Eigentlich ist dem Kanon von Sherlock Holmes nichts mehr hinzuzufügen, vor allem auch, weil durch unzählige Filme und grauenhafte Weiterschreibungen mittlerweile ein recht dreckiges und unansehnliches Wasser entstanden ist. Es gab nach Arthur Conan Doyle nur wenige autorisierte Autoren, die sich diesem Kanon mit allem gebührenden Respekt näherten. Von allem anderen sollte man tunlichst die Finger lassen, wenn man sich wirklich für den Mythos interessiert.
Jetzt könnte man natürlich reflexartig auch das Werk von Luc Brunschwig, das von Cécil gezeichnet wurde als apokryphen Nonsense verwerfen, aber das wäre dann doch ein wenig verfrüht. Die Prämisse, die hier geboten wird, ist nämlich eine, die durchaus auch schon von den Sherlockians diskutiert wurde: Wie weit ging Sherlocks Kokainsucht? Was könnte daraus resultieren?
Die gewohnte Idylle: Mrs Hudson serviert Tee, Watson liest die Times und Sherlock sinniert mit seiner Pfeife am Fenster. (c) Jacoby & Stuart; Zeichnung: Cécil
Am 4. Mai 1891 verschwand Sherlock Holmes in den Reichenbachfällen und nahm Professor Moriarty, seinen größten Feind, mit in den Tod. Doch ist der große Detektiv wirklich tot? Wenn ja, warum lässt sein Bruder Mycroft die Baker Street 221b räumen und alle Akten verbrennen, an denen er in den letzten zwei Jahren gearbeitet hat? Warum enthält die Moriarty-Akte, die Inspektor Patterson vom Yard ausgehändigt wurde, nur leere Blätter? Je mehr Dr. Watson ermittelt, desto größer wird das Rätsel…
Der Inhalt des Werkes ist absolut originell und überraschend. Der Autor beschäftigt sich hier mit dem „großen Hiatus“ des Kanons, dem berühmten Moment, in dem Sherlock Holmes nach einer letzten Begegnung mit seinem Erzfeind plötzlich verschwunden sein soll. Conan Doyle hat das Rätsel zwar nach jahrelangem Drängen seiner begeisterten Leser in „Das leere Haus“ endlich gelöst. Doch der Bruch blieb bis heute spürbar, und andere Autoren versuchten sich an einem Pastiche dieser Zeit, denn es klaffte eine Lücke von drei Jahren, die Doyle nie füllte. Erst 2004 gelang dies Jamyang Norbu in seinem Roman „Das Mandala des Sherlock Holmes“.
In vorliegender illustrierten Erzählung finden wir den nach London zurückgekehrten und am Boden zerstörten Dr. Watson. An dem Tag, an dem er von Mycrofts seltsamen Manövern erfährt, schleichen sich schreckliche Zweifel in seinen Geist. Mycrofts Anschuldigungen, dass sein Bruder aufgrund seines Kokainkonsums an paranoiden Wahnvorstellungen leide und dass Moriarty überhaupt nie existiert habe, bringen Watson schließlich endgültig aus der Fassung, denn das würde bedeuten, dass sich sein Freund umgebracht hat…
Der Comic besticht in jeder Hinsicht. Zunächst sind die atmosphärischen Zeichnungen Cécils zu nennen, die vollständig in monochromen blau/grauen Aquarellfarben gehalten sind und einen sehr viktorianischen Stil vermitteln. Die düstere Atmosphäre steht in hervorragendem Einklang mit den Originalgeschichten Conan Doyles. Die Struktur der Erzählung ist als außerordentlich angenehm, intelligent und dem Kanon absolut würdig zu bezeichnen.
Zweifellos sind die eindrücklichsten Momente die Rückblenden aus Watsons Erinnerung, die sehr bewegend ausgeführt sind. Ich denke insbesondere an einen Traum (oder eher Albtraum), den der Doktor hat, in dem er seinen Freund im Halbdunkel seines Zimmers wiedersieht, und wie er sich mit ihm in einem scherzhaften Tonfall der typisch Holmes’schen Düsternis mit ihm unterhält.
In Deutschland erschienen die Bände (von denen es im Augenblick vier gibt, wobei die ersten beiden Bände zusammengefasst wurden) im Verlag Jacoby & Stuart.
Es wurde einst behauptet, dass Comics als Kunst ihr wahres Potential noch nicht ausgeschöpft hätten, und dass der Citizen Kane der Comics noch auf sich warten ließe. Das bedeutet, solange in dieser Kunstform noch nicht jenes Werk produziert ist, das sämtliche Meinungen darüber aufhebt, was ein Comic leisten sollte oder nicht, und allgemein als oberster Markstein auf diesem Gebiet anerkannt wird, werden Comics in der Öffentlichkeit wohl für immer als für Kinder oder Leseschwache geschaffene Werke wahrgenommen werden.
Seit Erscheinen des gewaltigen und epochalen From Hell von Alan Moore und Eddie Campbell ist diese Diskussion nämlich ein für allemal vorbei (und sie wurde auch vorher schon nur von Dummköpfen geführt).
Dieses Buch ist schwierig und komplex. Schwer zu lesen, schwer einzuordnen, und es ist unwahrscheinlich, dass man es je ganz verstehen kann. Jede Art einer Inhaltsangabe würde dem vollen Umfang dieses Werkes nicht gerecht, und alle bisherigen Versuche sind kläglich gescheitert. Angeblich – so hört man überall – sei das hier eine Studie über Jack the Ripper, seine Legende und sein Ursprung. Tatsächlich aber ist From Hell etwas ganz anderes, und das ist so groß, dass Jack selbst eher ein sekundäres und geringes Problem darstellt.
