Dämonische Besessenheit

Solange es Gottheiten gibt, gibt es auch Teufel, die sich im ewigen Kampf um menschliche Seelen befinden. Von den Sumerern bis zu heutigen Sekten enthält jede Religion dualistische Elemente, Licht und Dunkel, Gut und Böse, Engel und Teufel, binäre Gegensätze, die die Gläubigen ängstlich und brav halten sollen. Teufel befeuern dabei die dunkle Seite dieser Gleichung. Sie symbolisieren das, was uns passiert, wenn wir die Regeln nicht befolgen. Sie lauern auf unvorsichtige Sünder, verspotten, verführen und nehmen schließlich Besitz von unserem Verstand und Fleisch und verurteilen uns zu körperlicher Zerstörung und geistiger Verdammnis.

Besessenheit

Dämonische Besessenheit ist – wie das Geisterhaus – ein altes, kulturübergreifendes Phänomen. In alter Zeit war sie eine nützliche Erklärung für psychische Erkrankungen, neurologische Traumata, Tourette-Syndrom, unterdrückte Sexualität, Epilepsie, Halluzinationen und sogar für unartige Kinder. Jedem, der von einem Dämon besessen ist, wird es geschehen, die Kontrolle über den vitalen, zivilisierten Teil seiner selbst zu verlieren; die Opfer sind nicht verantwortlich für das Zucken ihrer Gliedmaßen oder die Obszönitäten, die aus ihrem Mund sprudeln. Die Besessenen sind über den Zustand der bewussten Sünde hinausgelangt.

Wenn übernatürliche Kräfte schuld sind, dann gibt es kein wirkliches Versagen der sozialen Ordnung, keine wirkliche Bedrohung durch bewusste Rebellion. Nachdem ein entsprechend qualifizierter Hexenjäger, Exorzist oder Dämonologe mit unsichtbaren Waffen die mysteriöse Bedrohung bekämpft hat, wird dadurch das Kräftegleichgewicht wiederhergestellt. Ein Hexenprozess oder ein Exorzismus ist der perfekte Schauplatz für religiöse und politische Autoritäten, um ihre Version des Gesetzes zu untermauern – und kann für eine dramatische, intensive Erzählung sorgen.

Es ist kein Wunder, dass dysfunktionale Individuen im Laufe der Geschichte auf dämonische Besessenheit als die Wurzel ihres unchristlichen Verhaltens verwiesen haben, von den Incubi-geplagten Nonnen in Santa Lucia im mittelalterlichen Italien, über die rachsüchtige Throckmorton-Familie im elisabethanischen England bis zu den hysterischen Mädchen von Salem, Massachusetts reicht diese Palette. Es ist die ultimative Verteidigung für jede Art von Abweichung: Der Teufel hat mich dazu verleitet.

Hier triumphiert der Aberglaube immer wieder über die Wissenschaft, nicht zuletzt, weil das Ringen mit echten Dämonen mehr Nervenkitzel erzeugt als mit psychischen Krankheiten zu kämpfen. Es ist leicht einzusehen, warum solche Geschichten über Jahrhunderte ihre Anziehungskraft ausübten. Ein teuflisch-verseuchter Charakter bietet dem Leser eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Bösen, in seiner ganzen grunzenden, grimassierenden, gliederverdrehenden Herrlichkeit.

Manchmal bietet uns die Geschichte die klarste Sicht auf die Dinge. Ein berüchtigter Fall von Massenbesessenheit unter den Ursulinischen Nonnen in Loudun (Frankreich) von 1632-16 inspirierte mehrere Theaterstücke, Filme und Bücher des 20. Jahrhunderts. Aldous Huxleys Non-Fiction-Roman, Die Teufel von Loudun, ist hier die ideale Einführung in die wichtigsten Konzepte der Besessenheit und bietet die endgültige Analyse über Exorzismus mit der anschließenden Erkenntnis, dass das einzige Vergehen aus dem Bösen besteht, das Menschen veranstalten.

Der Exorzist

Zwanzig Jahre nach Huxley veröffentlichte William Peter Blatty seine klassische Interpretation des Phänomens in „Der Exorzist“. Wie Huxley war er von einem “echten” Fall dämonischer Besessenheit fasziniert, der in Zeitungsberichten (bekannt als “Roland Doe”, der später als “Robbie Mannheim” identifiziert wurde) beschrieben wurde, und der von katholischen Priestern im Jahr 1949 einem Exorzismus unterzogen wurde. Nachdem seine geplante Drehbuch-Karriere in den späten 1960er Jahren fehl schlug, suchte Blatty Ideen für einen Roman und begann sich an den Fall zu erinnern. Er erhielt ein Tagebuch, das von einem der beteiligten Priester geschrieben wurde und machte das zur Grundlage für sein Buch.

