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Zeit der Kniestrümpfe

Frühling roch damals anders. Mir stiegen Öl und Benzin so intensiv wie zu keiner Jahreszeit in die Nase, wenn mein Vater mich am Wochenende auf die andere Straßenseite zur Tankstelle schickte, um Zigaretten zu holen. Das war normal für unsere Eltern, dass wir Kinder das machten. Es war auch völlig normal, dass sie gemeinsam mit Freunden, die zu Besuch waren, Ernte und HB rauchten, während wir auf dem Teppichboden in der Ecke hockten, Bilder aus Katalogen schnitten und Bluna tranken. Irgendeiner fragte dann irgendwann, meist waren das die Schmölkes, die über uns wohnten und vier Katzen hatten: „Kann mal jemand lüften?“ Das reichte dann auch. Es waren die 70er, wir durften Weinbrandbohnen essen, aber Cola gab es für uns nicht. „Kinderschnaps, nichts da“, sagte mein Großvater.

Wenn meine Mutter die Fenster nach dem Winter zum ersten Mal wieder so richtig weit öffnete und dabei mit rotem Kopf murmelte, wie die bloß aussähen, – „Völlig blind, ganz schlimm, also morgen putz ich die“ -, wussten wir, dass es bald losgehen würde. Gertrud Schmölke und Annegret Krawzyk nickten dann und nippten weiter an ihrem Likör, meinen Vater und die anderen Männer schien das nicht zu interessieren. Aber uns. Denn meine Mutter sagte noch was, sie sagte: „So ist das. Der Frühling kommt.“

Ich sah ihn mittags im Schatten, den die Sonne auf die gepflasterten Bürgersteige warf, in meinem, der lang und dünn und dunkel war und einen Buckel vom Tornister hatte. Der Schatten zeigte den Schulranzen auf meinem Rücken, meine geflochtenen Zöpfe, die Schnürschuhe, die mir auf dem Gehweg Klumpfüße verpassten, und den Bommel meiner Mütze, die ich bis Ende März tragen musste, weil, wie meine Mutter wusste, „das beste Wetter trügerisch ist, da holt man sich immer noch was weg“.
Der zweite Schatten, der sich direkt neben meinem bewegte, gehörte Mechthild Hinder. Er war niedriger als meiner, breiter, auch irgendwie verzerrter. So wirkte er zumindest auf mich. Mechthild war seit der ersten Grundschulklasse meine Freundin, und ich liebte und verteidigte sie, weil sie dick und unbeholfen war und sofort errötete, wenn jemand sie ansah oder mit ihr sprach. Sie hatte diese helle Haut und wirklich viele von diesen Sommersprossen, die nicht die Pünktchen waren, die man niedlich nennt.

Mechthild fehlte der kleine Finger an der linken Hand. Das irritierte mich etwas, ich hätte gern von ihr gewusst, warum das so war. Ich traute mich aber nicht, es schien mir, als wäre das unerzogen. Ich fragte meine Mutter. Die zuckte mit den Achseln und strich mir über den Kopf, um mein Haar zu glätten. „Vielleicht ein Unfall. Sieh einfach nicht hin. Und kämm dich mal.“
Ich vergaß den Finger, es störte mich ja nicht, dass er nicht da war. Mechthild versteckte die linke Hand oft in der Jackentasche, das ging nicht mehr, wenn es so richtig heiß wurde und wir nur in kurzen Ärmeln herumliefen. Dann ballte sie die Hand zur Faust, das sah verkrampft aus, aber ich sagte nichts.

Es war mein neunter Geburtstag. Mechthild kam nicht, obwohl wir den ganzen Vortag darüber getuschelt hatten, was wir anziehen und wie wir uns frisieren würden. Ich hatte auch Eugen aus unserer Klasse eingeladen, einen unscheinbaren braven Jungen, der mich nicht sonderlich kratzte. Mechthild mochte ihn. Er war für sie vorgesehen. Meine beste Freundin. Ich rief ich bei ihr zuhause an, niemand meldete sich. Am nächsten Tag erschien sie nicht in der Schule, und es sollte eine ganze Woche dauern, bis ich sie wiedersah. Und endlich mit meiner Mutter sprach. Über alles.
Mechthild fehlte ein zweiter Finger.

Als ein Jahr zuvor die Zeit der Kniestrümpfe gekommen war, nahmen wir sie an wie dieses heute noch unvergessliche Eis am Stiel, das es bald wieder geben würde, so lang wie eine rechteckige Zigarre, Schokolade oder Vanille, eingepackt in Silberpapier. Die Strümpfe bedeuteten Sandalen, kurze Röcke, karierte Blusen und Pflaster auf den Knien. Kniestrümpfe waren Frühling, so, wie ein ordentlicher Frühling zu sein hat. Wenn meine Mutter endlich an irgendeinem großartigen Abend kurz vor dem Zubettgehen in diese eine Schublade im Kinderzimmer griff, war unsere Welt vorerst einmal in Ordnung. Sie legte uns Kniestrümpfe, keine wollenen Strumpfhosen für den nächsten Tag heraus, sie tat das sehr feierlich, mit diesem Ausdruck im Gesicht, als würde sie uns Extraportionen an Süßigkeiten schenken. Tatsächlich kam uns das ähnlich vor. Sie lächelte, wie Mütter eben lächeln, und verkündete, dass wir die wohl jetzt anziehen dürften. Vorerst. „Das kann noch kalt werden, Kinder, vertut euch mal nicht.“