Szene aus From Hell (1993) von Eddie Campbell, der Jack the Ripper in voller Aktion darstellt.
Es ist kein Kriminalfall im herkömmlichen Sinne, obwohl es Polizisten und Detektive gibt und obwohl Mordfälle zu klären sind. Der Leser weiß gleich nach den ersten paar Kapiteln, wer der Mörder ist; und die letzte Tat geschieht etwa in der Hälfte des Buches. Es ist auch kein Thriller, der Spannung vermitteln will, denn die Geschichte dreht sich nicht um die Bemühungen der Behörden, den Fall aufzuklären und den Mörder zu fassen, bevor er wieder zuschlagen kann. Trotzdem gibt es natürlich Elemente der Jagd. Als der Ermittler, der den Ripper verfolgt, ihn schließlich einholt, ist das Ergebnis, gelinde gesagt, antiklimaktisch.
In From Hell geht es mehr als um alles andere um Struktur. Trotzdem geht darin auch thematisch einiges vor, gar keine Frage: die Rolle der Frau in der viktorianischen Gesellschaft spielt ebenso eine Rolle wie die kollektive Neurose einer Kultur, die überhaupt erst einen Killer wie Jack hervorbringen konnte. Auch geht es um den Einfluss des Rippers auf das zwanzigste Jahrhundert, beginnend beim Aufstieg der Serienkiller zur Sensationslust der Medien, wie sich das Sexualverhalten unter den Geschlechtern verändert hat; und es wird ein Blick von der Gegenwart auf den Beginn der Zeit der Moderne geworfen. Ganze Bücher könnten mit der Analyse eines dieser Themen gefüllt werden, und das zu Recht. Aber am Ende dreht sich alles um Struktur.
Am Anfang steht da die komplizierte Organisation der Geschichte selbst, in der unzählige Figuren die Bühne für einige wenige Panels betreten, die jeweils einen einzelnen Ziegelstein in die Wand des Werkes einbringen. Moore macht das äußerst geschickt und es scheint ihm mühelos zu gelingen, aber das täuscht nicht über die komplizierte Organisation seiner Arbeit hinweg.
via screenrant
Dann da gibt es noch die Struktur, mit der die Figuren selbst geführt werden. In einem frühen Kapitel nimmt eine der Charaktere eine andere mit auf eine Rundreise durch London, um ihm die Orte und Gebäude zu erklären, die sie passieren. Das überwältigt den so Belehrten dermaßen, dass er vor Ekel und schon fast katatonisch auf die Tatsache reagiert, einen flüchtigen Blick auf die der Stadt zugrunde liegende Struktur geworfen zu haben, mit der er jeden Tag seines Lebens verbracht, die er aber nie gesehen hatte. Dann, am Ende der Geschichte, wird der Reiseleiter selbst auf eine ähnliche Reise mitgenommen, aber er muss nicht die physische Struktur Londons erkennen, sondern seine Architektur und wie sie sich durch den Lauf der Zeit windet. Das ist ein schwer zu erklärendes Konzept, aber im Grunde läuft es darauf hinaus: So wie der physische Raum Londons in komplexen Strukturen organisiert ist, so ist die Geschichte der Stadt in derselben Richtung organisiert. Auf diese Weise dienen die Ereignisse der Geschichte als Ecksteine einer sich ausbreitenden Architektur, die sich sowohl physisch als auch zeitlich über ganz London erstreckt.
Jack the Ripper
Mehr als 125 Jahre nach den Geschehnissen sind Jacks Morde noch immer faszinierend und nicht aus dem kollektiven Unterbewusstsein zu tilgen, und es wäre schwierig, jemanden zu finden, der nicht zumindest davon gehört hat. Der Mörder wurde nie identifiziert, und die Zeit hat aus ihm einen unvergleichlichen Mythos gemacht, der kaum mehr etwas mit einem Menschen zu tun hat. Bis heute werden weiter Filme und Bücher über ihn veröffentlicht, “Ripperologen” in aller Welt versuchen noch immer, das Rätsel zu lösen, so als gäbe es überhaupt noch eine Chance, den Täter jemals zu ermitteln. Verschwörungstheorien gibt es zuhauf, und sie beziehen sämtliche Gesellschaftsschichten der damaligen Zeit mit ein. Nichts davon ist oder war jemals faszinierender als die Spur, die Alan Moore verfolgt und anbietet.
Die Fakten sind schnell zusammengetragen: Da gab es die als “kanonisch” bezeichneten fünf Morde. Das sind jene, die ihm zugeordnet werden. Wie viele es tatsächlich waren, ist eines der vielen ungeklärten Rätsel.
Mary Ann Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary Jane Kelly – allesamt Prostituierte – wurden zwischen August und November 1888 in oder um die Londoner Gegend Whitechapel ermordet. Außer Elizabeth Stride wurde allen Opfern die Kehle aufgeschlitzt, die Morde immer grausamer und grotesker. Allerdings glaubte man bei Stride, dass der Mörder gestört wurde, bevor er seine Aufgabe erfüllen konnte. Hunderte von Briefen kamen bei Polizisten, Reportern und verschiedenen Beamten an, die behaupteten, selbst der Mörder zu sein. Die meisten von ihnen wurden als Falschmeldungen entlarvt. Einer der Chefermittler bei den Morden war Inspektor Frederick Abberline, der den Fall allerdings nicht lösen konnte.
From Hell wurde zuerst unregelmäßig von 1989 bis 1996 in Serie herausgegeben, bevor das Comic in einer gesammelten Ausgabe erscheinen konnte. Moores Geschichte ist aus jener Ripper-Theorie hervorgegangen, die Stephen Knight 1976 in seinem Buch Jack the Ripper: The Final Solution dargelegt hat. Seit der Veröffentlichung dieses Buches sind viele Aspekte von Knights Theorie widerlegt worden, aber Moore hat bekanntgegeben, dass er es nie als Tatsache angesehen hat, sondern eben als Ausgangspunkt für seine eigene Fiktion.
