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Vor Eichen sollst du weichen

I

traumtanz1

Diese Geschichte ist dem Band „Traumtanz“ entnommen.

Der Wind stand günstig, das Hämmern des Schmiedes war längst verstummt und würde erst bei Morgengrauen wieder ertönen. Die Dorfbewohner schliefen tief und fest in ihren strohgedeckten Häusern, bei glimmendem Feuer und dem gelegentlichen Schnauben der Rinder, das dumpf durch die Wände aus Lehmflechtwerk drang. Am nächsten Morgen würden sie ihrem Treiben nachgehen, würden jagen, weben und töpfern, würden das Vieh melken und die Häuser für den nahenden Winter ausbessern. Nun aber herrschte Stille, in der man die Wälder den Unholden und Wichten überließ, damit sie nicht auch am Tage in der Wildnis umhergingen.
Einige der Schlafenden, die nicht allzu erschöpft von den Mühen des letzten Tages waren, fuhren auf, als der Wind am Rauchfang zu säuseln begann. Er trug etwas Ungewöhnliches mit sich, das bei ihnen Wonnegefühl und Unbehagen zugleich weckte, eine leise Stimme, die aus weiter Ferne zu kommen schien und die der Kehle eines Jungen entstammte.
Die Herrscher des Waldes hatten ihm eines Nachts Träume gesandt. Sie hatten ihn krank werden lassen, hatten ihn fiebrige Kämpfe gegen Mächte ausfechten lassen, von denen das einfache Volk nichts ahnte und als er die Schwelle des Todes erreicht hatte, entrissen sie ihn dem finsteren Reich der Unterwelt und gebaren ihn zu neuem Leben. Seitdem wussten sie, dass er in ihrer Sippe als Heiler auserwählt worden war.
Der Junge befand sich dort draußen, allein in den dunklen nebeligen Wäldern und Tümpeln und er sang von den Geistern, bei denen er in Lehre gegangen war. Da der alte Priester Markolf zu früh verstorben war, um ihm sein Wissen zu übermitteln, klang sein Gesang stets etwas einsam, nicht jedoch ängstlich. Furcht vor den Wesen, die an jenen Orten hausten, schien er nicht zu kennen und das unterschied ihn von den Bauern, den Handwerkern und selbst von den tapfersten Kriegern des Dorfes.
Manche der Alten behaupteten, sie hätten ihn zuweilen in ihren Träumen gesehen. Er reite auf dem Rücken eines großen Hirsches, sagten sie. Nein, es sei kein Tier, das man mit den gewöhnlichen Augen erkennen könne. Zu bezaubernd sei seine Gestalt, zu schauerlich seine Präsenz. Es müsse sich dabei um einen kleinen Bruder des Waldgottes handeln.
Auch hatte man den Jungen dabei beobachtet, dass er ein Hirschgeweih auf dem Kopf trug, wenn er sich in die Einsamkeit der Wälder zurückzog. Dort verlor er sich in ungewöhnlichen Tänzen, die den grazilen Sprün-gen des Wildes glichen. Aus diesem Grund hatte die Gemeinschaft beschlossen ihm den Namen Herut zu geben, was »Geweihtragender« bedeutete.

Herut tanzte und sang, bis er dem Geist der Eiche ähnlicher wurde. Schweißperlen liefen ihm warm und salzig in die Augen. Er verbeugte sich vor dem Baum, fühlte sich dabei leichtfüßig, nahm seinen Körper kaum noch wahr. So mussten sich die Alben fühlen.
Erneut begann er sich den verborgenen Rhythmen der Erdkraft hinzugeben. Seine braunen Locken wippten in der Luft, aus ihnen ragte ein Geweih in den Himmel, dorthin, wo der Geist des Baumes sich erstreckte.

