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White Train

„You see me now a veteran of a thousand psychic wars …“
(Blue Öyster Cult)

Es ist nicht der Anfang, sondern das Ende einer Geschichte, die mit Zuversicht begann. Mit einer Art kriegerischer Entschlossenheit. Es ging darum, Feuer zu schüren, das Eis zu brechen und die Welt zu beleben.

Wenn man die Hoffnung erst einmal überwunden hat, gerät das Leben in ruhigere Fahrwasser. Man beginnt dann, die Dinge mit kühleren Augen zu betrachten, sieht die Chancen als das, was sie sind: risikobehaftet. Wer aufrecht steht, gibt eine größere Zielscheibe ab und unter den Einschlägen, die das Dasein bietet, lernt man unweigerlich, in Deckung zu gehen und die Zerknirschung in Kauf zu nehmen, als kleinen Preis für das Überleben. Niemand gewinnt den großen Preis. Licht am Ende des Himmels? Nicht für dich, nicht für mich.

Die Großstadt ist voller Lichter und doch ein dunkler Ort. Straßenlaternen, Leuchtreklamen, Autoscheinwerfer und Hecklichter, Geschäftsbeleuchtungen, Zigarettenglut, angestrahlte Gebäude, Laufzeilen, das Flackern der Fernseher in den Wohnungen, rotes Licht und blaues Licht, verschiedene Milieus. Sich selbst überwucherndes Narbengeflecht aus fahlem Licht. Ein Netz von Energie, Leuchtkraftgewebe, gespeist aus gespaltener Materie. Noch mehr Schatten als Lichter. Halblicht, Düsterlicht. Ein Miasma. Es ist nicht das Böse, nur die Indifferenz. Gleichgültigkeit ist das Wort, das jede Laufzeile trägt, und jedes Gesicht. Die Augen sind leer, alles ist hohl. Gesichtslose verticken den Blauen Stein, der alles erträglich macht, sogar die Schande und die Schuld, gleich hier an der Ecke. Ich schaue nicht mehr hin, weiß trotzdem, dass sie da sind. Die Untoten beider Lager geben und nehmen, den Nebel dafür, stillzuhalten, wegzusehen. Das Stillhalten für den Nebel. Der Drogenkrieg ist längst vorbei, seit wir Außerirdische bekämpfen und „alle“ inneren Konflikte beigelegt haben. Wo beginnt Unterdrückung, wo endet die Unterwerfung? Unter der Haut, unter der Erde. Jedes Arschloch ist liebenswert. Liebenswert ist gar keine Kategorie, sondern ein Prädikat, das das Leben mit sich bringt, hat aber nichts damit zu tun, ob man geliebt wird oder nicht. Jeder wählt seine Droge selbst, mit dem er diesen Umstand ausgleicht. Auszugleichen hofft. Der Nebel lichtet sich beim Schreiben, aber der das schreibt, das bist nicht du selbst. Nicht du und nicht ich.

Die Front des psychischen Krieges verläuft nicht zwischen Innen und Außen, sondern mitten hindurch. Flucht oder Kampf, macht das irgendeinen Sinn? Es gibt da diesen Witz: wer gewährt Verbrechern Unterschlupf? Gefängnisse! – zum Totlachen. Es gibt keine Straßenkämpfe mehr, die Straßen sind jetzt sauber und die Wachsamkeit leuchtet jeden Winkel aus. Selbst in den Herzen, bis auf so wenige. Und die Wenigen schwinden, sind längst Gefangene und der Mut ist verzweifelt. Wir hüten die Flamme im Verborgenen, zum Schutz vor dem Sturm, aber im Verborgenen kennen wir einander immer weniger, erkennen uns selbst nicht mehr und die Flamme erlischt. Samhain. Winterland. „Das Reich endet nie“, hat mal einer geschrieben, ein Kerker aus schwarzem Eisen, und der Gefangene kann nicht heraus. Schwarze Helikopter in der Nacht, unsichtbar, unhörbar, und schwarze Züge, die uns in die Todeslager bringen. Imperium, ein Gedanke, eine Gestalt, die zu Ketten gefriert. Ich sehe sie, Chimären, die wir uns erfanden, damit sie ewig herrschen.

