Was man kaum vom Joker weiß

Obwohl der Joker eine ähnlich lange Geschichte aufzuweisen hat wie sein Erzfeind, und nicht weniger ein kulturelles Phänomen darstellt wie der Dunkle Ritter, ist es kaum zu glauben, dass man so wenig über den Joker weiß. Seinen ersten Auftritt in den Comics hatte er vor rund 70 Jahren und seitdem ist er in allen Batman-Serien, Zeichentrickfilmen, Filmen und Videospielen aufgetaucht. Jeder weiß etwas über ihn: dass er wie ein psychotischer Clown daherkommt, seine Hassliebe, die ihn mit Batman verbindet – das war es in den meisten Fällen auch schon. Die Vergangenheit der Figur wurde absichtlich vage gehalten, das beginnt bei den verschiedenen Interpretationen seines verrückten Werdegangs, den Ursprung seiner Narben, die er im Film The Dark Knight selbst von sich gibt, und zieht sich durch alle möglichen Comics, in denen er je aufgetaucht ist. Seine Absichten in Bezugnahme auf seinen Glauben an Chaos und Anarchie sind dabei nicht weniger schleierhaft.

In diesen siebzig Jahren sind jedoch eine Menge seltsamer Sachen mit ihm passiert, nur hört man kaum etwas davon. Am besten in Erinnerung geblieben ist er durch Ledgers Interpretation des durchgeknallten Schurken, aber er war einst ein wirklicher Clown, ein Mordopfer und ein Gegner von Judge Dredd. Schauen wir uns ein paar Stationen in seinem Leben an.

Er tat sich einst mit Marvels Carnage (Cletus Kasady) zusammen

Die Welten von Spiderman und Batman zusammenzuwerfen ist so gut oder schlecht wie die meisten firmenübergreifenden Crossover: es ist von hier aus nur noch ein winziger Schritt zur reinen Fanfiction, trotz so hervorragender Leute wie JM DeMatteis und Mark Bagley. Es gibt eigentlich keinen nachvollziehbaren Grund, die beiden Universen miteinander zu vermischen. Auf einmal befinden sich Marvels New York und DCs Gotham in der gleichen Welt, und der Joker als auch der psychotische Symbiont Carnage sind Versuchskaninchen bei einem Experiment, bei dem sie Chips in ihren Hirnen tragen, um ihre mörderischen Instinkte zu unterdrücken.

In dem Band Disordered Minds von 1995 ist nachzulesen, dass Carnage seinen Chip ganz leicht entfernen kann, aber vortäuscht, er würde wirken, um durch dieses Manöver zum Joker zu gelangen. Nachdem Carnage auch Jokers Chip entfernt hat, schließen sie sich erst einmal zusammen, bevor ihre unterschiedlichen Methoden des Mordens in einem Streit münden. Der Joker versucht, Carnage mit einer Bombe zu töten, aber Carnage gelingt es, seinen Tod vorzutäuschen.

Der Joker gegen Judge Dredd

Auch dieser Zusammenschluss macht wenig Sinn, aber diesmal wird er wenigstens erklärt: Batman und Judge Dredd. In Die Laughing konzentriert sich die Handlung auf einen zufälligen Dimensionssprung, der den körperlosen Geist des Jokers von Gotham in die weit entfernte dystopische Zukunft von Mega City One katapultiert, wo er die nicht weniger unheimlichen Schurken aus dem Dredd-Universum trifft: die Dunklen Richter. Sie kommen so gut miteinander aus, dass deren Anführer, Judge Death, den Joker zum fünften Richter ernennt. Aber sein Körper ist immer noch in Gotham, also kann er nicht zu viel Schaden anrichten. Zumindest bis er herausfindet, wie man die Körper der anderen Dark Judges in Besitz nimmt, was eine furchterregende Mischung aus den eh schon ziemlich freakigen Gestalten und dem Joker selbst zur Folge hat. So macht sich das zerfetzte Lächeln und das irre Lachen auch auf ihrem Gesicht breit. Als Dreingabe bekommt dieses Lachen sogar selbst Superkräfte, so dass der Joker dadurch Köpfe explodieren lassen kann, was ziemlich krude ist. Das alles endet jedoch, als Batman durch die Dimension bricht und sich mit Judge Dredd zusammen tut, um aufzuräumen.

Seine Freundin war ursprünglich nur eine Zeichentrickfigur

Harley Quinn hat das Undenkbare geschafft: Sie ist eine ebenso qualitativer Charakter in Batmans Schurken-Galerie wie ihr Schatz, wahrscheinlich dank ihrer Auftritte in den Videospielen der Arkham-Serie. Sie wurde in ihre eigene Serie ausgegliedert und es tauchen regelmäßig Gerüchte auf, dass sie in einem Spielfilm auftauchen wird. Sie war mit Poison Ivy genauso zusammen wie mit dem Joker, und obwohl sie in den Comics mittlerweile eine Ikone ist, war das nicht ihr Ursprung.

