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Wiederlesen: Alastair Reynolds.

Die Waliserin Jo Walton ist nicht nur eine mit Awards überhäufte Bestsellerautorin, sondern auch ein leidenschaftlicher Fantasy- und Science-Fiction-Fan. Von ihr stammt das in dem grandiosen Buch “What Makes This Book So Great” beschriebene, mit System und viel Einsicht betriebene “Wiederlesen” früherer Lieblingsbücher, die schon lange Staub angesetzt haben in der heimischen Bibliothek.

Mit dem heutigen SUB (für Uneingeweihte: Stapel Ungelesener Bücher), den jeder Leser und Genrefan in kleinerer oder größerer Dimension besitzt, kommt man aufgrund des ständigen schlechten Gewissens ja kaum mit dem Lesen der im Impuls stapelweise in Amazonien oder im Buchgeschäft angeschafften Werke nach – frühere Lieblingsbücher haben da im Regelfall das Nachsehen.

Es tut aber wirklich gut, die Jagd nach der neuesten literarischen Sensation einmal bewußt zurückzustellen und sich mit Bedacht einem der alten Schätzchen zu widmen. Ich habe lange nachgedacht und mich dann für meinen früheren Lieblingsautor Alastair Reynolds und “Unendlichkeit”, den ersten Teil der inzwischen (rechnet man die Kurzgeschichtensammlung dazu) auf 6 Bände angewachsenen Serie Revelation Space entschieden.

Alastair Reynolds (Photo von Slate.com)

Alastair Reynolds (Photo von Slate.com)

Oft kann es bei so einem Experiment ja passieren, dass die frühere Begeisterung einfach nicht wiederkommen will, weil man sich verändert hat, reifer wurde, quasi weitergewandert ist mit seiner “Lesepersönlichkeit” – oder, und das ist mir zum Glück gerade passiert, man ist (glücklicherweise erneut) auf Gold gestoßen.

Habe ich nämlich in meiner früheren, fast hermetisch zu nennenden Zeit als Science-Fiction-Leser Alastair Reynolds (zufällig ebenfalls Waliser) zwar irrsinnig gemocht, fällt mir jetzt, wo ich neben Science Fiction so viele andere Genres lese (die es damals noch nicht in so einer scharfen Ausprägung gegeben hat) auf, wie komplex und eigentlich fast wahnwitzig die Gedankengänge sind, die der Roman “Unendlichkeit” bei mir auslöst.

“Die Revelation Space”-Serie behandelt vorrangig mal ein heutzutage ziemlich totgeschriebenes und eher als langweilig empfundenes Thema, nämlich Space Opera. Der Klappentext des Buchs ist auch irgendwie in der Richtung so ein bisschen…beliebig: “Auf einem Bergarbeiterplaneten mit lebensfeindlicher Umwelt werden bei archäologischen Forschungen Artefakte einer untergegangenen Kultur entdeckt. Schon bald zeigt sich, dass die Erschaffer der Artefakte, die Amarantin, damit eine Katastrophe heraufbeschworen hatten, die sie selbst vernichtet hat, bevor sie die Raumfahrt entwickeln konnten. Zufall? Oder wollte jemand den Aufbruch ins All verhindern? Die Wissenschaftler wollen die Wahrheit hinter der Katastrophe aufdecken, doch sie bekommen es mit mächtigen Gegnern zu tun, denn die Relikte der verschwundenen Zivilisation führen an die Grenzen von Raum und Zeit – und darüber hinaus.

Im Falle “Unendlichkeit” lohnt es sich allerdings wirklich, hinter den Vorhang zu blicken. Denn schon nach wenigen Seiten entfaltet der Roman eine Tiefe, die mich schwindeln lässt. Das ist nicht nur metaphorisch gemeint: Meine absolute Lieblingsszene beschreibt den Weg, den die Pilotin Ilia Volyova in einem Lift zurücklegt, um vom Heck des kafkaesken Riesenraumschiffes “Sehnsucht nach Unendlichkeit” zum Bug und damit zu ihrem Captain zu kommen – eine Distanz von vier Kilometern, die durch unzählige Ebenen führt, in denen sich künstlich angelegte, aber nun verwilderte Wälder, unbekannte Waffentechnologien in luftleeren Blasen oder überhaupt unzugängliche, weil strahlenverseuchte Gebiete befinden. Der Captain, bedauernswertes Opfer einer mysteriösen “Schmelzseuche”, liegt eigentlich als durch seinen Kryosarg hindurchwuchernde Leiche im untersten Teil des Raumschiffes, mittels Nanotechnologie ist es aber möglich, sein Gehirn inmitten von Phasen kurzer Erwärmung zu reaktivieren und so eine eigentlich längst verblichene Persönlichkeit zu simulieren, deren Worte mittels Lautsprecher übertragen werden können.

Dieses kurze Beispiel soll zeigen, was da unter der Haube schlummert. Der ehemalige ESA-Wissenschaftler Reynolds schreibt zwar lupenreine Hard-SF, in der es von theoretisch gut durchdachten Raumantrieben und glaubhaften physikalischen Bedingungen auf fremden Planeten nur so wimmelt. Dabei bleibt es aber nicht – “Unendlichkeit” beschwört eine wimmelnde, kalt irrlichternde Atmosphäre herauf, in welcher der Transhumanismus, der den eigentlichen Kern des Romans bildet, sich zur ungeheuerlichen Phantasmagorie auswächst: Vom elektronischen “Geist” über halb-menschliche Monstrositäten bis hin zu seltsamen viralen Lebensformen ist mikro- wie makroskopisch hier alles möglich.

Komplexer Stoff, an dem man sich vielleicht manchmal die Zähne ausbeißen mag, der andererseits aber mein Nerdhirn so wunderbar anregt, wie ich das so furchtbar gerne habe! Ein bisschen lesen und dann wieder nachdenken und abschweifen, schwelgen in den verrücktesten Zukunftskonzepten – das hat schon lange kein Roman mehr so bewirkt bei mir wie “Unendlichkeit” von Alastair Reynolds derzeit.

Unendlichkeit” von Alastair Reynolds kann man hier bestellen.

What Makes This Book So Great” von Jo Walton hier.

unendlichkeit

Doc Nachtstrom

Geboren 1967 in Graz/Österreich, in den 1990er-Jahren als Elektronikmusiker und Filmkomponist beschäftigt, seit dem Millennium Moderator in einem Grazer Privatradio und in Wien für die Sendung „House of Pain“ bei FM4/ORF tätig. Arbeitet weiters als Journalist und Herausgeber (Zeitschrift „Visionarium“, Anthologien) ist leidenschaftlicher Büchersammler (8000+) und Die Hard-Fan aller Spielarten der Phantastik.

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