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W.F. Harvey: Die Bestie mit den fünf Fingern (Diogenes)

Harvey wurde natürlich hineingeboren in das faszinierende Zeitalter der Psychoanalyse. Als Arzt dürften ihm die Unternehmungen Freuds um 1900 nicht entgangen sein, wie ja kaum jemanden der akademischen Welt. Die Surrealisten zogen ihren eigenen Spuk daraus, andere lehnten die Psychoanalyse rigoros ab. In der Kunstwelt fand Freud – wenig erstaunlich – den größten Anklang, aber Harvey ist einer jener Schriftsteller, die aus der Psychoanalyse Gespenstergeschichten ableiteten.

Hier haben wir also die Sammlung psychologischer Gespenstergeschichten von W.F. Harvey vorliegen. Der Diogenes-Verlag hatte in den 50er und 60er Jahren die mit Abstand beste Qualität an Taschenbüchern – was Klebung, Papierqualität und Haptik betrifft – vorzuweisen, und so kann man davon ausgehen, dass diese Bücher auch heute noch fast wie neu wirken. Und das zu einer Zeit, da sich die Verlage überhaupt mehr Mühe mit ihren Veröffentlichungen gaben; qualitativ hochwertig ist heute in diesem Sektor leider nichts mehr zu finden.

Aber kommen wir zum eigentlichen, nämlich den Geschichten im Einzelnen.

Das Werkzeug

Mit dem Werkzeug ist ein Geistlicher gemeint, der, nachdem er seine Geschichte erzählt hat, dem Leser erklärt, dass er – gerade weil er keine Erinnerung daran besitzt, wie er in der Heide auf seinen Wanderungen einen vermeintlichen Seemann oder Landstreicher mit einem Stein erschlug und die Leiche in einem weiteren Fall der Erinnerungslosigkeit vergrub – dass er also als Werkzeug des Schicksals ausersehen war. Und weil er dieses Werkzeug war, war es auch nicht nötig, dass er sich an die Tat erinnerte.

Diese psychologische Geschichte, die sehr nahe an einer glaubhaften Wahrscheinlichkeit bleibt, wie viele von Harveys Geschichten, verbreitet ihr Unwohlsein eben gerade dadurch, und das in zweifacher Hinsicht. Der Gedächtnisverlust, währenddessen etwas Schreckliches geschehen sein kann und demnach ja immer wieder – und jedem – geschehen könnte, und dem von außen verabreichten Gedächtnisverlust, wenn eine wie auch immer geartete höhere Macht die Schonung des Werkzeugs beschließt, es aber gleichzeitig für eine grausame Tat benutzt.

Dass er womöglich die Tat begangen haben könnte, fällt dem Geistlichen erst auf, als er wie durch Zufall in einem Magazin die Geschichte eines ähnlichen Falles liest und die dazugehörige Illustration, auf der er sich vage selbst wiedererkennt, am nächsten Tag verschwunden ist.

Das führt ihn zum Geständnis. Er berichtet der Polizei also von etwas, über das er kein Bewusstsein hat, das sich aber als wahr herausstellt.

Midnight House

Midnight House blieb mir in seiner Aussage etwas fremd, obwohl die Geschichte zu Beginn alles aufweist, was man für eine unheimliche oder zumindest seltsame Atmosphäre benötigt. Wieder ist es ein Wanderer, der in einem trostlosen Haus absteigt, obwohl die Wirtin ihn zunächst abweist. Alles im Haus scheint mürbe und in der Nacht wird der Erzähler von Albträumen geplagt, in denen ein alter böser Mann jeweils versucht, in ein sicheres Habitat einzudringen. Zwischen diesen Träumen beobachtet der Erzähler die Ankunft eines Arztes mitten in der Nacht, und am nächsten Tag befragt er diesen, was vorgefallen sei. Nicht wie er vermutet hatte, starb ein alter böser Mann in dem Haus, sondern ein Säugling bei der Geburt.

Die Dabblers

Hier wird die Geschichte eines merkwürdigen Schulstreichs erzählt, der am Ende gar keiner ist, sondern eine wesentlich weitreichendere Grundlage hat. Jedes Jahr im Juni um eine bestimmte Zeit hört man einen unheimlichen Singsang, von dem niemand weiß, was er zu bedeuten hat, bis der Erzähler einen ehemaligen Dabbler begegnet. (to dabble bedeutet eigentlich, sich amateurhaft auf einem Gebiet zu versuchen, im Buch wird es aber als “herumstochern” gebraucht, wohl auch, weil “Die Dilettanten” eine falsche Implikation böte.)

Die Geschichte gehört zu den klassischen “Club-Tales”, einer Zusammenkunft englischer Gentlemen, die sich in behaglicher Umgebung Ungeheuerliches erzählen, und somit ist sie ein typischer Vertreter englischer Stilistik.

Das Gesellschaftsspiel ist eine kleine Mörder-Anekdote, die neben einer Geburtstagsfeier erzählt und – “abgespult” wird, wie das Gesellschaftsspiel heißt. Dabei handelt es sich um ein Spiel, bei dem die Beteiligten Assoziationsketten bilden.

