Was macht so ein Ghul, wenn er grad keine Menschen frisst?

Vorerst einmal dürfte er mächtig Angst machen, wenn er denn vor Ort wäre. Der Ur-Ghul/Ghoul, da von Haus aus ein grausamer Wüstengeist, finsteres Clanmitglied des uns zumindest flüchtig bekannten Leichengotts Mordiggian und grundsätzlich fest verwurzelt in persisch-arabischer Schauer-Kultur, ist aber hierzulande eher selten anzutreffen. Deshalb wurde für Brut gesorgt.

Ghuls Nachkommen hausen in Höllenhundgestalt (Lovecraft) bei den Toten und suchen die Lebenden. Sie sind da unten. In der Erde. Im Keller. In Katakomben und Untergrundbahnen. In der Seitenstraße und direkt im abgedunkelten Raum nebenan, in dem Pickmanns Bild (Cthulhu) hängt. Und wir sehen, was er sah: Dieses nicht rein zufällig lebensecht gemalte Monster mit zottigen Fledermausohren, schuppigen Krallen, lehmüberkrustetem Rumpf und halbhufigen Satansfüßen, jenes…

…unsäglich verbotene Ungeheuer mit infernalisch glühenden roten Augen, das in seinen skeletthaften Krallen einen lebenden Menschen umklammert hielt, dessen Kopf es, wie ein Kind, das sich an einer Zuckerstange gütlich tut, abknabberte.“

Pickman’s „Ghoul Feeling“, (c) Samlnabinet

Schriftlich fein und fies fixiert anno 1926. Kaum zu toppen. Nun ist freilich nicht jeder in Lovecraft’s visuellen Schreckenskammern so wirklich beheimatet. Dieser einzigartige Chronist der Unterwelt, abartig kühn, kalt und roh dargestellt, kannte und beschrieb die „Wölfe der Nacht“ wie kein Zweiter, sie schockieren, lauern, jagen, beißen, töten, fressen sich durch sein Vermächtnis. Sie sind das, was sein kann: Formen des Grauens als Fakten, profaner Phantasie haushoch überlegen.

Auch Harry Potter hat seinen Ghul. Der mag populärer sein, ist vielleicht auch der einzige, den man schon mal gesehen hat und bei dem man ordentlich magisch informiert mitreden kann: Ein recht scheußlicher, durchaus furchterregender Kerl von allerdings einfältigem Gemüt, der auf dem Dachboden lebt, prinzipiell harmlos ist und sich von Insekten ernährt. Käfer und Spinnen statt Menschenfleisch. Das ist zwar nicht im Sinne des Erfinders oder gar Wissenden, erleichtert aber die mögliche Konfrontation mit solch einer Kreatur. Die tut einem wohl nichts.

Gut, die nicht. Die ist aber auch nicht echt. Frage an die Old-School-Horror-Cineasten: War The Uncanny Karloff denn authentisch als Ghoul im gleichnamigen Film von 1933? Da spielt er einen fanatischen Ägyptologen, der nach seinem Ableben als Untoter wieder auftaucht. Wie ein wildes, bösesTier sieht er dabei mitnichten aus. Er sieht aus wie Boris Karloff nach der perfekt gruseligen Maske für einen Zombie und vor der für Frankensteins Monster.

Ghoul, 1933, (c)  Gaumont British Picture Corporation

Noch mehr Grauen

Verstörend genug. Dieses Bild war sozusagen meinungsbildend: Sogenannte Wiedergänger, die lebenden Toten, wurden und werden fortan gewollt allgemeingültig (auch) als Ghouls bezeichnet. Und die konnte man natürlich publikumswirksam mutieren lassen, um noch mehr Grauen ins Land zu laden. Das haben Geisterjäger wie John Sinclair und etliche Filmemacher zu unserer aller Freude an furchteinflössenden Unholden unterschiedlichster Couleur getan. Leicht bedenklich stimmt da, dass der Begriff an sich und dieses damit verbundene Angstmacher-Wesen mit seinen kannibalischen Ambitionen schon recht inflationär benutzt wurde und wird.