Anders als Huxley bauschte Blatty viele Aspekte dieser Besessenheit zu einer Sensation auf, indem er das Opfer (in seiner Version ein zwölfjähriges Mädchen und nicht der vierzehnjährige Junge des Quellenmaterials) in ein physisches und philosophisches Schlachtfeld einrahmt. Er beschreibt die teuflischen Wunder, die über Regans beflecktem Fleisch stattfinden, als Tatsache:

“Hysterisch kreischend und mit den Armen schlagend, schien ihr Körper sich horizontal in die Luft über ihr Bett zu werfen und dann brutal auf die Matratze geschleudert zu werden. Es geschah schnell, immer und immer wieder … Sie miaute wie eine Katze, bellte dann, und wieherte.”

Blatty ließ nie die Möglichkeit zu, dass sie das alles vorgetäuscht haben könnte. Der Teufel in Regan traktiert sie systematisch durch alle notwendigen Kriterien der katholischen Kirche für eine echten Besessenheit – sie plappert in fremden oder alten Sprachen, demonstriert übernatürliche Kraft, zeigt Abneigung gegen heilige Objekte, kennt alle Geheimnisse über die kürzlich verstorbene Mutter des Priesters Karras und erfreut sich an Blasphemie und Obszönitäten.

Ärzte bezeugen das Phänomen, können aber keine überzeugende medizinische Erklärung liefern. Sogar Pater Karras, der im Seminar ausgebildete Psychiater, ist nicht in der Lage, die Anzeichen und Wunder ihres Zustands in Bezug auf die moderne Wissenschaft zu diagnostizieren. Die ersten zwei Drittel des Buches schöpfen alle vernünftigen Möglichkeiten aus, bis nur noch die Anwesenheit von Dämonen die einzige Option ist, die übrig bleibt. Dies ebnet den Weg für das feierliche, fesselnde Exorzismusritual des dritten Aktes und Karras’ letztes Opfer als die einzig mögliche Lösung in Bezug auf Regans Leiden und seiner eigene Glaubenskrise. Er ist ein kaltherziger Atheist, der am Ende des Romans noch immer nicht glauben will.

Sowohl Blatty als auch die katholische Kirche haben ein Eigeninteresse daran, das Etikett “auf einer wahren Geschichte beruhend” an den Exorzisten zu hängen. Blatty schlug erheblich Kapital aus dem Buch und dann auch aus dem Film mit dem Beharren auf Faktizität, die seine Arbeit über die der üblichen Verdächtigen in der Horror-Branche erhebt. Das katholische Establishment, in der Regel keine Anhänger der Popkultur, lobte den Roman in der vatikanischen Literaturzeitschrift Civilta Cattolica mit “350 Dankesschreiben an die Jesuiten” aus gutem Grund. Der weltweite Hype um den Exorzist führte dazu, dass verlorene Sünder in Scharen in den Beichtstuhl zurückkehrten.

Zu dieser Zeit einzigartig für einen Horrorroman, liegt der dauerhafte Reiz des Exorzisten also in seiner offensichtlichen Wahrhaftigkeit, obwohl diese “wahre Begebenheit” längst gründlich als ausgedehnter Streich einer emotional gestörten Jugendlichen entlarvt worden ist.

Shownotes:

Die Hexenprozesse gegen Urbain Grandier

Ash forever: Teufelskerl mit Kettensäge

Ashley J. Williams ist dieser Kerl, der 1987 seine Freundin Linda köpft und sich mit der Kettensäge die Hand abtrennt. Kein Irrer. Kein Killer. Ein Held. Unser ganz spezieller seit dem legendären „Evil Dead“, in dem Regisseur Sam Raimi zum Tanz in der Hütte bittet. Prinzipiell eine alte Geschichte. Wird aber immer wieder gern erzählt. Trotzdem natürlich lange her. Sebastian Vettel, Lionel Messi und Amy McDonald werden 1987 geboren. Berlin feiert 750. Geburtstag, „Dirty Dancing“ kommt in die Kinos, Mathias Rust landet auf dem Roten Platz, Bon Jovi singt „Livin‘ on a Prayer“, Ashley J. Williams wirbelt wirren Blickes durch die genannte Waldhütte, rangelt im Kellerloch mit einer hässlichen Furie und blättert zum zweiten Mal im Necronomicon Exmortis, dem Buch des Todes, mit Blut geschrieben, in Menschenhaut gebunden. Alles in Ordnung soweit, es geht voran.

