Wenn im Kopf die Flamme erlischt

Du sitzt im Fernsehsessel. Oder im hauseigenen Zahnarztstuhl. Egal. Bequem zurückgelehnt allemal. Halbwegs locker in den Gelenken. Ein freundlicher Mann im legeren Freizeitanzug schüttelt dir die Hand, bindet dir einen Latz um und versetzt dir ein paar Elektroschocks, damit du ordentlich krampfst und kurzfristig das Bewußtsein verlierst. Er nimmt einen Eispickel, rammt ihn dir durch dein Auge ins Gehirn und stochert darin herum.

Mit dem Hämmerchen wird der Eispickel durchs Auge ins Gehirn getrieben
Mit dem Hämmerchen wird der Eispickel durchs Auge ins Gehirn getrieben

So in den 1940ern bis 1955 praktiziert von Walter Freeman (1895 – 1972), einem amerikanischen Psychiater, der mit seiner wenig zimperlichen Methode die Hirnoperationstechnik des Italieners Mario Fiamberti (1894–1979) und des portugiesischen Nobelpreisträgers Antonio Egas Moniz (1874 – 1955) vereinfachte: Anstatt Löcher für die Einführung einer Kanüle in den Schädel zu bohren, um gewisse Störfaktoren im Gehirn weg zu schneiden, hob er ohne Narkose Augenlider an, gern auch vor Publikum, und griff beherzt zum von ihm selbst erfundenen Pickel.

Freeman sah sich begnadet, den Chirurgen zu beweisen, dass er als Neurologe den besseren und vor allem heilsameren Weg ins menschliche Hirn gefunden hatte, und er glaubte tatsächlich, alles richtig zu machen. Im Gegensatz zu seinen Kollegen im OP. Abschätzend stichelte er:

„Die Psychochirurgie erlangt ihre Erfolge dadurch, dass sie die Phantasie zerschmettert, Gefühle abstumpft, abstraktes Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum schafft.“

Natürlich kein Hohn. Nur Wissenschaft. Freeman wähnte sich als der Meister, der die Menschheit vor dem Zum-Ding-Werden rettete. Seine eigenen fatalen Fehler, Patienten mit schwersten Störungen…undramatisches Künstlerpech. Man hoffierte ihn. Na bitte.

Nicht gut?!
Nicht gut?!

Freemans Methode schlug überall Wellen, sie war populär: Zeitsparend, kostengünstig, durchführbar in Klinikfluren, Küche, Kirche, eine als gescheit betrachtete Lösung, wenn es irgendwelche Probleme im Kopf gab: Depressionen, Aggressionen, besondere sexuelle Neigungen, Alkoholsucht, Hyperaktivität, das alles, so wurde gesprochen und versprochen, könne man heilen, schnell und bequem und am besten bei Freeman, der noch bis zu seiner Pensionierung in seinem „Lobo-Mobil“ durch die USA tourte, Autogramme verteilte und oft krasse Hirnschäden als Folgen seiner Eingriffe genauso locker abwinkte wie Kollegenschelte.

Der mit Moniz befreundete Neuropsychologe John Farquhar Fulton entsetzt:

„Was sind das für furchtbare Geschichten, dass Sie in ihrem Büro Lobotomien mit einem Eispickel vornehmen? Warum nehmen Sie keine Schrotflinte? Das ginge schneller!“

Brent mit in die Stirn gebohrtem Loch für kochendes Wasser
Brent mit in die Stirn gebohrtem Loch für kochendes Wasser

Furchtbar zweifellos. Und mindestens genauso gruselig wie der Gedanke an den von einer verliebten Wahnsinnigen gekidnappten Brent in The Loved Ones – Pretty in Blood ( 2009, Regie: Sean Byrne) dem, da er sie verschmäht, ein Loch in die Stirn gebohrt wird, um ihm kochendes Wasser in den Kopf zu schütten. Im blüht damit das Schicksal seiner Vorgänger, die diese schaurige Prozedur bereits durchlitten haben und im Keller wie hauseigenes Zombie-Vieh gehalten werden, einzig noch zum Brabbeln, Starren, Töten und Fressen in der Lage. Da ist nichts Menschliches mehr. Das ist Horror-OP des Ichs in krassester (Film-) Form. Und weg.