In den darauffolgenden Wochen wurde es richtig warm. Die Kniestrümpfe gehörten dazu wie das Brausepulver, das Mechthild und ich uns gegenseitig aus den Handflächen schleckten. Das waren dann diese Momente, in denen ich verstohlen ihren kleinen Stumpf ansah, um wieder wegzusehen und zu hoffen, sie würde es nicht bemerken.
An einem dieser ganz besonders schönen Tage spielten Mechthild und ich auf dem Hinterhof Memory. Wir hockten auf einem alten Badelaken, ausgebreitet auf den Steinplatten, und waren eine ganze Weile damit beschäftigt, die zusammengehörigen Bilder aufzudecken, bis es uns auf dem Boden zu hart wurde. Dotz, unser Dackel, der unter dem Ahorn lag, dort, wo man ihn immer fand, war dabei, einen Tennisball zu zerlegen, den er mit seinen beiden Vorderpfoten fest umklammert hielt. Ich nahm ihm den Ball weg, er guckte nur träge und gähnte, und warf ihn Mechthild zu. Die schnappte nicht, musste sich bücken, warf ihn zurück. Das ging nicht lange hin und her, es war kein rechter Spaß, Mechthild fing ihn nicht sehr oft und behauptete, das läge an mir, weil ich nicht vernünftig in ihre Richtung zielen würde. Wir hörten auf damit. Mechthild atmete schwer und schwitzte stark, das war ihr bekannt, „das ist, weil ich fett bin“, lispelte sie, kaum hörbar war das, nur für meine Ohren, für die ihrer Freundin gedacht. Sie senkte den Kopf und machte Anstalten, zu heulen. Ich nahm sie in den Arm und machte „Kschtkscht“, wie ich es von meiner Großmutter her kannte. „Das ist doch nicht schlimm“, sagte ich und fühlte mich unwohl, weil mir klar war, dass sie etwas anderes hätte hören wollen. Wir setzten uns nebeneinander auf die Holzbank, sprachen eine Weile nicht und beobachteten Dotz, der sich auf dem Rücken wälzte und in die Luft boxte. Ich schlug dann vor, zu dem kleinen See am alten Friedhof zu gehen, der direkt an dem schmalen Weg hinter unserem Haus lag. Das war verboten. Ich kannte die Regel, den Hof nicht ohne Begleitung verlassen, und die gleichaltrige Mechthild zählte da nicht. Wir gingen trotzdem, weil es aufregend war, zu ignorieren, was man nicht darf.
Ich zog meine Schuhe und die Strümpfe aus, ging in die Knie und beugte mich nach vorn, um meine Hände in den See, der tatsächlich ein winziger flacher Tümpel war, zu tunken.
„Ist nicht kalt, da können wir rein.“
„Ist aber dreckig.“
„Dreck ist gut.“
„Weiß nicht.“
Ich setzte mich vor die Böschung, wo eine unbewachsene kleine Fläche war, und steckte meine Füße in das Wasser. Mechthild stand da wie angewurzelt und sah mich erschrocken an.
„Ich mach das aber nicht.“
„Wenn ich das mach, dann du auch. Wenn du meine Freundin bist, musst du das machen. Das ist so, und jetzt mach.“
Sie zögerte kurz, dann hockte sie sich hin und löste die Schleifen an ihren Schuhen.

Heute frage ich mich, wie alles verlaufen wäre, wenn ich mit meinen acht Jahren nicht so stur darauf beharrt hätte, dass Mechthild sich mir anschließen müsse. Beste Freundin, die sie war. Ich hätte ihre nackten Füße nicht gesehen, wäre niemals in der Pflicht gewesen. Ich hätte das Blut nicht gerochen. Ich wäre ein guter Mensch geblieben, der von roten Kniestrümpfen und zerliebten Teddybären erzählt, wenn er von seiner Kindheit spricht.
Vielleicht.

Als sie barfüßig vor mir stand mit ihren roten verstrubbelten Locken, in ihrem kurzen blauen Trägerkleid, das zu eng und zu steif war , um ein dickes Mädchen hübsch aussehen zu lassen, fiel mein Blick, warum auch immer, zuerst auf ihre Zehen.
Zwei fehlten. Die kleinen.

