von Magie und Wundern. Egal, ob die Geschichten in einem Gottesdienst, zu Hause vor dem Kamin oder im Kino erzählt werden, sie werden seit Generationen immer wieder erzählt. Charles Dickens‘ „Eine Weihnachtsgeschichte“ ist dabei vielleicht das, was einer modernen mündlichen Tradition am nächsten kommt. Aber wie vieles, das in der Folklore begann, kennt man heute oft nur noch die verwässerten Disney-Versionen. Aber dieser unsympathische Konzern ist nicht allein für die Glättung und Vernichtung aller Tiefe verantwortlich. Es ist ein Prozess, der mit der Christianisierung begann.

Als sich das Christentum im heidnischen Europa ausbreitete, wurden einige einheimische Wintermärchen so umgestaltet, dass sie eine neue Moral bekamen und ein neues Publikum ansprachen. Andere Elemente wurden einfach gestrichen. Viele Erwähnungen von Dunkelheit, Gewalt oder wilden Geistern wurden aus den Geschichten entfernt. Das ist schade, weil Geschichten, die sowohl Dunkelheit als auch Licht enthalten, viel interessanter sind.

Nehmen wir zum Beispiel den Weihnachtsmann. Die meisten Menschen stellen ihn sich heute wahrscheinlich in der bekannten Coca-Cola-Version vor: einen bärtigen, dicken Mann in einem roten Anzug. Wahrscheinlich lächelt er und hat einen großen Sack voller Spielzeug dabei. Aber das war nicht immer der Fall. Traditionell wurde er als dünn und in Pelze gekleidet dargestellt. Er wurde oft als streng dargestellt. Einigen Legenden zufolge trug er eine Birkenrute, ein Symbol für Disziplin und Bestrafung. In anderen Legenden stand er eher im Zeichen der Fröhlichkeit und der Trunkenheit. Wenn man bedenkt, dass der Heilige Nikolaus unter anderem der Schutzpatron von Pfandleihern, Piraten, Matrosen, Dieben, Waisenkindern – und von New York ist, ist dieser raue Weihnachtsmann vielleicht auch passender.

Und diese älteren Geschichten über den Weihnachtsmann zeigten ihn oft nicht in Begleitung von Elfen oder Rentieren, sondern von anderen Figuren. Während der Weihnachtsmann die braven Kinder belohnte, quälten diese Gehilfen die bösen Kinder. Dazu gehörten zm Beispiel Knecht Ruprecht und der Krampus.

Der Krampus hat seinen Ursprung in der vorchristlichen Folklore der Alpenregion Europas. Er war ein tierisches, ziegenähnliches, gehörntes Wesen, das mit Fell bedeckt war und eine gespaltene Zunge besaß. Er bestrafte und erschreckte böse Kinder und entführte die schlimmsten von ihnen. Trotzdem luden die Eltern den Krampus oft zu einem Schluck Schnaps ein. Interessanterweise haben einige moderne Darstellungen des Krampus diesen Teufel in eine harmlosere, amorähnliche Kreatur verwandelt.

Obwohl die dämonischen besten Freunde des Weihnachtsmanns weitgehend verschwunden sind, haben viele heidnische Symbole und Zeremonien in der einen oder anderen Form überlebt. Der Dezember war schon immer eine Zeit des Feierns, allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Einerseits ist der Winter traditionell eine Zeit des Todes, der Dunkelheit und des wachsenden Chaos. Die Grenzen zwischen dieser und der nächsten Welt werden dünner, und die Toten kehren zurück. Andererseits war die Wintersonnenwende auch die Zeit, in der die Sonne wiedergeboren und die Tage länger wurden.

Eines der ältesten heidnischen Feste ist die Wilde Jagd. Eine geisterhafte Gruppe von Hunden und Jägern, die schon von allen möglichen Wesen angeführt wurde, von König Artus bis zu Knecht Ruprecht, Krampas und Wotan, auch bekannt als Woden, Odin und Jolnir. Der letzte Name ist einer der Ursprünge des Wortes Yule, eines einmonatigen Festes, zu dem Schlemmen, Essen und Opferungen gehörten. Die Familien genossen eine Weihnachtsziege oder einen Schinken. In dieser Zeit der Dunkelheit und des Todes wurden auch immergrüne Bäume gepriesen. Sie wurden ins Haus gebracht, und im Laufe des Monats wurden große Weihnachtsscheite verbrannt.

