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Wie der Tod kommt und was er macht

Da wird Max speiübel, wenn die Oma beherzt das Huhn köpft, rupft und ausnimmt, und Moritz knabbert genüsslich Chips, während ein Zombie den Schreienden packt, ihm die Arme heraus reißt, die Augen auslutscht und in seinen Eingeweiden wühlt.

So sind die Unterschiede.

Ist immer spaßig, zu hören, was wir ansonsten einfallsreiche Leute so von uns geben, wenn die eine ewig große Frage im Raum steht und nach einer blitzgescheiten Antwort brüllt: Was ist Horror? Da behaupten wir dann milde lächelnd, dass man das so oder eben so oder ähnlich nicht definieren kann. Da sagen wir auch gern, welch blöde Frage das grundsätzlich ist. Weil das nun mal jeder irgendwie anders sieht. Empfindet. Betrachtet. Eben.

Könnte man ergo in die Kategorie der Wer-was-warum-ist-Gott-Fragen packen. Auf ewig cold case. Bestseller unter den unendlichen Geschichten, ohne Wahrheit, ohne Lüge, ohne Widerspruch. Das wäre vermutlich korrekt gehandhabt, aber langweilig. Wie alles, was nach Basta klingt. Wir lechzen nach Erklärungen. Es gibt keine. Es gibt tausende. Reicht das denn? Reicht nicht.

(HinweisWer The Hateful Eight noch sehen möchte, sollte sich gut überlegen, weiterzulesen.)

Was ist Horror? könnte man öffentlich ausschreiben. Dann dürfte jeder aus eigener Ecke seinen Senf dazu abgeben. Das wäre nur fair und viel, würde aber letztendlich ermüden. Vielleicht auch abstumpfen. Das ganze Aufzählen, Ausschmücken, Analysieren…abschreckend. Irgendwie.

In The Hateful Eight wird Jennifer Jason Leigh gehängt. Das ist prinzipiell keine große Sache, sondern eine durchaus übliche Art, jemanden hinzurichten.
Horror ist das, vernünftig betrachtet, nun nicht. Sei denn, man zeigt, – wie Quentin Tarantino es vortrefflich kann -, in Großaufnahme das blutverschmierte, zerschlagene Gesicht der Sterbenden, die weit aufgerissenen Augen, den geöffneten Mund, der verzweifelt nach Luft schnappt, den Strick, der sich in das Fleisch schneidet, den Hals, der länger wird, dann, Kamera schwenkt nach unten, die Hände, die sich zu Klauen verkrampfen, grotesk tanzenden Füße, den dreckigen Saum des Kleides, das mitschwingt bei diesen letzten zappelnden Versuchen, irgendwo Halt zu finden.

Hang down yor head...poor girl, you are bound to die.

Hang down yor head…poor girl, you are bound to die.

Man sieht das und weiß, wie der Tod stinken kann. Man ahnt, wie solch ein Moment sein muss. Spürt, dass da etwas ganz und gar Vertrautes, Menschliches abläuft im Kopf dieser Frau, die ihr Leben vorbeifliegen sieht wie eine Feder, nach der sie vielleicht noch einmal schnappen möchte wie ein junger unbekümmerter Hund.

Daisy Domergue (Leigh) ist kein guter Mensch. Ihr Tod ist verdient. Das aber gerät für den Moment, in dem sie stirbt, in Vergessenheit. Kein Schlachterbeil, das einen Schädel spaltet, kann furchtbarer sein als dieses Bild.

Es ist Horror. Wir sehen, wie getötet wird. Wir sehen, wie der Tod kommt und was er macht. Hautnah. Schonungslos.

Das Gute daran ist, dass der Phantasie trotz absoluter Direktheit ihr Freiraum bleibt. Die Vorstellung davon, wie sich das anfühlen muss, wie man selbst das erleben, was man noch denken würde, wird nicht vorweggenommen. Sie wird uns unter die Nase gehalten. Und wir nehmen das furchtbare Angebot an, weil wir wachsam sind und es bleiben wollen.

Das Beste daran ist, dass wir zuschauen dürfen, ohne in uns Schamgefühle für unseren Voyeurismus entdecken zu müssen. Wir lassen uns das Böse beschreiben, wir beobachten es. Das ist nicht schlimm, weil es dazu gehört und wir es nicht weg träumen können. Wollen wir auch nicht.

Das Schlechte daran ist, dass manche Leute das so nicht kapieren und meinen, man wäre krank im Kopf, wenn man solch genauen Bilder schätzt. Eben, weil sie (guter!) Horror sind. Denen muss man unnötig erklären, dass man selbst eine nervende Fliege selbstverständlich schnell und schmerzlos mit einer Zeitung erschlagen würde. Und ihr nicht zuerst aus Befriedigung, Wut und Lust langsam ein Bein nach dem anderen ausreißen würde, um anschließend ein Feuerzeug an den zuckenden kleinen Körper zu halten.

Wie und warum jemand tötet entscheidet darüber, ob wir uns vor ihm grauen oder weiterhin mit ihm Kontakt halten möchten. Ein gezielter Schuss in die Schläfe, der durchaus akzeptabel sein kann, ist anders zu verdauen als stundenlange Folter vor dem Verbluten, die zumeist sinnlos abscheulich ist und eventuell einen gänzlich Unschuldigen trifft. Prinzipiell darf gelten, dass der Mann, der seiner Frau ein Messer in die Brust rammt, seinen Grund hat: Sie ist fremdgegangen, keift nur, zerquetscht Zahnpastatuben, hat den Hund vergiftet, egal, eine Erklärung findet sich. Vielleicht sogar eine Entschuldigung.

Wenn er sie freilich bestialisch leiden lässt und der eigenen abartigen Spur folgend das Gleiche auch mit anderen lästigen Personen macht, entfernt er sich weit weg vom Profil eines ordentlichen Mörders. Er ist nicht gut, nicht schlecht, nicht kalt, nicht heiß. Er ist ein Monster. Und muss als solches aus völlig anderer Perspektive gesehen werden. Aus einer uns bekannten. Denn er verkörpert Horror. Ist Horror. Und so hätten wir das auch gern. Im düsteren Regelfall.

Werwölfe, Vampire, Zombies, psychopathische Serienkiller und all die Unheimlichen aus dem Schrank oder unter dem Bett müssen töten, das ist ihr Naturell. Sie können da nichts entscheiden, das kennen wir, wissen wir. Insofern ist da vom Grundcharakter einer wie der andere, und das jeweilige Dasein wäre zwar unerfreulich, aber wenig spektakulär, wenn es nicht diese gewissen Leute gäbe, die ihre besonderen Geschichten erzählen und Bilder dazu malen. Sie sagen nicht, dass getötet wird. Sie sagen, wie es gemacht wird. Und nennen den Tod bei dem Namen, der im Genre die Krone trägt: Horror!

Das wollte halt mal so gesagt sein. Geht natürlich auch anders.

Übrigens: Genialer Film.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

2 Kommentare zu Wie der Tod kommt und was er macht

  1. Der Tod von Daisy Domergue in THE HATEFUL EIGHT – solch ein extrem zentraler Punkt – eigentlich die Pointe des Streifens – würde eine SPOILER-WARNUNG benötigen, denn ob Sie es glauben oder nicht, es gibt Leute, die haben den Film immer noch nicht gesehen.

  2. Schon erledigt. Aber im Kommentar…na, gut jetzt.

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