Vermutlich kurz, wohl länger als nur kurz hielt ich den Atem an, das werde ich mit Sicherheit getan haben, so mache ich es heute noch, um nicht zu spontan etwas zu sagen, was ich besser hätte durchdenken sollte. Ich wusste nicht, wohin mit meinen Füßen, die schwer im Wasser hingen, zu schwer, um auf ihnen davonlaufen zu können. Ich beugte meinen Kopf weit nach vorn, als wäre da etwas Spannendes in unserem See, aber da war nichts, nur hoffnungslose Brühe, die mir keine Chance bot, von ihr zu erzählen. Schließlich sah ich sie einfach an.
„Da war grad eine Hummel auf meinem Knie. Die kann man streicheln.“
Ich bekam keine Antwort.
Mechthild starrte mir direkt in die Augen, lief rot an, starrte weiter, die Augen weit aufgerissen, der Mund leicht geöffnet. Sie wirkte fürchterlich, ich wünschte mir, wieder mit ihr auf unserem Hof zu sein und Dotz mit einem Keks glücklich zu machen. Überhaupt, wir hätten den Hund mitnehmen sollen. Den Ball. Unser Kartenspiel. Besser noch, meine Mutter hätte uns bei einem zufälligen Blick aus dem Fenster dabei erwischt, wie wir heimlich das Tor öffnen und wegrennen wollten. Böse wäre sie auf uns gewesen, egal, sie hätte sich wieder beruhigt und uns Kellerkuchen gebracht, wir würden auf der Bank sitzen, kalten Kakao trinken und hätten die Kniestrümpfe und die Schuhe noch an.
So war das aber nicht. Mechthild stand da wie ein Stock, und ich hoffte so sehr, dieser schreckliche Blick würde endlich verschwinden. Ich war unglücklich, das weiß ich noch sehr genau, so unglücklich, dass ich dachte, der liebe Gott hätte uns endgültig verlassen, um nicht zugucken zu müssen, wie Mechthild sich plötzlich verwandelt. Noch hatte ich keine klare Vorstellung davon, als was meine beste Freundin, die so anders war, da oben am Abhang der Böschung mir die schlimmste Furcht meines Lebens einjagen könnte, aber es musste ein grauenhaftes Etwas sein. Und es würde nur acht Zehen haben.

„Was guckst du denn so komisch?“
Das war tatsächlich ihre Stimme, die recht erkennbar nach Mechthild klang, und das war auch, denke ich, wirklich gut so. Sie bewegte sich wieder. Sie verzog ihr Gesicht und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Wieso ich? Ich guck nicht komisch. Hast du was?“
„Nein. Aber du wohl.“
Sie stampfte mit dem rechten Fuß auf, ich dachte, jetzt geht es los, ihr Kopf war noch so rot, die Augen so weit aufgerissen, und ich hockte da mit den Beinen im Tümpel, kämpfte mit den Tränen und und hätte gern nach meiner Mutter geschrien.
Aber sie sagte nur: „Wir haben nichts zum Abtrocknen.“
Welch wunderbar normaler Satz. Ich winkte hastig ab, da steckte immer noch dieser fette Klops in meinem Hals.
„Wir nehmen meine Strickjacke. Die ist schon schmutzig, da ist das egal.“
Mechthild zuckte mit den Schultern, kam auf mich zu, setzte sich neben mich, tauchte die Füße ins Wasser, seufzte wie meine Großmutter, wenn sie vom Zipperlein sprach.
„Kalt. Aber schön. Da schwimmt Zeug rum.“
„Das ist Fischkotze.“
„Du lügst.“
„Dann ist es eben Froschscheisse.“
Wir mussten lachen, so war es in Ordnung, so war die Sonne wieder gut.
Eine ewig stille Weile ließen wir unsere nackten Beine baumeln, plätschern, hin und her tanzen, tunkten sie ein, versenkten sie wieder, vergaßen beinahe, auch hier und jetzt unweigerlich zu altern, weil alles so zeitlos hell und lebendig schien. Bis Mechthild unruhig hin und her rutschte und die Stirn in Falten legte, die nicht zu achtjährigen Mädchen gehören.
„Meine kleinen Zehen sind ab.“
Ich versteinerte innerlich, zumindest stellte ich mir das so vor, dass man plötzlich hart und steif und kalt wird wie ein Fels, auf dem nichts mehr wächst. Ich schaffte es aber, sie von der Seite anzusehen, anzustupsen, kurz zu kichern. Sogar das gelang mir.
„Na, und wenn schon.“
„Stört dich das nicht?“
„Nein, warum, dich denn?“
„Eigentlich nicht. Ist aber hässlich. Oder?“
Sie blickte mich fragend an. Ihr Kopf war immer noch scheußlich rot.
„Das sieht doch niemand, fällt gar nicht auf. Ich hab ein Muttermal am Knie. Das sieht aus wie eine braune Träne.“
„Ich hab eins am Po. Ganz rund und gelb wie der Mond.“
„Meine Mutter sagt, die hellen sind besser. An den dunklen stirbt man.“
„Quatsch. Du nicht.“ Sie zog an meinem Zopf und lachte. Das klang aber nicht richtig, ich fühlte mich überhaupt nicht mehr wohl und schlug vor, nach Hause zu gehen.
„Das gibt ein Donnerwetter, wenn meine Mutter auf dem Hof ist. Mit dir schimpft sie auch, wetten?“
„Soll sie doch. Ich will noch hierbleiben.“ Sie blinzelte mich aus verkniffenen Augen an, wie mein Vater, wenn er seine Brille nicht trug. „Weißt du, das mit meinen Zehen, das kam so, weil ich zu enge Schuhe an hatte. Die sind nicht richtig gewachsen, da mussten sie weg.“
„Was?“ Ich war fassungslos. Das war Horror. Das war nicht der Zyklop, der die kleinen Männer in der Höhle frisst, der hatte mir nur einmal Angst gemacht, der war Fernsehen. Das hier waren die blutenden Füße von Aschenputtels Schwestern.
„Was meinst du mit weg?“ Ich sprach so leise, dass ich glaubte, die Käfer im Gebüsch fressen zu hören. „Abgeschnitten?“ Und wieder, wie so viele Male in meiner Kindheit, sah ich mich dort ungläubig im Keller stehen, hörte meiner Großmutter zu, die ein Kaninchen häutete, das zum Ausbluten an einem Haken über einem Eimer hing, die gelbe Plastikhandschuhe trug und mir Märchen erzählte, während ich in den Knopflöchern meiner Strickjacke mit den Fingern bohrte und mir Saft wünschte, weil mein Mund ganz trocken war. Schneewittchens Schwestern hatten zu große Füße, der Schuh passte nicht, also hackte die eine sich die Ferse ab und die andere den dicken Zeh. Das haben sie völlig umsonst getan, das war das Schlimme daran.
Mechthild stocherte mit einem Ast in der Erde und blickte nicht auf. Sie murmelte nur, verstanden hab ich schon.
„So ungefähr. Meine Mutter hat das gemacht.“
„Deine Mutter? War das denn nötig? Sie hätte dir größere Schuhe kaufen können. Oder nicht?“
Große Güte, Frau Hinder, ich hatte sie erst einmal gesehen, sie war so gar nicht hübsch, auch nicht so nett, aber trotzdem hätte ich das nicht von ihr gedacht.
„Das war schon zu spät dafür, die mussten eben weg.“
„Normal finde ich das aber nicht.“
„Meine Mutter war Krankenschwester. Die kann so was.“
„Trotzdem.“
„Du findest mich also nicht normal?“
„Das hab ich nicht gesagt.“
„Aber so ähnlich.“
Wir schwiegen beide. Weil ich nicht weiter wusste, griff ich auch nach einem Stock, betrachtete ihn ratlos, zerbrach ihn schließlich in zwei, vier Teile, warf sie zu Boden, griff nach einem Stein, den ich in der Handfläche drehte, ihn dann ins Wasser warf und mir vorstellte, er würde zurück kommen und mich an der Schläfe treffen. Ich wäre tot, und Mechthild müsste das alles meiner Mutter erklären.
Irgendwann standen wir wortlos auf und kletterten die Böschung hoch. Mechthild griff nach meiner Hand. Ihre war ganz feucht und winzig, ich drückte sie, obwohl ich sie gern losgelassen hätte. Wir sprachen nicht mehr darüber. Meine Mutter wartete am Zaun, sie schimpfte, das war richtig so. Sie fragte nach meiner Strickjacke. Ich bückte mich, um Dotz zu kraulen, der sich freute, mich lebend wiederzusehen. Hunde sind so, denke ich, sie sind davon überzeugt, man geht allein in den Tod, wenn sie einen nicht begleiten dürfen. Die Jacke lag noch am Tümpel, ich hatte sie vergessen, das störte mich nicht. Ich mochte sie nicht mehr. Sie war mit Blümchen bestickt. Das war eine Jacke für kleine Mädchen. Ich fühlte mich zu alt dafür.

