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Wolfman heult…und heult sein Lied des Todes

(Titelbild: The Wolfman, 2010, copyright: Universal Pictures)

So ein Wolf hat seine besonderen Geschichten. Er begleitet Odin. Er ist wachsam, reissend und blutgierig, heißt Geri und Freki und läßt als Fenriswolf den Donnergott untergehen. Er jagt an der Seite von Diana, Artemis und Ischtar, die für ihre mächtigen Rudel Menschen in Wölfe verwandeln. Er ist Ahnherr von Dschingis Khan, Reitttier der Riesinnen, Totem der Kelten. Weiser Schöpfer der Schoschonen. Gott des Totenreichs, Symbol geheimnisvoller, dunkler Mächte. Angebetet von den Ägyptern, gefürchtet, verflucht im finsteren Mittelalter. Mächtige Dämonen werden nach ihm benannt. Grimm nennt ihn “das böseste aller Tiere”.

Er ist stark. Wild. Schön. Ein ungezähmter stolzer Krieger. Sein Fell verhieß schon in der Steinzeit Kraft und Gewandtheit, man trug es, um ein großer Jäger wie er zu sein.
Eine Wölfin säugte Romulus und Remus. Mowgli ist ein junger Wolf. Wolfsblut ist Legende. Und der Werwolf…

“Wir sind wieder wer”, sagte der Wolf, als der Vollmond kam.” (Graffito)

Bild: The Wolfman, 2010, copyright: Universal Pictures)

So ein Werwolf (althochdeutsch: Mannwolf) hat seine eigenen Geschichten. Er gehört zum Clan der Wertiere (Therianthropie: griech. Therion = wildes Tier, anththropos: Mensch) und hat die Fähigkeit, durch Zauber und eigene Willenskraft, oft aber auch unwissend in eine andere, stets bedrohliche Haut zu schlüpfen. Weit verbreitet ist oder war dieser Glaube in Afrika (Löwenmenschen), hierzulande vor allem im 16. Jahrhundert: 30.000 Werfwolfprozesse sollen stattgefunden haben. In Gegenden wie dem Hunsrück, Westerwald oder in Frankreich, in denen zu dieser Zeit wahre Wolfsplagen waren, machte man Männer und Frauen für getötete Menschen und Tiere verantwortlich, denen man glaubte, nachsagen zu können, sie ständen mit Satan im Bunde. Durchaus annehmbar, dass einige unter den Verdächtigten waren, die tatsächlich “nur” Tollwut hatten oder an Lykathropie litten, einer Krankheit, die in den Wahn verfallen lässt, heulen, beißen und auf allen Vieren laufen zu müssen. Lykathropen wurden noch bis ins 18. Jahrhundert hinein verfolgt und verurteilt, bis die Medizin gescheit aufklärte. Die Leute wussten es damals nicht wirklich besser. Was sie aber im Mittelalter wussten, war, wie man Gequälte und Gefolterte zu den abwegisten Geständnissen bringt. Und wie man Legenden bildet.

Wie die vom Werwolf Stüpp im Rheinland, der seinen Opfern auflauert, sich auf ihre Schultern hockt und dort sitzen bleibt, bis die schwere Last den gequälten Träger völlig erschöpft und tot zusammenbrechen lässt. Oder die vom tapferen Bauern, der den in der Gegend gefürchteten und blutigen Schrecken verbreitenden riesigen Wolf erlegt und dessen eine Pfote er abschneidet als Beweisstück für die erfolgreiche Jagd. Er steckt sie in den Rucksack, und als er im Dorf ankommt und sie den herbeieilenden Bewohnern zeigen will, zieht er statt der Pfote eine menschliche Hand hervor. Eine unverkennbar weibliche Hand. Es ist die seiner eigenen Frau.

Selbst Richard Wagner hat es geheimnisvoll flüstern gehört. In seiner Oper Die Walküre erzählt Siegmund von seinem Leben im Wald mit seinem Vater als “Wolfspaar” und vom mysteriösen Verschwinden des Vaters, den er Wolfe nennt:

„Eines Wolfes Fell nur traf ich im Forst: leer lag das vor mir, den Vater fand ich nicht.“

So ein Werwolf hat freilich noch ganz andere Geschichten. Berühmte Kinomacher erzählen uns die besten. Es sind die wirklich guten, die traurigen, düsteren, schrecklichen, auch anrührenden Geschichten, die wir nennen, was sonst noch an Vergesslichkeiten in den Filmbüchern steht, klappen wir zu, damit der Mond vernünftig aufgehen kann, wie er es seit Urzeiten macht.