Prokino

Auch in Tanz der Teufel II, munter versprochen: Jetzt wird noch mehr getanzt, aber merke: Dead by Dawn. So sei es. Ashley „Ash“ J. Williams opfert, wie eingangs mit Vorfreude auf deutlich mehr erwähnt, Linda und seine Hand für den einwandfrei guten Zweck. Es ist eine besessene, böse Hand, keine, die man wirklich vermissen dürfte, wenn einem der eigene Kopf rät, besser ohne sie weiter zu leben. Und da lacht auch keine liebreizende Linda mehr, sondern eine schauerliche Dämonin ohne eventuelle Aussicht auf eine Rückverwandlung. Ash, völlig panisch und (wahn-)sinnig bemüht, nicht den durchaus sympathischen Verstand zu verlieren, zerstückelt und enthauptet sie. Das macht er auch richtig, weil er so ungefähr ahnt, was wir Eingeweihten allemal wissen: Kopflose Höllenmonster, Zombies, Vampire und eben Dämonen sind halb so wild und bleiben meistens unter der Erde, wenn man sie begräbt. Manchmal auch nicht, dann muss man eben noch einmal ran.

Ash ist so einer, der auf seine innere Stimme hört. Nicht immer sofort, öfter auf denkwürdigen, von unfreundlichen Wesen begleiteten Umwegen, aber im Regelfall tapfer und clever genug, um mit heiler Hut davon zu kommen. Um nebenbei die Welt zu retten. Das schöne Mädchen abzukriegen. Und letztendlich bloß nie die Kettensäge zu vergessen.

Ash forever: Wer hätte damals ernsthaft gedacht, dass der schwer traumatisierte, – oder doch nicht so wirklich? – , notwendigerweise toughe und prinzipiell tolle Typ, der den spektakulären ersten „Tanz der Teufel“ 1981 überlebte, zu einer der Ikonen des B-Movie werden sollte? Elijah Wood , Florian Silbereisen und Roger Federer erblicken 1981 das Licht der Welt, Phil Collins singt „In the Air tonight“, Walt Disney zeigt „Cap und Capper“, Wolfgang Petersen „Das Boot“ und Steven Spielberg „Jäger des verlorenen Schatzes“. Sam Raimi zeigt den „Evil Dead“ mit seinem Brüderschafts-Sandkastenfreund Bruce Campbell vor der Kamera.

Der Kerl hat dieses erfrischend unkomplizierte Etwas. Ein junger Heißsporn mit jenem diabolischen Schalk im Nacken, dem man nicht unbedingt böse sein kann, wenn es denn richtig böse wird. Und Raimi selbst hat als grad mal 22jähriger alles im Kasten, was man so braucht, um Kult-Kino zu schaffen: Einen feschen jungen Hauptdarsteller, der ungezwungen beides kann, – Witz und Horror – , eine nicht zu anstrengende Grundidee, die herrlich schreien, Angst haben und trotzdem schräg grinsen lässt, eine Hütte im Wald, die jeder haben sollte, der ganz wunderbar ohne Friede-Freude-Eierkuchen leben kann.

Prokino

Bruce Campbell, der Smarte mit dem Charakterkinn, alias Ashley J. Williams macht groß Karriere: Im dritten Teil der Horror-Fun-Splatter-Reihe, Army of Darkness aus dem Jahr 1993, die im finsteren Mittelalter spielt, ist er längst der von seinen Fans sehnsüchtig Erwartete. Ein Mann, der um den Globus geht mit seiner abgedrehten Mimik und Gestik, absoluter Power-Typ, wenn‘ sein muss, – und natürlich muss es! – , aber grundsätzlich wider Willen und Lust, denn eigentlich ist er ja ein ganz Normaler mit ganz normalem Job: Verkäufer im S-Markt, in dem man für den üblichen Hausgebrauch die berühmte Flinte erwerben kann, die Ash nebst Kettensäge als ausgesprochen nützlicher Hand-Ersatz mit sich führt, um mal eben die Lebenden vor den (Un-)Toten zu retten. Und die er den verdutzten, gleichwohl mächtig beeindruckten Rittern mit ihren Schwertern gut siebenhundert Jahre vor seiner eigenen Zeit als seinen „Boomstick“ anpreist, als wäre er kurzfristig wieder hinter seiner Ladentheke, um Provision zu kriegen.