Tatsächlich schaffte ich es, meiner Mutter fast ein ganzes ewig langes Jahr nichts von Mechthilds Zehen zu erzählen. Ich hätte das gebraucht, ich war so oft so nahe dran, mich an sie zu lehnen und zu weinen, das wäre genug gewesen, genug, um gefragt zu werden, wie nur Mütter fragen können, um alles, wirklich alles zu erfahren. Mechthild und ich waren weiterhin beste Freundinnen, aber in der Nacht, wenn ich mit meiner Taschenlampe unter der Bettdecke lag und meine Füße betrachtete, anstatt zu lesen, schlich sie sich ein in meinen Kopf und machte mir Angst. Sie sah nicht anders aus als sonst, nicht wirklich. Sie trug ihr blaues Trägerkleid, und ihre geflochtenen Locken waren zu Affenschaukeln hochgesteckt, gehalten von breitem Schleifenband, das machte ihren Kopf dick, der wieder so furchtbar rot war. In ihrer Hand hielt sie ein Messer, es war die linke, die mit nur vier Fingern, und ich starrte in ihr Gesicht und wieder auf das Messer und hinunter zu ihren Füßen. Sie waren nackt. Mechthild bewegte ihre acht Zehen auf und ab und nach rechts und links, als würde sie mit ihnen einen Tanz einstudieren, dazu summte sie etwas, blickte mich an und wirkte dabei so weit, weit weg von mir. Dann sprang sie auf der Stelle, hoch, ganz hoch, keuchte, weil es sie anstrengte, lachte dabei und drehte sich im Kreis, zeigte auf meine Füße und sagte: „Das kannst du auch.“

Das Messer, das Mechthild dort unter meiner Bettdecke in ihrer verstümmelten Hand hielt, war das Messer für die Kaninchen. Dieses Messer, mit dem ich fünfundzwanzig Jahre später meine beste Freundin und ihren Metzger tötete. Da bin ich mir sicher. Es hatte einen braunen, abgenutzten Knauf und kleine, spitze Zähne, und es war so lang und so scharf wie das meiner Großmutter, die es nur dann aus der abgeschlossenen Küchenkommode unter der Fensterbank holte, wenn mein Großvater und sein Bruder von der Jagd nach Hause kamen.