Ein weiteres Fest ist die Tradition von Koledari. Bei diesem Fest zu Ehren des Gottes der Unterwelt und der Wiederkehr der Sonne zogen Gruppen von Kindern von Haus zu Haus und sangen, um das Ende des alten und den Beginn des neuen Jahres zu feiern. An jedem Haus wurden sie mit Süßigkeiten oder Geld belohnt. Das hat natürlich Ähnlichkeit mit dem Fest All Hallows Eve – Halloween, über das es bereits eine Sendung im Phantastikon gibt.

Wenn ihr euch also dieses Weihnachten von einem mit Essen und Trinken beladenen Tisch zurückziehen, um Lieder zu singen, Geschenke auszutauschen und brave Kinder zu belohnen, denkt daran, dass ihr eine Tradition feiern, die auf eine Zeit zurückgeht, als der Wald draußen ein dunkler, gefährlicher und böser Ort war.

Lovecraft und der Cthulhu-Mythos

Mit dem Begriff Weird Fiction verhält es sich ähnlich wie mit dem der amerikanischen Short Story. Beide lassen sich nicht verlustfrei ins Deutsche übersetzen, denn weder ist die Weird Tale identisch mit unserem Verständnis einer unheimlichen Erzählung, noch ist die Short Story einfach eine Kurzgeschichte. Das führt zu Komplikationen im Übersetzungswirrwarr. Noch verwirrender wird es, wenn man die Weird Tale einfach mit einer Horrorgeschichte gleichsetzt. Lovecraft zum Beispiel benutzte das unheimliche Element, um sein eigenes Werk zu beschreiben, wurde aber präziser, wenn er es als „Literatur des kosmischen Grauens“ oder „Literatur der Angst“ bezeichnete. Diese Aussagen deuten darauf hin, dass Lovecraft sich selbst im Horrorgenre verortete.

Dennoch sind viele seiner Konzepte und Metaphern der Science Fiction zuzuordnen. In dieser Kombination ist es nicht verwunderlich, dass Lovecraft als Schöpfer des kosmischen Horrors bezeichnet wird, was nicht ganz den Tatsachen entspricht. Elemente des kosmischen Horrors tauchen bereits in der Gothic Novel des frühen 19. Jahrhunderts auf. Namentlich in Bulwer-Lyttons „Zanoni“ – und dann in den 1890er Jahren bei Arthur Machen und Robert Chambers, wenn auch mit ganz anderen existenztheoretischen Ansätzen als bei Lovecraft. In seinem Essay „Supernatural Horror in Literature“ schreibt er, dass er gerade diese Autoren bewundere und in ihrer Tradition schreibe.

Lovecraft hat den kosmischen Horror nicht erfunden, er hat ihn neu interpretiert, indem er die Theorien der modernen Wissenschaft in den Mittelpunkt stellte und gleichzeitig das Element der viktorianischen Moral entfernte. Was Lovecraft schuf, war die Idee des 20. Jahrhunderts – und darin war er Kafka ähnlicher als seinen Vorgängern. Beide Autoren präsentieren ein Universum, in dem traditionelle Sinnstrukturen kollabiert sind: Bei Kafka manifestiert sich das Absurde in undurchdringlichen Bürokratien und unverständlichen Autoritäten, bei Lovecraft in der kosmischen Gleichgültigkeit außerirdischer Wesenheiten. Während Kafka die Entfremdung im sozialen Raum erforscht, verortet Lovecraft sie im kosmischen. Das Universum ist ein leerer, gleichgültiger Ort, in dem es keine spirituelle Bedeutung gibt, keine sinnvolle Handlung, in dem die menschliche Existenz völlig bedeutungslos ist. Beide Autoren formulieren damit – jeder auf seine Weise – das fundamentale Unbehagen der Moderne.

Wie aber konnte Lovecraft den Status erlangen, den er heute genießt? Er war keineswegs der beste Genre-Schriftsteller seiner Zeit. Clark Ashton Smith war der weitaus bessere Stilist, Algernon Blackwood schrieb den besseren Horror, Olaf Stapledon die bessere Science Fiction. Und doch ist es Lovecraft, dem Prachtausgaben gewidmet werden, der Quelle zahlreicher akademischer Studien ist und der von der westlichen kapitalistischen Kultur so absorbiert wurde und wird, dass es an Comics, Spielen und Stofftieren nicht mangelt.