In dieser Gestalt hatte Herut die Eiche nie zuvor gesehen. Sie war zu einem pulsierenden Wesen geworden, hatte ihre Borke, ihren Stamm, ihr Geäst zurückgelassen, war fließend wie ein Strom geworden, der sich bis ins Himmelsgewölbe ausdehnte und dort in ein leuchtendes Meer mündete. Ehrfurcht überkam ihn, als sich der stille Ozean vor ihm auftat. Fein verzweigte Linien aus grünlich fluoreszierendem Licht bildeten sich und verbanden die Himmelsgeister miteinander. Unaufhörlich löste sich das kosmische Netz auf, formte Muster, Anordnungen und Zeichen, wie Herut sie niemals zuvor erblickt hatte und diese schufen wiederum als Gesamtheit ein neues ungeheures Urbild. Es war wie eine vergessene Sprache, die dort oben am Firmament verschlüsselt lag und sie begann wie ein tönender Bach in seinem Geist zu flüstern. Als das Raunen immer schriller wurde, wich er angstvoll zurück und spürte sogleich das weise Antlitz des Hirsches in seinem Rücken. In den großen schwarzen Augen des Tieres schien ein beruhigendes Lächeln zu liegen und er begriff nun, warum er immer wieder an diesen Ort geführt worden war. An dieser Eiche hatte er die Lehre seines Meisters empfangen können. Der Himmel hatte für ihn seinen Schleier abgeworfen und nun wusste er, dass in jenem Reich keine Zeit existierte und nichts, das ihm vertraut sein durfte. Schmerzlich musste er jedoch auch etwas über die Beschaffenheit der Eiche erkennen. Sie war grundlegend verschieden von ihm. Sie war ganz weit dort draußen, verbunden mit dem pulsierenden Netz. Sie schwamm im stillen Ozean. Er dagegen war abgetrennt und nackt wie ein Säugling, den man zu früh dem Mutterleib entrissen hatte.
Herut schwang sich auf den Rücken des Hirsches, ritt lange und schweigsam und die Sorgenfalten, die sein kindliches Gesicht durchfurchten, wollten nicht schwinden.

II

Es war ein böser Ort, Albert spürte es. Auch nach so vielen Jahren hatte er keinen Frieden schließen können. Einige Meter entfernt hatte er seinen Traktor abgestellt und blickte nun missmutig auf das dunkle Wolkenheer, das sich ihm unaufhaltsam näherte. Es würde Regen geben, vielleicht auch Sturm und Gewitter. Er sollte nicht hier sein.
Wächter mit knorrigem, ineinander verschlungenem Geäst versperrten den einstigen Pfad zur Weide und nur mühsam gelang es ihm, sich durch das üppige Gestrüpp zu kämpfen. Viel zu lange war er nicht mehr an diesen Ort gekommen. Mit jedem weiteren Schritt wuchs der Drang zur Umkehr in ihm. Er sollte Feierabend machen, bei prasselndem Regen unter dem Vordach sitzen, die Katze streicheln. Doch so einfach war es nicht. Albert benötigte diese Wiese. Irgendwo musste er seine Kühe in den nächsten Tagen lassen. Zwei Koppeln hatte der Fluss überflutet, auf der dritten hatten die Tiere inzwischen alles kahlgefressen. Regen und Hufe hatten die einstmals grüne Weidefläche in dunklen Morast verwandelt. Er hatte zu lange gezögert, hatte aus gutem Grund gezögert. Allein die Überlegung, seine Tiere an diesen Ort zu führen, machte ihn nervös. Hier waren Dinge geschehen, schreckliche Dinge. Das Meiste davon hatte er als kleiner Junge selbst mitbekommen.
Die Rinder seines Onkels waren damals krank geworden, wenn sie nur lange genug auf der Weide gegrast hatten. Sie hatten zu lahmen begonnen. Bei einigen von ihnen hatten sich seltsame Gewächse auf dem Fell ausgebreitet. Selbst die Milch der Tiere war ungenießbar geworden. An manchen Tagen hatte ihn der Onkel zur Weide geschickt, um die Kühe zu melken. Es war nur eine geringe Abweichung gewesen. Die Milch roch wie immer und auch die klare weiße Farbe hatte sich nicht verändert. Erst als Albert sie einmal mit der Schöpfkelle probiert hatte, war ihm aufgefallen, dass sie ihm etwas zu zähflüssig die Kehle herabgeronnen war. In den sonst so reinen Geschmack hatte sich eine unangenehme Note geschlichen, etwas Überreifes, eine unerklärliche Ausdünstung oder Fäulnis, die sich nicht zersetzen wollte. Obwohl er die Milch danach nie wieder angerührt hatte, glaubte er den Beigeschmack an manchen Tagen noch immer in der Mundhöhle zu spüren. Ihn schauderte, wenn er nur daran dachte.
Als seinem Onkel damals das Ausmaß der Vorkommnisse bewusst geworden war, hatte ihn ein derartiges Unbehagen befallen, dass sie das Vieh schließlich gemeinsam auf eine andere Fläche getrieben hatten. Seit diesem Tag stand die Wiese leer und obwohl sich kein Landwirt in diesen Zeiten brachliegendes Weidegut leisten konnte, gab es gute Gründe, den Ort sich selbst zu überlassen. Wie ein Mahnmal hatten sich die rätselhaften Ereignisse der Vergangenheit in Alberts Geist eingebrannt und doch waren sie nicht die eigentliche Ursache dafür, dass er den Platz all die Jahre gemieden hatte. Es war noch etwas Anderes geschehen, etwas viel Schlimmeres.
Albert hatte die verlassene Weide als Kind wieder besucht. Immer und immer wieder. In stiller Ehrfurcht hatte er den Baum betrachtet, die morsche alte Eiche, die inmitten der Koppel dunkel und faltig aus dem Erdboden ragte. Hunderte von Jahren musste sie alt sein, neun große Schritte hatte er benötigt, um ihren Stamm einmal zu umrunden. Wenn er seine Finger über die raue Borke hatte gleiten lassen, war es ihm erschienen, als befände sich etwas im Inneren des Baumes. Kein Marder oder Specht, kein Tier, das sich in dem hohlen Stamm eingenistet hätte, sondern etwas Fremdartiges aus einer anderen Zeit, das ihn aus dem modrigen Holz heraus mit unsichtbaren Augen zu beobachten schien, etwas, das ihn einsam und hilflos fühlen ließ.
Eines Tages hatte er wieder vor ihr gestanden, war wie immer heimlich, ohne dass es sein Onkel mitbekommen hatte, hergeschlichen. Doch dieses Mal hatte ein Mann in den Ästen gehangen. Mit einem Seil um den Hals!