Zwei Wochen nach meinem neunten Geburtstag wurde Gerlinde Hinder verhaftet. Sie hatte ihren Mann mit einem Hammer erschlagen und war völlig betrunken aus dem Fenster gesprungen, blieb dabei aber wohl unverletzt. Ein Rhododendron fing sie auf, es war auch nur der erste Stock. Drei Tage zuvor hatte das Jugendamt meine Freundin abgeholt, sie kam dann später, nachdem der Vater tot und die Mutter weggesperrt war, zu Verwandten in einen dreißig Kilometer von unserer Stadt entfernten Ort. Dort in Heiligbüschkenstett blieb sie, wurde älter, aber nicht bemerkenswerter, und bekam irgendwann eine Tochter mit namenlosem Vater, ein unscheinbares pummeliges Mädchen, dessen Besonderheit darin bestand, dass ihm zwei Finger an der linken Hand fehlten.

Meine Mutter reagierte damals, denke ich, richtig, obgleich ich sie anflehte, alles, was ich ihr erzählt hatte, für sich zu behalten. Ich war in schrecklicher Sorge, ich könnte Mechthild verlieren.
„Verrate nichts, mach doch einfach irgendwas, das niemand merkt.“
„Das kann ich nicht, das darf ich auch nicht.“
Sie strich mir mit ihren Fingerkuppen sanft über die Wangen und lächelte mich an, aber ich sah da was in ihren Augen, das war etwas anderes als Zärtlichkeit. Das war Zorn. Das war auch Furcht.
Mein Vater blieb ganz ruhig, sagte nur: „Ich hab das nicht gern, wenn du dich einmischt, Hella, aber in diesem Fall… das sind doch Tiere.“
Ich wurde auf mein Zimmer geschickt, meine Eltern telefonierten, sprachen so leise miteinander, dass ich nichts verstand, obgleich ich direkt am Türschlitz auf dem Boden kauerte und lauschte, telefonierte, flüsterten wieder. Bis es klingelte. Wer die späten Gäste waren, erfuhr ich nicht, ich wurde nicht dazu geholt.

Mechthild war am nächsten Tag fort, wir hatten uns nicht verabschieden können, und ich dachte nur, sie sei vermutlich eh sehr böse auf mich und würde mich vielleicht umbringen wollen, weil ich geredet hatte. Ich stellte mir vor, sie würde mich zu Boden werfen und mir den Bauch aufschlitzen mit dem Messer meiner Großmutter, und dann würde sie ihre abgeschnittenen Zehen und Finger hineinstopfen in mein großes blutendes Loch und es mit Korn zunähen, denn „Korn hält Magen und Darm zusammen“, wie mein Großvater sagte. Warum das so sein sollte, weiß ich nicht, es kümmert auch nicht, wenn der Tod bevorsteht.
Wie gefährlich nah ich ihm gewesen bin, wurde mir so richtig bewusst, als Frau Hinder kurz nach Mechthilds Auszug ihren Ehemann mit einem Hammer ermordete. Ich dachte nur, lieber Gott, das auch noch, das verzeiht sie mir nie, besser wohl, sie bleibt für immer in Heiligbüschkenstett und ich daheim auf unserem Hof.

Es kam anders. Mechthild und ich schrieben uns, als sei niemand tot oder eingekerkert und als hätte niemand ihr jemals etwas getan, es ging ihr wohl gut bei ihrer Tante. Die hatte einen blinden Pudel, der in Mechthilds Bett schlief, und einen Sohn, der alt war. Meine Freundin liebte diesen Matze und schickte mir ein Foto von ihm, der sprach wohl schon mit dunkler Stimme und hatte Pickel auf der Stirn. Matze war groß und fett, ich gönnte ihn ihr, mit ihm zusammen würde sie sich nicht erinnern wollen.
Im Frühling darauf besuchte ich Mechthild für eine Übernachtung, mein Vater fuhr mich, aber die Zeit war zu kurz, um wirklich befreit von all dem Alten sein zu können, wir guckten nur und alberten und schwiegen, mehr war nicht. Matze mochte ich nicht, er war laut und hatte Spucke im Mundwinkel. Mich mochte er auch nicht. Ich schlief auf einer Matratze, in Mechthilds Bett lag der blinde Pudel, und ich dachte, wir hätten uns viel zu erzählen, aber sie schlief schnell ein. Ein Jahr später kam Mechthild zu mir für ein paar Tage, es war schon richtig so, aber anders. Sie hatte bestickte Blue-Jeans an, die sehr eng waren, ihr Bauch quoll am Hosenbund hervor, das sah nicht unbedingt gut aus, aber ich sagte nichts. Ich selbst trug mein kariertes kurzes Kleid, dazu neue Kniestrümpfe, und ich kam mir sehr kindlich vor mit meinen Haarschleifen und den Lacksandalen. Unauffällig löste ich meine Zöpfe, das Haar fiel mir bis zum Po. Mechthilds war jetzt schulterlang, sie sah erwachsen aus und hatte grüne Farbe auf den Lidern. Ihr Kopf war immer noch rot.

