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Wenn Wissenschaft das Göttliche umbringt, welches Schicksal erwartet dann den Teufel?

Auslöschung. Das ist der Weg der Welt. Die Evolution der Dinge. 90% aller Arten, die jemals die Luft dieses Planeten geatmet haben, sind jetzt vollständig von ihm verschwunden. Die Zeit des Dodo ist vorbei. Die Donnereidechsen werden heute von unseren Toyotas getankt (aufgrund der Zusammensetzung der fossilen Brennstoffe sollte man die Motorleistung eigentlich in Dinosaurier-Stärke statt in PS messen). Die Sonne ist nicht mehr das Zentrum des Universums. Die Erde ist jetzt rund. Drachen sind im Müll gelandet und Meerjungfrauen zu Seekühen gemacht worden. Und geht es uns deshalb besser?

Ich spreche von (buchstäblich) dem Tod des naiven Aberglaubens, einschließlich des Großvaters aller Aberglauben, des Göttlichen, das am häufigsten als Gott bezeichnet wird.

Am 2. Juli 2012 wurde auf dem Grund der Nordsee von einem unerschrockenen Taucherteam der University of St. Andrews das entdeckt, was nun als das “Britische Atlantis” bekannt ist. Dieser Fund könnte uns dabei helfen, unsere Geschichte neu zu schreiben. Was dort aufgedeckt werden konnte, ist eine riesige, einst bevölkerte Landmasse, die vom eisigen Ozean im Jahr 6500 v. Chr. verschluckt wurde. Dadurch wurde die Topographie verändert und Geheimnisse in den Tiefen des Ozeans versenkt. Entdeckungen wie diese stellen in Frage, ob die Geschichte, wie wir sie kennen, tatsächlich auf Fakten basiert, oder ob es sich dabei nur um eine Pantomime der Vergangenheit handelt, die mithilfe eines skizzenhaften, wurmstichigen Skripts zusammengeschustert wurde, bei dem die meisten Seiten fehlen. Die legendäre, untergegangene Stadt Atlantis wird von den meisten ernsthaften Wissenschaftlern verspottet, aber wenn das Meer kommen kann, um 100.000 Quadratmeilen von Nordeuropa wegzureißen, warum nicht auch andere Orte? Und welche Art von Wissen, Praxis und Ritualen sind verloren gegangen, als diese Zivilisationen von der Erde verschluckt wurden? Ist Mythos wirklich Mythos, oder eine Tatsache, die noch unentdeckt oder missverstanden ist?

Eine künstlerische Impression von Atlantis; (c) Youtube

Zwei Tage später kam ein Durchbruch, der weitaus monumentaler war, als die Veränderung unserer philosophischen und wissenschaftlichen Zukunft. Darüber hinaus könnte sich seine Nebenwirkung auch als potenziell katastrophal für den jüdisch-christlichen und monotheistischen Glauben erweisen. Ich beziehe mich auf die Entdeckung des Higgs-Teilchens, provokant “Das Gottesteilchen” genannt, das völlig einzigartig – und in der Tat in vielerlei Hinsicht monströs mächtig – ist, da es der Materie Masse gibt, ohne die helfende Hand eines göttlichen Schöpfers bemühen zu müssen.