Als die Zweige brechend den Pfad freigaben, schossen Albert die Erinnerungen aus Kindheitstagen mit solcher Gewalt in den Sinn, dass er zu taumeln begann. Mühsam rang er um Atem. Er musste sich beruhigen! Die Vergangenheit lag hinter ihm. Er war inzwischen ein ergrauter und bejahrter Mann und der Baum würde wahrscheinlich verrottet sein, war ja damals fast schon tot gewesen und hatte kaum noch Blätter getragen.
Unter trockenem Knacken eröffnete sich ihm die Sicht auf den Ort und Albert begriff, dass er sich getäuscht hatte. Alles war wie damals! Milchiger Dunst hing über der Weide, die Luft war kalt und es roch nach Moder. Das Gras wuchs üppig und dicht, der Baum war nur noch ein morscher Stamm, von dem die Rinde blätterte, die Krone ein kahles schwarzes Gerippe, das wie anklagende Finger auf den Himmel deutete. Erschüttert starrte er auf die fahle Haut des jungen Mannes, der im Astwerk baumelte. Es war, als sähe er alles nur noch durch einen trüben Schleier. Wie aus weiter Ferne konnte er sich dabei beobachten, dass er genauso reagierte wie an jenem Schicksalstag. Die Hände vor dem schreckensgeweiteten Mund, ging er weiter darauf zu, musste betrachten, den Baum, den Menschen. Taubheit breitete sich in seinem Körper aus. Im nächsten Moment wollte er fortlaufen, doch seine Beine verweigerten ihm den Gehorsam.
Nach so vielen Jahren hatte die alte Eiche ein weiteres Opfer gefunden und nun erschien es Albert, als sei er überhaupt nicht wegen des Viehs hierhin aufgebrochen. Es war der Baum gewesen, der ihn gerufen hatte und der ihm das arme Geschöpf präsentieren wollte, das sich in seine schattigen Klauen verirrt hatte.
Wie lange mochte es zurückliegen, dass der Jüngling hinauf in das spröde, altersschwache Holz gestiegen war, um seinem Leben ein Ende zu setzen? Der schlaksige Leib des Toten wirkte auf ihn unwirklich, beinahe wie eine wächserne Puppe und doch war es ganz offensichtlich, dass das Blut ihn noch wenige Stunden zuvor durchpulst haben musste. Alberts Blick streifte weiter zum Antlitz des jungen Mannes und blieb wie gebannt daran hängen. Auf unerklärliche Weise zeigte es Ähnlichkeit mit dem des Jugendlichen, der sich hier vor Jahrzehnten erhängt hatte, den er als Kind gefunden hatte. Wieder diese sanftmütigen Züge, alles wie damals! Und auch dieser war erfüllt von Traurigkeit. Einer Traurigkeit, die selbst der Tod nicht hatte besänftigen können.
Als Albert tief in sich hinein spürte, begriff er, dass all seine grässlichen Empfindungen nicht allein von dem leblosen Körper ausgingen. Vielmehr erschien es ihm, als existierte der Tote überhaupt nicht mehr, als wäre er nurmehr Teil des Baumes geworden und zur Einheit mit diesem verschmolzen. Der Anblick der befremdlichen Symbiose schnürte Albert die Kehle zu. Er sah ein Relikt aus alter Zeit, sterbend und nach Erlösung sehnend. Einer Auflösung, die ihm von höheren Mächten verweigert wurde. Seine Sicht auf den Ort war wie ausgewechselt. Böse war die alte Eiche nicht mehr. Dies war kein böser Ort. Es waren Einsamkeit und Traurigkeit, die hier das Gras gelb werden und jede Blume und Pflanze um die Wurzelansätze herum absterben ließen. Der Mensch im Baum musste sie gespürt haben. Er war daran vergangen.

