Persönliches

Wie das Lesen begann (Eine persönliche Reflexion)

Natürlich ist die eigene Sicht, die man auf die Literatur hat, bereits eine persönliche Sache, auch wenn sie in der Öffentlichkeit bekannt gemacht wird. Wenn ich hier also eine eigene Rubrik dafür erstelle, dann deshalb, weil es auch Meta-Anschauungen gibt, gerade dann, wenn Literatur in extremen (und fast ausschließlichem Maße) mit dem eigenen Dasein verknüpft ist. Das bedeutet, dass ich noch nie einen Comic oder ein Buch in die Hand genommen habe, ohne die Struktur erforschen zu wollen. Mit dem Begriff der Unterhaltung konnte ich noch nie etwas anfangen, sie hat für mich keine Gültigkeit, auch wenn ich verstehe, was damit gemeint ist. Mir ist es unerklärlich, wie man sich die “Zeit vertreiben”, und schon gar nicht, warum man das überhaupt wollen kann. Auf dem Totenbett wird man dann klagen, dass man sich seine Zeit besser nicht vertrieben, sondern sie intensiviert hätte.

Inspiriert durch manche Frage, die sich auf unterschiedlichen Buchblogs finden (und an denen ich früher schon ab und an teilgenommen habe), dachte ich mir, dass diese Stöckchen, die ganz frei an andere Blogs weitergegeben werden, eine gute Sache sind, um etwas über das Verhältnis der jeweiligen Blogger zur Literatur herauszufinden, und dass ich mir über manche Fragen Gedanken mache. Es wäre natürlich ein leichtes, einfach daran teilzunehmen, und sobald sich eine Frage anbietet, werde ich das auch tun. Und dafür braucht es eine eigene Rubrik. Aber auch ohne meine regelmäßige Ausschau nach diesen Fragen, möchte ich über das reflektieren, was irgendwann für mich überhaupt dazu geführt hat, über Bücher zu schreiben.

Wie ich in meiner Einführung bereits angemerkt habe, begann das Abenteuer der Fiktion für mich durch eine Bildergeschichte. Das ist nichts Ungewöhnliches. Ich selbst hätte aber im Alter von 4 Jahren nicht unbedingt zu einem Asterix-Band gegriffen. ZwaCarl Barks lesenr erzählte mir meine Großmutter lange vorher bereits die Märchen der Gebrüder Grimm (damals musste man solche Dinge nicht vorlesen, jede Großmutter hatte den Märchen-Kanon im Gedächtnis), aber ich hatte keinen blassen Schimmer, ob sie sich das ausdachte oder ob es sich um wahre Ereignisse handelte. Ich entschied mich immer für letzteres, weil ich damals wie heute davon ausgehe, dass jede Erzählung wahr ist. Zu dieser naiven Haltung müsste ich jetzt eine Erklärung liefern, aber das hebe ich mir für einen anderen Artikel auf.

Die Asterix-Bände standen in der Bibliothek meines Großvaters neben Donald Duck von Barks und Tim & Struppi. Den Gaston fand ich später im Zimmer meines Onkels (neben Micky-Maus-Heften). Comics waren also – und da hatte ich tatsächlich Glück – eine ernstzunehmende Sache in unserem Haushalt, sie waren vollwertige Mitglieder unserer Bibliothek. Für mich stellte es immer ein großes Ereignis dar, wenn mir mein Großvater (der damals jünger war als ich jetzt bin, was ein merkwürdiges Bild ergibt) die Asterix-Bände vorlas. Dabei erklärter er mir, was es mit dieser komischen lateinischen Sprache auf sich hatte und wer die Römer und Gallier waren. Kaum zu erwähnen, dass Geschichte später einer meiner Leistungskurse wurde, wobei auch hier gesagt werden muss, dass ich Geschichte nie von Geschichten trennte, und es wohl zum Ärger mancher Historiker, die sich für sehr ernsthaft halten, noch immer tue. Doch das hat einen Grund.

Im 18. Jahrhundert gingen aufklärerische Denker der damals ununterscheidbaren Bereiche Naturwissenschaft, Politik, Spiritualität und dem, was wir heute anachronistisch “Fiktion” nennen, gemeinsam denselben Fragen nach: Was ist die Welt, wie sie ist, gegenüber der Welt, wie sie scheint? Ist die vernünftige Welt und ihre Phänomene unabhängig vom menschlichen Geist? Was ist ein Mensch? Warum ist eine Person nicht eine andere Person? Wie kann ich wissen, was ich weiß? Ist eine Person im Verstand oder im Körper? Im Gedächtnis? Wohin geht eine Person, wenn sie schläft oder betrunken ist, unter Drogen steht oder tot ist?

Es überrascht nicht, dass die poetischen und prosaischen Formen, mit denen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts die Welt darzustellen wählten, mit den Postulaten eines Autors über Identität, Erzählung und Mimesis verbunden waren. Von den Satiren von Pope und Swift bis hin zu den fiktionalen Experimenten von Laurence Sterne, Henry Fielding und Austen wurde die beschriebene Seite schnell und unbestreitbar zu einem Ort, an dem Autoren und Leser gleichermaßen Lösungen zu einigen dieser grundlegenden Fragen postulieren konnten. Für mich selbst hat dieser Prozess niemals aufgehört.

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