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White Train II – Sooka Rides the Train

Sooka war zu lange auf den Beinen, um sich weiter aufrecht zu halten und setzte sich auf das Dach eines der Wagons. Ewiges Weiß, umgeben von ewigem Schwarz. Immerhin war sie nicht die Einzige, wie sie feststellte, als sie weiter vorn vier Gestalten ausmachte, die um ein Büchsenfeuer versammelt waren. Sie raffte sich wieder auf und lief die paar Wagons weiter in Fahrtrichtung, bis sie bei der kleinen Gemeinschaft ankam. Der Hund war aufgestanden und hatte kurz Laut gegeben, um sich dann wieder hinzulegen und sich von einem der drei Männer die Ohren kraulen zu lassen. Hobos, in abgerissenen Kleidern, mit zu Bündeln gerollten Decken, Kaffee auf dem Spirituskocher. Die drei schauten zu ihr auf, unter Schiebermützen und luden sie ein, sich zu ihnen zu setzen. Einer war jung, nicht älter als sechzehn und schmächtig und schaute immer wieder zu dem Älteren neben ihm, wie zu einem Vater, oder Onkel hin. Der war um die vierzig und kompakt, mit ergrauendem Bart. Er stellte den Jungen und sich selbst vor und reichte Sooka eine dampfende Blechtasse. Der dritte Mann war etwa dreißig, hatte ein breites Kreuz und starke Arme, die in hochgekrempelten Ärmeln steckten und drehte mit seinen großen Händen Tabak. Er bot ihr die Zigarette an, die sie dankend ablehnte und zündete sie sich dann selbst an, blies blauen Rauch aus, bevor er ihr seinen Namen sagte und ihr die Hand hinstreckte. Ein fester, trockener Händedruck. Der Junge, Joseph, sagte gar nichts. Hal, der Ältere fing an, ihr Fragen zu stellen: Ob sie auch auf der Suche nach Arbeit sei? Warum sie als Frau allein unterwegs war? Wo ihre Eltern herkamen? Weil Sooka nicht wusste, was er von ihr erwartete, redete sie sich heraus, ohne direkte Antworten zu geben und blieb mit dem Blick immer wieder an Samson, dem dritten hängen, der in ihrem Alter war und eine beeindruckende Erscheinung abgab. Er rauchte, kümmerte sich um den Bohnentopf und schaute nebenbei immer wieder aus dem Augenwinkel zu ihr herüber, als wäre er zu beschäftigt, wirkte dabei aber eher schüchtern. Der Hund der bei Joseph lag schaute mit intelligenten Augen zu ihr auf. Sie fühlte sich geborgen. Die Szene gab ihr etwas, das sie an diesem Ort nicht zu finden gehofft hatte. Hal stellte seine Fragen ein und bot ihr stattdessen an, sich aus dem Topf zu bedienen und dann ein wenig zu schlafen. Sooka, so erschöpft sie auch war, hatte nicht an Schlaf gedacht, aber nachdem sie mit den Anderen zusammen gegessen und Joseph auf seiner Maultrommel zu spielen begonnen hatte, zwangen sie ihre müden Glieder dazu.

Zwischen den Sternen ändert sich der Ausblick nur langsam, selbst wenn man mit für Menschen unvorstellbarer Geschwindigkeit reist. Die Gestirne bleiben gleich, die Abstände und Relationen verändern sich kaum. Im Umkreis von vielen Lichtjahren sieht das All immer gleich aus. Ein Transportmittel wie dieser Zug scheint sich darum auch kaum zu bewegen, obwohl er es tut, mit unvorstellbarer Geschwindigkeit. Die Wagons sehen alle gleich aus, einer wie der Andere. Sooka springt vom einen zum nächsten, wie es ihr vorkommt seit einer Ewigkeit, von hinten nach vorn. Beides verjüngt sich bis ins Unendliche. Hunderttausende, vielleicht Millionen, unendlich viele Wagons, die sich alle zum Verwechseln ähnlich sehen und lautlos durch die Schwerelosigkeit rasen. Rollen werden sie wohl nicht, denn ein Gleis ist nicht zu sehen und würde auch kaum einen Sinn ergeben. Oben und Unten ergibt sich vielleicht nur aus dem Umstand, dass Sooka auf einer Seite der Wagons bleibt, auf der sie die vertrauenerweckende Schwerkraft empfindet. Sooka trägt keinen Anzug, weiß nicht, welche Luft sie atmet und versucht, nicht darüber nachzudenken. Unter anderen Umständen hätte sie versucht herauszufinden, was sich in den Wagons befand, wollte ihre verbleibende Energie aber dazu nutzen, möglichst weit nach vorne zu gelangen, wo vielleicht Personenwagons zu finden waren und wenn nicht, dann wenigstens eine Lokomotive.

Immer wieder wird sie Wagons überqueren, deren Dächer von Leuten besetzt sind, die in Gruppen zusammen sitzen, Wagons, auf deren Dächern so viele Leute sitzen, dass sie selbst sich langsam und vorsichtig einen Weg hindurch bahnen muss. Auf einem Wagon haben alle Frauen Tücher um die Köpfe geschlungen und kochen über Feuern mit starken Gewürzen. Sie haben auch Ziegen und Hühner dabei. Ihre bunten Kleider werden Sooka noch lange vor Augen bleiben. Manchmal wird sie eingeladen werden zu bleiben und an Essen und Gesellschaft teil zu haben und wenn sie Erholung braucht, wird sie solche Einladungen gerne annehmen. Ob sie ihrem Ziel wirklich näher kommt, wird sie nicht wissen, wird es vielleicht niemals erfahren, aber der Glaube daran wird sie vorantreiben. Sooka kommt von einer Welt die keinen Sinn ergibt. Die bewussten Völker schlagen sich gegenseitig tot, mit Waffen, die aller Ehrbarkeit entkleidet sind. In Stahl gekleidete Rosen und Dolchgedanken. Versengtes Land und verdampfte Meere. Flüchtlingsströme, die sich gegenseitig um die letzten Ressourcen bekriegen. In naher Zukunft wird von dieser Welt nichts mehr übrig sein. Bloß noch ein glutheißer Ball mit Schwefelatmosphäre und leblosen Zeugnissen einer ruchlosen Geschichte. Sooka wird ihre Erinnerung an diese Welt weit hinaus in den Sternenraum tragen.

Tobias Reckermann
Über Tobias Reckermann (20 Artikel)
Tobias Reckermann, Jahrgang 1979, lebt und schreibt in Darmstadt und arbeitet als Maschinist bei Whitetrain (www.whitetrain.de). Er ist Redakteur und Herausgeber des IF Magazin für angewandte Fantastik. Als Schriftsteller widmet er sich neben anderen Zweigen der Fantastik im Besonderen der Weird Fiction und chinesischer Wuxia-Literatur. Seit 2014 erschienen sind seine Romane Das Schlafende Gleis, Langfaust und Die zwei Schneiden des Glücks, außerdem die Erzählbände Venom & Claw und Graund, sowie mehrere Beiträge in Magazinen und Anthologien.
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