White Train IV – The Draw

Was war nur an diesen Kugeln, dass sie einen immer wieder dazu brachten, auf sie hinabzusteigen? Möglicherweise wirkte die Anziehungskraft der Masse auf den Geist ebenso wie auf die Materie. Faro schaute aus seinem Abteil, entlang der sich verjüngenden Kette aus Wagons auf die gefleckte Oberfläche des Planeten und wunderte sich über sich selbst. Sifereth war eine Welt der Toten, ein Geisterplanet, war er es für lange Jahrtausende gewesen. Planeten. Was war nur an ihnen, dass Wesen sich immer wieder an sie banden, obwohl sie auf ihnen immer wieder milliardenfach verreckten?

Der Zug relativierte seine Geschwindigkeit. Faro erschien der Eintritt in die Atmosphäre wie ein Gleitflug auf Schwingen und er fragte sich, ob fliegende Lebewesen sich oft fragten, ob sie, wenn sie einmal gelandet waren, sich jemals wieder über den Grund würden erheben können. Die Welt die er verlassen hatte war ein Schlachthaus gewesen, warum sich erneut in solche Gefahr begeben? Menschen mussten sich ausbreiten. Stabile Populationen waren ohne Zwang nicht zu realisieren, Freiheit war undenkbar, wenn man sich gegenseitig aus Platzmangel auf die Füße trat. Zu den Sternen aufzubrechen war für fortgeschrittene Gesellschaften der einzige Weg, der nicht in dauerhafte Unterdrückung und am Ende in den Untergang führte. Auch das Ausweichen in die Netzwelten stellte sich in den meisten Fällen nur als alternativer Weg in denselben Kerker, in dieselbe Ausweglosigkeit heraus. Für Faro, der vieles ausprobiert hatte, den parlamentarischen Weg, als er noch an Recht und Ordnung geglaubt hatte, gewaltfreien Protest, als er noch von der Grundgütigkeit der Menschen überzeugt gewesen war, bewaffneten Freiheitskampf, als er mit seiner Geduld ans Ende geraten, Netzbürgerschaft und schließlich innere Emigration, nachdem sein Feuer verraucht war, bedeuteten all diese Variationen nur noch einen Reigen trauriger Theaterstücke, die immer denselben Ausgang hatten. Er konnte sehen, wie weit vorn entlang seiner weißen Linie der Zug die Oberfläche Sifereths berührte und wie ein gewöhnliches erdgebundenes Fahrzeug darüber hin rollte. Mit etwas wackligen Knien stand Faro auf, nahm sich einen Moment, um seine Glieder von seinem Entschluss zu überzeugen, nahm dann seinen kleinen Koffer von der Ablage und ging in Richtung der Türen. Er nahm die Einzelheiten des Abteils und der darin sich Befindenden in sich auf, wie einer, der zum letzten Mal im Leben seine Familie sieht und hielt kurz inne um ein paar Tränen zu verlieren.

Leute stiegen in den Zug, um der Verfolgung und der Vernichtung zu entgehen, überall am Firmament. Sie alle hatten teil an einer wichtigen Idee, zumindest hielten sie, die Mitfahrenden selbst die Idee für wichtig, webten daran, seit Bewusstsein und Freiheitsdrang im All herumgeisterten, auch wenn Andere sie für ärgerlichen Blödsinn hielten. Eine gefährliche Idee, eine Idee, die aus unzähligen Facetten bestand und eben darin, dass sie bloß eine Idee war und nichts wirklich Greifbares. Unzählige waren für sie gestorben, würden auch in Zukunft für sie sterben, für eine Idee, die sich mit Sicherheit niemals verwirklichen, oder genauer, die sich niemals realisieren lassen würde. Eine verrückte Angelegenheit, dachte sich Faro und erkannte im gleichen Augenblick, dass seine Tränen nicht der Trauer entsprangen, sondern dem Stolz. Die Leute blieben solange sie wollten, solange sie es brauchten. Niemand konnte einen zwingen, den Zug wieder zu verlassen. Leute die den Zug verließen wussten, dass alles was sie versuchen mochten, nur ein Versuch bleiben und mit einiger Gewissheit auf lange Sicht scheitern würde. Sei’s drum. Wer nicht zu scheitern verstand, konnte nicht frei sein. Faro war sehr lange Passagier gewesen, hatte genaugenommen schon immer gründlich nachgedacht, anstatt sich hinreißen zu lassen. Umso entschlossener fühlte er sich jetzt. Ein neuer Versuch.

Sifereth war soweit, nicht mehr tödlich und bereit, begrünt und neu belebt zu werden. Am Ausstieg hatten sich bereits einige Leute eingefunden und sie nickten sich gegenseitig zu. Faro schaute durch die Scheiben und sah sich auf Bodenniveau über eine Ebene gleiten. Seine Beine kribbelten und Freude stieg in ihm auf. Die Synchronisation der Geschwindigkeiten von Planet und Zug war abgeschlossen. Der Wagon stand relativ betrachtet still, die Türen öffneten sich und Faro und seine Gefährten traten hinaus in die Welt.

 

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Tobias Reckermann

Tobias Reckermann

Tobias Reckermann, Jahrgang 1979, lebt und schreibt in Darmstadt und arbeitet als Maschinist bei Whitetrain (www.whitetrain.de). Er ist Redakteur und Herausgeber des IF Magazin für angewandte Fantastik. Als Schriftsteller widmet er sich neben anderen Zweigen der Fantastik im Besonderen der Weird Fiction und chinesischer Wuxia-Literatur. Seit 2014 erschienen sind seine Romane Das Schlafende Gleis, Langfaust und Die zwei Schneiden des Glücks, außerdem die Erzählbände Venom & Claw und Graund, sowie mehrere Beiträge in Magazinen und Anthologien.

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