Zu langsam, zu dick, zu starr vor Schreck: Und weg!

Früher habe ich meine große Schwester vorgeschickt, um zu gucken, ob da was ist. Irgendwo hinter der Mauer oder im Keller. Oder einfach nur in meiner Einbildung. Die habe ich später, älter und umsichtiger, vor allem deutlich misstrauischer geworden, allein in die Dunkelheit gejagt. Meine Einbildung war tapfer und ehrlich, die hat mir alles erzählt.
Meine Schwester nicht. Die hat stets gesagt, da sei niemand. Auch, wenn sie gar nicht richtig nachgesehen hatte, – so unbedingt eine Miss Marple war sie nicht – , behauptete sie, da sei nirgendwo irgendwas. Nichts, vor dem man Angst haben und fliehen müsste. Daran hat sie selbst fest geglaubt, um sich nicht ihr Leben lang unter der Bettdecke verstecken zu müssen. Grundsätzlich war das durchaus vernünftig von ihr.

(c) Sony Pictures Releasing

So vernünftig war ich nie. Weil ich genau wusste, dass mein Verstand mich auslachen würde, wenn ich ihm mit Logik käme. Mit trockener Wissenschaft. Kein Alptraum ist logisch. Kein Dämon berechenbar. Keine Furcht ein Gesetz. Und ich bin die Letzte, die nicht interessiert daran ist, alles in Erwägung zu ziehen, um gewappnet für den Ernstfall zu sein.

Natürlich amüsiere auch ich mich in angemessenem Rahmen über die sagenhaften 21 oder 33 oder wie viele noch Überlebensregeln, die Columbus in Zombieland aufstellt. Sonnencreme, Schweizer Messer und frische Unterwäsche, gut, schadet alles nicht. Aber völlig kompromisslos genug Ausdauer haben zu müssen sehe auch ich als ernstzunehmende Pflicht. Fitness ist oberstes Gebot, wenn Untote oder einfach nur irre Killer einen hetzen. Und nicht vergessen, einen doppelten Knoten in die Schnürsenkel zu machen.

Zombies oder nur irre Killer

Zumindest in der Theorie sieht das gut aus. Ich renne weg, so schnell ich kann. Ich bin weder zu dick noch zu doof dafür, ich bin wahnsinnig schnell, schneller als der leibhaftige Satan, der hinter schwergewichtigen schwitzenden Seelen her ist, die er vermutlich auch kriegt. Mich nicht. In der Theorie sprinte ich einfach davon. Und weg. Gerettet. Bingo.

In der Praxis, und das ist meine große Sorge, könnte ich im Moment der furchtbaren Erkenntnis zur Salzsäule erstarren. Da wäre es auch wenig hilfreich für mich, mir glasklar ins Gedächtnis zu rufen, dass das nun als die absolut dümmste und vermutlich folgenschwerste Reaktion gilt. In Situationen, die es absolut kompromisslos erforderlich machen, auf keinen Fall stehen zu bleiben, als hätte man einen Stock verschluckt, sollte man ohne irgendein lästiges wenn und aber auf gar keinen Fall einfach stehen bleiben, als hätte man einen Stock verschluckt. Da gibt es keine Alternative. Und trotzdem.

Diese Befürchtung, im entscheidenden Moment zu versagen und wie festgefroren mein Ende erwarten zu müssen, völlig panisch, aber absolut bewegungslos, hat durchaus eine gewisse Berechtigung. Beim Völkerball war ich die erste Tote. Sah ich den Ball vom Spielfeldrand auf mich zufliegen, wusste ich, dass es vorbei mit mir ist. Meine Arme und Beine waren Stahlträger. Unmöglich, ihn zu fangen. Anstatt mich wenigstens zu bücken, zu drehen, zu springen, zu hechten oder was auch immer, ließ ich mich wie einen schweren nassen Sack treffen und war als Soldatin erledigt. Exitus. Nicht, dass ich nicht hätte ausweichen können, anatomisch wäre das kein Problem gewesen. Ich erkläre das mal so: Es war praktisch nicht machbar. Und irgendwie habe ich seitdem, – wahrlich sind Lichtjahre vergangen – , das unangenehme Gefühl, dass ich bei einer Zombie-Apokalypse exakt genau so versagen würde.

(c) United International Pictures

Ich sehe mich dort stehen und einen mit leerer Augenhöhle auf mich zu staksen, dessen Dickdarm ihm um die Knie schlenkert. Aus seinem Mund hängt ein blutiger Lappen, ich tippe auf den Rest der Leber des Anzugträgers, der einige Meter weiter im Gras auf seiner Aktentasche hockt und erstaunt in das riesige Loch in seinem Bauch glotzt. Dann starrt er mich an. Erhebt sich und torkelt geifernd in meine Richtung. Hinter ihm sind noch zwei, drei. Zwanzig? Dreißig? Die Zombies kommen recht langsam auf mich zu, so in etwa wie bei „Shaun of the Dead“, da bleibt ja immer etwas Zeit, um sich sammeln und planen zu können.

Tatsächlich bliebe auch mir diese Zeit, um tief durch zu atmen, Vollgas zu geben und einfach abzuhauen. Ich könnte das, ich mache Hundesport, esse kein Fastfood, habe lange Beine und kenne die Überlebensregeln, aber es geht nicht. Ich bleibe einfach dort stehen wie eine alte Eiche, die dort schon seit zweihundert Jahren steht, und denke nur, dass die mich kriegen. Aus. Vorbei. Ich bin eine Schaufensterpuppe. Der erste Zombie, der mit dem Dickdarm, reißt mir den Plastikarm ab.

