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Willkommen in Busterville

Andy war wieder einmal vor seinem Leben auf der Flucht. Zu Hause hatte er Ärger, privat wie beruflich. Bevor er losgefahren war, drohte sein Kopf zu zerplatzen. Die Sorgen hatten ihn wieder fest im Griff und erneut überhand genommen. Er hatte in solchen Situationen das Gefühl durchzudrehen.

Ohne jemanden bescheid zu geben, stieg er in sein Auto und fuhr einfach darauf los. Der gestrige Streit mit seiner Freundin, die Schulden und die Arbeitslosigkeit, waren einfach zuviel gewesen.

Andy kam an Las Vegas vorbei. Der Stadt in der Träume wahr wurden oder Albträume ihren Anfang hatten.
Kurz überlegte er, ob er anhalten und an einem der unzähligen Spielautomaten, mit seinen letzten zwanzig Dollar, sein Glück versuchen sollte, entschied sich aber dagegen.

Er stieg aufs Gas und rauschte in nördlicher Richtung weiter die Straße entlang. Er fuhr abseits des Highways und begegnete nur selten anderen Autos. Besorgt warf er einen Blick auf die Tankanzeige. Schon bald musste er etwas nachtanken.

Andy war bereits den ganzen Vormittag gefahren. Die Sonne brannte heiß vom Himmel und über dem Asphalt flimmerte die Luft. In dem Augenblick, als er sich wieder einmal in seinem Pech bestätigt fand, tauchte in unmittelbarerer Entfernung ein Schild auf:

Willkommen in Busterville
Population 5
6 Meilen

Die Einwohnerzahl konnte er nicht mehr lesen.

Die Farbe war praktisch fast nicht mehr vorhanden. Muss wohl am Wetter liegen. Na Hauptsache die Meilenangabe stimmt, dachte er erfreut darüber, dass er nun gerettet war.

Das Schild beruhigte ihn schon sehr. Er würde in diesem Städtchen tanken und einen Happen essen.

Nach zehn Minuten erreichte er Busterville. Schon von Weitem erkannte er eine Girlande, die über die Straße gespannt war. An den Seiten standen grimmig dreinblickende Kürbisse. Blitzartig fiel ihm ein, dass heute Halloween war. Die Stadt machte einen freundlichen und einladenden Eindruck.

Andy fuhr an niedlichen Häuschen vorbei. Er sah Menschen, die lachend mit ihren Nachbarn redeten. Kinder und Hunde spielten in der Auffahrt oder auf dem perfekten Rasen.

Er hielt Ausschau nach einer Tankstelle. Wie auf ein Kommando hin erblickte er an der rechten Seite der breiten Straße eine und steuerte darauf zu. Er hielt direkt vor der Zapfsäule.

Ein junger Mann ging lächelnd auf ihn zu. Er nickte zur Begrüßung. „Willkommen in Busterville, wo die Welt noch in Ordnung ist. Wie viel darfs denn sein?“

„Ähm, … danke. Bitte für fünf Dollar tanken.“

Der Tankwart grinste und nickte erneut. „Sehr gerne.“

Andy sah sich um. „Sagen Sie, wo kann ich hier eine Kleinigkeit essen?“

„Da gehen Sie am besten zu Maggie’s Diner. Einfach die Straße entlang, dann die Erste links und schon sind sie da.“

„Danke.“

Der Tankwart hängte den Schlauch zurück an die Zapfsäule. „Das macht dann fünf Dollar, bitteschön!“

Andy gab ihm das Geld und legte noch ein wenig Trinkgeld dazu. Normal konnte er es sich nicht leisten, aber der junge Mann war ausgesprochen nett und höflich gewesen.

„Vielen Dank, Mister und noch einen angenehmen Aufenthalt in unserem wunderschönen Städtchen. Wie lange bleiben Sie hier?“

Andy überlegte. Darüber hatte er noch nicht wirklich nachgedacht. „Ich glaube, dass ich nach dem Essen wieder weiterfahre.“

„Oh, das wäre aber äußerst bedauerlich. Heute haben wir im Zentrum unser Halloweenfest und morgen komm der Dog. Das sollten Sie nicht verpassen!“

„Danke für den Tipp. Ich überlege es mir, aber wer ist Dog?“

Der junge Mann lächelte ihn freudig an, dabei sah Andy seine perfekten, weißen Zähne.

