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Wenn die Geschichte plötzlich bös’ die Zähne zeigt

Wir sind die Nacht, 2010, copyright: Celluloid Dreams, Constantin Film, Rat Pack Filmproduktion

Ein Film. Genre mal zweitrangig. Zauberlandkulisse, von Sonne, Wind und Lust geküsst. Zwei junge, hübsche Frauen in knapp sitzenden Bikinis liegen am Strand. Eine Urlaubsbekanntschaft unter Paaren, die beiden Männer sind anderweitig beschäftigt. Gina, die Blondine raucht einen Joint und beschreibt ihr wildes, verrücktes Leben.

Cidney, die Dunkelhaarige, frisch verheiratet und just in den Flitterwochen, blickt verträumt und sagt: “Ich wünsche mir für die Zukunft einfach nur Kinder, ein Häuschen mit Garten, selbstgebackenen Kuchen im Ofen. Das ist für mich Glück pur.” Gina schüttelt amüsiert den Kopf. “Glück ist relativ und im Regelfall bigott.” Sie erzählt vom Pfarrer in ihrer Heimatstadt, den alle gerade heraus geliebt hätten.
“Ein rundum großartiger Mann”, sagt sie, “auf den niemand etwas hätte kommen lassen. Bis sich herausstellte, dass er kleine Jungs mochte. Seitdem muss mir niemand mehr etwas von heiler Welt erzählen.” Sie grinst ironisch, sieht Cidney abwartend an. Die schweigt. Dreht spielerisch an ihren langen Locken. Dann sagt sie:

“Der erste Junge, der mich glücklich gemacht hat, war Rocky, der bei uns im Ort gegenüber wohnte. Den meisten war er nicht geheuer, er galt als Sonderling. Aber ich habe erkannt, wie er wirklich war. Ich habe mich in ihn verliebt. Und er sich in mich. Wir fuhren in seinem Auto hinunter zum See, es war so wunderschön. Er war so zärtlich. Ich war selig. Mein erstes Mal…und später dann, – ich lag schläfrig in seinen Armen -, wies er aus dem Fenster und meinte leise, ich solle doch mal schauen…”

Bis zu dieser Stelle darf freundlich genickt, verständnisvoll gelächelt, verstohlen gegähnt oder ernsthaft überlegt werden, ob es sich lohnt, weiterzulesen. Frage ergo: Kommt da noch was?

“…und meinte, ich solle doch mal schauen, was er da in den Baum gebunden hätte. Ich sah den toten Labrador unserer Nachbarn, die Zunge hing aus seinem Maul, die Augen waren fürchterlich verdreht. Rocky hatte ihn mit einem Seidenstrumpf am Hals aufgeknüpft und ihm beim Sterben zugesehen. Ich starrte nur hin, und er sagte ganz ruhig, ich würde mir raten, das Ganze für mich zu behalten, sonst würde er mich eiskalt umbringen.”

Unnötig jetzt, diese verblüffende Abkehr von der normalen Wanderroute zu kommentieren.  Irgendwie reicht es, vor dem Erfinder der bösen Idee, der einen so plötzlich mitten im netten Gespräch (ist sinngetreu, nicht wortwörtlich zitiert) mit dem Kopf ins Moor tunkt, zumindest ansatzweise respektvoll den Hut zu ziehen. Der Hammerschlag war spürbar. Und wenn der Schmerz ein wenig nachgelassen hat, etliche Filmsequenzen weiter, in denen mental wieder etwas gedümpelt werden konnte, erfolgt unvorbereitet der nächste Guss mit Eiswasser. Cidney ruft ihren Bräutigam, der sich zuvor eher pazifistisch-intellektuell und vor allem ordentlich bodenständig präsentiert hatte:

“Rocky! Wo steckst Du? Rocky!”

Da schluckt man denn doch, vernünftig hartgesotten oder nicht, da denkt man, na, jetzt aber…Rocky, der Tierquäler! Mörder! Nicht Drehbuchautor Cliff, als der er sich im Vorfeld vorgestellt hat, sondern der potenzielle (und tatsächliche) Killer, als der er sich letztendlich entpuppt in A perfect Getaway (2009, Regie: David Twohy). Der Psychothriller, – auf der hawaiiianischen Insel Kauai kreuzen sich die Wege von drei Paaren, eins davon ist brandgefährlich, es tötet, um falsche Identitäten anzunehmen, (noch) verbleibende Frage: welches? – , punktet vor allem damit, dass ganz unvorbereitet die Schock-Krallen ausgefahren werden. Dass die am solidesten und normalsten wirkenden Akteure die blutrünstigen Jäger sind, erfährt der Zuschauer schleichend. Sowas verblüfft auf gekonnte Machart, es reizt der Gedanke, so erzählen zu können, als würde man seinen Zuhörer den Hund streicheln lassen und den dann ohne Vorwarnung auf ein dezentes Kommando hin auf ihn hetzen.