Das bedeutet, dass man From Hell nicht nach seinem Verdiensten als historisches Dokument beurteilen kann – es ist schließlich eine phantastische Erzählung von Ereignissen, die vielleicht stattgefunden haben, wahrscheinlich aber nicht – sondern eher als ein überragendes Kunstwerk.
Wäre die Geschichte von jemand anderem als Alan Moore geschrieben worden, wäre das Buch wahrscheinlich ein einfacher Verschwörungsthriller (wie es ja auch der etwas lahme Film mit Johnny Depp in der Hauptrolle dann wurde. From Hell war das erste Werk von Alan Moore, das für einen Film infrage kam, und obwohl er sich völlig von dem Projekt distanzierte, nahm er doch das Geld von 20th Century Fox und erlaubte dem Studio, mit dem Material zu machen, was sie wollten, damit es für die Masse taugte).
Moore bringt die Dinge jedoch immer an einen Punkt, der weit über das hinausgeht, was man erwartet. Die kleinen Details wurden sorgfältig recherchiert und vermitteln einen starken Realismus, auch wenn sich die Ereignisse drastisch dem Metaphysischen zuneigen.
Nachdem die phänomenale Serie LOST beendet war, irrten die Fans ziemlich frustriert durch den Seriendschungel, auf der Suche nach Nachschub. Doch den gab es nicht. Irgendwann verlief die Suche im Sand und die Fans akzeptierten, dass es nichts Vergleichbares gab. Sie gewöhnten sich auch bald daran, dass Serien ihren Höhepunkt langsam überschritten und sich dem Friedhof der Filmindustrie anschlossen, auf dem wir die Klassiker heute nur noch auf Grabsteinen identifizieren können.
Seit es Comics gibt, sind Plagiatsvorwürfe, Ideenklau und Abzocke ein großes Thema. Ein früh bekannt gewordener Fall betrifft Marvels „Man-Thing” und DCs „Swamp Thing”. Beide Verlage kopierten dabei allerdings dieselbe Figur aus dem Goldenen Zeitalter. Marvel und DC sind bereits seit den 1940er Jahren Rivalen, doch erst im Silbernen Zeitalter verschärfte sich ihre Konkurrenz zunehmend. In den 1960er Jahren überholte Marvel dank Kreationen wie X-Men, Fantastic Four und Spider-Man DC und wurde Amerikas führender Comicverlag. Diese Vorreiterrolle hielt Marvel über Jahrzehnte, wobei beide Unternehmen immer wieder sehr ähnliche Figuren zur gleichen Zeit herausbrachten. Ein prägnantes Beispiel dafür ist das Erscheinen der sumpfartigen Kreaturen Man-Thing und Swamp Thing, die nur wenige Monate voneinander entfernt debütierten. Dies führte zu Anschuldigungen gegenseitiger Absprachen und Plagiatsvorwürfen. Tatsächlich aber wurden beide Monsterhelden von der Figur des Heap aus dem Goldenen Zeitalter inspiriert.
Wer hat wen inspiriert?
Quelle: PS Publishing
Das Goldene Zeitalter hat den Superhelden der späteren Jahrzehnte stark beeinflusst. Ein gutes Beispiel ist Will Eisners „Spirit”, der den klassischen Fedora-tragenden Privatdetektiv einführte und damit Helden wie Rorschach, Mr. A, Das Schemen und sogar Howard the Duck beeinflusste. Auch die Einbindung von Doc Savage in Supermans Geschichte zeigt, wie ungeniert Schöpfer bei klassischen Comics Anleihen nahmen. Viele Zeichner haben diesen Figuren ihren eigenen Stempel aufgedrückt, wobei einige Kreationen bis auf den Namen identisch blieben. Egal, ob Fans das als schmeichelhafte Nachahmung oder als unoriginelles Kopieren sehen, es ist üblich, dass Schöpfer ältere Figuren in ihren Werken überarbeiten. Jede Generation von Autoren wurde von den Comics ihrer Kindheit beeinflusst, was ganz normal ist. Marvel und DC zeigen eine hohe Bereitschaft, unoriginelle, gemeinfreie Figuren wie Dracula, Frankensteins Monster, Sherlock Holmes und Jekyll & Hyde zu nutzen und zu bearbeiten. Bei neueren Figuren mit gemeinsamer Inspiration verteidigen viele schnell einen davon als „originell” und unterstützen oft ihren bevorzugten Verlag. So auch bei Man-Thing und Swamp Thing, wo einige meinen, Marvel habe DCs Swamp Thing kopiert, und andere das Gegenteil. Beides ist jedoch falsch, da beide Figuren auf dem Heap basieren, ähnlich wie George, der aus dem Dschungel kam, und Ka-Zar sich eindeutig auf Tarzan berufen.
Vermächtnis und Fortführung
Man-Thing
Als DC Swamp Thing in „House of Secrets #92” (von Len Wein und Bernie Wrightson) erstmals vorstellte, erkannten viele schnell die Ähnlichkeiten zu Marvels Man-Thing. Marvel überlegte sogar rechtliche Schritte gegen DC wegen der Überschneidungen in Konzept und Design einzuleiten. Die Entstehungsgeschichte der beiden Helden – beide wurden durch eine wissenschaftliche Formel in Monster verwandelt – untermauerte den Vorwurf, dass DC von Marvel abgekupfert hatte. Heap, 1942 von Harry Stein und Mort Leav für den Comic „Air Fighters #3” erschaffen, weist viele Gemeinsamkeiten mit Swamp Thing und Man-Thing auf: Er ist mit einem Sumpf verbunden, Teil der „Greenworld” und hat eine bestimmte Gesichtsform. Roy Thomas und Len Wein drückten dem beliebten Heap ihrer Jugend dann ihren eigenen Stempel auf.