„Sie werden schon sehen. Niemand will den Dog verpassen. Glauben Sie mir! Ich hoffe, Sie überlegen es sich noch anders. Noch einen schönen Aufenthalt. Vielleicht sieht man sich ja wieder.“ Dann wandte er sich einem anderen Auto zu.

Andy hörte, wie er den Kunden überschwänglich und auf eine vertraute Art begrüßte.

In so einer Kleinstadt kennt sich doch jeder, dachte er amüsiert.

Ihm gefiel es hier. Da wo er herkam, kannte man sich gegenseitig nicht. In einer Großstadt war das halt anders.

Er fuhr nach den Anweisungen des jungen Mannes. Ohne Probleme erreichte er Maggie’s Diner. Direkt davor parkte er und stieg aus, um sich erst einmal ausgiebig zu strecken. Als er seinen Blick schweifen ließ, fiel ihm auf, dass sich das Diner wohl mitten im Zentrum befand.

Überall richteten die Bewohner alles für das Halloweenfest her. Es wurden bestimmt an die Hundert Kürbisse aufgestellt, Lampions in den Bäumen befestigt und Buden aufgebaut. In der Mitte einer großen Wiese stand ein weißer Pavillon, auf dem eine Band gerade Instrumente für den Abend aufbaute.

Jetzt erst sah er, dass auch überall Plakate hingen, auf denen Dog’s Ankunft angekündigt wurde.

Diese Leute verstanden es, das Leben zu genießen. Zuerst feierten sie Halloween, alle gemeinsam, und schon einen Tag darauf den Besuch einer – angeblich – wichtigen Person.

Er fühlte sich ein wenig befreiter. Seine Last schien nicht mehr so schwer und seine Sorgen waren etwas weiter in den Hintergrund gerückt.

Hungrig und durchaus gut gelaunt, betrat er das Diner.

Gleich als Erstes fiel ihm die Musik auf. Es lief der Charthit von Patti Page Mockin’ Bird Hill. Es herrschte eine angenehme Atmosphäre. Es gab an die zehn Tische, wobei nur drei davon besetzt waren. An der Bar saßen fünf Menschen. Andy suchte sich einen Platz am Fenster aus. Von dort aus hatte er einen guten Blick auf die Festwiese.
„Willkommen in Maggie’s Diner, mein Name ist Daisy und ich nehme gerne Ihre Bestellung auf!“, sagte eine junge Blondine fröhlich. Sie trug eine weiße Schürze, einen schwarzen Rock und eine blaue Bluse, auf der ihr Namenschild angebracht war. In ihrer Hand hielt sie Stift und Block.

Ein neuer Song wurde gespielt: Nat King Cole mit Too Young.

Andy räusperte sich. „Danke, Daisy. Was können Sie denn empfehlen?“

Daisys Grinsen wurde noch breiter, so, als hätte sie auf diese Frage gehofft. „Da kann ich natürlich den Maggie’s Burger empfehlen, dazu eine Coke und als Nachtisch ein Stück Käsekuchen.“

„Klingt fantastisch! Und davor Kaffee.“

Daisy nickte und eilte hinter den Tresen. Dort gab sie die Bestellung auf und schon wenige Sekunden später, erschien sie mit einer Kanne Kaffee und einer Tasse. Sie stellte sie vor ihm hin und schenkte das dampfende Getränk ein.
Während er auf das Essen wartete, beobachtete er das muntere Treiben der Stadtbewohner im Diner, sowie auch draußen. In diesem Augenblick beschloss er, hierzubleiben und mit den Leuten Halloween zu feiern. Jeder, der an seinem Tisch vorbeikam, wünschte ihm lächelnd einen guten Tag. So freundliche Menschen hatte er noch nie in seinem Leben getroffen. Dieser Ort, war das gewesen, was er sich immer gewünscht, schon immer gesucht hatte. Er gab ihm innere Ruhe. Er hatte das Gefühl, ganz weit weg von zu Hause zu sein.

