News Ticker

“Wen ich anfassen kann, kann ich auch töten.” (Charles Manson)

(Titelbild: Helter Skelter, 1976, copyright: Lorimar Productions)

Der Mythos vom großen, genial bösen Mann spuckt sich selbst in hohem Bogen an. Der Große war klein, lächerliche einssiebenundfünfzig. Und er war irre böse. Genial? Wäre er wohl gern gewesen. So blieb ihm nur das eingeritzte Hakenkreuz auf der Stirn zum Trotze gegen die verkehrte Welt. Eine, die immer noch verdreht genug war, aus ihm eine Pop-Ikone zu machen, weil eine Faszination entdeckt wurde, die keinen wirklichen Tiefgang braucht. Es geht ja so einfach, dumme dunkle Gedanken zu verklären. Charles Manson war kein Revoluzzer. Nicht mal das. Irgendwie kläglich war er. Ein fanatischer Irrer. Sektenführer. Verbissen in fatal falsche Ideologien, verkorkst und völlig größenwahnsinnig.

“Ich bin Jesus und Satan in einer Person!”

Manson über sich. Stolzgeschwellte Brust, flackernde Augen. Ein Lästerer, Menschenverachter. Manipulator. Ein abartiger Mörder. Musiker wäre er gern geworden. Zumindest ein echter “Easy Rider”. Der lief im Kino. Mit viel Wut im Bauch. Die hatte Manson auch. Die Beatles ließen ihn begeistert aufjaulen. Helter Skelter. Sein Slogan für die Apokalypse. Schwarzer Zorn gegen Weiß. Am Ende Unterwerfung. Sein Rassensieg. Mansonsieg. Irrensieg. Helter Skelter. Die Beatles heulten. Die Welt heult nicht. Charles Manson ist tot. Gestorben wie ein ganz normaler alter kranker Mann mit dreiundachtzig Jahren. So läuft das. Friedlich entschlafen. Vielleicht auch nicht. Da kommt noch was.

Charles Manson: 1934 – 2017

Den Namen Charles Manson hörte ich zum ersten Mal, als Wolfgang Berkhoff behauptete, der sei sein Vater. Wolfgang wohnte mit seiner Mutter auf der gegenüberliegenden Straßenseite in der Wohnung direkt über dem kleinen Lebensmittelladen, vor dem der alte Pitter Kroschke frühmorgens seinen Schaukelstuhl platzierte, um die restlichen Stunden sein Gemüse zu bewachen. Wolfgang war riesig, zumindest war er für seine fünfzehn Jahre bereits unglaublich groß, und er rauchte beim Fahrradfahren und trank Bier aus der Flasche, wenn er sich abends mit den anderen großen Jungs am Sportplatz oben am Hohlweg traf. Meine Großmutter sah es nicht gern, wenn er mit einem von uns Mädchen sprach. Ich war elf. Ich fand ihn spannend. Unheimlich auch. Irgendwie kam es dann dazu, dass ich ihn fragte, wo eigentlich sein Vater wäre. Dass ich mich überhaupt traute, das zu fragen, erstaunt mich heute noch, diese wahnsinnige Ewigkeit später. Ich war ein schüchternes Kind. Aber eben auch ein wütendes.

Es war einer dieser Tage, an denen mich meine Großmutter zum lästigen dritten Mal rüber zu Kroschkes schickte, weil sie Zitronen oder Zucker vergessen hatte. Ich weiß noch, dass er dort mit seinem Fahrrad stand und sagte, “du schon wieder”, und weil ich mich eh schon ärgerte, gab ich zur Antwort: “Siehst du doch. Wo ist überhaupt dein Vater?” Das passte so gar nicht. Ich kam mir recht albern vor. Und dumm. Dumm zornig. Der nicht wirklich gescheitere Wolfgang grinste nur und meinte: “In der Hölle. Mein Vater ist Charles Manson.” Und ich nickte gut erwachsen: “Ach so.”

Als ich das meiner Großmutter erzählte, – mit dem Namen konnte ich natürlich überhaupt nichts anfangen, aber die Information erschien mir trotzdem verboten spektakulär zu sein – , guckte die mich an, als hätte ich sie um einen Schnaps gebeten. “Totaler Blödsinn”, sagte sie, “der Vater von dem Bengel ist einfach abgehauen.” Über Manson sagte sie nichts. Vielleicht hatte ich ihn auch falsch ausgesprochen.

Einige Jahre später lief Tanz der Vampire im Fernsehen, und meine Mutter erzählte, dass die Hauptdarstellerin von Charles Manson umgebracht wurde, kurz, nachdem der Film in die Kinos gekommen war. Tatsächlich starb die schöne Sharon Tate, Ehefrau von Regisseur Roman Polanski und zum Zeitpunkt ihres furchtbaren Todes hochschwanger, zweieinhalb Jahre später, im Sommer 1969, und die bestialischen Morde an ihr, ihrem ungeborenen Kind und vier ihrer Freunde übte nicht Manson selbst, sondern seine “Familie” aus. Aber Denker, Gönner und Schöpfer des Gemetzels in der Hollywood-Villa am Cielo Drive auf den Hügeln oberhalb des Sunset-Boulevards am 9. August eines Jahres, in dem die Blumenkinder ihrer Blütezeit von Liebe, Frieden und LSD selig träumend huldigten, war dieser Mann. Charles Manson. Den Wolfgang Berkhoff seinen Vater genannt hatte, um einem kleinen Mädchen etwas aufzutischen, das nach besonderem Nervenkitzel klang. Ob er’s selbst hätte erklären können, warum diese Vorstellung in seinem Kopf war? Wolfgang eher nicht. Lange her, längst vergessen.

