Was hat der böse Mann so schöne große Hände

Schaurig irgendwie, wie verklärt gewisse Frauen dem vermeintlichen Zauber von Serienkillern verfallen: Da sitzen die Mörder im Gerichtssaal oder bereits im Todetrakt und erhalten Liebesbekundungen und gefühlsduselig verfasste Briefe. Manchmal Heiratsanträge.

Für ihre weiblichen Mega-Fans, – eben die von bedenklich kompromissloser Natur mit völlig verzerrter Sichtweise – , sind die Männer, die wegen brutaler Sexualdelikte, Vergewaltigungen inclusive Mehrfach-Morden auf der Anklagebank und hinter Gittern sitzen, tatsächlich sowas wie echte Kerle mit ihren eigenen unerkannten Lebenslügen. Durchweg gefährlich zwar, aber ur-maskulin und vor allem auf absurde Weise mütterlich läuterbar, waren ihre Taten noch so grausam, noch so böse.

Richard Ramirez (Archiv-Bild)

Es ist tatsächlich eigentümlich gruselig, wenn man liest, dass eine junge Amerikanerin, die den wegen 13-fachen Mordes zum Tod in der Gaskammer verurteilten Richard „Ricardo“ Ramirez besucht hatte, im Nachhinein von seinen schönen großen Händen schwärmte. „Ich liebe sie“, soll sie gesagt haben, und weiter: Ramirez sei ein guter Zuhörer, lustig, gelassen, sehr wohl kompliziert, aber auch richtig schön romantisch.

Gleichwohl verstörend für sie: Er sprach (und schrieb) wohl auch gern über Sex, selbstredend kein Tabu-Thema, aber befremdlich und fast grotesk, darüber mit einem Mann zu kommunizieren, der auf fürchterlichste und abgesottenste Art und Weise vergewaltigt und geschlachtet hat. Ramirez‘ jüngstes Opfer war erst neun, das älteste dreiundachtzig.

Die junge Frau wusste alles bis ins kleinste widerliche Detail: Sie hatte die Medienberichte verfolgt, ein Buch über Ramirez gelesen. Wusste, wie er Mitte der 1980er Jahre in der Gegend um Los Angeles als „Night-Stalker“, wie die Presse ihn titulierte, in Häuser einbrach, die Männer tötete, sich an den Frauen brutal verging und sie anschließend auch umbrachte.

Wusste auch von seiner diabolischen Gläubigkeit: Opfer, die mit dem Leben davongekommen waren, erzählten, er habe sie gewaltsam gezwungen, sich zu Satan zu bekennen. An den Tatorten fand man von ihm hinterlassene Teufelszeichen, und für seinen ersten Gerichtstermin hatte er sich ein Pentagramm auf die Hand gemalt und…

„Heil, Satan….ihr Maden macht mich krank“

…in den Saal geschrien. Agressiv blieb er weiterhin während der vier Jahre, die der Prozess dauern sollte, bis das Todesurteil ausgesprochen wurde. Sein zynisch-irrer Kommentar, als er abgeführt wurde:

Man sieht sich in Disneyland.

In der Folgezeit galt Ramirez, wie ein Ted Bundy, Paul Knowles, Charles Manson oder später Scott Peterson, als einer der prominenten Häftlinge, deren angsteinflössenden mörderischen Gelüste es waren, die ihnen „Killer-Groupies“ bescherten.

Bis zu zwanzig Briefe pro Woche erhielt Ramirez allein von der oben genannten jungen Frau, – und er erhielt jede Menge weitere einparfumierte Post – , ein Mitteilungsbedürfnis von seltsam ausgeprägter Art, von dem der Ehemann wusste und worüber er in der Öffentlichkeit kein Wort verlor. Von ihrem so noch nie erlebten „Nervenkitzel“ erfährt man dafür aber umso mehr; freimütig sprach sie darüber, welch besonderes Gefühl das gewesen sei, ins Gefängnis zu gehen, um dort einen echten Gefürchteten zu sehen. Mit ihm zu sprechen. Vertraut zu sein.

Ramirez starb 2013 in seiner Zelle in San Quentin in Kalifornien, wo er seit 1989 auf seine Hinrichtung wartete. Er war erst dreiundfünfzig, es soll ein natürlicher Tod gewesen sein. Vier Jahre zuvor hatte er noch im Besuchsraum von San Quentin geheiratet: Die Journalistin Doreen Lioy, deren Verwandtschaft sich zwar entsetzt zeigte, ihre Liebe zum Serienkiller aber mit plötzlichem Realitätsverlust zu erklären versuchte. Sie lebe in einer Fantasiewelt.

American Horror Story, 2015, copyright: Brad Falchuk Teley-Vision, Ryan Murphy Productions, 20th Century Fox Television

Und in der lebt sie nicht allein. Im kalifornischen San Quentin, dem ältesten Gefängnis im US-Bundesstaat mit immens hoher Brutalitätsquote, werden alle zwei Monate Trauungen durchgeführt, und fast jedes Mal ist ein Bräutigam aus dem Todestrakt dabei.

An der Anziehungskraft des populär ganz Üblen in (einmal mehr) repräsentativer Gestalt von Richard Ramirez ging die Filmindustrie natürlich nicht vorbei: Bereits 1989 erschien Manhunt – Eine Stadt jagt ihren Mörder, 2002 der Thriller Nightstalker – Die Bestie von L.A. (Regie: Chris Fisher);

2015 taucht Ramírez, gespielt von Anthony Ruivivar, in der fünften Staffel von American Horror Story neben weiteren Serienkillern wie Jeffrey Dahmer und John-Wayne Gacy auf. Unsterblich böse! Halt eine Auszeichnung für sich. Die gebührt in AHS auch Aileen Wuornos, die prinzipiell nicht fehlen darf. Freilich sind Mörderinnen de facto deutlich weniger begehrt. Kaum ein Mann, der einer Killerin nach San Quentin oder sonstwo hin schreibt. Seltsam. Oder gar nicht seltsam?!

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)