III

Holde war krank und sie würde sterben, das wusste ihre Mutter nun. Der Kopf des Mädchens glühte, fiebriges Wimmern drang aus ihrem schmalen Mund, der viel zu lange nicht mehr gelächelt hatte. Sie hatte Herut angefleht, ihr Kind zu heilen, aber er saß nur da, abwesend, gleichgültig, in seltsamer Verschlingung mit der Eiche.
Irgendwann hatte ihre Beharrlichkeit Wirkung gezeigt. Für einen Moment hatte der Mann seinen Kopf zu ihr gewandt, langsam, als tauche er aus tiefem Schlaf auf. Seine Augen waren starr gewesen, hatten nicht gezwinkert und die Kälte, die darin gelegen hatte, ließ sie sogleich um ihr Seelenheil fürchten. Als sie begriff, dass nicht der alte Heiler ihr durch diese Augen entgegenblickte, war sie vor ihm geflohen.

Herut war kein Teil der Gemeinschaft mehr. Im Dorf sah man ihn nur selten. Nach etwa zwanzig Wintern hatte er aufgehört seine von den Göttern auferlegte Aufgabe zu erfüllen. Er vertrieb keine Krankheitsgeister, berichtete nicht mehr von den fernen Reichen, in denen die Alben wohnten, er saß nur bei dem Baum. Längst hatte er sich eine Lagerstätte in der Nähe der Eiche errichtet. Er begann zu verwildern. Man erzählte sich, er hätte nach etwas zu streben begonnen, das sie in ihrer Zunge trolldom nannten, eine dunkle Kraft, von der sie befürchteten, sie bringe Unheil über ihn und die Sippe. Man war der Meinung, seine Wandlung rühre daher, dass er niemals menschliche Unterweisungen ge-nossen hätte. Der alte Markolf hätte ihm die Ehrfurcht lehren können, an der es ihm nun mangelte.
Der Hirsch erschien immer seltener in den Träumen der Alten und Weisen. Man sah mit Besorgnis, dass sein Leuchten schwächer wurde. Wenn doch einmal jemand Visionen von dem Göttertier hatte, so wurde meist berichtet, es habe am Waldesrand gestanden und geduldig seinen alten Schüler beobachtet, als fordere es ihn noch immer zu einem Flug in die anderen Welten auf. Herut schien seinen Lehrmeister jedoch vergessen zu haben.

