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Zwischen Nacht und Dunkel, Können und Klasse

1922, copyright: campfire (2017)

Keine Nacht für Ghouls. Kein Dunkel für Dämonen. Keine Geschichten für die banal Blutrünstigen, die sich von den Klauen und Krallen finsterer Kreaturen ausführlich berichten lassen müssen, um sich gruseln zu können. Bildern sollen ihnen das Entsetzen erklären. Wenn’s nötig ist und wem’s gefällt…

Es gibt bessere Wege, das Fürchten zu lehren. Es gibt diese Art, zu erzählen, die so selbstverständlich dazu einlädt, zuzuhören, gebannt zu lauschen und auf die besonderen Momente zu warten, dass niemand trivialen Neid verspürt. Einzig Hochachtung. Die gebührt im Speziellen einmal mehr und wieder Stephen King. Der schon wieder?! Ja, eben der. Anders geht’s hier nicht.

Zum einen soll auf ein Buch das Augenmerk gerichtet werden, das nicht druckfrisch, aber einzigartig lesenswert ist. Reicht, um uns glücklich zu machen.

Zum anderen bietet sich dieses Buch, das vier Kurzromane ohne (!) Schauerwesen aus dem Schrank oder Sumpf, dafür mit einfach-nur-Können und Spannung erster Klasse beinhaltet, für spezielle Gedanken zu unserer primär gestellten Frage an: Was ist denn nun (echter) geschriebener Horror?

Wenn die Nackenhaare zu Berge stehen bei gewisser Lektüre? Wenn es richtig fies ekelt und aufs Gemeinste frösteln lässt, Übelkeit aufsteigt und man trotz Würgereiz weiterhin tapfer und gleichsam fasziniert vom Abartigen die Story verschlingen will?

Oder wenn der Leser hineintaucht in eine recht normal niveauvoll erzählte Angelegenheit, die zwar auf ihre Art unschön, gar schlimm ist, die aber nichts mit den furchtbaren Alpträumen zu schaffen hat, die in eine Irrealität entführen, die tauglich für die Wahrheit wird? Eine Angelegenheit, die grundlegend auf menschliche Entscheidungen zielt, nicht auf die eines Monsters, das seinen alleinigen Zweck meist als absolutes, skrupelloses Angstobjekt erfüllt.

Zwischen Nacht und Dunkel, im Original Full Dark, No Stars, hier erschienen 2010, behandelt das alte große Thema, das von Vergeltung und, – im Regelfall subjektiv empfundener – , Gerechtigkeit spricht. Wie muss, wie darf man handeln, was gilt als Schicksal, was als Absicht, und wie ist die Schuldfrage zu beantworten?

King zeigt, was er ist: Ein phänomenaler Geschichtenerzähler, der ohne triefende Horrorszenarien mit Geschrei und Gemetzel auskommen kann, um sich als Großmeister des düsteren Genres zu bestätigen.Prinzipiell (fast) immer. Seine vier vorliegenden Novellen sind krasser Stoff. Drastisches, klares, kaltes Material.

„Die Storys in diesem Band sind hart. Vielleicht ist es Ihnen schwergefallen, sie zu lesen. Dann seien Sie versichert, dass es mir stellenweise ebenso schwergefallen ist, sie zu schreiben.“ (King, Nachwort zur Sammlung)

Die klassischen phantastischen Horror-Elemente, – Ausnahme: In Faire Verlängerung geht der todkranke Streeter einen Pakt mit dem Teufel ein  – , bleiben in der Schublade, stattdessen sind es die Tiefen und Kluften der Seele, in die King mit unverwechselbar psychologischem Feingespür seine Leser zieht, um sie dort ihrer eigenen, vertrauten Orientierung zu überlassen.