Dr. Harleen Quinzel debütierte als Therapeutin in der Neunziger-Zeichentrick-Serie (die als eine der besten Superhelden-Cartoons aller Zeiten gilt). Dadurch erlangte sie ihre Berühmtheit, und wurde daraufhin im Crossover Niemandsland Bd. 1+2 in den Comics eingeführt, in dem Gotham von einem Erdbeben vom Rest des Landes abgeschnitten wird und der Joker einen ganzen Stadtteil kontrolliert. Das hat sich für ihn gelohnt, denn er hat aus diesem Abenteuer ein Sahnehäubchen mitgebracht … und tötete Jim Gordons Frau.

Des Jokers Tod

Obwohl der Joker Batmans größter und bester Feind (und einer der größten Superschurken der Comicgeschichte) ist, schaffte er es fast nicht über seinen ersten Auftritt hinaus. Die früheren Bände über den Dunklen Ritter konnten ihre Inspiration aus den düsteren Pulp-Magazinen nicht verbergen, es gab darin noch viel mehr Mord und Totschlag. Batman selbst trug eine Waffe und war noch nicht der, den wir heute kennen. Der Joker hatte seinen ersten Auftritt 1940 in Batman #1 und sollte in der nächsten Ausgabe getötet werden. Auf der letzten Seite erstach sich der besiegte Schurke selbst. Es war eben die Zeit, in der Schurken nur einmal auftraten, aber dann brach Redakteur Whitney Ellsworth diese Regel, weil er der Meinung war, die Figur sei zu schade, um sie nur einmal zu verwenden. Das letzte Panel wurde eilig neu gezeichnet, damit es so aussah, als wisse man nicht, ob er gestorben sei. Und so konnte er einen Monat später zurückkehren.

 

Am Anfang war der Joker gar nicht derart mörderisch

Bei seinem ersten Auftritt war der Joker nicht kriegeslüsterner als der frühe Batman selbst. Er war ein “einfacher” Amokläufer, und Batman hatte wahrscheinlich recht, mit todbringender Gewalt gegen ihn vorzugehen. Als man Batman im Laufe der Zeit zahmer zeigte, betraf das auch den Joker, der sich von nun an weniger mörderisch gebärdete. Das lag allerdings am neu eingeführten Comics Code, bis heute eine große Schande und ein Verbrechen gegen die freie Kunst. Die Comics wurden auf ihre Kinder- und Familientauglichkeit geprüft und zensiert. Unter anderem durfte kein Sex, keine unflätige Sprache und möglichst wenig Gewalt dargestellt werden.

Das unterscheidet sich wie Tag und Nacht, wenn man den heutigen Joker kennt. Statt mit verrückten Ideen eine Menge Leute umzubringen, verbrachte der Joker ca. 20 Jahre damit, dumme Einbrüche zu begehen, die dämliche Zirkusburlesken beinhalteten, und machte sich als Figur lächerlich. Abgesehen von der Zensur spielte auch die Sorge, ein Serienkiller, der ständig davon käme, könnte Batman untergraben, eine Rolle. Nun, diese schrecklichen Zeiten sind vorbei.

Er verschwand für ein ganzes Jahrzehnt von der Bildfläche

In den 50er Jahren wurde der mörderische Clown mehr und mehr von anderen Schurken wie dem Pinguin ersetzt, und 1964 wurde er von Redakteur Julius Schwarz komplett aus der Schurken-Galerie gestrichen. So würde es die nächsten zehn Jahre auch bleiben, obwohl es natürlich schwer zu glauben ist, dass Batmans Hauptgegner zwischen 1964 und 1973 nicht gedruckt wurde. Sogar Caesar Romeros Darstellung in der Adam-West-Serie aus den 60er Jahren überzeugte die Comicmacher nicht in der Weise, dass sie ihn zurückbringen wollten. Zumindest bis Dennis O’Neil und Neil Adams eine radikale Neuerfindung der Figur in “The Joker’s Five Way Revenge” (Batman Vol. 1 #251) vorschlugen, wo er wieder zu einem mörderischen Verrückten wurde. Ziemlich genau das, was er heute ist.

Der vergessene Filmauftritt des Jokers

Neben Romeros Interpretation hatte der Joker das Glück, von richtig guten Schauspielern ihrer Zeit dargestellt zu werden. Der unvergleichliche Jack Nicholson porträtierte ihn als Teufel im fahlen Mondlicht im ersten Tim Burton-Film. Heath Ledger spielte die Rolle seines Lebens in Christopher Nolans Dark Knight (und leider auch seine letzte).