Wir hockten nebeneinander am Tümpel, Mechthild hatte ihre Jeans hochgekrempelt und ließ mich ihre nackten Füße sehen, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen. Ihre acht Zehen waren rot lackiert, das verstand ich überhaupt nicht, die musste man notgedrungen durchzählen, das war auffällig. Sie rauchte jetzt, weil Matze rauchte, aber sie war elf, so wie ich, und irgendwie empfand ich das als falsch und durchweg verboten, was sie machte.
„Schmeckt das denn? Darfst du das überhaupt?“
„Ach was.“
Ich überlegte, worauf sich ihre Antwort bezog, fragte aber nicht weiter nach, weil ich nicht wollte, dass sie mich für dumm hält.
Eine Weile schwiegen wir, während wir unsere Füße ins Wasser hielten. Dotz versuchte, Fliegen zu fangen, ließ es bleiben und lehnte sich an meinen Rücken. Ihm war wohl langweilig. Mir auch. Mechthild war so fremd, ich wusste nicht, was sie interessieren könnte.
„Nach den Sommerferien komm ich in die Quinta. Mein zweites Jahr Latein.“
„Und was willst du damit?“
„Irgendwas. Zu irgendwas ist doch alles brauchbar. Wie ist deine Schule?“
„Wie soll Schule schon sein?“
Sie zuckte mit den Achseln und gähnte. Ich fühlte mich unbehaglich, sie schien mich nicht mehr besonders gern zu haben. Ich stellte mir vor, mit ihr auf unserem Hof zu sitzen, wir würden Reisequartett spielen, Schaumwaffeln essen und uns Inselgeschichten ausdenken. Die Schokolade würde schmelzen, und unsere Hände wären braun und klebrig. Das war nicht so.
„Meine Mutter hat ganz schöne Scheiße gebaut.“
Ich war irritiert. Damit hatte ich nicht gerechnet, nicht hier, an unserem See, wo sie nach meiner Hand gegriffen hatte. Mit ihrer, die so nass und klein gewesen ist. Ich zögerte kurz, strich ihr unbeholfen über den Unterarm, sie zuckte nicht zurück, ich fand nur lahme Worte für sie.
„Das war eben schlimm, was sie getan hat. Sie war wohl sehr krank.“
„Wer sagt das?“
„Alle. Alle sagen, dass sie krank war. Sonst macht man so was nicht.“
„Dann sag du mal hübsch allen, dass die in der Irrenanstalt ist. Krank ist die nicht.“
Ich schluckte. Irrenanstalt, das kam mir fürchterlich vor. Leute in weißen langen Hemden mit roten Augen und verfilztem Haar, die schreien und einen packen wollen.
„Da ist die jetzt?“
„Na hör mal. Die hat meinen Vater ermordet. Wo soll sie denn sonst sein? Im Gefängnis? Da kommen Irre nicht hin.“
„War sie denn immer schon so? Irre?“
„Bekloppt war die. Ist noch bekloppter geworden, als die mich weggeholt haben.“
„Das war aber richtig.“
„War es nicht.“
„War es aber doch. Deine Mutter hat dir die Finger abgeschnitten. Und die kleinen Zehen. Sie hätte damit weitergemacht, stell dir das mal vor, das wolltest du doch wohl nicht.“
Unglücklicher als in diesem Moment war ich nur selten in meinem Leben. Alles um mich herum schien so wenig normal zu sein, der Tümpel, der nach Fäulnis roch, Dotz, der unmotiviert knurrte, Mechthild, die finster blickte, ich, die keine Ahnung mehr hatte.
„Hätte sie nicht gemacht. Mein Vater wollte sowieso gehen.“
„Wohin denn?“
„Weg. Zu einer anderen Frau. Wäre er schnell genug gegangen, dann hätte es auch keinen Grund mehr gegeben. Für meine Mutter. Kapierst du das? Nein, du kapierst natürlich nicht.“
„Keinen Grund mehr? Ihn zu töten?“
„Quatsch. Kein Grund mehr, mich zu bestrafen.“
„Dich? Warum?“
„Dafür, dass ich in seinem Bett lag. Darum.“
„Nur deswegen?“
„Du bist einfach nur blöd.“

Ihre Worte kränkten mich zutiefst. Ich war zwar völlig verunsichert, weil ich die Wahrheit nicht wirklich erkennen, mehr noch, begreifen konnte, aber ich malte mir ein Bild davon, es war unfertig, und ich erwartete von Mechthild, es zu Ende zu bringen. Für mich. Ihre vielleicht doch noch beste Freundin. Für mein Gewissen, das mich plagte, weil ihr Vater tot war und ihre Mutter im Nirgendwo. Für ihre Zehen und ihre Finger, die niemals ganz normal wieder da sein würden, ich hatte ja nichts ändern können. Verhindern, mag sein. Der Gedanke, Mechthild davor bewahrt zu haben, irgendwann eine Hand, ein Auge, eine ihrer Brüste, die noch so unschuldig flach waren wie meine, zu verlieren, weil da eine Mutter war, die ihre Tochter mit dem Messer bestrafte, tröstete mich nur schwach. Mir war bewusst, dass meine Freundin mich nicht mehr liebte. Und ich redete mir ein, diese Liebe verspielt zu haben. Das war falsch.