Die Wurzelansätze des Baumes waren rot vom Blut des Ebers, das diesem aus der Kehle rann. Herut kniete vor der Eiche nieder, hielt den warmen, noch zuckenden Leib des Tieres in die Höhe, bot ihn dem Geist der Eiche an. Er wollte sein wie sie, wollte ihr nacheifern, wollte schwimmen im stillen Ozean. Doch der gleißende Körper näherte sich nicht, floh beinahe vor seiner Opfergabe. »Bleib hier, bring mich zur Quelle!«, brüllte er dem leuchtenden Wesen hinterher, doch der Baumgeist war kaum noch spürbar.
Viele Male hatte er ihn nun gesehen, den stillen Ozean. Immer wieder waren die Geister des Himmels auf ihn herabgeregnet und zugleich war er ihm fern geworden, der Ort, an dem die Unendlichkeit wohnte. Mit jeder Reise ein wenig mehr. Herut hatte versucht, ihm Namen zu geben, Namen, die keine waren. »Nota« hatte er ihn genannt und »Himmlische Spinne, die ihr Sternennetz am Gewölbe webt.« Seine Sehnsucht war unerträglich geworden und die Tatsache, dass allein der Geist der Eiche ihn an sein Ziel führen konnte, machte ihn unruhig und friedlos. Sie war das unwillige Tor, das sich ihm verschloss. Er musste stärker werden, seine Macht musste wachsen. Dann würde sich auch dieses letzte Hindernis beugen lassen.
Fahrig griff Herut sich an die Stirn. Vor kurzem war jemand hier gewesen, etwas wie ein Schatten in seinem Blickfeld. Langsam lichteten sich die Nebel der Visionen und ein einzelnes Erinnerungsbild flackerte vor seinem Geist auf. Er entsann sich, die rotgeweinten Augen einer Frau gesehen zu haben. Es war eine Mutter gewesen, die ihn angefleht hatte, ihre Tochter zu heilen. Heruts Finger ballten sich zu Fäusten. Sie war es gewesen, die den Ort mit ihrer Schwäche, mit dem Siechtum des Kindes verunreinigt hatte! Das war der Grund, warum der Baumgeist sein Opfer verschmähte. Voller Zorn rief Herut einen Fluch auf sie herab. Was wussten sie schon von ihm und seiner Aufgabe, von den Geheimnissen, die er geschaut hatte. Sie kamen nur, wenn es um ihr Wohlergehen, um ihren Eigennutz ging. Sollten sie alle verrecken!