Identifikation ist möglich. Es sind Menschen, die rein menschlich agieren. Und die doch teils selbst so fassungslos, entsetzt und gleichsam zufrieden mit ihren Handlungsweisen, Reaktionen und vor allem Resultaten sind, wie es nur die Monster sein können, die in uns allen stecken. Gegen die wir grundsätzlich kämpfen wollen, die aber manchmal die Oberhand gewinnen müssen. Weil es anders nicht machbar ist. Weil nichts anderes zufriedenstellen könnte. Weil es in persönlichen Ausnahmesituationen (un-)heilige Pflicht ist, die eigenen Dämonen los zulassen. Denn nur die befreien. Und verschaffen exakt die gruselig-geniale Genugtuung, die am Ende stehen muss.

1922, copyright: campfire (2017)

In „1922“, der längsten (und stärksten) Geschichte, überzeugt Farmer Wilf seinen Sohn davon, dass es besser sei, die Mutter umzubringen, als das Stück Land zu verlieren, das sie bewirtschaften. Das Land gehört Wilfs Frau, sie will es verkaufen, in die Stadt ziehen….unvorstellbar für ihn. Ergo tötet er sie. Wenig beherzt und ungeschickt,bis ins kleinste fiese dilettantische Detail beschrieben von King. Die Leiche wird gemeinsam mehr recht als schlecht entsorgt. Und Vater nebst Sohn versuchen, mit etwas klar zu kommen, das ihnen tatsächlich alles Weitere verdirbt. Die Entwicklung ist grausam für beide. Und der Leser steht hautnah daneben, hält die Luft an und erhält für seine Anspannung ein ein King-gerechtes Ende. Fett belohnt. Excellent.

„Big Driver“ handelt vom Vergeltungsakt der Schriftstellerin Tess, die brutal vergewaltigt wurde und sich rächen will, um Demütigung, Entsetzen, Schmerz und Zorn auf eigene Faust aus sich herausreißen zu können. Sie selbst schreibt Miss-Marple-ähnliche Krimis und merkt schnell, dass ihr durchdachter Plan nicht nach den von ihr gestrickten Mustern abläuft.

Der unheilbar krebskranke Streeter macht in „Faire Verlängerung“ einen diabolischen Deal: Je glücklicher und gesünder er selbst wird, desto mehr dominiert in seiner näheren Umgebung das Pech. Hauptleidtragender ist Streeters bester Freund. Gewissensbisse und Mitleid gegen Egoismus und Erbarmungslosigkeit: Streeter entscheidet.

In „Eine gute Ehe“ wird Darcy mit einer einzigen großen und für sie alles vernichtenden Lebenslüge konfrontiert: Sie, die sich stets geborgen, geliebt, vom Bösen unantastbar gewähnt hatte, erfährt nach 27jähriger Ehe, dass ihr Mann ein Doppelleben führte. Jegliche Unschuld ist verloren, ihr graut, – zu Recht – , vor ihm, der ihr plötzlich als das Monster begegnet, das er immer gewesen ist. Der Ausweg? Furchtbar gut. Was sonst?

Nach Frühling, Sommer, Herbst und Tod und Nachts/Langoliers ist Zwischen Nacht und Dunkel (Full Dark, No Stars: Absolute Dunkelheit, keine Sterne) die dritte Novellensammlung des US-Autors. Für die mächtig die Werbetrommel gerührt wurde: Sie erschien noch vor der Hardcover-Ausgabe als Hörbuch, zudem fand eine Kurzfilm-Aktion statt,  gleichsam gab es eine eigene Homepage mit Trailer inclusive King-typischer Botschaft:

If you got a very dark place, take a bright light and shine it on everything. Because if you don’t want to see what’s there – why dare the dark, at all? (Wenn du dich an einen wirklich dunklen Ort begibst, nimm ein helles Licht und leuchte ihn aus. Denn wenn du nicht sehen willst, was da ist – warum wagst du dich dann überhaupt in die Dunkelheit?)

Die Geschichte 1922 wurde 2017 von Zak Hildtich mit Thomas Jane in der Rolle des Farmers Wilfred James verfilmt und im Rahmen des amerikanischen Fantastic Fests erstmalig und folgend in den USA und im deutschsprachigen Raum bei Netflix gezeigt.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)