Mit der Zeit, die folgte, dachte ich immer weniger an sie, wir hatten keinen Kontakt mehr, so was geschieht. Als ich Mechthild nach zehn Jahren zufällig auf einem Scheunenfest der Landjugend irgendwo außerhalb von Heiligbüschkenstett wiedersah, war sie groß und schwer geworden und hatte viel Farbe im Gesicht. Sie stellte mir keine Fragen und lächelte mich nicht an. Ich hätte gern etwas von ihr erfahren, aber ich hatte das Gefühl, ihr lästig zu sein. Mechthild schien stark sein zu wollen, sie hatte ihre Leute bei sich, darunter auch Matze, der ruhiger und schlanker war als früher. Er machte einen vernünftigen Eindruck, das sollte mir sehr viel später die Beruhigung geben, Mechthilds Tochter in guten Händen zu wissen. Immerhin hatte ich ihre Mutter und ihre Großmutter ermordet, das Schicksal war ihr etwas schuldig. Für mich. Tatsächlich für mich. Wer sagt denn, dass nur Gott die Fäden in der Hand hält, an denen wir hängen und zappeln müssen? Manchmal ist es das Böse, das uns erlaubt, auch mal zu tanzen. Zu unserem Besten, gerade dann, wenn Dunkelheit uns lenkt. Wer weiß das schon.

Fünfzehn Jahre nach unserer so nüchternen Begegnung rief Mechthild mich an. Es war wieder Frühling, als sie sich an mich erinnerte, und es war ein sonniger Tag, der mich zufrieden sein ließ. Sie wirkte aufgeräumt, ich sah keinen Grund, ihre Einladung auszuschlagen. Und auch keinen Grund, für sie und die anderen nicht zu entscheiden.

Mechthild wohnte mit ihrer achtjährigen Tochter Katja, die scheu und ungelenk war, direkt am wenig bebauten Ortsrand von Heiligbüschkenstett. Zwei weitere Mitbewohner, die wohl nach Laune kamen und gingen, waren Herbert Strack, ein arbeitsloser Metzger mit schlechten Zähnen und riesigen Händen, den sie als ihren Freund vorstellte, und ihre Mutter Gerlinde. Vor dem zweigeschossigen Mietshaus, das von einem großen, wild bewachsenen Grundstück umgeben war, befand sich ein Schotterweg, dahinter freies Feld. Die Einsamkeit dort machte es mir einfach. Dafür bin ich dankbar.
Ich blieb wortlos, als ich die fehlenden Finger an Katjas linker Hand bemerkte, trank meinen Kaffee und beschloss, noch an diesem Abend Mechthilds Mutter zu töten. Der Gedanke daran war so kalt und klar wie mein Bild von mir selbst in diesem Moment. Ich war schön, ich war dunkel, ich hatte Schuld auf mich geladen, die ich nicht länger definieren wollte, und ich tauchte meine Füße längst nicht mehr in einen moderigen Tümpel in der festen Überzeugung, es sei ein See, so blau wie der Frühlingshimmel, der nur mir gehörte.
Wie ich es anstellen würde, die Frau umzubringen, die kleinen Mädchen die Seelen schwärzte, wusste ich noch nicht, bei Mechthild und dem Metzger war ich gut vorbereitet. Es hatte mich nicht erschreckt, Gerlinde Hinder welk, missmutig und angetrunken bei ihrer Tochter anzutreffen, sie musste lange schon die Psychiatrie verlassen haben, und es erstaunte mich auch nicht, dass Mechthild mit den Schatten ihrer Vergangenheit einen gleichgültigen Frieden geschlossen hatte.

Frau Hinder, die nichts mehr zu trinken hatte, verließ die Wohnung gegen Abend, kurz, nachdem auch Herbert Strack gegangen war. Ich blieb noch eine ewige Stunde, in der wir uns gegenseitig störten, verabschiedete mich, parkte meinen Wagen hinter einem dichten Gebüsch am Schotterweg dreihundert Meter entfernt vom Haus und wartete. Sie starb um Mitternacht, ich überfuhr sie viermal, bevor ich aus meinem Wagen stieg und mir im sterbenden Schein einer alten Straßenlaterne ihren verdrehten Körper ansah. Ihr aufgedunsenes Gesicht, vom Alkohol gezeichnet, war platt gedrückt und mit einem abstrusen Zickzack-Muster von meinen Reifen versehen, als hätte jemand den Kopf unter eine Druckerpresse gehalten. Die Augäpfel quollen hervor wie fette Rosinen aus einer flachen Teigschnecke, und ich bedauerte, kein Messer bei mir zu haben, um sie herauszuschälen und sie mitzunehmen. Der Brustkorb klaffte auseinander, der grüne Stoff ihrer Bluse wirkte wie eingeweicht in einer Schüssel voller Blut und Innereien. Ich verspürte keinen Würgereiz, ich hatte auch keinen erwartet, ich empfand Genugtuung. Der Anblick der kaputt gewalzten Frau vor mir auf dem Boden bereitete mir Freude, ich dachte an den erschlagenen Ehemann und an in Einmachgläsern konservierte rosafarbene, kleine Gliedmaßen auf der Fensterbank in Hinders Küche, dort, wo Mütter die von ihren Kindern gepflückten Butterblümchen in ausgespülten Joghurtbechern noch eine liebevolle Weile lang leben lassen.