Serienkiller Jeffrey Dahmer
Serienkiller Jeffrey Dahmer

Der amerikanische Serienkiller Jeffrey Dahmer (1960 – 1994), von Medien und Zeitgenossen Milwaukee Monster genannt, versuchte ähnlich Entsetzliches mit Bohrungen in die Köpfe einiger seiner bis zum Experiment noch lebenden Opfer: Er füllte die Löcher mit Batteriesäure und dachte, er könne sich die Männer, – er selbst war homosexuell -, damit zu seinen willenlosen Lustsklaven machen. Zu seelenlosen lebendigen Puppen mit zerfressenen, zermatschten Gehirnen. Das funktionierte natürlich nicht. Sie starben.

Und es verbleibt die Fassungslosigkeit darüber, auf welch abstruse und ungeheuerliche Ideen Menschen kommen können, wenn sie von ihrer eigenen (Alp-)Traum-Welt besessen sind.

In diese Kategorie gehört auch die düstere Geschichte des Klinikarztes Dr. Arden in Asylum, Staffel II der American Horror Stories. Fiktiv im speziellen Fall, umso grauenvoller, da sie ganz klar von einer Realität erzählt, die eiskalt zupackt und nicht losläßt. Immer wieder.

Ardens Nazi-Vergangenheit als medizinischer „Forscher“ in Auschwitz wird von der Patientin Charlotte aufgedeckt, die von ihrem Ehemann in den 1960er Jahren in die psychiatrische Anstalt gebracht wird, weil sie davon überzeugt ist, Anne Frank zu sein. Sie spricht vom KZ, vom Holocaust und von den schrecklichen Eingriffen, die von Ärzten an den Häftlingen im Namen der Wissenschaft und gleichsam als Audruck ihrer gezielten Menschenverachtung vorgenommen wurden.
Tatsächlich weiß Charlotte alias Anne, die ergo entgegen aller Behauptungen überlebt habe, erstaunlich viel, vor allem auch bestimmte Details. Und sie identifiziert Arden als die Bestie Dr. Hans Grün, der Mädchen und junge Frauen aus dem Lager zu sich beordert hatte, die, falls sie überhaupt wiederkehrten, völlig gestört und apathisch zurück gebracht wurden. Das Gerücht, er würde an Gehirnen herumpfuschen, erwies sich spätestens beim Anblick der abgestumpften Gesichter, der leeren Augen, der monotonen Bewegungen als absolut wahr.

Asylum: Einsam, fixiert, bereit für die OP
Asylum: Einsam, fixiert, bereit für die OP

Arden, der panisch erkennt, dass sie ihn auffliegen lassen kann und das auch definitiv vorhat, nimmt eine Lobotomie an Charlotte vor, die als willenloses Weibchen ohne weitere Interessen als das eine, für den Ehemann und eine Standard-Gesellschaft zu funktionieren, entlassen wird. Charlotte, adrett frisiert am Herd, erinnert in ihrem Verhalten an eine der Frauen von Stepford  (Roman Ira Levin, 1972, verfilmt 1975 und 2004), die durch Mikrochips in ihren Gehirnen gesteuert werden wie Roboter und dadurch absolut gefügig, ergeben, willenlos und beliebig ersetzbar gemacht werden. Sie funktionieren auf Knopfdruck, der grundeigene Charakter ist gänzlich eliminiert.

So radikal kompromisslos läuft eine Lobotomie (altgriechisch: lobós „Lappen“ und tomé das Schneiden“, „der Schnitt“) zwar im Regelfall nur bedingt ab. Die Konsequenz dieser seit 1936 an Menschen praktizierten Hirnoperationstechnik, die , – der späten Erkenntnis einer verherrenden Wahrheit sei Dank gezollt -, zumindest offiziell längst schon ad acta gelegt wurde, ist aber ganz klar die Persönlichkeitsänderung bis ins Extreme. Menschen werden antriebslos, ihre Emotionalität ist oft völlig gestört, sie haben Halluziantionen, wirken apathisch. Erschreckend neben der Spur.