Will heißen: So recht identifizierbar ist der Ghul so, wie er vor allem auf der Leinwand (zuletzt 2012, 2015, 2018) präsentiert wird, für uns nun nicht. Zweifelsohne ist er unter uns. Irgendwie. Irgendwo. Irgendwann kommt er. Und singt: „Ghoules gone wild“ (Alice Cooper)

Genaugenommen wissen viele gar nicht, wie ein wirklich echter Ghul aussieht. Ich so ganz konkret übrigens auch nicht. Würde er nachts unter meinem Bett liegen oder im Schrank sitzen und Ähnlichkeit mit Lovecraft’s genialen mentalen Zeichnungen haben, könnte ich ihn vermutlich einordnen. Aber nicht hundertprozentig, da auch ein düsterer Genius irren könnte. Blutrünstig, grausig unheimlich, behaart und hässlich soll er allemal sein. Schön, das sind viele.

Ghoul, 2017, (c) M Pictures

Da starrt ein Ghul durch das Fenster wäre ergo eine recht kühne Behauptung, wenn der ungebetene Beobachter mit mutmaßlich bedenklichen Absichten genauso gut ein Zombie, Vampir oder sonst ein schreckliches Untier sein könnte. Noch mehr Deutlichkeit scheint angebracht, bis dato Gesagtes sollte nicht unnütz verwirren.

Geschrieben steht, der Ghul (oder eben Ghoul) sei vom Basiswissen her ein höchst gefährlicher Dämon, ein durchweg dunkel durchtriebener Dschinn, da niemals guten Willens. Er ist Geist, Magier, Bestie in Sinn und Tat und im Original wohl von schaurig tierischer Gestalt, kann sich aber optisch verändern und sich somit auch als normal scheinender Mensch zeigen, der tatsächlich unschuldige Ortsunkundige in die Irre führt, um sie zu töten und anschließend zu fressen.

Dschinns kennen wir aus den 1001 Märchen sehr wohl als Sympathieträger mit den üblichen Abstrichen, oft schlau, manchmal verschlagen, leicht bedrohlich, trotzdem (un-)eigenützig hilfreich und dabei auf spezielle Art gar wohlgesonnen. Aladin ließ uns mit (s)einem tricksigen Dschinn aus der Lampe Bekanntschaft machen, Sidney Sheldon zauberte in den 1960ern für NBC eine entzückende Dschinnïya namens Jeannie aus der Flasche. Einwandfrei keine Ghuls, die beiden. Trotzdem irgendwie entfernt verwandt.

Die eigenen Angst-Kreaturen

Die Erzählungen aus Tausendundeine Nacht, nach deren Veröffentlichung für das europäische Publikum der Ghul als gieriges böses Nachtgeschöpf im 20. Jahrhundert überhaupt erst zum Begriff wurde, kannte natürlich auch H. P. Lovecraft. Ihm dienten die gruseligsten, grausamsten, die Bloß-nicht-für-Kinder-Ohren gedachten und wahrlich schaurigsten Geschichten wohl auch als Quelle für Optik und Wesensart seiner eigenen Angst-Kreaturen, die vorzugsweise unterirdisch in der Nähe von Friedhöfen gemeinschaftlich zusammen leben und sich von Menschenfleisch (Leichen) ernähren.

(…) Häufig kamen diese grauenhaften Wesen des Nachts durch offene Fenster gesprungen, ja, kauerten grinsend auf der Brust schlafender Menschen, zermarterten mit abscheulichen grünen Gebissen deren Kehlen, saugten sich in lebenden Augen fest. (…)

Eine für professionelle Düster-Schreiber durchaus attraktive Angelegenheit, die dementsprechend gern auch in Groschenheft-Serien wie halt John Sinclair oder auch Professor Zamorra aufgegriffen wird. Da kämpfen die Helden gegen oft schleimige, nach Verwesung stinkende Kreaturen, die recht salopp Ghule genannt werden, wobei der tatsächliche historische Background ignoriert wird.

Wie gut, ergo echt sich der Ghul in „Leichenfresser“ von Brian Keene (Ghoul, 2013) macht, vermag ich nicht zu sagen, denke aber, man könnte es jetzt sehr wohl einmal lesen. Es quälen (mehr) Wissensdurst und Nervenkitzel. Eine angenehm erträgliche Plage für uns. Will gemeint sein.

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