Gesehen hat mich niemand, gefragt hat man mich nie. Und den einen schrillen Schrei, den Gerlinde Hinder ausgestoßen hatte, bevor sie über die Motorhaube auf den Schotter flog, muss die Frühlingsnacht mit ihren eigenen süßen Geräuschen verschluckt haben.
Drei Tage nach der Beerdigung rief Mechthild mich erneut an. Sie klang betrunken. Alle hätten sie im Stich gelassen, die Mutter, der Metzger, die Tochter, auch ich, ihre beste Freundin. Ich versuchte, echte Worte zu finden, es gelang mir nicht. Als sie mir sagte, Matze und seine Familie hätten Katja über Ostern zu sich nach Norddeich geholt, und das wäre allemal auch besser für das kranke Luder, weil das Jugendamt sich wegen der Sache mit den Verletzungen eingeschaltet hätte und der Metzger nur noch auf Krawall aus wäre, wusste ich, dass ich nicht ohne das Messer meiner Großmutter erneut nach Heiligbüschkenstett fahren würde. Ein mit Sicherheit letztes Mal, es gefiel mir dort nicht, meine Rolle konnte ich auch anderswo weiterspielen.
Es war nur ein kurzer Wortwechsel. Mechthild leerte Wassergläser mit gelbem Schnaps, rauchte und heulte und erklärte mir, warum sie ihrer Tochter die Finger abgeschnitten hatte. Zur Strafe. Selbstverständlich. Mit einer Rosenschere, das kannte sie, da wusste sie, wie schnell das geht. Gerlinde Hinder hätte tatsächlich Theater deswegen gemacht, was ihr denn einfiele.
„Ausgerechnet die. Reißt ihr Maul auf und tut unschuldig. Hat die Sauerei aber in Ordnung gebracht. Nichts entzündet. War ja mal Krankenschwester.“
Ich nickte. Natürlich.
„Deine Mutter war das also nicht, sondern du.“
„Ist halt so, mein Gott.“
„Egal. Verdient hat sie es allemal.“
„Was? Über den Haufen gefahren zu werden?“
„Vergiss es. Und warum hast du Katja das getan?“
„Herbert.“
„Was ist ist mit dem?“
„Die lag in seinem Bett.“
„Nur deswegen?“
Sie starrte mich ungläubig an. Ich lachte.
„Ist schon klar. Ich bin einfach nur blöd.“

Mit Mechthild war ich fertig, als ich das Schließgeräusch an der Tür hörte. Der Metzger kam, wir schienen uns alle drei wortlos abgesprochen zu haben. Ich schlachtete auch ihn ab. Da war diese wohlige Erkenntnis, so was wirklich gut zu können, ich war von mir selbst beeindruckt, das hatte mir niemand beigebracht. Meine Großmutter wäre wohl stolz auf mich gewesen. Besser, blutiger, ausgeweideter war das als jedes Kaninchen, das in unserem Keller am Haken gehangen hat.
Ich öffnete das Wohnzimmerfenster, atmete tief durch. Der Frühling roch nach Gras und Blut und Sonne, ein herrliches Gemisch. Ich steckte das Papiertuch in meine Tasche, in dem sich Mechthilds Augen befanden, die ich ihr aus dem sommersprossigen Gesicht geschnitten hatte. Fast wie bei Aschenputtel. Die Tauben hackten den Stiefschwestern vor der Kirche die Augen aus. Warum eigentlich? Ich musste lächeln, sah an meinen Beinen hinunter. Ich trug leichte lange Stiefel, die meine nackten Knie bedeckten, dazu ein Sommerkleid mit einer Strickjacke. Chic, aber zu warm. Ich würde nach Hause fahren, zum See laufen, der nur ein Tümpel war, und die Strümpfe ausziehen, die Stiefel waren und trotzdem den richtigen Schatten warfen, um meine Füße ins Wasser tauchen zu können. Es war die Zeit.

Gefunden hat man mich nie. Gemordet habe ich weiter. Nicht ständig. Es ist richtig so für mich, ich fühle mich wohl. Im letzten Jahr traf ich im Wald einen Mann, der seinen Hund trat. Ich nahm ihn anschließend mit zu mir und nannte ihn Dotz, nach unserem alten Dackel. Er ist größer und struppiger und wälzt sich gern auf dem Rücken. Dabei boxt er mit den Pfoten in die Luft. Frühlingsluft.
Damals roch sie anders. Aber sie gehört mir immer noch.

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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