„Okay ihr stumpfsinnigen Blechköpfe, jetzt hört mal zu. Seht ihr das hier? DAS ist mein Zauberstab! Eine doppelläufige Remington Kaliber 12. Das beste Modell im S-Markt. Zu finden in der Sportwaren-Abteilung. Dieses Baby wurde in Grand Rapids, Michigan gefertigt. Und nur 195 Stück für den Einzelhandel. Es hat einen echten Walnussschaft, der Lauf ist eine Kobaltstahl-Legierung mit klassischem Doppelabzug. Ja richtig. Kauf smart! Kauf im S-Markt!“

Die „Armee der Finsternis“ darf es sich leisten, nicht mehr rund um die schäbige Blockhütte im Wald aufzumarschieren. Wurde „Tanz der Teufel“ noch mit sehr wenig Geld, sehr viel Phantasie, Effekt- und Splatter-Zauber und noch mehr Enthusiasmus gedreht, so stand für den dritten und letzten Teil aufgrund des bombastischen Erfolges des Schwarze-Liste-Hits die Finanzierung völlig außer Frage. Auf Phantasie, Zauber und Enthusiasmus setzte man bewährt und goldrichtig.

In Army of Darkness katapultieren vertraut-verhasste dämonische Kräfte, mit denen Ash sich seit 1981 auseinandersetzen muss, ihn und seinen 1973er Oldtimer in eine düstere Epoche, die mit Zombie-Armeen, Skelett-Legionen und einer liebreizenden Schönheit, die zwischenzeitlich unfreiwillig sehr böse wird, dem „normalen Kerl“ mal wieder abverlangt, alles zu geben. Und erneut ist es dieses gruselige Buch, das Necronomicon, das ihm übel mitspielt. Prophezeit wird, dass es, wenn es in die falschen Hände gerät, ganz unsagbaren Schrecken über die Menschheit bringt. Um das zu verhindern, muss Ash sich die richtigen Worte merken. Klaatu barata nikto! Nicht ganz so schwer, aber wenn man recht viel um die Ohren hat, geht schon mal was unter. Ash hat. Davon jede Menge. Er sagt „Klaatu… barata… (räusper)…nekti, Nektarine, Nickel. Nudel. Ein Wort mit ,n‘, es war ein Wort mit ,n‘!“. Ergo nicht ganz korrekt und umso besser für uns alle, denn damit beginnt das eigentliche Schlamassel, für das sein Name steht: Ashley J. Williams. Und so sollte es bleiben.

Der Jahrtausendwechsel kam dann scheinbar ohne ihn, er war gestern, und wir sprachen über ihn wie über einen, der den Ozean durchschwommen hat und sich endlich ausruhen darf. Über einen, dessen Name den Stern im Register derer verdient, die uns als Eigenmarke begleitet haben. Über einen, der alt wird wie wir und der uns gleicht. Über einen großen Gewesenen. Stimmt aber so nicht. 2008 kürte ihn das Empire Magazine zum 24. größten Filmcharakter aller Zeiten. So was gilt für die Ewigkeit.

Ash, auch Promi-Figur in Comics und Videospielen, gilt längst schon als statement: Auf T-Shirts steht The guy with the Boomstick, Klaatu barata nikto und, für die ganz Entschlossenen, I am Mrs. Bruce Campbell.