Lovecrafts Cthulhu-Mythos und all die exorbitante Beschäftigung damit verstellen heute den Blick darauf, dass Lovecraft am Ende seines Lebens etwas Neues schaffen wollte, das nichts mit diesem Mythos zu tun haben sollte, dessen er zu diesem Zeitpunkt überdrüssig war, das sich aber dennoch um den kosmischen Schrecken drehen sollte. Aber Lovecraft war nicht anders als die Figuren, die er hauptsächlich benutzte. Lovecrafts typischer Protagonist ist mit zu viel Wissen über die reale Welt belastet. Je mehr er über die Realität des Verlagswesens wusste, desto verzweifelter wurde er. In den letzten fünf Jahren seines Lebens schrieb er noch acht eigenständige Geschichten, darunter Meisterwerke wie „At the Mountains of Madness“ und „The Shadow over Innsmouth“, bevor seine kreative Produktivität nach 1935 fast vollständig zum Erliegen kam. Seine letzte eigenständige Geschichte, „The Haunter of the Dark“, schrieb er im November 1935 – sechzehn Monate vor seinem Tod. Der Verlust seines Freundes Robert E. Howard im Juni 1936 und seine zunehmende Krankheit ließen ihn verstummen.

Sein groteskes Pantheon ist ebenso Teil der Populärkultur wie die Stadt Arkham und die Miskatonic University. Das hätte sich Lovecraft bei seinem Tod 1937 sicher nicht träumen lassen. Zwar hatte er in gewissen Kreisen durch die damals kursierenden Pulp-Magazine einen kleinen Erfolg, aber er blieb bis zu seinem Tod arm und kränklich, bis ihn schließlich der Magenkrebs dahinraffte. Der Literaturtheoretiker Roger Luckhurst nannte ihn einen „unbekannten und erfolglosen Schund-Autor“. Auch in Deutschland galt Pulp-Literatur wie die seine lange als minderwertiger „Schund“ – eine Abwertung, die der deutschen Tradition des kulturpessimistischen Kampfes gegen „Schmutz und Schund“ seit dem späten 19. Jahrhundert entsprach. Und doch ist es nicht Smith, Blackwood, Fritz Leiber oder einer der vielen anderen, denen heute gehuldigt wird. Woran liegt das?

Einerseits war Lovecraft einer der fleißigsten Briefeschreiber der Literaturgeschichte, was nicht zu unterschätzen ist, da er damit bei seinen Lesern und bei anderen Schriftstellern den Grundstein für ein Bewusstsein legte, das in seinem Nachleben Früchte trug. Darüber hinaus war Lovecraft der erste Schriftsteller, der eine fiktive Welt mit anderen teilte und diese sogar ermutigte, sie für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Auf diese Weise erreichten die von Lovecraft geschaffenen Konzepte, Wesen und Welten eine Langlebigkeit, die den Fiktionen anderer Schriftsteller nicht vergönnt war. (Howards Conan ist ein kleiner, aber weniger definierter Ableger dieses Ansatzes). Ein dritter Punkt ist, dass Lovecraft schlichtweg DIE Figur dessen ist, was wir als Weird Fiction akzeptieren, als seltsame oder beunruhigende Geschichten – mit oder ohne übernatürliche Ereignisse -, die sich in einem Zwischenstadium befinden, immer an der Grenze zu etwas anderem, aber nirgendwo eindeutig durchbrechen. Das Spektrum der Weird Fiction, die als Subgenre um 1880 entstand, reicht von Coleridge bis China Miéville. Der Vorteil, Lovecraft hier zu verorten, liegt auf der Hand. So wird er zum einen durch seine Erzählungen, zum anderen durch seinen kanonbildenden Aufsatz „Supernatural Horror in Literature“ zum Mitbegründer und Repräsentanten des Subgenres.

Aber das allein würde wohl nicht ausreichen, um Lovecrafts außerordentliche Bedeutung zu begründen. Tatsächlich sind es die Intelligenz, die Phantasie und die Qualität der besten Geschichten Lovecrafts. Es gab einfach niemanden, der so schrieb wie er. Lovecraft war etwas völlig Neues. Und das ist auch heute noch so, trotz des inzwischen etablierten Subgenres „Lovecraftian Horror“, in dem sich viele versuchen. Das ist das Offensichtliche. Weniger offensichtlich, aber ebenso prägnant ist der perverse Reiz des Lovecraftschen Nihilismus, der zur Marke geworden ist. Seine Fähigkeit, Ekel, Angst und andere kathartische negative Emotionen zu vermitteln und hervorzurufen. Lovecrafts offenes Spiel mit einem Universum, seinem Sinn und seiner Existenz – mit uns darin -, das nicht nur andere Schriftsteller, sondern auch das akademische Ghetto zum Nachdenken herausfordert, was seit Jahren geschieht, all das macht Lovecraft zu einem der interessantesten Fiktionalisten überhaupt.