IV

Seit seinem Fund auf der Weide zerrten dunkle Kräfte an Albert. Er war in einem Zwischenreich gefangen und spürte, wie der Widerstand gegen den unheilvollen Sog mit jeder verrinnenden Stunde schwächer in ihm wurde. Nächtelang hatte der Landwirt nicht mehr schlafen können, weil die Erinnerungen ihn bis in seine Träume verfolgten. Immer wieder tauchten die aschfahlen und wachsartig glänzenden Gesichter der Toten darin auf, die ihm aus glanzlosen Augen mit jener teilnahmslosen Schwermut der Selbstmörder entgegengeblickten. Die Taubheit des Alpdrucks war auf ihn übergesprungen. Am Tag beherrschte ihn das Gefühl, nicht richtig wach zu werden und halb träumend durch die finsteren Flure seines Gehöfts zu schreiten. Er war wie besessen von jenen Fragen und Ungewissheiten, die auch die beiden Polizisten nicht hatten ausräumen können.
Sie waren am Tag nach der Entdeckung des Toten zu ihm gekommen. Das Fieber hatte sich bereits eine Nacht zuvor angekündigt und als Albert sie beim Betreten seines Grundstücks vom Fenster aus beobachtete, waren seine Beine zittrig und auf seiner Stirn glänzte der Schweiß. Er kannte die beiden Männer bereits. Sie waren zum Fundort gekommen, nachdem er den Notruf verständigt hatte und es waren auch sie gewesen, die den Leichnam gemeinsam mit der Feuerwehr aus dem Astwerk geschnitten hatten. Die Beamten lenkten ihre Schritte mit Vorsicht über seinen Hof, um nicht in etwas Unappetitliches hineinzutreten. Als sie den dampfenden Misthaufen am Rande erblickten, machte einer der beiden Scherze darüber. Obwohl sich Albert kaum auf den Beinen halten konnte, bat er sie zu sich herein. Seine Wohnung kam ihm schäbig vor, weil er unweigerlich die Perspektive seiner Gegenüber eingenommen hatte. Die Diele war unaufgeräumt, das Wohnzimmer erschien ihm zu derb, zu altmodisch und ländlich eingerichtet, obwohl er Jahrzehnte darin verbracht hatte. Die Männer verzogen jedoch keine Miene, nachdem ihre Blicke über die klobigen Eichenschränke gewandert waren. Sie gaben auch sonst kein Signal, dass sie an irgendetwas Anstoß nahmen. Erst als Albert ihnen aus Höflichkeit eine Tasse Tee anbot, meinte er eine gewisse Abneigung erkennen zu können, die beinahe an Ekel grenzte. Vielleicht war seine Einschätzung auch allein der Übernächtigung und seinem fiebrigen Zustand geschuldet, den er mühsam zu überspielen suchte. Sie lehnten dankend ab und kamen zügig auf den seltsamen »Zufall« zu sprechen, der sich am Vortag auf der Weide ereignet hatte.
Bei dem jungen Mann, der Suizid begangen hatte, handelte es sich um einen 19-jährigen Studenten aus Thüringen. Die Polizisten waren der Überzeugung, ihm könne kaum bewusst gewesen sein, dass bereits in der Vergangenheit jemand an diesem Baum den Freitod gewählt hatte. Er sei von einem Tag auf den anderen in seiner Heimat verschwunden, jedoch nicht als vermisst gemeldet worden. Es sei häufiger vorgekommen, dass er während der Semesterferien auf längere Reisen ging, ohne seine Verwandten davon in Kenntnis zu setzen. Im näheren Umfeld sei er als Sonderling bekannt gewesen. Er habe die Einsamkeit und das Wandern geliebt. Als selbstmordgefährdet habe er jedoch keineswegs gegolten. Einen Abschiedsbrief habe er ebenfalls nicht hinterlassen. Da von äußerlicher Fremdeinwirkung definitiv nicht die Rede sein könne, müsse man die Ermittlungen dabei belassen.
Albert hatte teilnahmslos den Worten der Polizeibeamten gelauscht. Zum Ende ihres Berichts hatten sie ihn gebeten möglichst bald den Hergang vom Auffinden des Erhängten auf der Wache zu Protokoll zu geben und sich daraufhin von ihm verabschiedet. Als sie fort gewesen waren, hatte er sich verlassener gefühlt als je zuvor. Er war wieder allein gewesen mit jenen schrecklichen Bildern, von den beiden Toten, von dem Baum. Nun hatte er sich noch der Tatsache stellen müssen, dass es in dem Fall nichts zu ermitteln gab und überhaupt, dass es von offizieller Seite her darin weder offene Fragen noch Merkwürdigkeiten gab.
Albert verstand, dass die Polizisten nichts weiter unternahmen. Ihn störte jedoch die Nüchternheit, mit der sie über ein derartiges Unding gesprochen hatten. Sie hatten es »Zufall« genannt. Sie, die den Leichnam dort oben in seiner Bedeutungstiefe gesehen hatten, die seinen kühlen Leib in ihren Händen gehalten hatten. In ihren Akten befand sich ein ähnlicher Selbstmord, der sich etwa fünfzig Jahre zuvor an derselben Stelle ereignet hatte. Wie konnten sie von einem Zufall sprechen, wenn sie doch den Baum gesehen hatten?

