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White Train III – Dylans Song of the Mannifold

Der Angriff kam aus dem Nichts, hinter Blenden universaler Schwärze hervor und überzog die Wagons mit rotem Feuer. Das Weiß beantwortete ihn mit eigenem Erstrahlen und warf die geballte Energie als Streu in die Leere zurück. Die Wagons, die in direkter Opposition zu den Aggressoren standen, öffneten sich und gaben eine Anzahl taktischer Projektile frei, die für eine lange Unwahrscheinlichkeit darauf gewartet hatten, ihre Bestimmung zu erfüllen. Auf Piraterie sollte man vorbereitet sein. Der Zug führte deshalb sein dunkelstes Vermächtnis mit sich, seit er zu den Sternen aufgebrochen war. Sein Vermächtnis aus der finstersten Abstammung aus der seine Idee von sich selbst entstanden war. Die Gefechtsköpfe detonierten außerhalb der Schutzhülle und richteten ihre Zerstörungskraft zielsicher auf das aus einem Dutzend Marodeuren bestehende Kommando. Dylan schaute zu, wie schwerelose Blüten aus Licht aufflammten und vor dem schwarzen Hintergrund des Alls wieder verloschen. Die Angriffe folgten den Gesetzen des Zufalls und der statistischen Häufung. Der Zug fuhr durch alle Welten und durch alle Zeiten, war damit gleichzeitig überall und nirgends. Nur eine Wahrscheinlichkeit seitwärts oder abwärts hatte dieser Überfall nicht stattgefunden und Dylan entschied sich instinktiv für eine Variation in der alles friedlich geblieben und der Zug selbst nicht Transportmittel von Vernichtungsmaschinen, sondern von hoffnungsvollen Wesen war, die zu unbekannten Horizonten aufgebrochen waren, um eine bessere Welt zu erreichen. Aus seinem Abteil heraus hatte er freien Blick auf einen Nebel, der in vier Farben fraktale Muster wob und er nahm sich den Augenblick, um dem Wunder des Universums seine Achtung zu zollen, dann wandte er sich wieder seinem Gegenüber zu. Der Mann hatte sich mit dem Namen Lundin vorgestellt. Er war sehr dunkelhäutig und grobknochig, trug lange Dreadlocks und ein Sammelsurium aus Kleidung und Talismanen, Armreifen und Tätowierungen. Wie als Antwort auf eine Frage, die nicht gestellt worden war, sagte er:
„Mit meiner Art von Traumzeit hat das nichts zu tun“, und schaute mit einiger Ironie im Blick zu Dylan herüber. „Diese Fähigkeit die sie da haben überrascht mich, wenn ich ehrlich bin. Ich kann nicht anders, als der Möglichkeit echter Zauberei eine gewisse Relevanz einzuräumen.“

Das kam Dylan so seltsam vor, dass er begann, naheliegende Stränge zu durchsuchen, bis er auf einen stieß, in dem Lundin als Weißer im schwarzen Anzug vor ihm saß und anstatt einer Dreadlock sein Ticket zwischen den Fingern drehte. Zwei Lundins aus zwei Welten, zwei Ideen, die an einem Punkt miteinander koexistierten und damit zwei Gestalten derselben Form darstellten. Dylan begann ohne Zögern zu reden: „Wissen sie, es geht ja nicht um das Produkt. Identität, Essenz und Potenz, darüber sollten sie sich Gedanken machen. Ein Konstrukt, das zugleich an jedem Punkt in jedem Raum und auf jedem beliebigen Abschnitt auf jeder Zeitachse und zugleich nirgends vorhanden ist, das ist Utopie. Es geht nicht darum, ein Ziel zu erreichen, sondern darum, unterwegs zu sein.“ Lundin lächelte weiter, wie eingefroren. Dieser feine Herr war natürlich eine Bombe, hatte aber offensichtlich noch nicht begriffen, dass das was er in der Hand hielt und worin er sich befand selbst explosiv war. „Auf dem Hauptstrang könnten sie argumentieren, dass es sich hier um eine bloße Idee handelt, aber die Frage auf die sie, wenn sie begabt sind stoßen werden, die alles entscheidende Frage ist, ist es eine gute Idee? Sie können jetzt einfach tun, wozu sie hergekommen sind, aber das ändert überhaupt nichts.“ Die Ironie wich jetzt aus Lundins Blick und machte Platz für aufkeimende Wut. Dylan entschloss sich, noch einen moment zu bleiben und auf den Trumpf noch einen drauf zu setzen, nur um zu sehen, wie Lundin die Hutschnur platzte. „Sie können eine Idee nicht vernichten, vor allem dann nicht, wenn sie Hoffnung bedeutet. Der Zug ist unbesiegbar!“

Lundin zündete. Als die aufbrechende Energie sein Gesicht zerriss, stieg Dylan auf einen benachbarten Strang, schloss die Augen und schlief mit einem Lächeln wieder ein.

Tobias Reckermann
Über Tobias Reckermann (20 Artikel)
Tobias Reckermann, Jahrgang 1979, lebt und schreibt in Darmstadt und arbeitet als Maschinist bei Whitetrain (www.whitetrain.de). Er ist Redakteur und Herausgeber des IF Magazin für angewandte Fantastik. Als Schriftsteller widmet er sich neben anderen Zweigen der Fantastik im Besonderen der Weird Fiction und chinesischer Wuxia-Literatur. Seit 2014 erschienen sind seine Romane Das Schlafende Gleis, Langfaust und Die zwei Schneiden des Glücks, außerdem die Erzählbände Venom & Claw und Graund, sowie mehrere Beiträge in Magazinen und Anthologien.
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