Dieser unmöglich winzige Seelengrund ist in seiner Funktion so unverständlich und innovativ, dass es vorher nur in der Theorie existierte. Doch am 4. Juli, als wir ein subatomares Feuerwerk veranstalteten, um mit allem, was am Himmel knallt und sprudelt, zu konkurrieren, tauchte das Higgs-Teilchen in unseren immer größer werdenden Augen tief in den Eingeweiden der Schweizer Landschaft auf, geboren in der größten Maschine, die jemals in der Geschichte der Menschheit gebaut wurde: dem Teilchenbeschleuniger, bekannt als CERN. Ein Jahr zuvor schrieb ich eine ausgesprochen lovecraftianische Geschichte mit dem Titel “Flutes” darüber, was beim CERN richtig und falsch laufen könnte. Ich werde das Ende nicht verraten, aber es genügt zu sagen, dass die Dinge für keinen von uns gut enden. Hellseherisches Zeug, aber gar nicht so abwegig, wenn man bedenkt, was dieses 8 Milliarden Euro schwere Schmuckstück zu leisten im Stande ist. Eine Wiederherstellung des Urknalls und die Suche nach Materie, wo es keine geben sollte, kann alle möglichen unvorhergesehenen Nebenwirkungen haben, von denen viele ziemlich schrecklich sind. Aber das sind Horrorgeschichten, nicht wahr?

Zurück zur Realität und dem Higgs-Teilchen, das eine Nanosekunde lang aus dem unverständlichen Nichts (Realitätsbereiche, die wir noch nicht sehen und messen können) geschleudert wurde, seine Existenz an der Wand markierte und wieder in Vergessenheit verschwand. Manchmal hat das kleinste Feuerwerk die größte Wirkung, und manchmal ist das Experiment der Theorie voraus. Vor 2.400 Jahren schrieb Demokrit über “Atomismus” und Materie, die so winzig ist, dass man sie nicht teilen kann.

In jüngerer Zeit deutete das Standardmodell die Existenz als Sammlung winziger Partikel, die so klein waren, dass sie nur theoretisiert werden konnten. W- und Z-Bosonen, Quarks und das Higgs-Teilchen. Die Bausteine der Bausteine aller Existenz. Die Natur offenbart sich uns in Schritten. Mit dieser Entdeckung steht die ewige Frage, wo alles begann und wie es sein kann, dass alles aus dem Nichts kam, am Beginn einer nachprüfbaren, möglicherweise reproduzierbaren Erklärung. Eine solche Entdeckung beweist, dass wir immer noch grunzende Höhlenmenschen im Vergleich zu dem sind, wohin wir gelangen und was wir noch sehen und verstehen könnten.

Unsere Weltanschauung wird durch alle Arten von Aberglauben gefiltert. Unglückstage. Vierblättrige Kleeblätter. Kaninchenpfoten. Zerbrochene Spiegel. Hochzeitsschleier. Wünsche in Gegenwart von Sternschnuppen machen und eine Leiter, die sich direkt über den Weg an eine Mauer lehnt. Die neun Leben der Katzen und die Hoffnung, dass dir keine schwarze begegnet. Die warzenfördernde Eigenschaften von Kröten. Daumendrücken. Auf Gott oder die Bibel schwören als ultimativer Beweis der Wahrheit. Die reine Logik diktiert, dass diese Dinge dumm sind, aber dennoch sind sie im Alltag präsent. Sie durchdringen und beeinflussen unser Leben, unsere Gesetze, unsere Gesellschaft. Wir sind eine Spezies, die aus Aberglauben geboren und aufgezogen wurde, zum Guten und zum Schlechten.

Dieselbe Logik ist ein Eckpfeiler der wissenschaftlichen Methodik, die von der Menschheit betrieben wird, um das Unerklärliche zu erklären. Um die Wahrheit zu finden. Die dummen Fallen des Aberglaubens zu widerlegen und die Realität im Licht nachweisbarer Gewissheit zu baden. Beweismittel statt Glauben – der Alptraum eines jeden Missionars. In den letzten Jahrhunderten hat die Wissenschaft viele Mythen widerlegt, und dafür bin ich dankbar, denn Mythos kann gefährlich sein, und die Wahrheit kann oft wundersamer und tiefer gehen als der Glaube an etwas Mythisches. Aber durch eine unterkühlte Erklärung der Wahrheit verlieren wir ein wenig von unserer Folklore und dem Undefinierbaren, das wir “Magie” nennen. Jeder liebt einen Kartentrick, und wir sind oft enttäuscht, wenn er später vom Zauberer erklärt wird. Manchmal macht das Leben mehr Spaß, wenn wir nicht wissen, wie die Illusion funktioniert. Manchmal lassen wir uns gerne täuschen.