Dass Wein erst ein Jahr nach der Veröffentlichung auf den Ursprung von Swamp Thing einging, verstärkte die Behauptungen, DC habe die Entstehungsgeschichte von Man-Thing kopiert. Angesichts der Ähnlichkeiten zwischen beiden Figuren und dem Heap verzichtete Marvel jedoch dann doch auf rechtliche Schritte.
Der Champion
Das Vermächtnis und die Fortführung von Geschichten sind ein Eckpfeiler der Comicbranche. Kein Wunder, dass sich viele Schöpfer auf die Vergangenheit besinnen. Die Schöpfer des Bronze-Zeitalters wie Len Wein und Roy Thomas, die mit den Comics des Goldenen Zeitalters aufwuchsen, ließen sich davon inspirieren. Beide Autoren hatten eine Vorliebe für Monstercomics, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis sie ihre eigenen schufen. Roy Thomas, der Miterschaffer von Man-Thing, schrieb 2012 einen 5000 Wörter langen Essay für die Sammelausgabe der Heap-Comics, was seine Bewunderung für die Figur beweist. Eine Version von Heap tauchte sogar in der Spawn-Serie von Image Comics auf. Da einige von Heaps Geschichten 1971 nachgedruckt wurden, im selben Jahr, in dem Man-Thing und Swamp Thing entstanden, wird deutlich, dass sowohl Wein als auch Thomas von dieser Neuauflage Wind bekamen und die Idee eines naturbasierten Monsterhelden aufgriffen. Das erklärt am besten, wie beide Firmen zur gleichen Zeit ähnliche Figuren herausbringen konnten. Wie heutige Autoren auf Trends und Nostalgie setzen, taten dies natürlich auch die früheren Generationen.
Swampy von Patrick Brown
Bei einem Vergleich zwischen Heap, Man-Thing und Swamp Thing wird deutlich, dass DCs Held der einzigartigere ist, besonders da Man-Thing tatsächlich fast mit Heap identisch ist. Swamp Thing, ein moosiger Mann mit menschlichem Verstand, unterscheidet sich von den animalischeren Designs von Man-Thing und Heap. DC gelang es, Swamp Thing immer weiter zu entwickeln, vor allem durch Alan Moores Einfluss, der die Figur von einer Hommage an die Monster der Universal-Studios zu einer übernatürlichen Ikone und Fast-Gottheit machte. Während Man-Thing und Swamp Thing einen gemeinsamen Ursprung haben, entwickelten beide im Laufe der Jahre dann aber ihre eigenen Identitäten.
Um Anschuldigungen wegen Diebstahls zu vermeiden oder aufgrund unterschiedlicher kreativer Visionen, entfernten sich Man-Thing und Swamp Thing immer weiter voneinander. Beide blieben im Horrorgenre verwurzelt, doch Man-Thing entwickelte sich zu einem obskuren Fantasy-Helden, während Swamp Thing tiefer in den gotischen Horror und das Übernatürliche eintauchte, oft mit einem Hauch von Science Fiction. Alan Moore prägte Swamp Thing mit einer Geschichte voller Tragik und Romantik, die Man-Thing in den Schatten stellte. Heap erreichte aufgrund seines goldenen Zeitalter-Stils nie eine so fesselnde Hintergrundgeschichte. Swamp Thing übertraf Man-Thing und Heap als erzählerische Ressource und erlangte große Beliebtheit bei den Lesern. Seine Menschlichkeit und sein Verstand ermöglichten die fesselndsten und glaubwürdigsten Geschichten.
„Ice Cream Man” ist eine laufende Horror-Anthologie-Reihe, die seit 2018 bei Image Comics erscheint. Geschrieben wird die Serie von W. Maxwell Prince, für die Zeichnungen ist Martín Morazzo verantwortlich und Chris O’Halloran ist für die Kolorierung zuständig.
Im Zentrum steht eine auf den ersten Blick harmlos wirkende Figur: ein fröhlicher Eisverkäufer namens Rick – der titelgebende „Ice Cream Man”. Doch Rick ist weit mehr als ein gewöhnlicher Verkäufer süßer Leckereien. Er ist ein übernatürliches Wesen, das wie ein Trickster, Dämon oder gar Gott agiert. In jeder Ausgabe begegnet er anderen Menschen in verschiedenen Kleinstädten Amerikas und bringt Chaos, Tod, Wahnsinn und metaphysischen Horror mit sich.
Image Comics
Jede Ausgabe erzählt eine in sich geschlossene Geschichte. Mal geht es um einen Jungen, dessen Eltern von seiner Spinne mumifiziert wurden. Ein anderes Mal um eine verlorene Kindheit, eine kaputte Ehe oder ein Leben, das durch Drogen, Einsamkeit oder Schuld zerbricht. Die Geschichten sind lose miteinander verbunden, vor allem durch den Ice Cream Man selbst und seinen mysteriösen Gegenspieler Caleb, der offenbar eine Art Ordnung in den Wahnsinn bringen will – eine Art Cowboy des Lichts.
Das Besondere an dieser Serie ist die Mischung aus klassischer Horror-Anthologie mit einer eigenen übergeordneten Mythologie. Jede Geschichte funktioniert zwar für sich, aber wer die Serie regelmäßig verfolgt, erkennt ein sich entfaltendes Universum, das sich langsam aber sicher offenbart.