Senator Filmverleih GmbH

2015 tauchte Campbell als Ash an der Seite seines Seelenverwandten Sam Raimi wieder auf, der sich zwischenzeitlich mit Spiderman in drei sensationellen Akten beschäftigt hat. Ash vs. Evil Dead ist eine US-amerikanische Horror-Comedy-Serie in drei Staffeln (2015 – 2018), die dreißig Jahre nach dem Mittelalter-Abenteuer anknüpft. Campbell spielt mit dem charmanten Selbstverständnis eines Profis, der sich selbst nicht überinterpretiert und eben nur so ernst und wichtig nimmt, wie man es im Genre gern hat. Ash, grauer und noch großmäuliger geworden, macht anfangs zwar einen auf zugedröhnter, geiler, schmieriger Fatzke ohne das geringste Interesse an Verantwortung und, ganz wichtig natürlich, an der Vergangenheit. Das aber ändert sich in rasantem Tempo. Das Necronimicon lauert, lechzt und giftet schon, das mächtig Böse holt Ash wieder ein. Er entstaubt Kettensäge und Schrotflinte, holt sich Pablo aus der Mall an die erprobte Seite und nimmt den Kampf auf. Es geht um nicht weniger als um die Rettung der Erde, und die kommt als hochgradig effektvolle, splatter-schaurig-komische Angelegenheit daher. Ash macht’s möglich. Keine Zeit für Unbescheidenheit.

Once again I saved the world. Now it’s time to get the girl.

Vorher ist aber noch Meeting in der Hütte. In der ist’s ungemütlich geblieben, da wollte eigentlich niemand freiwillig wieder hin. Aber bleibt man sitzen, wenn die Musik immer noch zum Tanz aufspielt? Teufel auch, im Leben nicht.

Scream Queens: Eins, zwei, Schrei!

Kreischende Frauen sind zweckgebundene Stimmwunder. Ohne sie wären die meisten Horrorfilme deutlich leiser. Optisch auch unschöner, das nebenbei. Schreiende Frauen sind oft überirdisch attraktiv. Denen steht es gut zu Gesicht, wenn sie die Augen (visuell wichtig) und dann den Mund aufreißen, um akustisch loszulegen. Im Alltag ist das nicht so, aber wir begeben uns auch nicht zuerst in Garderobe und Maske, bevor wir uns genötigt sehen, laut, sehr laut zu werden. Schreien ist ausgesprochen effektiv. Immer. Weil man es HÖREN kann.

Das ist jetzt keine besondere Erkenntnis, zählt aber für Theater, Kino und TV durchaus als Hauptargument. Vera Miles als Lila Crane in Psycho schreit einwandfrei. Eben exakt so, wie man wohl beim Anblick des Leibhaftigen schreien würde. Als Entdeckerin der präparierten Mutterleiche im Keller sieht sie sich mutmaßlich ähnlich konfrontiert. Derart Furchtbares zu erblicken, dann fürchterlich loszukreischen… alles nachvollziehbar. Wie auch der Entsetzensschrei ihrer Schwester Marion (Janet Leigh) unter der weltberühmten Bates-Dusche. Das Bild haben wir im Visier? Gut. Ganz fett und blutrot unterstrichen ist der Leinwandschrei für uns spätestens seit Halloween. Und für Halloween gilt erstmal als Nonplusultra:

Milliarden Fliegen können sich nicht irren.

Millionen Zuschauer auch nicht. Da wären einerseits ein Riesenhaufen Pferdemist, im speziellen Fall, – Protest sei akzeptiert -, ist HalloweenDie Nacht des Grauens gemeint, und andererseits ein weltweiter Kinokassenknüller und Sofa-TV-Knaller. Und wenn auch der Genre-Klassiker von 1978 inhaltlich hier und da und dort sowieso schwächelt und Tiefgang geschickt vermeidet, um hübsch garstig auf erfolgreichen Fliegenfang (Zitat oben: Lexikon des Horrorfilms, 1989) zu gehen, so zählt das herzlich wenig, wenn die Krone erst mal auf dem Kopf sitzt. Halloween, eine Low-Budget-Regie-Arbeit von John Carpenter, ist absolut Kult und gilt als Vorreiter zahlreicher Klischees, die immer wieder gern in den typischen Slasher-Filmen der 1980er und 90er mal nackt übernommen, leicht umgeändert und noch etwas fieser ausgebaut wurden.

Das unbedingte MUSS dabei: Der SCHREI! In Halloween wurde geschrien. Danach und bis heute und übermorgen immer wieder. Laut. Lang. Hoch. Schrill. Kreischend. Grell. Gellend. Gut. Genial. Man schrie. Sie schrie. Den Anfang machte Jamie Lee Curtis. Sie schrie sich ganz nach oben. Sie war, – und blieb -, die Scream-Queen.