Nachdem er gegessen und bezahlt hatte, verließ er das Diner.

Beim Hinausgehen rief ihm Daisy hinterher: „Viel Spaß in Busterville. Ich hoffe, wir sehen uns heute Abend beim Fest.“

Andy winkte und nickte ihr zu. Er freute sich erneut über die Freundlichkeit der Leute hier.

Die späte Nachmittagsonne schien auf die Baumkronen und ließ die Herbstblätter golden erstrahlen.

Es trafen immer mehr Leute ein. Es herrschte überall gute Laune und Lachen erklang über die Wiese. Die Kleinstadtbewohner grüßten Andy wie einen alten Freund. Männer prosteten ihm zu, Frauen lächelten ihn schüchtern an.

Als es dunkel wurde, erstrahlten die Kürbisse in ihren grimmigsten Facetten. Kinder, die als Geister, Kobolde und Hexen verkleidet waren, sausten über die Wiese und spielten Fangen.

„Hallo!“

Andy drehte sich um. Daisy stand vor ihm. In der Hand hielt sie einen Punsch.

„Hallo, Daisy. Schön, dass Sie hier sind.“

„Schön, dass Sie hier sind. Wie gefällt es Ihnen bei uns?“

Andy trank einen Schluck Bier, dann nickte er. „Einfach unglaublich gut. Eigentlich wollte ich heute noch weiter, aber …“

„Aber nun sind Sie doch geblieben.“

„Ja, genau. Ich hatte Lust auf das Fest. Die Leute sind nett, es gibt gutes Bier und eine tolle Band, was will man mehr?“

„Woher kommen Sie?“, wollte Daisy wissen.

„Das ist eine lange Geschichte“, antwortete er.

„Gut, dann wollen wir lieber den Abend genießen und nicht über ihr Leben außerhalb Busterville sprechen. Jetzt sind Sie hier, das alleine zählt.“ Daisy zog ihre Jacke enger.

Andy verstand den Wink und legte ihr sein Jackett über die Schultern. Dankbar lächelte sie ihn an.

„Wollen wir uns an den Tisch setzen und ein wenig besser kennenlernen?“, schlug Daisy vor. „Ah, die Band fängt an zu spielen.“

Die Beiden plauderten und lachten. Andy hatte sich schon lange nicht mehr so wohl gefühlt. Sie tanzten Twist und genossen die Ausgelassenheit.

„Puh, ich kann nicht mehr“, sagte Andy lachend. „Ich brauche eine Pause!“

Daisy hatte nichts dagegen. Ihre Wangen waren rot und auch ihr sah man an, dass sie sich ziemlich verausgabt hatte. Sie nahmen wieder an ihrem Tisch Platz.

„Sagen Sie, Daisy, morgen kommt der Dog, wer oder was ist das? Es scheinen sich ja alle darauf zu freuen.“

„Warten Sie es ab. Ich kann Ihnen versprechen, dass es ein tolles Ereignis werden wird. Bleiben Sie doch einfach noch, dann werden Sie es erfahren.“

Andy wunderte sich ein bisschen über die Geheimniskrämerei der Leute. Niemand wollte so recht erzählen, was es mit diesem Dog auf sich hatte. Er war von Natur aus ein neugieriger und abenteuerlustiger Mensch, außerdem hatte er kein bestimmtes Ziel, deshalb versprach er zu bleiben.

Eine Unterkunft für ihn zu finden, war kein Problem. Er hatte mindestens sechs Angebote bekommen, wo er übernachten konnte.

Ihm drängte sich immer mehr der Gedanke auf, selbst ein Einwohner dieser entzückenden Stadt zu werden. Hier fühlte er sich pudelwohl.