1935 drehte Stuart Walker “Der Werwolf von London” und ließ damit für Universal erstmalig einen braven Mann durch einen Biss zum bösen Wolf werden. Das widersprach ein wenig dem, was man aus den alten Sagen kannte und im Mittelalter auch vernünftiger Beweisführung zum Trotze als Faktum bei Prozessen gegen vermeintliche Wolfsmenschen als Satansdiener und Zauberer, – es gab unzählige Hinrichtungen – , geltend machte: Dass man einen Pakt mit dem Teufel eingehen muss und einen Gürtel aus Wolfsfell erhält, der bewirkt, dass man sich in ein höchst unheilvolles Raubtier verwandelt, wenn man ihn trägt. Im “Werwolf von London” funktioniert das anders. Und für die Zukunft gilt: Erst der Biss, dann der Grusel.

Bild: The Wolf Mann, 1941, copyright: Universal Pictures

Das von Maskenbildner Jack Pierces 1935 für Hauptdarsteller Henry Hull entworfene Make-up mochte Hull nicht. Er fühlte sich damit mimisch zu stark eingeengt und wollte es dezenter, weniger haarig. Seinem Wunsch wurde entsprochen, der Film floppte, und die Ursprungs-Maske wanderte in die Studio-Schatztruhe, bis sie 1941 für “The Wolf Man” von Regisseur George Wagner zum Einsatz kam. Der Wolfsmensch, gespielt von Lon Chaney, gilt heute als einer der ganz großen Universal-Horrorfilme wie Dracula und Frankenstein aus dem Jahr 1931 und katapultierte sich damit als furchteinflößender Angstmacher in die Ober-Liga der klassischen Horrorgestalten.

The Wolf Man ist eine sehr genaue Bearbeitung des Grund-Themas: Chaney als Larry Talbot entdeckt ein Pentagramm auf seiner Brust, exakt dort, wohin ihn kurz zuvor ein Wolf gebissen hatte. Den Stern, der als Ur-Symbol des Werwolfs gilt, sieht er anschließend auch in der Handfläche seiner Verlobten Gwen. Von einer Zigeunerin weiß er, dass sie somit sein nächstes Opfer sein wird. Am Ende erschlägt Talbots zweifelnder Vater John, – er glaubte den “Werwolf-Unsinn” nicht und befürchtete, Larry leide an einer Geisteskrankheit (Lykathropie)- , im Wald den Wolf, der die hilflose Gwen angreift, mit dem Spazierstock seines Sohnes, den dieser zu Filmbeginn ersteht und der einen silbernen Wolfskopf als Knauf hat. Vor Johns entsetzten Augen verwandelt sich das getötete Tier zurück in Larry.

2010 drehte Joe Johnston das Remake “Wolfman” mit Benicio del Toro und Anthony Hopkins als Stargarde. Oscar für die Maske (Rick Baker/Dave Elsey) 2011. Den hatte Baker bereits 1982 bei der Verleihung für sein künstlerisches Verwandlungstalent von David Naughton in den American Werewolf in den Händen gehalten. Ein Jahr zuvor war “Das Tier”(The Howling) von Joe Dante in den Kinos gelaufen und zeigte eine ganze Kolonie von wütenden Werwölfen, die sich international Gehör verschafften. Dann: Die Zeit der Wölfe, 1984 (Regie: Neil Jordan), Wolf – Das Tier im Manne, 1994, mit Jack Nicholson und Michelle Pfeiffer (Regie: Mike Nichols), Ginger Snapes, 2000 (Regie: John Fawcett), genial gut und anders: Pakt der Wölfe , 2001(Regie: Christophe Gans)…

Wir haben die Filme gesehen. Zugehört. Uns gemerkt:

“Hüte dich vor dem Moor, hüte dich vor dem Mond! Hüte dich vor dem Wolf!”