Der Horror ist nicht immer blutig, sondern oft psychologisch, surreal und philosophisch – mit Anleihen aus der Literatur von Lovecraft, Shirley Jackson und David Lynch. Auch Einflüsse aus moderner Popkultur wie Creepshow, Black Mirror oder The Twilight Zone sind spürbar.
Martín Morazzo’s Zeichenstil erinnert an eine Mischung aus Frank Quitely (All-Star Superman) und Geoff Darrow (Hard Boiled) – klar, detailreich und oft grotesk. Morazzo gelingt es, alltägliche Szenen durch minimale Verschiebungen ins Unheimliche zu kippen. O’Hallorans Kolorierung verstärkt das: Die grellen, manchmal fast bonbonfarbenen Töne wirken wie Zuckerguss über einem fauligen Kern.
In einer Ausgabe sehen wir etwa eine komplett in Gedichtform erzählte Geschichte, in einer anderen wird die Struktur eines „Choose Your Own Adventure“-Hefts übernommen. Form und Inhalt sind immer wieder experimentell und brechen die vierte Wand, lassen Panels zerfließen oder manipulieren das Seitenlayout.
Ice Cream Man ist mehr als nur Horror – es ist eine düstere, oft zynische Bestandsaufnahme amerikanischer Gesellschaft. Die Serie beschäftigt sich mit Sucht und Isolation, Kindheitstraumata, psychischer Krankheit, dem Verlust von Identität, Technologie- und Medienkritik, Religiöser Symbolik und metaphysischer Leere. Der Horror wirkt deshalb so nachhaltig, weil er nicht einfach aus der Ecke springt, sondern tief in der Lebensrealität der Figuren verankert ist. Oft ist der Ice Cream Man nur ein Katalysator, der bereits vorhandene Risse sichtbar macht. Damit ist das hier keine Serie für schnelle Schocks, sondern ein subtiles, oft verstörendes Spiegelbild unserer Ängste, Verluste und inneren Dämonen – verpackt in kunstvoll komponierte Einzelgeschichten, die mal zum Weinen, mal zum Würgen, selten zum Lachen bringen. Wer Horror liebt, der sich mit existentialistischem Schrecken, literarischem Anspruch und formaler Kreativität verbindet, findet hier eine der stärksten und originellsten Comicreihen der letzten Jahre.
Empfehlung für Leser:
Fans von Black Mirror, Twin Peaks, Tales from the Crypt
Liebhaber*innen surrealer, psychologischer und literarisch anspruchsvoller Horror-Stories
Leser, die sich gerne auch auf visuelle Experimente einlassen
Während das DC-Universum seit jeher eine Vielzahl dunkler und dämonischer Wesenheiten beherbergt, sehen die Helden, die mit dem Kampf gegen diese Monstrositäten betraut sind, eher unscheinbar aus. Das könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein, wenn es um DCs ersten magischen Antihelden geht, denn John Constantine wäre die unscheinbarste Figur, wenn sein eigenes Aussehen nicht so ikonisch geworden wäre. Aber auch der Hellblazer selbst hat im Laufe der Jahre eine Menge Konkurrenz bekommen, darunter einige Magierkollegen, die eigens dafür geschaffen wurden, ihn zu ersetzen.
Obwohl John Constantine seit seinem Debüt in Swamp Thing #37 von 1985 (von Alan Moore und Rick Veitch) eine Ikone der DC Comics ist, war er nicht immer ein Teil des DC-Universums. Bei seinen ersten Auftritten war Constantine derjenige, der Swamp Thing mit ominösen Hinweisen auf verschiedene Bedrohungen versorgte, die überall auf der Welt auftauchten. Schließlich stellte sich heraus, dass all dies Teil von Constantines Versuch war, seine Mithelden auf die Ereignisse der damals drohenden Crisis on Infinite Earths vorzubereiten. Nach dem Crossover, das das Multiversum veränderte, verließ Constantine die Seiten von DC Comics und wechselte zum kantigeren Vertigo-Imprint des Verlags. Diese Entwicklung hatte unter anderem zur Folge, dass der Hellblazer den DC-Comics-Autoren der damaligen Zeit einfach nicht zur Verfügung stand, wenn sie einen Trenchcoat-tragenden englischen Magier für ihre Geschichten brauchten, so dass sie gezwungen waren, eine eigene Figur zu erfinden, um diese Lücke zu füllen.
Comics offenbaren tiefe Wahrheiten über die menschliche Natur. Durch sie ist einiges über Metaphysik zu lernen und selbstverständlich über Ethik. Eine Sache, die Comics also können, ist, anschauliche Gedankenexperimente aufzustellen. Einige Gedankenexperimente aus philosophischen Texten klingen bereits so, als wären sie direkt aus Comics entsprungen. Rene Descartes stellt sich vor, dass seine Wahrnehmungen von einem bösen Genie kontrolliert werden – eine Prämisse, die auch in der Miracleman-Serie von Alan Moore auftaucht! Donald Davidson stellt sich eine Kreatur namens Swampman vor, die ein Cousin von Moores Swamp Thing sein könnte. (Moores Swamp Thing wird aus einem gewöhnlichen Mann namens Alec Holland erschaffen, als Kräfte eine ungewollte Verwandlung an seinem Körper vornehmen, während Davidsons Swampman eine exakte Kopie von Davidson selbst ist, der entsteht, als ein Blitzschlag die Moleküle eines toten Baumes neu anordnet).
