Zwei glorreiche Halunken

1966. Der dritte Dollar. Dollar-Darling. My Dear! Sagt Quentin Tarantino. Yes, Sir! Sagt ein großer Rest der Welt. Dito. Und Sergio Leone sagt mit zufriedenem Blick gen Olymp, wer sein Großmeister ist:

„Ich war schon immer der Ansicht, dass der größte Western-Autor aller Zeiten Homer ist. Achilles, Agamemnon und Ajax sind die Archetypen des heutigen Cowboys.“

Leones Cowboys. Die da heissen im speziellen Fall: Il buono, il brutto, il cattivo. Das klingt schon mal so verdammt gut.
The Good, the Bad and the Ugly . Klingt noch besser, da vertrauter.

 

Tuco (Eli Wallach)

Zwei glorreiche Halunken. Klingt irgendwie so ein bisschen nach Haudegenspaß Marke Bud Spencer und Terence Hill. Ist nicht so, wissen wir. Die beiden Halunken sind der wortkarge Blonde (Clint Eastwood) und der großmäulige Tuco (Eli Wallach), Auftragskiller Sentenza (Lee van Cleef) ist außen vor, da ganz klar krasseres Kaliber.

Stellt sich trotzdem die eine große Frage, die unter den Stiefelsohlen brennt: Warum wird ein derart grandioser Filmtitel nicht übernommen, sondern scheint’s respektlos umgetauft? Die eine wohl einzig plausible Antwort: Weil die deutsche Übersetzung denn doch zu sehr an Grimms oder Andersens Märchenwelt erinnert. „Der Gute, der Böse und der Hässliche“ schreit geradezu nach dem klassischem Es-war-einmal ... vor langer Zeit im wilden Westen, da geschah es, dass drei seltsame Reiter auf der Suche nach einem Schatz … und wenn auch einer gestorben ist, von der Legende singt immer noch der Wind. So oder ähnlich. Allemal, etwas mehr Anlehnung an den Original-Titel wäre nicht ganz so verkehrt gewesen. Trübt Ehrfurcht und Leidenschaft aber nicht. Wir sprechen von drei grandiosen Kerlen. Von einem Wahnsinns-Western. Von Weltklasse. Und wer das anders sieht, fliegt aus dem Kino. Punkt.

Für eine Handvoll Dollar und Für ein paar Dollar mehr nebst Big-Brother Zwei glorreiche Halunken, der an die Spitze preschend die Fahne schwenkt, sind absolute Edel-Filme, umwerfend gut, genial, bahnbrechend. Möge man auch den Vergleich belächeln, aber der letzte Teil von Leones Dollar-Trilogie ist wie der Parmesan auf den Tomaten: Spaghetti, Sauce, dann der Käse. Perfetto! Und das alles wurde in einem Tempo serviert, das den baff beeindruckten Kollegen aus der Branche keine Zeit zum Nachladen ließ. Leone schoss anders. Vor allem auch schneller: 1964, 1965, 1966 gehörte der Western ihm, weitere Treffer direkt ins Schwarze sollten folgen. Hollywood zeigte sich nicht wirklich gekränkt: Wohlverdient hatten sich Amerikas typische Helden zur Ruhe gelegt, aber im Schlaf bestohlen wurden sie nicht. Eher beschenkt. Denn irgendwie gab ihnen dieser so enthusiastische, wild träumende, von phantastischen Geschichten beseelte Italiener ein Stück ihres eigenen Andenkens und Ruhms wieder zurück … und weckte auf, spornte an: Erledigt? Wir noch nicht!

„Der amerikanische Western lag – mehr tot als lebendig – in Agonie. Falls er jemals wiederauferstanden ist, dann ist das in gewisser Weise Sergio Leone zu verdanken.“ (Filmregisseur Bernardo Bertolucci, 1989)

Für seinen dritten großen Coup in Spanien, – altbewährte Ideal-Szenerie -, hatte Leone diesmal das stolze Budget von 1,3 Millionen US-Dollar zur Verfügung. Luciano Vincenzoni brauchte erneut nur begnadete elf Tage, um das Drehbuch zu liefern, 1.500 spanische Soldaten standen als Komparsen zur Verfügung, und die einmalige Musik machte (natürlich!) wieder Ennio Morricone. Sein Soundtrack, rhythmisch und sehr mexikanisch, zählt zu den größten der Filmgeschichte und stand damals mehr als ein Jahr in den Charts.

„Der Blonde“ (Clint Eastwood)

Eastwood saß erneut im Sattel. Wobei Leone anfangs nicht gut auf ihn zu sprechen war: „Seine Entdeckung“, – so sah er das -, besaß die Frechheit, sich wenig dankbar zu zeigen und die fette Gage von 250.000 Dollar plus eine Zehn-Prozent-Beteiligung an den weltweiten Einspielergebnissen zu verlangen. Zähneknirschend schlug Leone ein, Eastwood war bereits ein Rasse-Zugpferd, aber der große Regisseur war nachtragend. Für Spiel mir das Lied vom Tod wollte Leone ihn partout nicht mehr, Charles Bronson, dem auch die Rolle des Tuco und (!) die des Sentenza angeboten worden war, bekam den Zuschlag.

