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Warum ist Gormenghast ein Meisterwerk?

Mervyn Peakes "Gothic Fantasy" konnte nie den Erfolg von JRR Tolkiens "Herr der Ringe" verbuchen. Vielleicht weil es zu gut ist.

Der Artikel erschien im Original im Guardian. Übersetzt von Michael Perkampus.

Als ich 15 Jahre alt war, lange bevor sie in Hay-on-Wye über eine Buchmesse nachdachten, lief ich durch alle Secondhand-Buchläden der Stadt, um Erstauflagen meines neuen Helden, Mervyn Peak, aufzspüren. Ich war glücklich, daß mir Richard Booth (der Macher der Buchmesse in Hay) dabei unter die Arme griff. Aber auch er erklärte mir traurig, daß er nicht ein einziges seiner Bücher auf Lager habe, weil es – und daß ist eine Tatsache – gerade nicht die richtige Zeit für Peake sei. Das Problem dabei ist, daß es eine Peake-Zeit eigentlich noch nie gab.

Woran liegt es, daß die drei Bücher, die (nach Meinung einiger Experten fälschlicherweise) die Gormenghast-Trologie genannt wird, niemals den Erfolg des bemerkenswerten Fantasy-Kolosses, Herr der Ringe, erreichte? Ich will damit nicht sagen, daß diese beiden Werke als Gegenstücke betrachtet werden sollten, und doch handelt es sich hierbei um zwei Eckpfeiler der Fantasy in der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts, wenn sie auch uterschiedlicher nicht sein könnten.
Den einen kennt jeder, der überhaupt des Lesens mächtig ist; ich bin schon froh, wenn ich wenigstens eine Person unter, sagen wir, 200 finde, die zumindest vom anderen schon einmal etwas gehört hat.

Es wäre vereinfacht, zu behaupten, daß Tolkiens Bücher vielleicht einfach besser seien als diejenigen von Peake. Viele Kritiker würden dem widersprechen, darunter einige von Peaks größten Fans – wie etwa Michael Moorcock und Anthony Burgess – die selbst Schriftsteller sind. Ist Peake vielleicht eine jener einflußreichen Persönlichkeiten: Ein Autor für Autoren?

Einmal habe ich Sebastian Peake, den ältesten Sohn von Mervyn, danach gefragt, wie er die „Tolkien-aber-nicht-Peake“ – Frage für sich beantwortet, und was er glaubt, warum sein Vater nie das Niveau klassischer „Größe“ erreichte. Die erste Frage beantwortete Sebastian so, wie sie auch Peakes Verleger einst gab: während Tolkien auf dem Gipfel eines Berges stand und von dort aus seine Streitkräfte auf dem freien Feld unter ihm hin und her schob, befand sich Peake mitten im Schlachtfeld, in den Gräben, Auge in Auge mit seinen Truppen. Die Antwort auf die Frage nach dem Erfolg fiel einfacher aus: Peake war „zu gut“. Das mag die Antwort eines treuen Sohns sein, und es ist unmöglich, das wirklich zu beurteilen, aber ich denke, Peake kam einfach zu früh aus den Startlöchern. Titus Groan, das erste Buch der Serie, wurde 1946 veröffentlicht, ganze acht Jahre bevor „Die Gefährten“ das Licht der Welt erblickte.

Es ist wichtig, sich die Zeit zu vergegenwärtigen, in der die Bücher erschienen, insbesondere die in England, wo die Bücher ja herauskamen. Der Krieg war gerade zu Ende; mit unserer heutigen Kurzsichtigkeit denken wird manchmal fälschlicherweise an eine Zeit der Straßenfeste und Siegesfeiern. Diese Dinge kamen und vergingen recht schnell; was blieb war die Rationierung und Einschränkung, die mehr oder weniger bis 1950 anhielt, und, wie aus zeitgenössichen Aussagen hervorgeht, eine Bevölkerung, die in einer seltsamen Mischung aus Betäubung und Langeweile gefangen war. Ohne Frage war Großbritannien bereit für einige aufregende Flüge der Fantasie; Ich denke also, Peake war zu früh dran. In den frühen 50er Jahren befanden wir uns in einer andere Ausgangslage. Als Simon Winder sein „The Man Who Saved Britain“ herausbrachte – einer der Gründe, warum James Bond 1953 in einem derart spektakulären Stil das Licht der Welt erblicken konnte – wurde schnell klar, daß wir eine heroische Wirklichkeitsflucht gut gebrauchen konnten, und der Herr der Ringe bediente diese neue Stimmung ohne Zweifel hervorragend.

Titus Groan war seiner Zeit voraus. Außerdem ist das Buch wirklich sehr seltsam, natürlich. Das ist der Grund, warum es mich mit 15 einfach umgehauen hat – ich habe nie weder etwas so unheimliches gelesen, und ich liebe das Buch aus genau diesem Grund. Außerdem ist dies Teil des Liebe/Hass-Kampfes mit der literarischen Welt; für viele Leute ist es einfach zu eigen, aber auch jene, die es mögen, finden es nicht gerade einfach, weil es sich jeglicher Kategorisierung und Luftigkeit entzieht. Die gebräuchliche Schublade is „Gothic Fantasy“, und obwohl sie, kurzgedacht, recht nützlich erscheint, ist diese Schublade doch recht limitiert, vor allem, wenn sich nichts anderes außerdem in ihr befindet.

Das ist eine Schande, vor allem, weil Peaks wichtigste Arbeit eine derartige Pracht ausstrahlt; es gibt Dunkelheit darin, ja, aber außerdem findet sich auch die Zärtlichkeit, der Humor, die Feierlichkeit, Tragik und Liebe des geschriebenen Wortes, und wie es die menschiche Natur erhellen kann. Das sollte es Wert sein, Peake einer größeren Leserschaft anzuvertrauen. Er verweigert sich allen Kategorien, und doch ist er eine Hauptfigur wie Dickens oder H.P. Lovecraft; die Zahl seiner Fans reicht nicht aus, ihn zu einem Klassiker zu machen, aber die Tiefe seines Geschenks macht das wett.

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