Diese philosophischen Gedankenexperimente mögen weit hergeholt erscheinen, aber sie sollen uns etwas über die reale Welt sagen. Das böse Genie von Descartes soll unser Wissen über alltägliche Wahrheiten in Frage stellen. (Wenn ich nicht mit Sicherheit ausschließen kann, dass ein böses Genie mir vorgaukelt, der Himmel sei blau, obwohl er rot ist, weiß ich dann wirklich, dass der Himmel blau ist?) Und Davidsons Swampman soll uns helfen, über die Natur des Glaubens, des Verlangens und anderer geistiger Zustände nachzudenken. (Kann man ein Verlangen nach Kartoffelchips haben, wenn man noch nie einen Kartoffelchip, eine Kartoffel oder ein physisches Objekt gesehen hat? Davidson meint nein – und kommt zu dem Schluss, dass Swampman überhaupt keine mentalen Zustände hat.) Aber Gedankenexperimente in Comics unterscheiden sich von Gedankenexperimenten in der Philosophie. Sie zielen nicht darauf ab, den Leser von irgendetwas zu überzeugen; stattdessen handelt es sich um anhaltende Phantasieübungen, die sowohl die visuelle Vorstellungskraft als auch die Erzählung mit einbeziehen und die der Leser eher zum Spaß als zum Zweck der Untersuchung betreibt. Diese Besonderheit ist tatsächlich ihre Stärke.
Doch die Popkultur ist mehr als das. Sie verschlingt sich bis zur Unauflösbarkeit mit anderen Medien, die hier ebenfalls eine Rolle spielen sollen.
Immer wieder wurde versucht, Film- und Fernsehproduktionen mit Bezug zu Gotham City ohne Batman zu gestalten – ob nun Pennyworth, Birds of Prey oder Joker. Nun gesellt sich mit The Penguin eine weitere Serie hinzu. Die achtteilige HBO-Produktion spielt etwa eine Woche nach den Ereignissen aus Matt Reeves‘ The Batman, in dem der Riddler kurz davorstand, eine Schreckensherrschaft zu errichten.
Die Serie konzentriert sich auf Oswald „Oz“ Cobblepot, gespielt von Colin Farrell, und zeigt seinen Aufstieg in der kriminellen Unterwelt von Gotham nach dem Tod von Carmine Falcone. Ohne die Präsenz von Batman bietet sie eine tiefgründige Charakterstudie sowie eine realistische Darstellung von Machtkämpfen und moralischer Ambiguität.
Colin Farrell spielt Oswald „Oz“ Cobb mit einem der überzeugendsten Make-ups der Film- und Fernsehgeschichte. Er verwandelt sich so gründlich in einen glatzköpfigen, vernarbten, goldzahnigen und klumpfüßigen Kriminellen, dass der schneidige Schauspieler völlig in seiner Rolle verschwindet. Mit seinem New Yorker Akzent und seinem nach außen hin respektvollen Auftreten, das seine tödliche Gerissenheit verbirgt, ist Oz ein mittelmäßiger Gangster. Er lässt sich nicht gefallen, dass man auf ihn herabblickt, und nutzt die niedrige Meinung anderer über ihn zu seinem Vorteil.
Farrell war noch nie so gut wie in dieser kleinen Fernsehsaga, in der er die Figur des Oz als eine Mischung aus Joe Pescis Goodfellas-Psycho Tommy DeVito und James Gandolfinis Patriarch aus The Sopranos darstellt. Oz ist zu gleichen Teilen verstört, aggressiv und ehrgeizig. Der Einfluss dieser Figur ist auch in Oz‘ verworrener und ungesunder Beziehung zu seiner demenzkranken Mutter Francis (Deirdre O’Connell) spürbar. Er sehnt sich nach ihrer Liebe und Bewunderung und versteckt sie vor seinen Feinden, indem er ihr eine Zukunft mit Penthouse-Reichtum und Luxus verspricht, wenn sie nur an ihn glaubt.
Trotz der Tatsache, dass ein als Fledermaus verkleideter, bedrohlicher Vigilant gerade den wahnsinnigen Riddler vereitelt hat, der Gotham mit enormen Wassermassen flutete, ist Batman nicht zu sehen und wird in The Penguin nur einmal erwähnt, was etwas merkwürdig erscheint, wenn man bedenkt, dass Ganoven wie Oz durchaus Grund zur Sorge hätten.
Doch die Serie von Lauren LeFranc überwindet dieses Hindernis, indem sie eine fesselnde Geschichte von Bandenintrigen entwirft, in deren Mittelpunkt Oz steht. Er gerät in Schwierigkeiten, als er das Büro des verstorbenen Gangsterbosses Carmine Falcone aufsucht, um Juwelen und belastendes Beweismaterial über Politiker und Verbündete zu stehlen. Dabei trifft er auf Carmines Sohn und Thronfolger Alberto (Michael Zegen).
Oz versucht, sich aus seiner misslichen Lage herauszureden, doch als er wegen seiner Träume, so verehrt zu werden wie die Gangster, mit denen er aufgewachsen ist, verspottet wird, rastet er aus und erschießt den jungen Mann. Als er sich aufmacht, die Leiche zu beseitigen, ertappt er eine Gruppe Jugendlicher dabei, wie sie die Radkappen von seinem protzigen, pflaumenfarbenen Maserati stehlen wollen. Während der Rest flüchtet, erwischt er einen von ihnen namens Vic (Rhenzy Feliz) und macht den stotternden Teenager zu seinem Komplizen und neuen Fahrer. Im Laufe der Serie entwickeln die beiden eine Ersatz-Vater-Sohn-Bindung, die auf ihrer ähnlichen Erziehung in den Slums von Crown Point und der damit verbundenen Wut darüber beruht, von den Reichen und Mächtigen Gothams ignoriert zu werden.
Der Klassenhass zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Geschichte. Insbesondere Oz strebt wie wahnsinnig nach Respekt. Er strotzt vor Hass auf alle, die ihn für minderwertig halten, und nutzt die vergleichbare Wut der anderen geschickt aus, um ihre Loyalität zu gewinnen und sie davon zu überzeugen, seinen Willen zu erfüllen.
