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Wenn Großmutter wiederkäme

Meine Großmutter trug blütenweiße Spitzenblusen, goldene Creolen und eine winzige Armbanduhr an einem dünnen Lederband. So winzig, dass sie sich das Handgelenk dicht vor die Augen halten musste, um die Ziffern zu erkennen. Das fand ich sonderbar, niemand sonst sah so auf seine Uhr.

Meine Großmutter war nicht die Geheimnisvolle in Schwarz. Sie zerkaute das Gehäuse von den Birnen, die sie und Frau Theler aus der Dachgeschosswohnung im Spätsommer auf der Bank im Friedhofspavillon assen, wo Schatten war. Manchmal nahmen sie mich mit, es war immer heiß, ich trug die Blumen, und ich wusste nie, was ich erzählen könnte. Also schwieg ich, nahm eine Birne und stellte mir vor, an den Kernen zu ersticken. Und meine Großmutter würde nur da sitzen und mich nicht bemerken und sich weiter mit Frau Theler unterhalten. Vielleicht würde sie mich auch missbilligend von der Seite ansehen und mich vergleichen. Mit meinen Schwestern. Mit ihrer toten kleinen Tochter.

Manchmal erzähle ich Geschichten, in denen alte Frauen vorkommen. Das ist nicht ungewöhnlich, alte Frauen können wunderbare Rollen einnehmen. Einige sind hässlich und böse, mit grauem, schmutzigem Schopf und düsteren Augen. Andere sanft und weise, mit klarem Blick und Haaren, die wie blank poliertes Silber schimmern. Manche sind verrucht und schön und schenken den Schauer.

Sie alle sind Akteure in finsteren Szenarien, keine dürfte je in einer Seifenoper spielen. Sie sind meine vom Tod gezeichneten Nebenfiguren, tauchen auf, sprechen ihren Text und verschwinden in trügerischer Bedeutungslosigkeit. Oder in der Hölle. Meine Großmutter könnte sich in jeder von ihnen wiederfinden, sie steht an meinem Bett und sagt, sie würde sie alle rufen. Sie sagt mir, dass nur eine von ihnen bleiben darf. Die eine, die nicht lügt. Das aber ist unmöglich.

Ich schüttele den Kopf und schreibe das ohne ein Lächeln in mein Buch.

Ich ging meiner Großmutter aus dem Weg, ohne aufzufallen. Sie war mir nicht geheuer, und obgleich ich heute weiß, dass ich sie hätte begreifen können, irgendwann, als es dafür längst zu spät war, hat das frühe Bild von ihr einen Platz in meiner Dunkelkammer gefunden, den es nie verlassen wird. Der schüchterne Tobias Klamm, Erster auf der Schlachtbank, hängt dort. Isabell Mertens, das zarte Mädchen, das sich die Unterirdischen holen. Nachbar Schober mit seinem boshaften Kater, die ewige Jungfrau Mechthild Schwank, das Großmaul Stefan Steinböck, die Wiedenfelds, die Michalskis. Der alte Pötter, das schreiende, blutende Mädchen, dessen Namen ich nicht kenne. Der blinde Hund. Der schwarze Mann.

Erschaffen habe ich keinen von ihnen, ich habe sie gekannt. Flüchtig gekannt und unvorsichtig benutzt. Wer hätte warnen sollen? Warum auch? In meinen Geschichten flüstern sie fremde Namen an fremden Orten. Ohne all diese Unschuldigen, die nichts von leisen  Flüchen ahnen, gäbe es nichts von mir, das preisgegeben werden müsste. Ohne meine Großmutter hätte ich diese Skulptur einer Frau nicht, die aus scheuer Furcht und kühnster Vorstellung entstanden ist.

Wenn ich jetzt sagen würde, ich hätte Angst vor meiner Großmutter gehabt, käme mir das schmutzig vor, grad wie eine Leichenschändung, und ich ertappe mich dabei, auch das mit starrer Mine eifrig zu notieren. Sie wäre empört, gar entsetzt, wüsste sie, was ich erzähle, ohne mich ratlos zu bekreuzigen. Sie würde nicht verstehen, dass sie dazugehören muss. Zu allem, was mich Horror denken und schreiben lässt. Sie hatte graugrüne Augen. Sie sah mich anders an als sie meine Schwestern ansah, die ihre Augen haben. Mehr von ihr haben freilich nicht. Nur dieses Graugrün. Das allein lässt nicht frösteln. Kann es nicht.

Die einzige Tochter meiner Großmutter starb als Kind. Sie wurde von einem Blindgänger am Teich getötet, der längst ausgetrocknet ist, und meine Großmutter trug sie auf ihren Armen nach Hause. Das weiß ich von meinem Großvater, sie wollte sie nicht hergeben, sie versteinerte sich. Und sie blieb dieser Stein, den auch ich in mir spüre. Er frisst Tränen. Er spuckt Süßes, was er geschmeckt hat, achtlos in den Rinnstein. Er hat Falten auf der Stirn. Schatten in den Pupillen.

In einem goldverschnörkelten Rahmen auf der Nachtkonsole meiner Großmutter war ein Bild von einer lachendenen Prinzessin mit großer weißer Schleife im blonden Haar. So war ich nicht gedacht, so wäre ich nie gewesen. Kann sein, dass auch die Prinzessin irgendwann ihre unendliche Leichtigkeit verloren hätte. Ich hatte sie nie, ich fühlte mich steif und starr und wusste, dass meine Großmutter das hätte ändern können. Aber sie schwieg. Ich stahl ihr Schweigen und gab ihm eine Stimme. Sie krächzt, brüllt, raunt. Sie kichert. Heult. Sie verwirrt. Sie macht nervös. Sie macht Angst, wenn sie da ist. Und wenn sie geht.

Meine Schwestern zeigen auf die alten Fotos und sagen, ich hätte ihren Blick. Tatsächlich habe ich die dunklen Augen meiner Mutter. Aber es liegt nicht an der Farbe. Es lag nie nur an der Farbe.

Zwei Brüder meiner Gromutter haben sich umgebracht. Sie selbst starb seltsam und für mich zu früh, um sie in der Nacht finden zu können und mit ihr in irgendeinen Tag zu gehen. So sollte es auch nicht sein. Ich kannte sie gar nicht. Wie ich die Geschichte nicht kenne, die ich morgen erzählen werde.

Wenn meine Großmutter wiederkäme, wäre sie eine mondän gekleidete Zauberin. Eine Elfe mit schwarzen Flügeln. Eine Vampirin mit goldener Haut. Eine Wölfin. Eine Katze. Vielleicht auch eine ganz normale Frau. Davor würde ich mich am meisten fürchten. Weil dann irgendwas falsch gelaufen wäre. Oder genau richtig.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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