Der Aufstieg zu einer Art Pop-Ikone vollzog sich jedoch rätselhaft plötzlich und nicht kontinuierlich. Um 1969 setzte ein Run auf die Taschenbuchausgaben von Beagle / Ballantine ein, der dazu führte, dass das Time Magazine auf den überraschenden Erfolg aufmerksam wurde und am 11. Juni 1973 eine scherzhafte, aber respektvolle Besprechung veröffentlichte. Diese Entwicklung war keineswegs zufällig, sondern Teil einer breiteren kulturellen Strömung: Die späten 1960er Jahre erlebten ein Wiederaufleben des Okkulten in der Gegenkultur, begleitet von einem wachsenden Interesse an Hexerei, Satanismus und Paganismus. Der kommerzielle Erfolg von Tolkiens „The Lord of the Rings“ ab 1965 hatte einen Markt für Fantasy-Literatur etabliert, und Verlage wie Ballantine begannen, ältere amerikanische Weird Fiction neu aufzulegen – oft mit luriden Covergestaltungen, die perfekt zum psychedelischen Zeitgeist passten. Lovecrafts kosmischer Nihilismus und seine Vision eines gleichgültigen, sinnlosen Universums trafen den Nerv einer Generation, die traditionelle Werte und Autoritäten in Frage stellte.

Sicherlich hatte August Derleth, der selbsternannte Sprecher in Sachen Lovecraft, einen großen Anteil daran, allein schon dadurch, dass er immer wieder zeigte, dass Lovecraft ein kühner Denker war und keineswegs nur der exzentrische Weggefährte, für den man ihn lange hielt. Und nicht zuletzt war es Derleth, der den „Cthulhu-Mythos“ als Marke erfand. Derleths Verdienst, diese Pseudomythologie (beginnend mit „The Call of Cthulhu“, 1926) fachmännisch geordnet, ergänzt und chronologisch geordnet zu haben, ist selbst so komplex und noch nicht erschlossen. Sein Beitrag zu diesem Phänomen ist jedoch außergewöhnlich.

Sein eigener Beitrag zum Cthulhu-Mythos ist jedoch völlig uninspiriert, vor allem weil er die grundlegende philosophische Bedeutung von Lovecrafts Texten missversteht. Als gläubiger Katholik überlagerte Derleth Lovecrafts kosmischen Horror mit einer manichäischen Gut-gegen-Böse-Struktur, die dem lovecraftschen Universum fundamental widerspricht. Er erfand „Elder Gods“ – wohlwollende kosmische Gottheiten, die die Menschheit vor den „bösen“ Old Ones beschützen – und schuf damit eine christliche Allegorie, wo Lovecraft kosmische Gleichgültigkeit gemeint hatte. Zusätzlich ordnete Derleth die außerirdischen Wesenheiten den vier klassischen Elementen (Feuer, Wasser, Erde, Luft) zu, wodurch er ihnen genau jene Fremdartigkeit und Unbegreiflichkeit nahm, die Lovecrafts Horror ausmacht. Lovecrafts Schrecken speist sich gerade daraus, dass das Universum nicht in menschliche Kategorien passt, dass es keine moralische Ordnung gibt, keine Rettung – nur Indifferenz. Derleths gut gemeinte Systematisierung verwandelte diese nihilistische Vision in ein konventionelles Fantasy-Abenteuer.

Den endgültigen Beweis, dass Lovecraft auch die akademische Welt infiltriert hatte, lieferte die große H.P. Lovecraft-Konferenz der Brown University (August 1990), auf der Wissenschaftler aus aller Welt drei Tage lang in Podiumsdiskussionen über Lovecrafts reiches Werk, Leben und Denken debattierten. In dieser Zeit erschienen unzählige wichtige Bücher über Lovecraft, und die renommierte Literaturzeitschrift American Literature stellte fest: „Jeder, der Lovecraft jetzt noch ignorieren will, sieht sich eindeutig in die Defensive gedrängt“.