Mrs. Ormerod

Die Erzählerin versucht, einem älteren Paar zu helfen, sich von der Last ihrer abscheulichen Hausangestellten, Frau Ormerod, zu befreien. Die Haushälterin ist jedoch nicht ohne ihre eigenen Ressourcen. Das ist eine subtil böse Geschichte, die sich wie eine Vorstufe zu einer Gespenstergeschichte liest. Letztendlich fehlt auch hier der eigentliche Punch.

Patience

Eine Geschichte, wie sie vielleicht eher in eine “Alfred Hitchcock präsentiert”-Anthologie gepasst hätte. Ein intriganter Mord wird geplant und löst sich allzu früh in Luft auf. Hier hat Harvey etwas geschludert, die letzten Seiten lassen seinen ruhigen Stil zugunsten energischer Skizzenhaftigkeit vermissen.

Das Herdfeuer

Übersinnlich im eigentlichen Sinn ist auch diese Geschichte hier nicht. Aber es geht durchaus in Richtung Familiengeheimnis, das ja immer auch Schicksalsmächtig ist. Hier ist das Leben Aislabys mit dem Herdfeuer in der Küche verbunden, das bereits seit über Hundert Jahren brennt und, solange es brennt, den Wohlstand der Familie sichert. Ob selbst das jedoch nur Einbildung ist, kann schwer ergründet werden, zunächst einmal ist es nämlich nur eine Behauptung. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Aislabys im gleichen Augenblick stirbt wie das Feuer verlöscht. Sein Vermögen hat er mit einem niederträchtigen Mord gemacht, nachdem das verlöschende Feuer zu ihm sprach und ihn dazu anstiftete. Es gibt diese Verquickungen des Aberglaubens, der Tradition und des Zufalls im Leben natürlich wirklich, und so ist nicht entschieden, ob es sich hier um eine Gespenstergeschichte handelt oder nicht. Falls nicht, dann ist sie zumindest sehr nah dran.

Der Wecker

Auch diese Geschichte zieht seine Kraft aus einem Erlebnis, das entweder wahr ist oder nur eingebildet sein könnte. In beiden Fällen jedoch ist das Erlebte gleichsam unheimlich. Man könnte diese Geschichte sogar als Miniatur erzählen; es handelt sich um einen kleinen unerhörten Vorgang von einer Unheimlichkeit, die niemandem wirklich fremd vorkommen wird.

Peter Levisham

Eine weitere  Mordgeschichte, in der das Schicksal einer dreifachen Begegnung eine Rolle spielt.

Miss Cornelius

Ein Paradebeispiel psychologischer Doppelbödigkeit ist diese Geschichte hier, in der es zunächst um die Untersuchung eines scheinbaren Poltergeist-Phänomens geht, das der angesehene Lehrer und Naturwissenschaftler Andrew Saxon gebeten wird zu untersuchen. Er findet eine natürliche Ursache des Spuks: Miss Cornelius, die mit ihrer Geschicklichkeit die Anwesenden täuscht. Zur Rede gestellt, ist die Dame natürlich furchtbar erbost, streitet alles ab und erklärt Andrew, dass ihn diese Bezichtigungen noch sehr Leid tun werden.

Eines Tages trifft seine Frau Miss Cornelius und sie scheint die Fassung über die Anschuldigungen wiedererlangt zu haben. Jetzt beginnt der vermeintliche Spuk plötzlich im Haus der Saxons und es dauert nicht lange, bis Andrew glaubt, dass seine Frau auf irgendeine Art mit Miss Cornelius unter einer Decke stecken muss.

Als er sie in eine Klinik bringen will, wird er jedoch mit der Wahrheit konfrontiert.

Ist Miss Cornelius eine Hexe? Einige Indizien sprechen dafür, aber wie immer arbeitet Harvey hier auf mehreren Spuren, so dass auch hier nicht eindeutig Partei ergriffen werden kann

Der Mann. der Aspidistras hasste

Eine kleine und böse Geschichte über eine Konditionierung, die Ferdinand Ashley bereits in jungen Jahren in Bezug auf die Schildblumen erfährt, die im Haus seiner Tante einen prominenten Platz einnehmen, so dass sich der Junge an seiner Entfaltung gehindert fühlt. Später wird er, wo immer er auf diese Pflanze trifft, zu ihrem Mörder, nur um sich im Alter mehr und mehr in eine solche Pflanze zu verwandeln.

Sambo

Die Geschichte einer Puppe, die den weiten Weg aus Afrika in eine gute Kinderstube Englands macht, dort von Janey gehasst und auf den letzten Platz all ihrer Puppen landet, aber einen Weg findet, das Kind so weit zu bringen, all seine anderen Puppen zu zerstören. Sambo ist nämlich keine Puppe, mit der man spielt, sondern  eine alte Götzenfigur.

Nie hört oder sieht man, wie die Puppe es anstellt, langsam im Rang zu steigen und Janey solche Angst zu machen, dass sie schließlich tut, was Sambo will. Die Gefahr ist nur latent ausgeführt, das Gefühl der Unruhe im Leser bleibt eben gerade dadurch stark, weil er sich unweigerlich vorstellt, was hätte noch geschehen können.