Es ist eine Ewigkeit her, Nora Zapka saß neben mir im Geschichtsunterricht, Thema: Russische Revolution, und ich tischte Nora im Flüsterton die spontan von mir entwickelte Mär von meinem deutschstämmigen Urgroßvater auf, der als einer der Leibärzte des Zaren mit einigen weiteren ehemals Vertrauten quer durch Europa hätte fliehen müssen.

Sie glaubte mir jedes Wort, mag ihre Aufgeschlossenheit mir gegenüber daran gelegen haben, dass Herr Heitkamp dort vorn am Pult, wahrlich kein begnadeter Redner, sie eh’ langweilte, mag sie darin begründet gewesen sein, dass sie ein naives und ich ein ernstes Mädchen gewesen bin…sie hing an meinen Lippen, das beflügelte mich, und so reichte es mir auch. Ich berichtete von einer brisanten, spektakuären Flucht, plauderte ein wenig über Männerfreundschaft, brachte Hunger, Durst, Verzweiflung, Hoffnung mit ins Spiel, soweit mir das unter Heitkamps skeptischen Blicken gelang. Dem schien wohl aufzufallen, dass ich meine Sitznachbarin zutextete, aber warum-auch-immer sagte er nichts, guckte nur verstohlen auf seine Armbanduhr. Keine Lust, dachte ich. Die aber hatte ich.

Nora nickte schweigend, ergriffen, wie mir schien. Und dann, recht plötzlich, ließ ich die Wölfe los. Irgendwo an einem sibirischen Lagerfeuer, vortrefflich in lausig kalter Nacht, noch vortrefflicher bei Tiefschnee, in dem Sterne glitzern und der dem Blut dieses besondere Rot schenkt. Geheul, Gebrüll, Gemetzel.

Nora starrte mich aus weit aufgerissenen Augen an. Völlig überrascht. Entsetzt natürlich. Ich hatte sie richtig. Ich war herrlich zufrieden. Beinahe satt. Meine Geschichte hatte zugebissen.

Mir kam der Werwolf in den Kopf. Der lockte. Jetzt erst recht. Den mit einzuflechten wäre noch ein Knaller oben drauf gewesen. Aber ich weckte ihn nicht. Irgendwie hätte er meine gute Geschichte, – ich denke mal, übel oder gar unspannend war sie auf jeden Fall nicht – , zumindest in diesem Moment zunichte machen können. Too much. Meinte ich. Manchmal reicht es, seine Story nur einmal die Zähne fletschen zu lassen. Manchmal braucht’s mehr Zeit für ein zweites Mal.

Das erfolgte in der Pädagogikstunde. Frau Gerdes warf Pawlow per Dia-Projektor an die Wand, und ich beugte mich Richtung Publikum: Nora Zapka, wie’s der Teufel fröhlich wollte, erneut neben mir. Ich erzählte ihr von der glücklichen Ankunft meines Urgroßvaters im Ruhrgebiet nach jahrelanger Tortur, wo er Familie hatte und endlich aufatmen konnte. Ich beschrieb seinen wunderbar normalen, friedlichen, glücklichen Alltag.

Bis zu dieser Vollmondnacht. Da ließ ich ihn zum Werwolf werden. Geschickt durchdacht, wie ich meinte, unvorbereitet und geradezu lähmend für Nora. Dem war freilich nicht so. Sie nahm mir das nicht ab. Nicht unbedingt. Die brave Seele zweifelte: “Das kann ich nicht glauben.” Nicht glauben…keine Antwort für einen Dichter. Aber kurzum: Nora hatte sich nicht beißen lassen. Ich seufzte. Vertane Kunst, vergebene Phantasie.

Tatsächlich lag es wohl daran, dass sie nicht meinesgleichen war. Ihr aber. Und:

Der eine Löwe zieht dem anderen nicht die Zähne.

Gut so. Eben.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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