Die Weihnachtsgeschichte hinter der Weihnachtsgeschichte

Es war einmal ein Schriftsteller, der ein Weihnachtsmärchen erzählte. Es handelt von einem Mann namens George Bailey aus Bedford Falls, der sich am Heiligabend in den Fluss stürzen will, weil er keinen Sinn mehr sieht. Wie der letzte, absolute Versager kommt er sich vor. Und in seinem ganzen Jammer und Kummer meint er, dass es den Menschen in seiner Stadt, die geliebte Ehefrau und die gemeinsamen Kinder eingeschlossen, ohne ihn viel besser gehen würde. Aber dann taucht ein seltsamer Fremder auf und öffnet ihm auf schon recht wundersame Art die Augen. Der geheimnisvolle Retter entpuppt sich als Engel, der sich seine Flügel noch verdienen muss, indem er Gutes tut. Im speziellen Fall einen Mann, der sich dummerweise umzubringen gedenkt, wieder seinen gescheiten Weg zurück in das Leben finden zu lassen. In ein so seliges, harmonisches, wunderbares Leben, dass man vor lauter Rührung herzhaft gähnen möchte.

Aber schön ist es eben doch

Nun erzählte der Schriftsteller, dessen Name Philipp Van Doren Stern lautete, sein Weihnachtsmärchen und hoffte auf ein Chapeau!, aber niemand hörte wirklich zu. Und niemand zog folglich den Hut vor ihm! Er schrieb „The Greatest Gift“ im November 1939, bot seine Kurzgeschichte verschiedenen Verlagen an und musste zu seiner grenzenlosen Enttäuschung einsehen, dass wohl niemand Interesse an einer Veröffentlichung hatte. Beirren ließ er sich davon aber nicht, sprich, er zerriss und verfeuerte sie nicht gar oder schrieb sie gequält um, sondern verwahrte sie einfach ordentlich und wohl auch geduldig auf.

Nach dicker Enttäuschung der große Erfolg

Als 1943 die Feiertage wieder vor der Tür standen, verschickte Philipp Van Doren Stern „The Greatest Gift“ an 200 Freunde und gute Bekannte als seine persönliche Weihnachtspost. Wohl eine Herzensangelegenheit! Die sich dann aber tatsächlich als goldrichtige Idee herausstellte. Denn zufällig fiel dem Produzenten David Hempstead die Geschichte in die Hände. Und der war begeistert, sah im Geiste schon den smarten Hollywood-Gentleman Cary Grant als George Bailey niedergeschlagen auf der verschneiten Brücke über dem Fluss stehen und kaufte dem überglücklichen Verfasser die Filmrechte für 10.000 US-Dollar ab. Das war eine stolze Summe für die damalige Zeit, und Van Doren Stern durfte sich denn auch wahrhaftig über sein eigenes Weihnachtsmärchen freuen. Und darüber wundern, wie magisch das Leben manchmal so spielt.

Das alles freilich wiegt natürlich nicht auf, dass der Film, der auf seiner Geschichte basiert, „It’s a wonderful Life“ getauft wurde und 1946 in die Kinos kam, heute noch weltweit ausgestrahlt wird, ohne, dass sich jemand an die besonderen Umstände, die ihn möglich gemacht haben, tatsächlich erinnern kann. Zumal man schon etwas Film-Knowhow und eben auch ein gewisses Alter erreicht haben muss, um überhaupt noch die ehemals großen Namen richtig zuzuordnen.

Regie führte Frank Capra, der zwei Jahre zuvor mit „Arsen und Spitzenhäubchen“ einen Evergreen gelandet hatte. Den George Bailey spielte letztendlich James Stewart, weil Cary Grant terminlich ausgebucht war. Stewart dürfte auch jüngeren Filmfans vertraut sein, er übernahm in den 1950ern Hauptrollen in absoluten Hitchcock-Klassikern wie „Das Fenster zum Hof“, „Der Mann, der zuviel wusste“ und „Vertigo“. Als Mary Hatch Bailey, Ehefrau von George, wurde die noch recht unbekannte junge Schauspielerin Donna Reed engagiert, die 1953 den Oscar erhielt als beste Nebendarstellerin in „Verdammt in alle Ewigkeit“.