Charles Manson ist tot. Er starb am Sonntagabend in einem Krankenhaus in Kalifornien im Alter von dreiundachtzig Jahren. Die Zeit, zu bereuen, fand er in den fast fünfzig Jahren, die er hinter Gittern in Kalifornien verbracht hatte, wohl nicht. Warum auch? Niemals hätte er die Anweisung gegeben, zu töten, behauptete er. In dem Haus von Sharon Tate ein Blutbad anzurichten. Alle abstechen zu lassen. Tate, ihr Baby, die vier Gäste, Starfriseur Jay Sebring, die Freundin Abigail Folger, den Schauspielerkollegen Voytek Frykowski und den 18jährigen Steven Earl Parent, der den Mördern ahnungslos die Tür öffnete an diesem Abend im August hoch oben über L.A., wo die Luft klar ist und diese wunderbare Ruhe herrscht.

“Es war ganz still…man konnte die Eiswürfel hören, die unten im Canyon in den Cocktailgläsern klingelten.”

So eine der Mörderinnen. Und sie kamen wieder, kurz darauf in die Villa von Leno LaBianca und seiner Frau. Auch hier, eine Blutorgie, alles als Auftrags-Job inszeniert von den Manson-Jüngern Charles Watson und den langhaarigen, dank wirrer Überzeugung und Wunderstoff LSD lächelnden “Angel-Faces” Susan Atkins, Patricia Krenwinkel, Linda Kasabian und Leslie Van Houten. Patricia Krenwinkel sagte später vor Gericht aus, ihre Hand hätte geschmerzt, weil sie mit ihrem Messer immer wieder auf Knochen gestossen sei. Aber Manson hätte das alles so und nicht anders von ihnen erwartet. Über 200 Messerstiche. Mit Blut geschrieben das Wort “Pig” an der Tür.

“Wir sind doch alle frei. Ich bin kein Boss von irgendwem.”

Sagte Manson in einem Interview für das Rolling-Stone-Magazine vor vier Jahren, behauptete, sich für die Vermarktung als “gefährlichsten Mann der Welt” zu inszenieren, grinste breit, machte seiner Empörung darüber Luft, für Morde im Gefängnis zu darben, bei denen er selbst sich die Hände nicht blutig gemacht hatte. Seine Gnadengesuche waren stets auf taube Ohren gestossen, er, der normalerweise auf dem elektrischen Stuhl gelandet wäre, hätte Kalifornien die Todesstrafe nicht 1972 abgeschafft, fühlte sich als Gefangener deplatziert. Die Regierung schulde ihm als Entschädigung…

“…50 Millionen Dollar für diese Scheiße.”

Diese “Scheiße” hatte ihn berühmt gemacht, das genoss er. TV-Dokus, Filme, Bücher, Ausstellungen, der Provokateur Marilyn Manson sorg(t)en für Präsenz über Jahrzehnte hinweg, Guns N’Roses und die Beach Boys brachten sogar Songs von ihm, dem seine Berufung Suchenden, der als Straßenmusiker, Zuhälter und profaner Dieb arg schlecht Karriere gemacht hatte, bevor er 1967 in der Hippie-Kommune “The Family” die Rolle seines Lebens spielen lernte. Er hatte dieses Vision: Schwarze Rebellen ermorden die reichen Weißen, und er, Manson, gewährt den Überlebenden seine Sicherheit und macht sich anschließend die Afroamerikaner als minderwertige Rasse untertan. Teuflisch genug, dämonisch der Plan: Die grausamen Morde in der Tate- und LaBianca-Villa sollten den Farbigen in die Schuhe geschoben werden.

Manson war Rassist, verabscheute Jimmy Hendrix (“Negermusik”), war gleichsam davon überzeugt, dass Frauen keine wirklichen Seelen hätten und nur als Dienerinnen des Mannes brauchbar seien. Seine von Drogen und Lust berauschten jungen “Schwestern” himmelten ihn trotzdem an, ließen sich einbläuen, Hass säen zu müssen. Manson, der selbsternannte Mesias. Der Sex-Appeal des Bösen. Er fruchtete immer noch, auch hinter Gittern. Manson war mit einer 25Jährigen verlobt, als er starb. Eine von vielen Verehrerinnen, die dem prominenten Killer Fanpost schickten und immer wieder die Freilassung des “gequälten” Psychopathen forderten.

Der war geschmeichelt, pflegte sein Bad-Boy-Image. Zum Rolling-Stone-Reporter sagte er, nachdem er dessen Nase berührt hatte:

“Ich habe allen an die Nase gefasst. Wenn ich dich anfassen kann, kann ich dich töten.”

Natürlich kann man. Könnte man. Besonders macht einen solch ein Satz nicht. Auch nicht, wenn ein Manson ihn ausspricht. Im nächsten Tarantino, der Flower-Power aufmischt, wird er auftauchen. Irgendwann im nächsten Jahr. Als einer von vielen Kerlen. Als besonders abartiger. Immerhin.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

Kommentar verfassen