Was ist spekulative Fiktion?

Wahrscheinlich hat den Begriff jeder schon einmal gehört, der das Phantastikon liest.

Was ist also spekulative Fiktion? Die schnelle Antwort: Fantasy, Science Fiction und Horror. Aber wie man an meinem Diagramm sehen kann, würde eine zu starke Vereinfachung zu ernsthaften Problemen führen. Zum einen können sowohl Horror als auch Science Fiction Werke enthalten, die nicht wirklich „spekulativ“ sind. (Dazu kommen wir in einer Minute.) Zum anderen sind die drei dominanten Genres nicht die einzigen, die involviert sind, und niemand mag es, ausgeschlossen zu werden.

Das bringt uns zu der Notwendigkeit einer präziseren Definition. Der Schlüssel liegt hier im Wortstamm: spekulieren. Stell dir das als „Was wäre wenn“-Frage vor und du wirst es erkennen. Nun könnte man sich fragen: Aber ist demnach nicht alles Fiktionale spekulativ? Fiktion ist per definitionem unwahr, also ist alles mit Spekulationen verbunden. Der Unterschied liegt jedoch darin, worüber spekuliert wird. Spekulative Fiktion ist eine Literatur, in der der Autor über die Ergebnisse spekuliert, die sich aus der Veränderung dessen ergeben, was real oder möglich ist, nicht darüber, wie ein Charakter auf ein bestimmtes Ereignis reagieren würde, etc.

Daher muss die Sache, über die spekuliert wird, elementarer sein als die Figur oder Handlung. Spekulative Fiktion ist jede Literatur, in der die Gesetze dieser Welt (explizit oder implizit) sich anders darstellen als in unserer. Deshalb geht der Begriff „Weltbildung“ meist Hand in Hand mit „spekulativer Fiktion“. Wenn du unsere Welt verändern oder eine neue Welt erschaffen willst, musst du etwas dafür tun, damit der Leser/Betrachter die neuen „Regeln“ versteht. Lass dich aber nicht von dem Wort „Welt“ abschrecken. Die Grenze zwischen Fiktion und spekulativer Fiktion ist nicht so sehr der Maßstab, sondern vielmehr das, was in der Realität möglich ist. (Die Dimensionen sind eher ein Nebenprodukt, und ein optionales dazu. Die spekulative Fiktion ist oft übersichtlich in ihrem Umfang – man denke an das Leben eines einzelnen Charakters im Vergleich etwa zu globalen Schlachten.)

Einen Bösewicht in ein Nest voller Alligatoren zu werfen mag zwar spannend sein, ist aber nicht „spekulativ“, weil es in unserer Welt tatsächlich passieren könnte. Einen Bösewicht in ein Nest voller mutierter Alligatorenhaie zu werfen, ist „spekulativ“, weil das in unserer Welt nicht möglich ist; der Autor muss „spekulieren“, wie das funktionieren und ausgehen könnte. (Und ich schätze, die Antwort ist: „nicht gut.“)

Ein anderes Beispiel: Ein Film, in dem sich zwei Astronauten im Weltraum verlieren, ist nicht spekulativ, denn das könnte im Rahmen unseres vorhandenen Wissens über die Welt wirklich geschehen, so erschreckend das auch sein mag. Ein Film, in dem eine Gruppe von Astronauten eine außerirdische Lebensform entdeckt, ist spekulativ, weil es nach unserem derzeitigen Kenntnisstand im wirklichen Leben nicht passieren kann, da wir keine anderen intelligenten Lebensformen kennen. Wird der Unterschied deutlich?

Die spekulative Fiktion nimmt unsere bestehende Welt und verändert sie, indem sie fragt: „Was wäre, wenn…? (Was, wenn Affen fliegen könnten? Was, wenn Zombies real wären? Was wäre, wenn die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten? Was wäre, wenn jemand den Röntgenblick hätte? Dies alles eröffnet uns die erste Kategorie – Fantasy, Science Fiction und Horror – zu der auch andere Sub-Genres gehören, wie z.B. alternative Geschichten, seltsame und unheimliche Geschichten, dystopische, apokalyptische, Zeitreise-Geschichten, Superhelden, etc. Ausgeschlossen sind aber Science Fiction und Horror, die nicht spekulieren (d.h. Horror ohne übernatürliche Elemente oder Science Fiction auf der Basis aktueller Technologien).

Nun, da wir eine gute Definition davon haben, werfen wir einen detaillierteren Blick auf mein kleines Diagramm.

In Bereich 1 haben wir die überwältigende Komponente der spekulativen Fiktion: die Fantasy. Per Definition ist jede Fantasy spekulativ. Dazu gehören alle Subgenres wie Epic Fantasy, Urban Fantasy, und Magischer Realismus.