Sie haben meinen Nachbarn weggebracht und seine Nachbarn haben weggeschaut. Er war ein Außerirdischer. Wer hätte das gedacht. Man soll nicht hinsehen, nicht zu genau. Sie haben etwas an sich, was die Seele aufwühlt und die Ruhe stört. Ich weiß es, weil ich selbst einer bin. Und dabei komme ich von hier. Sie bringen uns fort. Irgendwo ins Hinterland, sagt man. Aber eigentlich spricht man kaum darüber. Es ist egal. Ich wollte weinen, aber die Tränen kommen nicht mehr, seit Jahren nicht. Stattdessen gehe ich durch die Straßen. Ich versuche alles fließen zu lassen, finde mich aber immer wieder in Kreisen, gerate ins Stocken und bleibe mitten auf dem Gehweg stehen. Das muss auffallen, also zwinge ich meine Füße voran, mache meinen Gefühlen Beine, führe meine Gedanken aus, gerate wieder in den Fluss. Ich reihe Worte auf, wie ein Erschießungskommando und lade durch, lege an auf die Häuser und die Fahrzeuge und die Menschen, auf Geschäfte, auf Institutionen und Konstrukte. Ich lichte den Nebel mit Zorn. Die Eröffnung aus dem Feuer. Diese Welt verdient den Gammablitz. Meine Schritte werden schneller, bestimmter. Aber ich bin nur ein Hamster im Laufrad. Ich weiß, dass da vorne kein Ausweg auf mich wartet, sondern nur das Ende der Straße, wo sie in die nächste mündet und in die nächste und die nächste. Die Stadt ist so gebaut, dass man immer weitergehen kann. Sinnlos. Ein mechanischer Wolf. Irgendwann wiederholen sich die Straßen, aber das fällt kaum auf. Die alten Wegpunkte gibt es nicht mehr. Ein Teegeschäft, ein Comicladen, ein Caféhaus. Die Orte, an denen die Vertrauten waren, die Freunde, die Gefährten. Fäuste die den Himmel geschüttelt haben. Orte an denen Grabsteine stehen, in meiner Seele. Das Haus einer Geliebten. Sie ruft zwar nicht an, aber schön war es trotzdem, eine schöne Erinnerung. Verblasst, verschwunden. Ein zersprochener Spiegel. Ich habe den Zugang zum Haupttext verloren. Die Gehörnte Sprache versteht niemand mehr. Nicht in dieser Gänsefüßchenrealität. An manchen Stellen sehe ich Geister, hinterbliebene Schatten, Trugbilder einer anderen Zeit. Dann merke ich, dass ich die Orientierung verloren habe. Ich habe etwas verloren. Die Gewissheit und den Stolz am richtigen Ort in der Raumzeit zu sein.

Vor mir steht ein Mann, schaut mir direkt ins Gesicht, wie es heute niemand mehr tut, der nicht den staatlichen Sicherheitsbehörden angehört. Er sagt: „Sei kein Fremder“, lächelt und ich fühle, wie er mir etwas in die Hand drückt. Mein Blick fällt hinab. Er sagt noch etwas. Ich starre das Ticket in meiner Hand an, als ob es explodieren könnte. White Train steht darauf. Ein Datum in der nahen Zukunft, eine Uhrzeit, die Nummer eines Bahnsteigs. Es dauert einen Moment, bis ich mich davon lösen kann. Der Mann ist verschwunden. „Diesem Land zu entfliehen“, hat er gesagt, „das von Anfang an nur ein schwarzer Gedanke war.“

Als ich noch jung war, in meiner rebellischen Phase, war ich überzeugt, erst zu sterben wenn ich etwas fände, wofür es sich lohnt. Jetzt werde ich diese Welt lebend verlassen.

Tobias Reckermann
Über Tobias Reckermann (20 Artikel)
Tobias Reckermann, Jahrgang 1979, lebt und schreibt in Darmstadt und arbeitet als Maschinist bei Whitetrain (www.whitetrain.de). Er ist Redakteur und Herausgeber des IF Magazin für angewandte Fantastik. Als Schriftsteller widmet er sich neben anderen Zweigen der Fantastik im Besonderen der Weird Fiction und chinesischer Wuxia-Literatur. Seit 2014 erschienen sind seine Romane Das Schlafende Gleis, Langfaust und Die zwei Schneiden des Glücks, außerdem die Erzählbände Venom & Claw und Graund, sowie mehrere Beiträge in Magazinen und Anthologien.
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