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Würmer

Ich liege im Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf. Ich weiß es. So lange schon. Ich höre sie fressen.

So klein war ich. Ich trug meinen Pepitarock. Den liebte ich. Der Hund hatte mein Kaninchen zerfetzt, ich dachte, das ist jetzt wohl irgendwo. Ich fragte Opa Ebsche, der alles wusste. „Was ist mit Jojo?“
Er tätschelte seinen neuen Tuschekasten, wollte wohl schleunigst in die Dachkammer an seine Staffele und zuckte mit den Schultern. Ich war sein lästiger Liebling. „Tja. Ist ein Jagdhund. Wenn der Hase da so rumläuft. Kommt er eben in die Pfanne.“ Ich war ein ernstes kleines Mädchen und starrte ihn nur an. „Wir essen Jojo?“ Er senkte leicht den Blick, brummelte etwas und zog an seiner kalten Pfeife. Ich wollte vor ihm nicht heulen. Es gab wohl auch keinen Grund. Ich blätterte weiter im Familienalbum, das meine Großmutter für mich aus dem Schrank geholt hatte. „Willst du mal ganz alte Fotos sehen?“

Ich starrte in fremde Gesichter aus fremder Zeit und kam mir wichtig vor.
Großmutter Änne schepperte in der Küche mit den Töpfen. Opa Ebsche klappte den Kasten zu, röchelte, inhalierte, zupfte an meiner Haarschleife. „Guckst du Leute? Die kennst Du doch alle gar nicht. Alle längst verbuddelt. Würmerfraß.“ So war er, der Gute. Konnte es gar nicht abwarten, seinem Engel den Tod zu erklären.

Seine Würmer haben sich in mir festgebissen. Ich sehe, wie sie an mir knabbern. Ich weiß noch, dass ich mir ernsthafte Sorgen um meinen schönen Rock machte. „Fressen die alles?“ Opa Ebsche zupfte wieder an meinem Zopf, hustete, stopfte sich den Inhalator in den Mund und saugte. Tief durchatmen, das kannte ich. Ich wartete. Er sagte nichts. „Warum fressen die alles? Geht das denn?“ Er lachte heiser. „Sicher geht das. Die fressen einen komplett auf. Mit Hemd und Haar.“ Er zwinkerte. „Mit Rock und Zopf. Dich auch.“

Der Kluge. Ich lächelte, ich brauchte ihn gar nicht zu fragen, sein Kopf war schneller als meiner. Oma Änne keifte. „Was erzählst Du da schon wieder?“ Ich verstand ihr Gezetere nicht wirklich, alles war furchtbar, aber es war gut, und ich hätte gern mehr gehört. Trotz dieser Angst, die immer wiederkehrte und mit mir alt wurde. Sie gehört zu mir wie ein Lächeln.

Ich liege im Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf. Eine Puppe trägt meinen Pepitarock. Seit langer Zeit schon. Sie spricht mit mir, aber ich höre sie nicht. Ich höre die Würmer fressen. Sie sind größer geworden. Und weiser. Vielleicht nennen sie mich Medusa. Ich wäre zufrieden.

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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