Ich bin eine Schaufensterpuppe

Als Kind trug ich meist einen Pferdeschwanz, der bis über die Taille hing. Das änderte sich, nachdem er lichterloh gebrannt hatte. Feuer gefangen an offener Flamme in der Küche meiner Großmutter. Sie zündete den Gasherd an, um einen Wasserkessel für Kaffee aufzusetzen, und ich stand dort herum und träumte vor mich hin. Meine Großmutter wohl auch. Die bekam nichts mit, bis meine Mutter durch die Küchentür kam und laut aufschrie, dass ich brennen würde. „Das Haar. Das Kind. Es brennt.“

Ich hörte sie, stand dort wie einzementiert und hatte alles restlos besiegelt. Ich brannte. Also würde ich verbrennen. Ohne das geringste dagegen tun zu können. Wie schrecklich. Während meine Mutter mehrmals mit einem Geschirrtuch auf meinen Rücken schlug, um die Flamme zu ersticken, blieb ich steif dort stehen, hörte sie „Ist aus! Aus!“ rufen und rechnete mir keine noch so geringfügige Chance aus, das alles überleben zu können. Es hat trotzdem funktioniert. Und vermutlich hätte es auch eh‘ wenig Sinn gehabt , wenn ich hysterisch herumgehüpft wäre mit meinem brennenden Pferdeschwanz. Aber eindeutig vitaler und irgendwie auch normaler wäre es schon gewesen. Es war diese Starre in mir, diese physische Mumifizierung in einer entscheidenden Situation, die mir heute noch Sorgen macht.

Ich hatte Angst vor unserem Küster. Er war groß und hager und hatte einen krummen Hals. Sein Kopf sah abgeknickt aus, als wäre ihm der Nacken durch gebissen worden wie in dieser Geschichte von der Schlangenfrau, die ich jetzt nicht erzählen werde. Ich weiß auch nicht mehr, warum ich die überhaupt kannte, ich war erst neun, vielleicht zehn, und ich kannte wahrhaftig diese scheußliche Geschichte. Ich kann auch nicht sagen, warum ich mich vor dem Mann überhaupt fürchtete, aber wenn ich ihn sah, wie er in seinem schwarzen Kleid in der Kirche die Kerzen anzündete und dabei seinen Kopf so merkwürdig hängen ließ wie ein kaputter Wackeldackel, dachte ich so bei mir, ihm nienieniemals freiwillig vor die Füße laufen zu wollen. Manchmal ist das eben so.

Markus Kastner, die dicke Mechthild, Susi Henning, Stefan Sowieso und ich, allesamt 4b, alberten auf dem Nachhauseweg von der Schule noch etwas auf dem Vorplatz der Kirche herum. Wir machten wohl einen ziemlichen Lärm und bemerkten den Küster, der die Hecke am gegenüberliegenden Gemeindehaus schnitt, erst in dem Moment, als er zu uns rüber rief: „Macht bloß, dass ihr da weg kommt!“
Markus Kastner lachte frech. Dann schrie er: „Piss die Wand an!“, und das allein war schon schlimm genug für mich. Aber es wurde noch schrecklicher. Der Küster kam. Sein Kopf wackelte, und seine Augen waren gelb. Ich hielt sie eindeutig für gelb. „Alle abhauen!“, brüllte Markus Kastner und rannte los. Stefan Sowieso und Susi Henning folgten. Die dicke Mechthild sah mich fragend an, zuckte mit den Schultern und stolperte hinterher. Nein, stimmt nicht, sie stolperte gar nicht, sie war weg wie ein geölter Blitz. Selbst die dicke Mechthild. Nur ich nicht. Ich stand dort und wurde zu Stein. Der Küster kam auf mich zu. Ich war wie tot. Natürlich würde Grauenvolles mit mir passieren. Und ich könnte nichts dagegen tun. Ich war ja aus Stein. Er sagte: „Nette Freunde hast du.“

Die Familie zu köpfen

Mehr nicht. So war das. Ich gehe nicht davon aus, eine Erklärung dafür abgeben zu müssen, wie sehr auch diese Angelegenheit mich belastet hat. Wäre der Küster gar kein Küster gewesen, hätte das grausig für mich enden können. Ich war nicht in der Lage, mich zu rühren. Und ich gehe davon aus, dass ich es immer noch nicht bin und niemals sein werde. Ich bewege mich nicht, wenn man sich bewegen sollte. Ich renne nicht, wenn ich rennen müsste. Ich kenne die Geschichten, die nicht für mich geschrieben wurden.

Vermutlich könnte ich auch meinen Vater oder meine Schwester nicht köpfen, wenn sie als Zombies auf dem Sofa sitzen würden. Ich stände nur da im Türrahmen, unfähig, auch nur den kleinen Finger zu krümmen, würde sie ungläubig anstarren und wie ein Zentner-Klotz dort stehen bleiben, bis sie an mir dran wären. Und während sie mein Gesicht halbieren und meinen Brustkorb öffnen würden, wäre mein Gedanke, dass ich die beiden eigentlich ordnungsgemäß hätte töten sollen. Zumindest vor ihnen hätte weg rennen müssen. Zu spät. Sowieso unmöglich für mich.

In Horrorfilmen wird ja viel gerannt. Ich glaube an die Wahrheit in Horrorfilmen. Die Fetten werden zuerst geschnappt. Und dann wohl ich.

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