Der Stern

Eine kleine Parabel über einen Wissenschaftler, der sich von seiner Frau die Predigt aus der Kirche nacherzählen lässt, bei der er nicht zugegen war – und dieser mit Spott begegnet, ohne dem Gesagten zu entnehmen, dass die Predigt von ihm handelte.

Nacht über dem Moor

Hierzu könnte man vieles sagen – oder nichts, zumal es eine wirkliche Gespenstergeschichte ist, die in aller Einfachheit so ausfällt: Die Angestellte eines Guts ist am Abend im Moor unterwegs und trifft dort auf einen Geistlichen, der ihr die Geschichte seiner Ermordung erzählt.

Der Begleiter

Die sublime Geschichte einer Warnung vor einer unbekannten Gewalt besticht ebenfalls wieder durch ihre grundsätzliche Einfachheit, die dadurch aber so viele Dinge anspricht, dass man eine Menge darüber schreiben könnte.

Ein Schriftsteller blickt von seinem Arbeitszimmerfenster aus auf das entfernte alte Pfarrhaus, in dem sich zwei Gelehrte niedergelassen haben, um ein merkwürdiges Manuskript zu übersetzen, das sie in einem Kloster Kleinasiens entdeckt haben. Wir erfahren nur, dass es sich dabei um ein Manuskript ungewöhnlicher Art handelt und dass es auf etwas merkwürdige Weise in die Hände der Gelehrten kam, von denen einer ein Mönch besagten Klosters ist.

Der Schriftsteller denkt sich eine Geschichte über die beiden aus, die er schreiben will und die etwas unheimlich sein soll, als die beiden Gelehrten, die ihr Haus so gut wie nie verlassen, völlig überraschend auftauchen und davon sprechen, dass sie Schriftstellern und der Fantasie misstrauen.

Die Warnung, die wie beiläufig in den Ausführungen dieser beiden schrulligen Männer mitschwingt, lässt mehrere Fragen zu, und so wird die Geschichte weitergetragen, wenn man sie längst gelesen hat.

Augusthitze

Obwohl durchaus ein Höhepunkt der Sammlung fehlt der Geschichte das Motiv. Harveys Vorgehen ist oft das eines möglichen Zufalls; hier das Zusammentreffen zweier Männer, die sich gänzlich fremd sind, aber jeder hat vom anderen etwas empfangen: Ein Maler, der am Morgen die Skizze eines Mannes vor Gericht anfertigt und unbewusst so lange umherläuft, bis er ihm durch Zufall begegnet. Er wiederum ist Steinmetz und hat – ebenfalls unbewusst – die Daten des Malers in einen Grabstein gemeißelt. Die Verbindung der beiden ist also klar und offensichtlich, aber leider fehlt – und das ist in so einem Kleinod bereits ein schwerer Fehler, die eingangs erwähnte Motivation, denn es steht außer Frage, dass der Steinmetz den Maler töten wird.

Sarah Bennets Vergangenheit

Eine Familiengeschichte, wenn man so will. Mehr als die leicht nuancierte Gespensterei, die in Familiengeschichten sehr gut (eigentlich am besten) zur Geltung kommen, überzeugt hier sogar die eigentliche Tragödie.

Das Kirchengestühl der Ankardynes

Auch das ist eine reine Gespenstergeschichte, wenn auch mir alles etwas zu langgezogen erschien. Hier fehlt mir etwas die Finesse, mit der Harvey in allen anderen Geschichten arbeitet, obwohl sie andererseits von einer gewissen Grausamkeit geprägt ist, was den Auslöser des Spuks betrifft. Die Örtlichkeit des Guts mit dem Kirchengestühl ist hingegen sehr atmosphärisch gestaltet, und ginge es nur darum, wäre die Länge der Geschichte, die zum Teil aus Tagebucheinträgen besteht, durchaus hinzunehmen, denn Harvey versteht es, eine Architektur und Landschaftsbeschreibung lebendig in Szene zu setzen.

Miss Avenal

Die Geschichte einer merkwürdigen Gesundung und einer merkwürdigen Erkrankung. Eine Krankenschwester begleitet eine ältere Dame auf Kur in ein abgelegenes Tal. Während die Dame immer stärker und gesünder wird, ergeht es der Krankenschwester genau andersherum. Doch das ist nicht alles, denn es handelt sich um einen Tausch – auch der schlechten Erinnerungen.

Die Bestie mit den Fünf Fingern

Eigentlich das Paradestück der Sammlung, die auch gleichzeitig die berühmteste aus der Feder Harvey ist (wie hier nachzulesen). Sie ist vielleicht der Grund, weshalb der Autor nicht gänzlich in Vergessenheit geraten ist. Sie wagt auch viel mehr, als alle seine anderen Geschichten, denn hier liegt der Fokus auf einer “lebendigen” (oder besessenen) Hand, die sich selbständig macht und Briefe schreibt und – mordet. Was Harvey dazu verleitet hat, seinen Stil, den er immer sehr konsequent umsetzte, hier zu verlassen, um das Makabre schließlich auch zu zeigen, ist schwer zu sagen.

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