Bevor Oz Alberto tötet, erfährt er von einem neuen, bahnbrechenden Rauschgift. Er versucht, dieses „revolutionäre” Geschäft seinen Vorgesetzten zu verkaufen. Das Problem ist nur, dass Alberto mit seiner Schwester Sofia (Cristin Milioti) im Bunde war, die ihren eigenen Plänen folgten. Sie wurde inzwischen aus dem Arkham Asylum entlassen und vermutet, dass Oz nichts Gutes im Schilde führt. Sofia, die wegen der Ermordung von sieben Prostituierten den Beinamen „Hangman” (zu Deutsch: „Der Henker”) trägt, ist das überaus störende Haar in der Suppe von Oz. Ganz gleich, wie sehr er sich bemüht, sie zu täuschen, sie erweist sich als formidable Gegnerin.
Wie sein Vorgänger auf der großen Leinwand ist auch „The Penguin” unter der Regie von Craig Zobel düsterer gehalten. Die Handlung ist in einen rot gefärbten Mantel aus Regen, Schatten, feuchtem Schmutz und Verfall gehüllt. Diese Stimmung passt zu einer Geschichte über Farrells monströs hinterhältigen Bösewicht, dessen Dreidimensionalität (verbittert und optimistisch, furchteinflößend und inspirierend, aufrichtig und nicht vertrauenswürdig) ihn zu einem fesselnden Mittelpunkt macht. Sein Plan, Gotham zu übernehmen, bringt ihn in direkten Konflikt mit der nicht weniger furchterregenden Sofia.
LeFranc stattet ihre Comicfiguren mit einer Fülle prägender Traumata und Probleme aus, die mit ihrer Kindheit und ihren Familien zusammenhängen. Dabei interpretiert sie den Pinguin auf raffinierte Weise neu – ganz im Sinne von Batman: Er hat ein geheimes unterirdisches Versteck, das einst sein figurativer Geburtsort war.
In den letzten Momenten bereitet der Pinguin den Weg für die nächste „Caped Crusader”-Saga. Das Beeindruckendste an der Serie ist jedoch, dass sie als eigenständiges Porträt des Aufstiegs des Schurken zur Macht für sich steht. LeFranc bleibt Reeves‘ Vorlage treu – auch mit einigen nicht immer gelungenen Pop- und Rockmusikeinlagen – und ihre Darsteller sind hervorragend, insbesondere Milioti als die ungerechtfertigte, grimmige Sofia und Feliz als der stotternde, ernste Vic.
Einige Kritiker bemängeln das Erzähltempo der Serie. Mit nur acht Episoden versucht „The Penguin”, eine komplexe Geschichte zu erzählen, was gelegentlich zu überhasteten Entwicklungen führt. Zudem wird angemerkt, dass die Serie manchmal auf bekannte Tropen zurückgreift und nicht immer neue Wege geht. Trotz kleinerer Schwächen in der Erzählstruktur überzeugt „The Penguin” aber als eigenständiges Werk im Batman-Universum.
Dem Autor Alan Moore, dem „Zauberer” hinter „V wie Vendetta”, „Batman: The Killing Joke”, „From Hell” und vielen anderen Titeln, ist es gelungen, seine zeitgenössischen Ideen auf revolutionäre Weise durch das Medium Comic zu vermitteln. Indem er sich mit universellen Konzepten auseinandersetzte und sie durch Symbolismus und Satire aufschlüsselte, erregte er schnell die Aufmerksamkeit der Welt. Er wurde zu einem wichtigen Einfluss in der Populärkultur, denn sein Werk besitzt bis heute eine unvergleichliche Relevanz für die moderne Politik und Philosophie. Zu seinen bedeutendsten Comics gehört das mit dem Hugo Award ausgezeichnete Hauptwerk „Watchmen”, das mit seiner Erzählung, seinen Themen, seinen Figuren und seiner philosophischen Botschaft die Comic-Industrie schlagartig veränderte.
Die Geschichte von „Watchmen” ist in einer alternativen Realität angesiedelt, die sich am Zustand der Welt in den 1980er Jahren orientiert. Sie ist ein ausladender Kommentar zum Superheldenkonzept und seinen persönlichen sowie politischen Implikationen vor dem Hintergrund eines drohenden Atomkriegs. Zwar absolviert Richard Nixon hier mehrere Amtszeiten als Präsident der Vereinigten Staaten und die Vereinigten Staaten gewinnen den Vietnamkrieg, doch die zentrale Wendung dieser realistisch dargestellten Geschichte ist die Existenz von Superhelden und ihre Verantwortung für die Entwicklung der internationalen Beziehungen und die Verbrechensbekämpfung. Während die Spannung ins Unermessliche steigt, deutet der Mord an einem ehemaligen Helden auf ein größeres Komplott hin. Aufgrund des Keene-Gesetzes sind Vigilanten nun illegal und ihre Aktivitäten sind untersagt.
Die Kreatur namens ES ist offensichtlich überhaupt kein Clown. Das Wesen, das in die Popkultur eingezogen ist, ist zwar als Pennywise bekannt und hat einen ganzen Berufsstand (den des Clowns) in den Horror hineingezogen, hinter der Erscheinung steckt allerdings mehr.
ES ist ein uraltes böses Wesen, das vielleicht Milliarden von Jahre alt ist, so alt wie das Universum selbst. ES kommt aus der Leere, die unser gesamtes Universum enthält, das als Makroversum bezeichnet wird (in den Romanen um den dunklen Turm wird es auch als „Flitzerdunkel“ bezeichnet (orig. Todash Darkness). Die Heimdimension dieses Wesens sind die „Totenlichter“ (Deadlights). Im Roman sah Billy für einen Moment die wahre Form des Wesens in den Totenlichtern und beschrieb sie als endloses, kriechendes, haariges Wesen aus orangefarbenem Licht. Obwohl sich ES gerne als männlicher Clown namens Pennywise manifestiert, nimmt es auch die Form einer riesigen Spinne an. Sein natürlicher Feind ist ein Wesen, das als Schildkröte bezeichnet und in der dunklen Turm-Serie Maturin genannt wird. Dort ist er einer der Wächter der Balken.
