News Ticker

Wenn das Zusehen richtig weh tut

(Titelbild: Texas Chainsaw Massacre, copyright: New Line Cinema, 2003)

Einer schreienden Frau werden die Kleider vom Leib gerissen, dann wird sie in ein mit Nägeln beschlagenes Fass gesteckt und von Pferden zu Tode geschleift. Böse Szene. Die entstammt freilich nicht einem Horrorfilm, sie geschieht in der Gänsemagd. Im Märchen tanzt die Stiefmutter in rotglühenden Metallpantoffeln, bis sie tot umfällt. Die Hexe wird bei lebendigem Leib in den Ofen geworfen, Tauben hacken den Stiefschwestern die Augen aus, die Faule wird mit siedendem Pech überschüttet. Und für die kleine Seejungfrau ist jeder Schritt ein Tritt in messerscharfe Klingen.

So habe ich das als Kind gelesen. Gehört. Geglaubt. Gesehen. Ich habe zugeschaut. Ebenso, wie ich mir das silberfarbene Kleid der Prinzessin, die goldenen Locken, die roten Lippen, das mit Rosetten geschmückte Pferd des schönen Ritters und das hässliche Gesicht von Rumpelstilzchen vorgestellt habe, sah ich Blut. Und widerliche Wunden. Ich sah brennenden Füße, Haut, die sich abschält, Augäpfel in Vogelschnäbeln. Ich habe mir das alles sehr genau vorgestellt und mich geschüttelt und gedacht, dass sowas ganz furchtbar weh tun muss.

Meinem Großvater wurde im Krieg der Unterkiefer mit einem Gewehrkolben zertrümmert. Er selbst hat nie darüber gesprochen, ich weiß es von meiner Mutter. Ich wollte ihn immer danach fragen, aber letztendlich habe ich mich nie getraut. Und dann starb er. Mag sein, er hätte gar nicht geantwortet. Vielleicht hätte er auch einfach nur gesagt, dass dieser Schmerz unerträglich gewesen ist. Und ich wäre zu jung gewesen, um nicht zu glauben, er spräche einzig von seinem kaputten Gesicht.

In der vierten Klasse hat Frau Kattmann uns diesen seltsamen Film über Städteverteidigung im Mittelalter vorgeführt, schwarz-weiß, recht kurz und ohne Ton. Welcher Teufel sie geritten hat, Zehnjährigen zu zeigen, wie kochendes Öl auf Leute geschüttet wird, die an der Stadtmauer hochklettern, kann ich nur ahnen: Derselbe Teufel, der Studienrat Waschke in der Quinta ans Herz gelegt hat, uns vom Feuertod einer Schriftstellerin zu berichten. Ingeborg Bachmann. Lebendig verbrannt. Er erzählte von ihr.

Ich sah nicht die Frau an der Schreibmaschine. Nicht die Frau, die Max Frisch küsste. Nicht die brillante Intellektuelle, als die Heinrich Böll sie gekannt hat. Ich sah eine schlafende Frau mit kinnlangem Haar, ein aufgeschlagenes Buch auf der Nachtkonsole, eine Kladde für Notizen, daneben ein Bleistift. Ein voller Aschenbecher, ein leeresWeinglas. Eine Schachtel mit Tabletten. Sie liegt in ihrem Bett, die Decke unordentlich zerknüllt, der Atem schwer. Zuckende Mundwinkel, die Lippen halb geöffnet. Die Zigarette, die ihr aus den Fingern gerutscht ist, ohne dass sie es mitbekommen hat, die Zigarette, die sie noch unbedingt hat anstecken müssen, obwohl die Augenlider fiel zu schwer, die Gedanken viel zu benebelt sind… die glühende Spitze bohrt sich in die Wolldecke. Kleine Flamme, große Flamme. Es brennt. Sie schreit. Alles steht lichterloh in Flammen. Der ganze Körper. Die ganze Frau. Sie erleidet Höllenqualen. Völlig entstellt wird sie ins Krankenhaus gebracht. Stirbt.

Dieses Bild von ihr ist unvollständig. Ihre Qualen sind nur vage skizziert. Alles andere wäre anmassend. Wie kann ich von ihnen wissen? Ich halte meinen Zeigefinger dicht an eine brennende Kerze. Warte. Es wird heiß. Es schmerzt. Ich ziehe den Finger hastig zurück. Das ist alles, was ich weiß. Erbärmlich wenig. So heuchlerisch schuldbewusst. Trotzdem ein Segen. Natürlich.

Ein Film macht es dem Kopf, der so gehalten wird, wie ich ihn halte, nicht einfacher. Jemand wird gefoltert. Man dreht sich weg. Das Opfer schreit. Man hält sich die Ohren zu. Gut. Aber völlig sinnlos, wenn der Kopf die Kamera ist. Die Geschichte geht weiter. Immer. Und sie wird haarklein erzählt und spukt Jahrzehnte.