Frauen schreien einfach besser

Diese königliche Gattung Mensch/Frau im Horrorfilm-Genre behauptete sich in der Folgezeit als superbes Schockmittel, um verschreckte Zuschauer noch tiefer in ihre Kinostühle und Sofakissen zu drücken. Die Courage sinkt, dafür steigt der Blutdruck. Schlimmste Schreie sind einfach nur phantastisch, weil sie fürchterlich gut schlimm sind. Männer schaffen das durchaus auch, aber Frauen schreien zweifellos einfach besser, die schreien, wie Schreie klingen müssen, um sich direkt ins Hirn zu bohren und die Nerven zu zerbeissen. Stimmt? Stimmt.

Bewiesen haben das eindrucksvoll und nachhaltig nachhallend Neve Campbell (Scream), Adrienne King (Freitag, der 13.), Heather Langenkamp (Freddy Krueger – A Nightmare on Elm Street), Jennifer Love Hewitt und Sarah Michelle Gellar (Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast), Patricia Tallmann (Armee der Finsternis), Adrienne Barbeau (Das Ding aus dem Sumpf), Nancy Allan (Blow Out), Naomi Watts (King Kong, The Ring) und Jamie Lee Curtis (Halloween, TheFog). Eben.

Janet Leigh, Vera Farmiga, Shelley Duvall, Jamie Lee Curtis

Der Scream-Queen Curtis, Tochter von Janet Leigh und Tony Curtis, zwischenzeitlich aufgrund Beauty-Stählung auch „The Body“ genannt, bescherte der Sensations-Erfolg von Halloween – Die Nacht des Grauens nach dem Kinostart 1978 eine Flut an Angeboten für ähnlich angelegte Rollen. Er gab ihr zugleich die Bühne frei für eine Weltkarriere, sie spielte bis dato in überwiegend anders gelagert starken Filmen, übernahm aber auch weiterhin den Part der Laurie Strode in den (zu) vielen Fortsetzungen um den psychopatischen Killer Michael Myers.

Die erste Frau, die Augen und Mund derart weit aufriss, dass das Knochenmark bis ins nächste Jahrhundert hinein kochte, war Jamie Lee Curtis freilich nicht. Schon im Stummfilm schrie die von Furcht, Abscheu und Angst gepeinigte Heldin. Das hörte man (natürlich) nicht, das sah man, und das war fürwahr im Regelfall dramatisch. Die Bedrängte, Gejagte, Bedrohte, blass geschminkt mit dunklen Lippen und großen Puppenaugen, die Frisur künstlerisch zerzaust, das Kleid dezent zerrissen, war eine Meisterin der Pantomime.

Stumme Schreie im Panoptikum

Licht aus, Spot an, wir befinden uns im Wald, Keller, in Gasse, Gosse, Schmutz oder Luxus, egal. Eine begehrenswerte Frau. Hilflos. Logisch. Daneben, davor, dahinter, ein Mann oder Monster, auch relativ egal. Sie fuchtelt tänzelnd mit den Händen, zieht an ihren Haaren, öffnet den Mund. Leicht. Der Pianomann neben der Leinwand schlägt gefährlich flüsternde Töne an. Sie wirft den Kopf zurück, in den Nacken, zur Seite, der Körper bebt, zittert, sie öffnet mehr. Vom Mund. Der Pianomann bearbeitet die düsteren Tasten. Sie schwankt hin und her und lässt in Augen blicken, von denen man glaubt, noch runder, erstaunter, entsetzter können die nicht werden. Der Pianomann im schwarzen Anzug gibt alles. Die Musik lebt. Sie ist Angst. Die Akteurin öffnet die Lippen ganz weit. Schrecklich gut weit. Voilá. Der Schrei, die Schreie. Das Publikum im Panoptikum zuckt zusammen, ballt verkrampft die Fäuste, wischt sich den Schweiß von der Stirn, atmet nicht mehr, kaum, dann tief durch, nickt sich gequält und doch so verwirrend begeistert zu: Oh Gott und Teufel auch noch, da schreit eine Frau. Eine schreiende Frau in fürchterlicher Not. Welch großartige Tragödie. Welch großartiger Film.