Am nächsten Tag stand er früh auf und ging zum Frühstücken in Maggie’s Diner. Daisy war auch schon dort und begrüßte ihn herzlich.

„Nachher ist es so weit. Kurz bevor der Dog kommt, gehen wir hinaus, um alles hautnah mitzuerleben. Jetzt essen Sie erst einmal tüchtig!“ Daisy schenkte ihm Kaffee ein, dann ging sie zur Theke zurück, um andere Kunden zu bedienen. Sie schaute Andy immer wieder lächelnd an.

Heute wirkten die Bewohner Bustervilles irgendwie anders. Sie kamen ihm freudig aufgeregt, nervös und erwartend vor. Immer wieder schauten die Leute, die im Diner saßen, auf die Wiese und auf die Uhr. Sie waren noch genauso freundlich wie am Vortag, da gab es keinen Zweifel.

Plötzlich ging die Tür des Diners auf. Ein junger Mann streckte seinen Kopf herein und rief: „Er kommt! Der Dog kommt!“

Die Leute ließen alles liegen und stehen und liefen auf die Wiese.

Daisy streckte ihm die Hand entgegen. „Komm, Andy! Gehen wir!“

Er gab ihr die Hand. Gemeinsam liefen sie zu den anderen. Andy sah sich um, konnte aber keinen sehen, der Dog hätte sein können. Dann bemerkte er, dass alle in den Himmel schauten. Er tat es ihnen gleich, aber auch dort konnte er nichts entdecken.

Als er Daisy fragen wollte, was jetzt geschehen würde, bekam er den Schock seines Lebens. Er sah zuerst Daisy an, dann jeden einzelnen der umherstehenden Personen. Eine sonderbare Stille war eingekehrt. Er fühlte sich so alleine wie noch nie in seinem Leben.

Jeder einzelne der noch zuvor lustigen, lebhaften Leute, war nun aus Plastik. Sie hatten sich in Puppen verwandelt, so, wie Schaufensterpuppen.

Daisy stand starr lächelnd vor ihm. Sie war hart und leblos. Andy lief die Straße runter. Er wollte nur weg von hier. Niemand schien mehr zu leben. Er rannte durch unzählige Puppen. Das Unheimliche daran war auch, dass viele der Puppen ihren täglichen Pflichten nachgingen. Eine Puppe mähte den Rasen, zwei andere taten so, als unterhielten sie sich. Kinder jagten einen Hund, die natürlich auch alle unecht waren. In einem Fenster sah er eine Familie. Der Mann und die Kinder saßen am Küchentisch und lachten starr, die Frau stand daneben und bügelte.

In dem Augenblick, als er umdrehte, um zu seinem Auto zu laufen, erschien er: Dog!

Den Bruchteil einer Sekunde verstand Andy noch, wer oder was der Dog war, dann war es zu spät und er wurde schneller als es ihm lieb war, ein Bewohner der Stadt.

Er hörte nur noch ein ohrenbetäubendes Geräusch, dann registrierte er, wie sich seine Haut von den Knochen löste.
In Las Vegas beobachteten die Leute, wie in nördlicher Richtung ein Atompilz in den Himmel stieg. Dann gingen sie wieder zu den Einarmigen Banditen, Roulette-Tischen und Spielautomaten, so, als wäre nichts gewesen.

Sabrina Hubmann

Sabrina Hubmann wurde am 23. Juni 1979 in Hallein geboren und lebt heute – zusammen mit ihrem Mann Christian – in Salzburg.
Mit dem Schreiben hat sie im Jahr 2004 begonnen und konnte seitdem auch schon zahlreiche Kurzgeschichten in Anthologien und Heftromanen veröffentlichen. Im Mai 2011 erschien ihr erster Roman.
Nebenbei arbeitet sie als Mitherausgeberin an der Cthulhu-Anthologie-Reihe Auf den Spuren H.P. Lovecrafts und ist Stammautorin beim Pegasus Verlag.
Sie schreibt in den verschiedensten Genres, aber am liebsten Horrorgeschichten und gerne auch Märchen und Phantastik.

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