Wie Rosemary Kennedy.
Die Schwester des späteren US-Präsidenten wurde 1941 als 23jährige unter Zwang operiert, – ihr Vater veranlasste das -, und lebte seitdem schwerstbehindert bis zu ihrem Tod in einem Pflegeheim.

Wie Randle Patrick McMurphy.
In Einer flog über das Kuckucksnest (Roman: Ken Kensey, 1962, grandios verfilmt von Milos Forman 1975) wird Randle, unvergesslich gut gespielt von Jack Nicholson, lobotomiert, weil er dem Klinikpersonal zu aufmüpfig, zu willensstark und ungleich lebensbejahend ist. Sein bärenstarker, schweigsamer Freund Chief Bromden (Will Sampson), der ursprünglich gemeinsam mit ihm fliehen wollte, erstickt ihn mit einem Kissen, weil er ihm ein Weiterleben als dahin vegetierende Hülle ersparen will. Er entkommt zum Schluß allein, – Gänsehaut pur bei der Wahnsinns-Musik von Jack Nitzsche -, und ist von (s)einer Sache definitiv überzeugt.

„…he wouldn’t have left something like that sit there in the day room with his name tacked on it for twenty or thirty years so the Big Nurse could use it as an example of what can happen if you buck the system.“
„…er [McMurphy] hätte niemals zugelassen, das so etwas mit seinem Namen dran die nächsten zwanzig oder dreißig Jahre im Tagesraum herumsitzt, so dass die Oberschwester das als Beispiel dafür nehmen könnte, was passieren kann, wenn man das System zu unterlaufen versucht.“ (Romanzitat)

 

Walter Freeman
Walter Freeman

McMurphy steht für über eine Million Menschen, die weltweit und oft ohne ihre Einwilligung lobotomiert wurden. Allein auf das Konto von Freeman, dessen Karriereknick tatsächlich erst mit der Alternative Psychopharmaka eintrat, – 1952 kam Chlorpromazin auf den Markt, weitere Medikamente folgten – , gehen 3.600 Patienten, die selbst meinten oder unter Druck einsehen mussten, dass Freuds Psychoanalyse nicht ihre Antwort sein konnte: Im Kopf „falsch“ verknüpfte Stränge an Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen waren nicht ergründbar, sondern unnötiger Ballast. Sie mussten weg.

Bürgerrechtsbewegungen gingen in den 1960ern gegen die Lobotomie vor, die verstärkt in dieser Zeit (50er/60er) als Patentrezept bei allseits lästiger Homosexualiät und bei verhaltensauffälligen Strafgefangenen galt. Man entsetzte sich, deckte auf, verurteilte.

Die Fachwelt sah das (immer noch) anders. 1967 schrieben die Harvard-Autoren V. Mark, F. Ervin und W. Sweet in einem Leserbrief im Journal of the American Medical Association, dem offiziellen Organ der amerikanischen Ärztevereinigung, die Ursache der Rassenunruhen von Detroit lägen in einer „fokalen Hirnstörung“, die man nur operativ entfernen müsse, um weitere Schwierigkeiten zu verhindern. 1970 erschien Marks und Ervins Buch Violence and the Brain (Gewalt und das Gehirn), in dem sie die Psychochirurgie als endgültige Lösung für das Problem der Gewalt vorschlagen, beispielsweise bei uneinsichtigen Gefängnisinsassen.

Walter Freeman blieb sein Leben lang leidenschaftlicher, hundertprozentig überzeugter Verfechter der Lobotomie. So ein bisschen Gott spielen zu können sah er als seine Berufung. Wie diabolisch das Ganze tatsächlich war, hat er nie eingesehen. Immerhin: Schon im Mittelalter wurden Schädeldecken mit Zangen geöffnet, um den „Worm im Koppe“ zu töten. Vordergründig wohl, um Tumore zu entfernen.

Und anderes dunkles Zeug. Davon gibt’s ja reichlich im Kopf.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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