Weihnachtswunder-Erzähler hat „nur“ geträumt

Und Weihnachtswunder-Erzähler Philipp Van Doren Stern? Der war weiterhin erfolgreich auf seinem Spezialgebiet, dem Verfassen historischer Arbeiten, ganz speziell über den amerikanischen Bürgerkrieg. Als Herausgeber veröffentlichte er auch Werke von Edgar Allan Poe und Thomas De Quincey. Über ihn als Autor weiterer Fantasy-Kurzgeschichten ist freilich nichts zu finden. Die große weite Welt weiß aber eben von dieser einen, und das ist viel, vermutlich viel mehr als genug. Er selbst bekundete, auf seine Idee zu „The Greatest Gift“ angesprochen, die Geschichte sei ihm im Traum eingefallen. Eine gescheite, da passend (be-)rührende Erklärung für ein Weihnachtsmärchen mit Halleluja-Ende.

In der deutsch synchronisierten Fassung lief „It’s a wonderful Life“ unter dem Titel „Ist das Leben nicht schön?“ am 16. Dezember 1961 erstmalig in der ARD. Und läuft und läuft, immer pünktlich zur Weihnnachtszeit rund um den Globus. Ein absoluter Klassiker mit Magie und Moral.

Die Story sei hier nur skizziert, wer sie kennt, darf sentimental lächeln, die mit ihr Unvertrauten lächeln einfach milde mit. Denn nicht vergessen: Es ist Weihnachten! Zwar schwarz-weiß, aber wenn schon.

George Bailey, gepeinigt von Schulden, Zukunftssorgen und der Einbildung, er sei nutzlos für alles und jeden, wird von einem Engel in Gestalt eines liebenswürdig aussehenden, älteren Mannes davon abgehalten, seinem ihm so hoffnungslos erscheinenden Leben ein Ende zu setzen. Der Engel namens Clarence (Henry Travers) versetzt George an diesem Heiligabend in eine Welt, in der er nie geboren wurde. Was soll man sagen? Das friedliche, idyllische Städtchen Bedford Falls hat plötzlich Striplokale und Spielhöllen und wird regiert vom fiesen, profitgierigen Henry F. Potter, dem George sowieso einen Großteil seiner Misere zu verdanken hat.

George irrt durch seinen Heimatort, niemand erkennt ihn, aber alle sind von einem anderen, übleren Schicksal geprägt. Sein Bruder ist schon als Kind gestorben, weil kein George dagewesen ist, der ihn hätte retten können vor dem Ertrinken; seine Frau Mary ist eine hausbackene Jungfrau, weil es keinen George gegeben hat, in den sie sich hätte verlieben können. Die vier Kinder existieren logischerweise nicht. Und etliche Menschen in der Stadt, denen der gutherzige George geholfen hat, haben eben diese Hilfe nie erhalten und sind irgendwie irgendwo versackt.

Ohne George läuft nichts Gutes im Städtchen

George erkennt, dass sein Leben bis dato und seine weiteren Wege sehr wohl jede Menge Sinn hatten und haben und noch haben werden, und er wünscht sich das Ende oder überhaupt etwas anderes als das Tatsächliche partout nicht mehr. Das wird ihm erfüllt. Und nicht nur das: In seiner Abwesenheit haben all seine Freunde für ihn gesammelt, und George ist seine Schulden an Potter, – die eh‘ keine ehrliche Grundlage haben – , endlich los. Land ist in jeder Beziehung in Sicht. Clarence, dem Engel, schenkt die himmlische Macht für seinen großartigen Einsatz die ersehnten Flügel, und alle singen gemeinsam glückselig unter dem Weihnachtsbaum.

Hark! the herald angels sing„Glory to the newborn KingPeace on earth and mercy mild,God and sinners reconciled!“

Immer noch so schön, dass man…

Wer das jetzt nicht nachvollziehen kann, hat nie mit Oma Aenne und Opa Ebsche, Oma Mia und Opa Peter, mit den Geschwistern und den Eltern und irgendwann mit den eigenen Kindern und Enkelkindern, – jetzt wird’s richtig gruselig alt, egal – , „Ist das Leben nicht schön?“ gesehen. Und geantwortet:

„Wie schön.“

„Ja. Schön.“

„Immer noch schön.“

So schön, dass man vor lauter Rührung herzhaft gähnen möchte. Aber das hatten wir schon. Noch was vergessen? Aber ja: Schöne Weihnachten!