Einer Frau werden im Kellerverlies die Fußnägel mit einer Zange gezogen. Damit sie redet. Großaufnahme. Grauenvoll. Ich bin nicht so hartgesotten, dass ich sage, es gab und gibt sowas und weitaus Schlimmeres. Das weiß ich als Höllenhündin, die damit fertig werden muss. Aber das Maul lecke ich mir nicht. Ich jaule. Heule insgeheim. Schleiche mich. Leide mit. Wenn in lebenden Menschen gebohrt, geschnitten, gerissen, gesägt wird, halte ich den Atem an. Ich denke, Gottohgottohgott, und das denke ich verkrampft und fast beschämt, weil ich böse schreibe und nicht so wahrhaftig, so notwendig genug böse bin. Weil ich hart sein sollte und mir auf die Lippe beisse. Weil ich unberechenbar sein möchte und so verdammt normal erscheine, wenn ich sage: Tatsächlich leide ich mit, wenn Furchtbares mit Menschen und Tieren angestellt wird.

Tatsächlich sind die Tourturen, die damit verbundenen Schmerzen oft unerträglich anzusehen. Tatsächlich wäre es mir manchmal lieber, wenn alle einfach nur erschossen würden. Eiskalt, aber barmherzig in aller Endgültigkeit. Das kommt mir freilich erst dann in den Sinn, wenn es mir reicht. Dann will ich nur noch zwischen Gänseblümchen hocken und meinen Hund kraulen.

Irgendwie-irgendwo-Idylle ohne Sorge, dass das Böse laut, die Qual lang wird. Das passt nicht. Das ist Lüge. Scheinheiligkeit. Wegträumen einer Dunkelheit, die so lebendig ist, dass man sie atmen, röcheln, knurren, fressen hört. Nur in hastig dahingekritzelter Barmherzigkeit denken…unsagbar langweilig wäre das, entsetzlich phantasielos gleichwohl, schlimmer aber: Ungerecht wäre es. Fairplay erwartet, dass Grausamkeit bestraft wird. Weil sie da ist. Unermesslich groß. Fast unfassbar abgrundtief schlecht.

Natürlich könnte man endlich das Licht ausschalten, wenn es finster wird. Man könnte. Wir nicht. Weil wir nicht wollen und es auch nicht dürfen. Weil wir es wissen. Egal, ob gedacht oder gemacht, was zählt ist, dass es sie gibt. Die Qualen, Wunden, Bisse, Stiche, Flammen, Nägel, die innerlich mitschreien lassen, sind keine Erfindungen irgendeines psychopathisch verspielten Schriftstellers oder Regisseurs.

In einer längst vergangenen Adventszeit wurde der Vierteiler Odysseus gezeigt. Der Zyklop fraß die Männer, er fingerte sie sich aus den Höhlenspalten, wo sie sich ängstlich versteckt hatten, und stopfte sich die schreienden Menschen ins Maul. Das fand ich furchtbar. Ich kannte die Geschichte von Kronos, der seine Kinder gefressen hatte, ich hatte von Riesenschlangen und Krokodilen gelesen, die einen mit Haut und Haaren verschlingen. Von Kannibalen, die ihre Gefangenen kochen. Und ich wünschte mir inbrünstig, dass, wenn irgendwas, irgendwer mich jemals zwischen seine Zähne bekommen sollte, es oder er zuerst meinen Kopf abbeißen würde. Ich stellte es mir grauenhaft vor, langsam von unten oder von der Seite Stück für Stück…oder lebendig im Kessel, zuvor noch gehäutet. Ich war noch jung, wirklich verdammt jung, als ich mir diese Gedanken machte, und ich gehe unbeirrt davon aus, dass all diejenigen, die Blut und Nacht, Angst und Schmerz riechen und schmecken können wie ich, jetzt bei mir sind.

Für meine zarte, kleine Schwester und für mich, die ich nur vorgab, abgeklärter zu sein, war die eiserne Dornenmaske, die der schönen, finsteren Asa in Die Stunde, wenn Dracula kommt auf das Gesicht geschlagen wird, damals der Inbegriff barbarischen Handelns und irrsinnigen Schmerzes. Unschuldig war das, distanziert betrachtet. Aber die Schläge, um die spitzen Pfähle mit Wucht hineinzuschlagen, die gellenden Schreie der Frau, die anschließend verbrannt werden soll, die tiefen Löcher im entstellten Gesicht nach der Wiedererweckung der Hexe wurden nie von der Zeit verschluckt.

Solche Kindheitserinnerungen sind Rüstzeug. Sie lassen Weltklasse-Autoren dem Zombie-Gott Romero Tribut zollen für das Book of the Dead, einer Sammlung von genialer Abartigkeit, deren Bilder richtig weh tun. Weh getan haben, Anfang der 1990er. Längst vorbei? Krasseres, natürlich, folgte, folgt immer. Diese Anthologie freilich ist die erste ihrer Art, die mich hat derbe schlucken lassen.

Tod kann höllisch schmerzen. Unnötig, zu sagen, wie ungnädig die Phantasie ist. Sie darf das. Hier drinnen. Da draußen geht die Welt längst unter. Und dabei zuzusehen…lasst uns besser über Horror sprechen.

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (145 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
Kontakt: Webseite

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz