Zwielicht X

Ich streune ja noch nicht allzulange durch die bunte Landschaft der deutschsprachigen Phantastik, also abseits der großen, bekannten Namen aus Fantasy und Science Fiction. Aber nach und nach entdecke ich das weite Land, welches sich auftut, wenn man gewillt ist, sich auch außerhalb ausgetretener Pfade umzusehen. So fällt mir erst spät das Zwielicht in die Hände. Und das, obwohl es bereits ein großes X auf dem Cover trägt und damit also eine Jubiläumsedition darstellt.

Weil ich bis jetzt noch nicht allzuviel darüber wusste, habe ich mich vorab ein bisschen schlau gemacht. Michael Schmidt, dem Herausgeber, ist auf jedem Fall zur zehnten Ausgabe einer Publikation zu gratulieren, die einen steinigen Weg hinter sich zu haben scheint – inklusive mehrerer Verlagswechsel – und die mittlerweile von ihm in Eigenregie veröffentlicht wird. Umso bewundernswerter ist sein Durchhaltevermögen, das auf jeden Fall für eine gewisse Hingabe zur Sache spricht. Genauso bemüht und respektabel wie die Erscheinungsgeschichte von Zwielicht offeriert sich auch der Inhalt der letzten Ausgabe. Quer durch das ganze Schauersortiment blühen hier elf Geschichten, die zu einem von der Qualität des deutschsprachigen Horrors zeugen, und zum anderen, inklusive drei Übersetzungen, nebst Fachartikeln, Hintergründen zur Phantastik abseits der Markttrends und Informationen zum Vincent-Preis, das Bouquet komplementieren.

Jede der elf veröffentlichten Geschichten ist achtbar und präsentiert ihre eigene Facette des Genres. Die Erzählungen reichen von der modernen Gespenster-Suspense, über klassischen Grusel, bis hin zum Body-Horror. Vier davon sind, natürlich subjektiv bewertet, sogar noch mehr als das. Sie sind als hervorragend zu bezeichnen, und wussten mich, jede auf ihre eigene Art, zu faszinieren und von ihrer hohen Qualität zu überzeugen. Und genau auf diese vier Geschichten will ich hier näher eingehen.

Zum Ersten wäre da „Die Messe für das besondere Buch“ von Michael Siefener. Eine traditionelle Schauergeschichte, deren Stärken vor allem im Stimmungsaufbau liegen. Gekonnt führt dieser von einer entfernten Ahnung, über die nagende Neugier, bis hin zum drohenden Wahn, welcher sich kontinuierlich dem direkten Zugriff entzieht. Eine obskure Brotkrumenspur von einer Erzählung, der man gerne gebannt folgt.

Dann die Geschichte mit dem langen Namen, beginnend mit „Bemerkenswerter Bericht…“ von Michael Tillmann. Eine ruhige, beharrliche Schilderung über einen hingebungsvollen Mönch, der einem vom ersten Augenblick an sympathisch ist. Die Stärke liegt bei dieser Darbietung vor allem in einer gelungenen Zeichnung der Hauptfigur, deren Schicksal den Leser zu mitzunehmen weiß, und der man es mehr als vergönnt, ihren Seelenfrieden zu finden. Die leicht makaber vorgeführte Kulisse unterstreicht –  durchaus beschlagen –  den Wert dieses Berichts.

Karin Reddemanns „Die bessere Geschichte“ wiederum, setzt voll und ganz auf die Umstände einer Situation, die sich hinter gekonnten Dialogen verschanzt, und erst schön langsam ihre Farben präsentiert. Skurrilität ist das Schlagwort, mit dem die Autorin einwandfrei jongliert. Nicht ohne auf wohldosierte Pointierung und  Komik zu vergessen.

Und da wäre noch die Perle aus dem Zwielicht X: Usman T. Maliks „Auferstehungspunkte“. Da stimmt dann wirklich alles für mich: aktueller Bezug, ein zerknirschender Konflikt, geschliffene, vielschichtige Charaktere und die atmosphärisch dichte Suche nach Antworten auf grundlegende moralische Fragen über die menschliche Existenz. Der Autor weiß die Stärken guter Phantastik gekonnt in Szene zu setzen. Eine Geschichte, die mich nach dem Lesen dazu bringt, mehr über und von dem Erzähler in Erfahrung zu bringen. Ich hoffe auf jeden Fall, noch einiges aus seiner Feder in die Finger zu bekommen.

Zuguterletzt bleibt mir zu sagen: Danke, Lieber Michael Schmidt und Liebes Zwielicht-Team, für einen kurzweiligen Leseabend. Und danke auch dafür, dass Ihr mir gezeigt habe, was hierzulande alles im Genre genschieht. Danke aber vor allem für Euer Engagement und die gewissenhafte Pflege der Schauerliteratur.

Erik R. Andara

Erik R. Andara

Erik R. Andara wurde 1977 in der Nähe des Dunkelsteinerwalds geboren und wuchs zurückgezogen in einer kleinen Klause am Waldrand auf. Er widmete sich dort, fast unmittelbar nach seiner Ankunft in dieser Welt, dem Lesen und Erzählen von Geschichten. Als er überrascht feststellen musste, dass diese Realität auch noch nach dem Übertritt ins neue Jahrtausend fortbestehen sollte, entschloss er sich, nach Wien zu gehen, um von dort aus seine Suche auszuweiten und aus allen Ecken und Enden des Multiversums weiteres Material für seine Geschichten zusammenzutragen. Heutzutage schreibt er vor allem düstere Phantastik, illustriert Buch- sowie Magazincover und zeichnet hin und wieder auch Comics. Zuletzt erschienen seine Geschichten und Illustrationen in Ausgaben des Visionariums (herausgegeben von Edition Gwydion) und des IF- Zeitschrift für angewandte Fantastik (herausgegeben von White Train), im Kriminal Journal Nr. 4 und im e-book Format auf der Plattform neobooks: „Am Fuß des Leuchtturms ist es dunkel“ und „Das Fest der Väter“.
Sein Verlags-Debüt „Nachtspiel und Morgengrauen“ erscheint demnächst.

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