Im Bereich 2 haben wir eine weitere große Komponente: Science Fiction. Wie ich bereits erwähnt habe, ist Sci-Fi zwar in der Regel, aber nicht immer spekulativ. (Wenn nicht, gehört sie zum Bereich 3.) Spekulative Sci-Fi umfasst oft die Subgenres Raumfahrt und Zeitreise.

Im Bereich 4 haben wir den dritten Vertreter des Hauptdreigestirns: Horror. Horror ist häufig, aber nicht immer spekulativ. Horror, der auf wahren Ereignissen basiert oder ohne übernatürliche Elemente auskommt, fällt außerhalb des spekulativen Rings (Bereich 5). Spekulativer Horror beinhaltet paranormale Erscheinungen, Kreaturen und Weird Fiction, um ein Beispiel zu nennen.

Die Bereiche 6 bis 10 sind wahrscheinlich ziemlich selbsterklärend. Wenn man zum Beispiel spekulative Sci-Fi mit spekulativer Fantasy kombiniert, könnte man Superhelden-Fantasy bekommen. In all den kleinen, sich überlappenden Bereichen dreht sich alles um den Genre-Mix.

Bereich 12 beinhaltet die historische Fiktion ohne spekulatives Element, dazu zählt z.B. die fiktionalisierte Wiedergabe einer realen Schlacht oder eines fiktionalen Charakters, der in einer historisch korrekten Umgebungen lebt. Bereich 11 betrifft die historische Fiktion, die auf Spekulationen beruht, wie z.B. dem Vorhandensein übernatürlicher Elemente, eine Verschiebung der realen Zeitachse (alternative Geschichte), etc.

Schließlich gibt es noch den glücklichen Bereich mit der Nummer 13, der all die spekulativen Geschichten enthält, die nicht in Fantasy, Sci-Fi, Horror oder Historisches passen. Dazu gehören z.B. dystopische, verrückte Geschichten, oder der Surrealismus.

Als ob das nicht schon kompliziert genug wäre, kann man, indem man einige Kreise verschiebt, ein anderes Genre erhalten und mischen. Erweitert man zum Beispiel den Bereich „historisch“ so, dass er sich mit „Fantasy“ überschneidet, bekommt man historische Fantasy (denken wir an Vampire in der viktorianischen Epoche oder Elfen, die im Ersten Weltkrieg kämpfen). Werfen wir eine gesunde Portion Angst hinein, haben wir historischen Horror vor uns.

Die Möglichkeiten sind wirklich grenzenlos, was vielleicht der Grund dafür ist, warum so viele Menschen durch den Begriff „spekulative Fiktion“ verwirrt werden. Hat man sich verirrt, geht man einfach zur Basis zurück: Könnte diese Welt nach unserem heutigen Verständnis wirklich existieren? Wenn die Antwort ja ist, ist die Geschichte wahrscheinlich nicht spekulativ. Wenn die Antwort nein ist, ist sie wahrscheinlich spekulativ.

An dieser Stelle fragst du dich vielleicht: Bedeutet das, dass sich „spekulative“ Veränderungen im Laufe der Zeit ergeben? Meine Antwort lautet: Ja. Mit dem Wandel unseres Wissens und unserer Technologie ändert sich auch unsere Interpretation dessen, was „möglich“ ist. Die Technologie in futuristischen Büchern, die vor zwanzig Jahren geschrieben wurden, sind vielleicht gar nicht mehr spekulativ. Ganz zu schweigen davon, dass individuelle Überzeugungen auch die Definition beeinflussen können. So bekommt man Bücher über Geister und Außerirdische auch im „Sachbuch“-Regal angeboten; manche Leute glauben, dass Übernatürliches längst Teil unserer Realität ist. Technik verändert sich, Wissen wächst, Überzeugungen verändern sich – und das sind alles Dinge, die unser Konzept von „Was ist möglich“ prägen.

Wie du siehst, könnten die Linien auf allen Kreisen, die ich gezeichnet habe, durchaus etwas verschwommener sein, aber ich hoffe, dass ich etwas Licht in das Gesamtkonzept gebracht habe.

Annie Neugebauer

Was das Schreiben betrifft, so spezialisiere ich mich auf Horror, literarische Fiktion, Gedichte, Gothic und spekulative Literatur. Ich bin eine für den Bram Stoker Award® nominierte Autorin, meine Arbeiten erschienen in mehr als hundert Publikationen und Anthologien.

Ich lebe in Texas mit zwei schrecklich süßen Katzen und einem Ehemann, der außergewöhnlich gut auf die Zombie-Apokalypse vorbereitet ist. Ich bin hyperaktiv organisiert und willens, diese Neurose mit anderen Autoren bei „The Organized Writer“ zu teilen.