Wenn man trotzdem lacht

Da ist diese eine Szene in einer ganz großartigen Literaturverfilmung, von der ich gern erzählen möchte. Um mich besser zu fühlen. Weil ich vielleicht auf Stammesbrüder im wahnwitzigen Geiste treffe. Vielleicht aber auch nicht. Dann würde ich mich eindeutig noch schlechter fühlen. Es ist eine Szene, die vom Grundsatz her ganz und gar nicht komisch ist. Eher grauenvoll.

Eine andere Geschichte. Ich hatte ein Bild gemalt und schrie nach meiner Mutter, die sich das ansehen sollte. Sie war mitsamt Putzeimer im Hausflur, stand leicht gebückt dort oben auf dem Podest und wrang einen Lappen aus. Ich brüllte: “Guck mal. Ist das gut?” Sie blickte auf, sah mich dort unten am Treppenabsatz ungeduldig mit meinem Bild wedeln, rief: “Warte kurz, komme gleich”, verlor in dem Moment das Gleichgewicht, starrte, schwankte, taumelte. Und noch bevor sie fiel, bereitete ich mich innerlich auf einen schrecklichen Sturz vor.
Ich sah sie blutüberströmt und grotesk verrenkt zu meinen Füßen liegen. Sah sie dann erst fallen. Und lachte. Ich hatte diese Riesenangst davor, dass das Furchtbarste jetzt in diesem Moment passieren würde. Aber ich lachte.

Sie fiel und rutschte auf Hinterteil und Rücken die sieben Stufen, die uns trennten, hinunter. Da lag sie mit hochgerutschtem Rock, rotem Kopf und großen Augen. Ich lachte weiter. Richtig laut und richtig lang. Eine Ewigkeit später fragte ich sie dann tatsächlich, ob sie sich weh getan hätte. Sie hatte. Und ich lachte schon wieder und sagte völlig erheitert: “Das war aber auch was.”

Als das geschah, ging ich in die vierte Klasse Grundschule und war gedanklich zumindest vom soliden Ansatz her für Ernst und Schmerz und Wahnsinn des Lebens gerüstet. Trotzdem kam mein Bewusstsein, nicht richtig funktioniert zu haben, erst so wirklich auf, als meine kleine Schwester ihr heulend über das Haar strich und Mami, Mami! schluchzte. Und meine große Schwester, knapp zweieinhalb Jahre älter als ich, sie in den Arm nahm und sagte: “Da hast du aber Glück gehabt, dass dir nichts Schlimmes passiert ist. Oder sonstwas.”

Oder sonstwas. Grausige Brüche. Grausiger Tod. Aber daran hatte ich selbst ja auch gedacht. Prinzipiell war mir das alles klar gewesen. Und trotzdem habe ich die darauffolgenden Tage immer wieder unkontrolliert vor mich hinlachen müssen, tat das freilich im Verborgenen, weil ich wusste, dass ich mir selbst die gnädigste Rechtfertigung schuldig bleiben musste. Ich hätte da nichts erklären können. Vielleicht hätte ich noch an ihrem Grab gelacht. Ich liebte meine Mutter. Ich verabscheute mich, ich gruselte mich vor mir selbst. Und lachte mich im Spiegel an.

Ich weiß das ganz genau immer noch, und ich weiß es so verdammt genau, weil ich mich heute noch, längst selbst schon heimlich unter dem Kopfkissen ergraut, immer noch ganz scheußlich und komplett versündigt fühle. So ein gewaltiges Stück böse, ohne es sein zu wollen. Und irgendwie nicht normal.

Als ein Jahr später Cornelia Pawulski aus der Sexta, die ich zum Rollschuhlaufen abholte, vom Anlauf her exakt den gleichen Treppensturz hinlegte, spulte sich mein Film von selbst wieder ab. Ich sah sie wie eine kaputte Puppe vor mir liegen, sah mich, ihre Eltern, alle weinen, hörte mich schreien und spürte, wie mir eisig kalt wurde. Und ich lachte. Cornelia hat mir das niemals verziehen. Sie rappelte sich stöhnend wieder hoch und warf mir diesen finsteren Blick zu, der grundsätzlich gar nicht ihr gehörte. Sie fragte: “Du findest das wohl lustig?” Und ich sagte, immer noch lachend: “Nein. Nein, ich finde das überhaupt nicht lustig.”

Das war die Wahrheit. Ist die Wahrheit. Ich finde Derartiges ganz und gar nicht komisch. Über Video-Clips, die skurille Missgeschicke von irgendwelchen Leuten zeigen, kann ich mich arg begrenzt durchaus amüsieren. Aber dann sind es Übermut, Pech und Dummheit, die mich lachen lassen. Es sind nicht meine eigenen grausigen Befürchtungen und Bilder. Die haben rein gar nichts mit dieser nutzlosen Heiterkeit zu tun, die meist so Profanes wie Schadenfreude involviert. Nein, von sowas spreche ich nicht.

Da ist immer noch diese eine Szene in jener phantastischen Literaturverfilmung, von der ich unbedingt erzählen möchte. Um mich verstanden zu fühlen. Es müssen die Richtigen sein, denen ich begegne. Sonst bleibe ich ungefragt und ungebeten zurück.

Als ich von diesem Mann las, der sich umbrachte, indem er eine Flasche Pflanzengift leerte, sich anschließend eine Drahtschlinge um den Hals legte und sich, als diese sich zuzog, zur Sicherheit noch eine Kugel durch den Kopf jagte, überlegte ich, wie ich das finde. Übertrieben. Allemal. Verstörend. Zweifellos. Zum Lachen? Auf keinen Fall.

Die Szene aus Der Name der Rose, über die ich sprechen will, ohne erwarten zu können, dass Augen, ähnlich wie meine, auf mich gerichtet sind, Augen, die eigene Geschichten erzählen, damit ich nicken und lächeln kann, ist vom Grundsatz her ganz und gar nicht komisch. Eher grauenvoll. Das sagte ich.

Salvatore, der Gehilfe des Kellermeisters, halbherzig bekehrter Ketzer, bucklig, hässlich, fast zahnlos und pausenlos ein zerfetztes Kauderwelsch sprechend, wird zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Und wie er dort oben hängt und ungläubig schaut, die Arme auf dem Rücken festgebunden, wie er immer noch vor sich hin brabbelt und nichts so recht zu fassen scheint, blickt er nach unten und sieht, wie das Holz entflammt wird, sieht, wie es brennt. Bläst die Backen auf und pustet. Pustet erneut. Und ich…muss lachen.

Ich befinde mich in einer fürchterlichen, finsteren Zeit, deren Leichenzug von Monstern und menschlichen Fackeln begleitet wird. Ich sehe das Feuer, ich höre die Schreie und weiß, wie zornig der Himmel ist. Sehe diesen armen pustenden Tropf auf dem Scheiterhaufen. Und lache. Und fühle mich dabei nicht boshaft, nicht anders, sondern ehrlich.

Diesen wirren Kerl, der so trotzig pustet und vielleicht ganz einfach auf ein Wunder hofft, der vielleicht auch meint, dass nichts geht und ist, was er nicht glauben will … ich mag ihn. Vielleicht lache ich deshalb.

(Titelbild: Batman,1989, copyright: Warner Bros.)

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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