Weniger bekannt ist der Auftritt des Jokers in einem Batman-Spin-off des Comics “Bird of Prey”. Dort gab es ein Trio von weiblichen Batman-Charakteren, bestehend aus The Huntress, Black Canary, und dem ehemaligen Batgirl Barbara Gordon, die eine eigene Gruppe zu gründen beabsichtigten, um gemeinsam das Verbrechen zu bekämpfen. Dieser Band inspirierte zu Beginn der 90er zu einer gleichnamigen TV-Serie, in der Batman nur einen kurzen Auftritt hatte. Der Joker selbst wurde auch nur kurz gezeigt und von Roger Stoneburner gespielt, von dem niemand wusste, wer er überhaupt ist.

Der Joker war immer DER Joker (bis auf einmal)

Unabhängig von den vielen Veränderungen im Laufe der Jahre, den vielen unterschiedlichen Zeichnungen in den Comics, seinen unterschiedlichen Auftritten in anderen Medien und dergleichen, blieben verschiedene Dinge immer gleich. Er hatte immer grünes Haar, trug Clownschminke, ein erschreckendes Lächeln, und bevorzugte Lila bei seiner Kleidung, und er war fast immer ein Psychopath.

Tatsächlich war das nicht immer der Fall. In der Zeichentrickserie der frühen Nullerjahre The Batman, die eine Reihe von interessanten Figuren-Neuinterpretation lieferte, einschließlich eines Marylin-Manson-inspirierten Riddlers. Der Clownprinz bekam hübsche gründe Dreadlocks und den geschmeidigen Gang eines Schimpansen verpasst, was ihn zu einer radikalen Version des Charakters machte.

Warum er nicht in The Dark Night Rises auftaucht

Heath Ledgers tragischer Tod schloss seinen Auftritt im dritten Batman-Film von Christopher Nolan aus, der – wenn man den Gerüchten glaubt – vorgesehen war. Ledgers verrückte, wirklich beängstigende Darstellung des Jokers sollte auch der Hauptantagonist in The Dark Knight Rises sein, aber aus offensichtlichen Gründen wurde er letztendlich durch den völlig anderen Charakter Bane (gespielt von Tom Hardy) ersetzt.

Dem Publikum war natürlich klar, warum der Joker nicht auftrat – und ein Re-Casting kam offensichtlich nicht in Frage, aber sein Verschwinden wird im Film nie thematisiert. Nur in der Graphic Novel selbst gibt es eine flüchtige Erwähnung: anscheinend wurden nach dem “Dent Act” alle Superschurken vom Arkham Asylum nach Blackgate verlegt. Außer dem Joker, der dort blieb und nicht von Bane befreit wurde.

Batman hätte ihn viele Male töten können

Einer der verwirrendsten Aspekte an der andauernden Rivalität zwischen Batman und dem Joker ist die Tatsache, dass der Dunkle Ritter ihn wieder und wieder davonkommen lässt. Noch in den frühen Jahren hatte er hingegen alles daran gesetzt, ihn zu vernichten; und in den 50er Jahren ist Batmans Passivität damit zu entschuldigen, dass der Joker nicht wirklich Menschen umbrachte. Heutzutage jedoch, wo er aus Arkham ausbricht und seine Amokläufe mit vielen Opfern startet, würde der Dunkle Ritter der Welt wohl einen Gefallen tun, wenn er den Joker dauerhaft los würde.

Ein häufiges Argument ist, dass der Dunkle Ritter seinen Anti-Tötungs-Kodex nicht brechen will, was aber eine armselige Rechtfertigung ist, wenn man bedenkt, wie viele Todesopfer er tatsächlich in Kauf nehmen muss. Interessant ist hingegen, dass Batman durchaus bei zahlreichen Gelegenheiten in Erwägung gezogen hat, den Joker zu töten. Die Frage lässt sich wahrscheinlich nicht philosophisch klären, am Ende wird Batman den Joker genau aus denselben Gründen nicht töten, warum er selbst nicht vom Joker getötet wird: The show must go on.

Bildnachweis: DC-Comics

Michael Perkampus

Michael Perkampus

“Ich bin mehr daran interessiert, meinen Geist unterschiedlichen Situationen auszusetzen, als meinen Körper.” — Alan Moore

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1 Kommentar auf "Was man kaum vom Joker weiß"

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Michael Schmidt
Autor

Es gibt einen schönen Band, Joker Anthologie. Den kann ich als Abrundung des Artikels nur empfehlen.

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