So war das, so geht das eben auch. Trotzdem erfreulicherweise erfand man für das Kino den Ton. Und der bereitete einigen Schauspielerinnen, bis dato echte Stars ohne für die damalige Zeit nennenswerte Darstellungs-Probleme, ernstzunehmende Kopfschmerzen: Sie konnten nicht so schreien, wie es erwartet und verlangt wurde. Das war Pech. Kurzfristig aber nur bedingt. Pfiffig erfand man in Hollywood den Beruf der „Schreierinnen“. Diese hielten ihre Stimme für die kläglich an eben dieser gescheiterten Schauspielerinnen her. Das geschah meist live im Studio, in späteren Jahren synchronisierten sie unterstützend auch die betreffenden Szenen. Die Schreie wurden bereits in den 1930er Jahren aufgepeppt durch sich weiter entwickelnde Technik. Dazu passende Geräusche dienten zur Untermalung der Flucht vor dem Bösen, die zumindest für die Hauptdarstellerin im Regelfall nicht in einer Blutlache endete. So richtig Paroli bot sie ihrem Verfolger nicht: Sie wurde gehetzt, gejagt, fast geschnappt, schrie sich durch die Kulissen und hoffte auf ihren Retter. Der kam. Gutaussehend. Stark. Schlau. Ein Mann. Der Mann. Er war in den ersten Jahrzehnten des Films bis in die 1990er üblicherweise zur Stelle und machte das schon, weil die Frau schreiend floh und fliehend schrie und ergo nicht groß Zeit zum Nachdenken und wirklich clever reagieren hatte. Wenn die Situation denn so war. Blieb sie ja nicht. Apropos: Weglaufen klappte auch nicht immer. Wer erst mal auf einer Affenhand sitzt…

Hollywood-Job: Professionelle Schreierin

Der US-amerikanischen Film-Schönheit Fay Wray bescherte ihr mordmäßiger Ton in King Kong einen Auftritt, wie er sich für die erste wahre Scream-Queen gehörte: Sie stieß 1933 als „weiße Frau“ bei ihrer Begegnung mit dem legendären Urwald-Riesen wirklich markerschütternd schreckliche Schreie aus, typisch weiblich hoch, höchst vernehmlich und höchst gekonnt. Das gilt als legendär. In den Folgejahren wurde startklar für Stimmstärke, möglichst perfekt und nach bestem Wissen und Gewissen passioniert geschrien. Das ist wohl tatsächlich eine Kunst für sich, in Fachkreisen schwört man: Das kann nicht jede(r). So nennt Lloyd Kaufmann, Mitgründer der „Troma Entertainment“, die Rollen von Schauspielerinnen, die laut Drehbuch so richtig schreien müssen, sollen, dürfen, „vielfältig und anspruchsvoll“ sein. Wie die von Bette Davis in Wiegelied für eine Leiche. Hammerfilm! Als Charlotte schrie die Davis sich einmal um den Globus.

Die wunderbar wunderschöne Naomi Watts zum Thema: „In The Ring und Mulholland Drive musste ich auch schon exzessiv schreien. Ich bin anscheinend ein Naturtalent. Als ich in Australien auf einem Junket (Interviewtag) für The Ring war, hat mich ein Filmteam gebeten, für deren TV-Show zu schreien. Also habe ich meinen Schrei auf dem Hotelbalkon demonstriert, und die Glastür ist geborsten. (…) Schreien kann furchtbar anstrengend sein, ich habe beim Dreh einige Male meine Stimme verloren.“ ( TV-Spielfilm, 2005)

In der US-amerikanischen Serie Scream Queens (2015) schreien Emma Roberts, Skyler Samuels, Lea Michele und Abigail Breslin. Stilecht schrill, schön und herrlich laut von Ryan Murphy, Brad Falchuk, Dante di Loreto und Ian Brennan in Szene gesetzt. Für die Macher von American Horror Story war / ist die Serie Scream Queens eine mit üblich phantastisch trainiertem Perfektionismus ausgeführte Auftragsarbeit des großen Amerikaners 20th Century Fox, der etwas Schräges, Abgefahrenes mit hübschen Ladies, bösen Jungs (und umgekehrt), Blut, Witz, Schauder, Witz und Wahnsinn haben wollte. Als Horror-Aushängeschild und überhaupt gewichtig mit dabei: „Schreikönigin“ Jamie Lee Curtis.

Männer können das übrigens auch: Den (inoffiziellen) Titel einer ersten männlichen „Scream Queen“ erhielt der Schauspieler Marc Patton 2010 für seine Rolle als Jesse Walsh in Nightmare II – Die Rache. Ehrlich verdient hat sich den aber vor allem Bruce Campbell: In Tanz der Teufel und Armee der Finsternis durfte er derart ungeniert und ungehemmt kreischen und schreien, dass die große Katze nur wohlwollend nicken kann: Gut gebrüllt, Löwe…aber eben doch nichts gegen mich!