ES kam vor Millionen von Jahren während eines verheerenden Ereignisses auf die Erde und landete in dem Abschnitt Nordamerikas, wo schließlich 1715 die Stadt Derry, Maine erbaut werden sollte. Zu diesem Zeitpunkt erwachte das bis dahin schlummernde Wesen und begann den Kreislauf, sich von den Ängsten der Menschen zu ernähren, um dann wieder in einen Winterschlaf zu fallen, der 27 bis 30 Jahre dauert. Dabei hält sich ES vor allem an die Kinder Derrys, weil deren Ängste leichter zu manipulieren und dann in physische Form zu bringen sind. Stephen King glaubt zurecht, dass Clowns Kinder mehr als alles andere auf der Welt erschrecken. Pennywise ist zu einem Symbol geworden. Im Roman heißt der Clown allerdings Bob Gray, dem es gelingt, die Erwachsenen von Derry so zu beeinflussen, dass sie seine Angriffe auf die Kinder nicht stören.
Ben Hanscom recherchiert in der Bibliothek von Derry nach der Stadtgeschichte und findet heraus, dass ES bereits seit Jahrhunderten für einen großen Teil der Katastrophen und unnatürlichen Todesfälle der Stadt verantwortlich ist, so zum Beispiel für die Explosion der Kitchener Eisenhütte, bei der 108 Menschen ums Leben kamen, darunter 88 Kinder. Das Wesen kann auch durch einen Gewaltakt aus seinem Schlaf geweckt werden. Der Roman beginnt mit einem Jungen namens Dorcey Corcoran, der 1957 von seinem Stiefvater Richard Macklin zu Tode geprügelt wird, was ES aus dem Schlaf weckt. Da das Wesen die Köpfe der Menschen von Derry manipuliert, denken sie nicht lange über diese Tragödien nach. Die Erwachsenen „vergessen“ die hohe Anzahl verschwundener Kinder und machen weiter, als ob das alles ganz normal wäre.
In erster Linie ist ES ein Gestaltwandler, der die Form annimmt, vor der sich seine Opfer am meisten fürchten. Pennywise, der Clown, der Ballons verteilt, ist allerdings seine bevorzugte physische Form. Im Roman nimmt ES neben einem obdachlosen Leprakranken, einer bereits genannten Riesenspinne oder einer Frau aus einem Gemälde noch die Formen berühmter Monster wie Dracula, den Wolfmann, die Kreatur aus der schwarzen Lagune, oder Frankensteins Monster an.
Pennywise als psychologisches Symbol
Wenn man sich fragt, warum Pennywise als Symbol so gut funktioniert, dann ist die Antwort in der psychologischen Wucht des Romans zu finden, der sicher einer der besten Horrorgeschichten aller Zeiten bereithält. Es ist zwar verständlich, dass man das gerne verfilmt gesehen hat, aber genauso verständlich, dass kaum eine King-Verfilmung je funktionieren wird und für Fans deshalb keine Option ist. In ES geht es um Traumata und deren Bewältigung, um die Überwindung unterdrückender Kräfte, die versuchen, uns zu schwächen, zu zerstören und zu verschlingen. Das Buch ist übersät mit Metaphern über die zyklische und kathartische Natur unseres Lebens – der junge Eddie zum Beispiel lebt mit einer adipösen, alleinerziehenden Mutter, die darauf besteht, dass er krank ist. Der geheime Wunsch dahinter ist, ihr Kind für immer von ihr abhängig zu machen, damit sie selbst nie allein sein muss.
Als Erwachsener nimmt Eddie immer noch sein Asthmamedizin, obwohl er weiß, dass es sich um ein Placebo handelt. Er heiratet eine fettleibige Frau, die seiner Mutter ähnlich ist und ihn manipuliert.
Beverly wurde von einem Vater aufgezogen, der sie missbrauchte, und als Erwachsene heiratet sie einen gewalttätigen, kontrollsüchtigen Mann – einen Mann, der ebenfalls körperlichen Missbrauch durch seine eigene Mutter erlitten hat. Zyklen wiederholen sich, aber sie sind in gewisser Weise therapeutisch. Diese Kinder sehnen sich nach dem Komfort des Vertrauten, auch wenn das Vertraute fast zu schmerzhaft ist, um es zu ertragen. Die Sache mit dem Missbrauch, sei es von einer überheblichen Mutter wie der von Eddie oder von einem gewalttätigen Vater wie bei Beverly, ist, dass er eine Umgebung schafft, die das einzige Leben ist, das sie kennen. Es mag sich nicht gut anfühlen, aber Wiederholung erzeugt Vertrautheit; der Missbrauch wird so zu einer Form des Trostes, besonders wenn der Täter ein Elternteil ist.
Jedes dieser sieben Kinder hat seinen eigenen Kampf geführt – angefangen bei Stans Besessenheit von Sauberkeit und der Art und Weise, wie er verspottet wird, weil er Jude ist, bis hin zu Bills Stottern und Richies allgemeiner Nerdigkeit. Mike ist schwarz in einer kleinen Stadt der 1950er Jahre voller weißer Menschen, Ben ist übergewichtig. Und vielleicht sind sie deshalb in der Lage, mit diesem unersättlichen Monster umzugehen, das sich von Kindern ernährt.
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