Zwei glorreiche Halunken, – der großartige Schauspieler Jeff Bridges nennt ihn seinen absoluten Lieblings-Western, Maestro King hat der Film für seine Fantasy-Saga Der Dunkle Turm (s. Vorwort zur neuen Auflage von Band I) inspiriert- , beginnt mit minutenlangem Schweigen. Als würde man im Theater sitzen, und nur noch ein raschelndes Kleid, ein verhaltenes Räuspern, ein fast lautloses Flüstern wären erlaubt, bevor das Orchster beginnt und sich gleichzeitig der Vorhang hebt. Und nacheinander stellen sie sich dem Publikum vor: Sentenza, der eiskalte, elegante Killer, „Blondie“, der wortkarge, zynische Schütze, Tuco (Benedicto Pacifico Juan Maria) Ramirez, der listige, ewig fluchende Ganove.

Die Story von den drei so unterschiedlichen Männern, die eine irgendwo in einem unbekannten Grab versteckte Geldkassette suchen, dabei zwischen die Fronten der Nord- und Südstaatler geraten, die den Dreck und die Glut der Wüste und den größeren Dreck, das Grauen und die Sinnlosigkeit des Krieges schmecken und sich am Ende … ach was jetzt auch. Dieses Glanzstück Filmgeschichte hier gründlich zu polieren sollte gar kein Thema sein. Kennen wir zu gut. Lieben wir zu sehr. Vergöttern wir zu beinahe teuflisch. Basta.

Und wer wirklich nicht (mehr?!) weiß, worum es so genau geht, findet in seinem Bekanntenkreis garantiert mindestens eine Person, die überglücklich sein wird, erzählen zu dürfen. Lange zu erzählen. Allein die Liste von Tucos Verbrechen, die kurz vor seiner angesetzten (und natürlich nicht stattfindenden) Hinrichtung vorgetragen wird, dauert grob geschätzte drei kräftige Schluck Wasser zwischendurch:

Mord, tätlicher Angriff auf einen Staatsangestellten, Vergewaltigung einer Jungfrau weißer Hautfarbe, versuchte Vergewaltigung einer Frau schwarzer Hautfarbe, Unterbrechung des Schienenverkehrs in räuberischer Absicht, Bankraub, Straßenraub, Raub in einer unbekannten Anzahl von Postämtern, Flucht aus dem Staatsgefängnis, Falschspiel mit gezinkten Karten und Würfeln, Förderung der Prostitution, Erpressung, versuchter Verkauf geflüchteter Sklaven, Falschmünzerei, Missachtung des Gerichts, Brandstiftung am Gerichtsgebäude und Sheriff’s Office in Sonora, Viehdiebstahl, Pferdediebstahl, Waffenschieberei an Indianer, Amtsanmaßung als mexikanischer General und ungesetzlicher Bezug von Vergütungen und Pensionen der Unionsarmee.

Schlitzohr Tuco, allerorts steckbrieflich gesucht, kennt das bereits: Hals in der Schlinge, Rettung in letzter Sekunde. Mit diesem Spiel, – der Blonde liefert ihn aus, kassiert das Kopfgeld, Tuco steht am Galgen, der Blonde schiesst aus sicherer Entfernung den Strick durch, beide preschen davon, Arbeitslohn wird (nicht ganz korrekt) geteilt -, stellen sich die „glorreichen Halunken“ vor.

Sentenza (Lee van Cleef)

Sentenza erschießt zwei Auftraggeber, die ihn gegenseitig für den Tod des anderen bezahlt haben. Sein Auftritt. Kein glorreicher Halunke. Ein harter Headhunter. Die Charaktere sind geklärt, die Reise beginnt. Gegen Ende lässt Leone, um den Zusammenhang einmal mehr deutlich zu machen, Eastwood den berühmten Poncho (wieder-)finden, den er in Für eine Handvoll Dollar und Für ein paar Dollar mehr trug. Zuvor: Eastwood steckt dem sterbenden jungen Soldaten seinen Zigarillo zwischen die Lippen für den letzten Zug. Dazu: Diese Musik! Und dann diese traurige, von Gefangenen gesungene La Storia Di Un Soldato, während Tuco von Sentenza gefoltert wird!

So unbekümmert irgendwie die Szene, in der Tuco wie ein Kind über den ewig lang gesuchten Friedhof stürmt. So irgendwie anrührend seine wahren Gefühle dem Bruder, einem Mönch, gegenüber. So herrlich wütend sein Gesichtsausdruck am Grab, als „Blondie“ ihm die Schaufel vor die Füsse wirft und befiehlt, allein zu graben:

„Es gibt zwei Kategorien von Menschen: Die einen haben ein Gewehr in der Hand, die anderen müssen buddeln. Los, buddel!“

Duell auf dem Friedhof

Und wie sich dann am Ende des Films Sentenza, „Der Blonde“ und Tuco, ergeben der „Ekstase des Goldes“ (Komposition: L’estasi Dell’oro), auf dem Massenfriedhof im Dreierduell (Komposition: Il Triello) bei den sensationellen Klängen der Solotrompete und mit umwerfenden Nahaufnahmen in die Gräberarena gebaut ins Visier nehmen, um zu zeigen und zu erkennen, was von alldem sich überhaupt für wen gelohnt hat … phänomenal!

Letztendlich reitet einer davon. Einer liegt im Staub. Der Dritte schreit Zeter und Mordio. Kleines Happy End trotzdem auch für ihn. Und einer muss nun mal schreien. Leones Kojoten wissen das längst.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)