Der Aufklärer Adam Smith dachte wahrscheinlich nicht darüber nach, was das Aussterben des Aberglaubens bedeuten würde. Das Ende vieler Religionen, ja, aber höchstwahrscheinlich auch das Ende des Übernatürlichen. Wenn wir Gott töten, durch Experimente die Entdeckungen das Higgs-Teilchen hervorbringen, töten wir auch den Teufel, und was sollten wir mitten in der Nacht außer unseren Mitmenschen fürchten, wenn es den Teufel nicht mehr gibt? Können Geister in einem wissenschaftlich erklärten Multiversum leben, dem es an einem mystischen Jenseits mangelt, in dem die Seele zu einer malerischen Vorstellung der Vergangenheit gemacht wird? Was ist dann mit dem geistigen Reich? Von schwarzer Magie und dunklen Kulten? Wo ist das Übernatürliche, wenn alles nur natürlich ist? Können Feen, Ghouls, Goblins, Zauberer und verfluchte Hexen in einer Realität herumschwirren, in der die Wissenschaft auf alles eine Antwort hat? Exorzismus-Geschichten verlieren an Schlagkraft und werden zu Übungen im Bereich der Wortverdreher und der Schwätzer. Das Zaubern wird zur Rezitation schlechter Poesie. Vampire können nicht von Gott verflucht werden – und beim Anblick eines Kreuzes nicht in Flammen aufgehen -, wenn es Gott nicht gibt. Black Metal-Bands werden ihre Ikonographie überdenken müssen, und Ronnie James Dios klassische “gehörnte Hand” wird eher an Schneckenantennen erinnern. Horror lebt von Unsicherheit, und es gibt keine Unsicherheit, wenn alles sicher ist und in wissenschaftlichen Zeitschriften festgehalten wird.

Kein Himmel bedeutet keine Hölle, auch nicht im theoretischen Sinne. Keine Engel und keine Dämonen. Kein göttliches Gut und kein teuflisches Böse. Kein verdammter Spaß.

Angst verstärkt die Anziehungskraft des Übernatürlichen. Wir haben gerne Angst und mögen Dinge, die uns Angst machen. Die Produzenten von Horrorgimmicks würden ohne diese menschliche Eigenart keinen Cent verdienen. Wir suchen heraus, was uns schaden könnte und was uns Angst macht, weil wir es nicht verstehen. Also ohne die Möglichkeit des Übernatürlichen – wenn nicht das Rückgrat, dann zumindest ein großer Rippenknochen des Horrors – wo bliebe dann das Genre in all seinen Erscheinungen?  Literatur, Film, Poesie, Gesang, Tanz, Lagerfeuergeschichten … gibt es dann nur noch Serienmörder- und Slashergeschichten? Kosmischer Schrecken würde immer noch existieren, und als hingebungsvoller Leser und Autor derselben, gibt mir das viel Trost. Aber kann die Gesamtheit des langen und geschichtsträchtigen Genres für den Rest des Horror-Fandoms den kommenden Tod Gottes, des Teufels und des ganzen Panoptikons des Übernatürlichen überleben? Vielleicht wird aus Horror einfach “Fantasy”, was nicht das Ende der Welt wäre. Aber genau die gleiche Welt ist ein besserer Ort, wenn das Unerklärliche so bleibt, denn in dieser unruhigen Leere der Unwissenheit können alle möglichen Dinge existieren, ächzen und stöhnen. Wir füllen die leeren Räume mit Geschichten, die uns in irgendeiner Weise dienen. Mythos zu machen ist eine Lebensweise.

 

Das Original erschien im “Teeming Brain“. Übersetzt von Michael Perkampus.

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