Warnende Worte. Ein wenig übertrieben vielleicht, wenig hilfreich zweifellos, wenn man beabsichtigt, so ganz allein, vielleicht noch in nervöser Begleitung unbekannte Gefilde in einer Vollmondnacht zu durchstreifen. Freilich ein Ratschlag, der getrost ignoriert werden dürfte, wenn man sich sicher ist, dass die alten Geschichten im Lagerfeuer nüchterner Pioniere verbrannt sind.

Sind sie? Der Werwolf, schrecklicher nordischer Verwandter des Höllenhundes, des Ceberus, der den Eingang zur Unterwelt bewacht…nur Legende? Nur das böse Märchen, dessen grausame Lügen im europäischen Mittelalter tausende Unschuldige als blutrünstig mörderische, mit dem Teufel im Bunde stehende Wolfsmenschen auf den Scheiterhaufen brachte? Nur die große Angst vor dunklen Mächten, die nicht sein sollte, die es aber unbarmerzig erlaubt, dass man selbst heute noch in manchen ländlichen Teilen Osteuropas überzeugt davon ist, dass Leichen ihre Särge verlassen,um als untote Werwolfvampire für Grauen zu sorgen. An aufgeklärte Zeiten ohne einen gescheiten Platz für Spinner und Ungeheuer würden die klugen Ängstlichen gern längst schon glauben. Berechtigt?

“Strahlt der Mond ganz voll und hell, wächst dem Knecht ein Werwolfsfell.” (Kalenderspruch)

Bild: The Wolfman, 2010, copyright: Universal Pictures

Die amerikanischen Studenten David Kessler und Jack Goodman hätten auf jeden Fall besser damit getan, nicht gar so leichtfertig mit dem schmalen Grat zwischen phantastischen Schein und schrecklichem Sein umzugehen. Im nordenglischen Hochmoor war vorläufig Endstation ihrer Erkenntnis. Wären sie dort nicht gelandet, gäbe es diesen einen grandiosen Film weniger, – American Werewolf – , und wir würden nicht verklärt”Blue Moon” summen und erneut bedauern, dass in solchen Angelegenheiten ein Happy End durchweg ausgeschlossen ist.

Einmal gebissen ist de facto einmal zuviel, um als Normalsterblicher alt werden zu können. Verändert bleibt verändert bis zur Erlösung durch einen tödlichen Schuss, Schlag, Stich oder Schuss. Der erfolgt durch eine, – wenn möglich: geweihte – , Silberkugel, wahlweise silbernes Messer, Schwert, Sonstwas aus Silber, das griffbereit und geeignet ist. Das ist soweit bekannt. Und von Hollywood erfunden, wie auch dieser eine konsequente Biss eines Werwolfs, der den Gebissenen in seine eigene geheimnisvolle, grausame und einsame Welt zieht.

Nicht so ganz frei ausgedacht ist der Vollmond als grausig rau-romantischer Lockruf des wilden Tieres, der dem Werwolf die Bühne für seine schön-schreckliche Vorstellung ausleuchtet. Für die Jagd abgerichtete wolfsähnliche Hunde bellen bei nächtlichen Streifzügen den Mond an. Sagt man. Ergo passt das.

Einige behaupten freilich, ihre Pudel machen das auch. Und richtige Wölfe…so faszinierend so ein Bild ist, – da steht der starke Isegrim in sternklarer Nacht auf einem Hügel mit stolz erhobenem mächtigem Kopf, reckt die graue Schnauze in die Höhe und heult sein Lied des Todes, die furcheinflößende Silhouette in das Mondgold der Finsternis getaucht – , so ziemlich falsch ist es (leider), zu glauben, da wäre diese phantastische mythische Verbindung. Wölfe heulen vor allem laut in langen, klaren Spätwinternächten, um Kontakte zu knüpfen. Sie suchen ein Rudel. Einen Partner für die Paarungszeit im Frühling. Ist so. Und das desillusioniert jetzt ein bisschen. Nimmt aber trotzdem nichts Wesentliches weg von der Idee, wie man solch ein einmaliges Bild künstlerisch vollenden kann. Auch das ist so.

Bei Vollmond jagt der Werwolf. Wenn der Mond sich verfinstert, stirbt er. Bei Sonnenaufgang liebt er dich. Wenn die Sonne untergeht, stirbst du. Und er heult sein Lied des Todes. So lassen wir es mal stehen.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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