Obwohl Alberts Fieber in den nächsten Tagen etwas sank und er bald wieder in der Lage war, seine Tiere zu versorgen und die üblichen Runden durchs Dorf zu machen, fühlte er sich von zwanghaften Ideen beherrscht, die ihn mit aller Macht am Vergessen hindern wollten. Er konnte nicht in gewohnter Manier zum Alltag übergehen, wie es alle anderen um ihn herum taten. Zudem wurde er das Gefühl nicht los, dass man ihm seit dem Todesfall aus dem Wege ging. Die Dorfbewohner wichen nicht allein ihm, sondern auch dem Thema aus. Es schien Albert, als wolle man das Ereignis durch Schweigen ungeschehen machen. Selbst die lokale Presse war, entgegen seiner Erwartungen, nicht an dem Fall interessiert gewesen. Was geschah in diesem Dorf bloß? Ein Mensch war gestorben und niemanden kümmerten die mysteriösen Umstände, unter denen es geschehen war. Ihm war, als hätte der finstere Ort einen Schleier über sie alle geworfen und er war der Einzige, der klar sehen konnte, der klar sehen musste. In seinem Kopf begann sich der Gedanke einzunisten, dass die Selbstmorde etwas mit ihm selbst zu tun haben mussten, dass sein persönliches Schicksal mit dem der Toten und der alten Eiche verwoben sei. Er war es gewesen, der die beiden Leichname gefunden hatte. Es war sein Land gewesen, auf dem sie ihr Leben ausgehaucht hatten. Wie konnte das keine höhere Fügung sein? Was war, wenn die beiden jungen Männer nicht die einzigen Opfer des Baumes gewesen waren, sondern wenn es vor ihnen viele andere gegeben hatte und wenn es nach ihnen noch weitere geben würde?

In den folgenden Tagen verschlechterte sich Alberts Zustand. Der Fieberwahn ergriff erneut von ihm Besitz, diesmal jedoch in weitaus drastischerem Umfang als zuvor. Nächtelang wälzte er sich in seinen schweißgetränkten Laken und glaubte die Lebenskraft aus seinen Poren rinnen zu fühlen. Bald war er derartig matt und entkräftet, dass er es kaum noch aus dem Bett schaffte.
In seinen Träumen wurden die bleichen Züge der Toten immer vorwurfsvoller und grimmiger, als forderten sie ihn dazu auf, dass er in irgendeiner Weise handeln möge. Im Bann der Wahnbilder konnte er bald nicht mehr unterscheiden zwischen Tag und Nacht, Wachen und Schlaf. Ihm war, als würde er immer tiefer in sein Bett einsinken, hinab in ein Reich voller gespenstischer Alpträume und Visionen. Die Wände seines Schlafzimmers begannen durchlässig zu werden und zu wabern, als bestünden sie aus feuchtem Ton. Zu manchen Zeiten sah er sich selbst wie entleibt aus dem Hause treten und über geschwungene Feldwege in die Wildnis schreiten. So sehr er versuchte wieder Herr über sich zu werden und Einfluss auf die Richtung seiner Schritte zu nehmen, tauchte am Ende eines jeden Pfades doch immer die Weide auf. In dichte Nebel gehüllt, ging er auf die knorrige Eiche zu. Wenn sich die Schwärze des Geästs im Dunst abzuzeichnen begann, so schien sich darin etwas noch Finstereres zu winden, gleich einem Schatten, der in das morsche Holz gekettet lag. Wenn er sein Ohr auf die rissige Borke legte, so vernahm er ein dumpfes Stöhnen voller Pein und Entsetzen, das aus der Tiefe des holen Stammes drang. Oben in der Krone hingen die schlaffen Körper der Erhängten. Frauen, Männer und Kinder. Der Wind trug Albert fort zu Dörfern, die von Seuchen heimgesucht wurden, in denen das Fleisch faulte und das Wasser nach Jauche stank. Er sah Scheiterhaufen, auf denen zuckende Leiber loderten, er sah weltliche und kirchliche Würdenträger, die mit erbarmungslosen Gesichtern von einem Baumkult sprachen, dessen dunkles Herz man ausdörren würde. Albert wurde bedrängt von Männern mit Heuforken, die zornentbrannt aufeinander losgingen. Er wurde Zeuge von Unfällen, von Verletzungen und von weiteren Lebensüberdrüssigen, die mit gesenkten Häuptern in den Tod sprangen. Eins war allem gemein. Der Baum lag niemals fern. In den Zerrbildern, in den Hoffnungslosen und Verfluchten wand und quälte sich stets der Schatten des Baumes, ohne jemals seiner Drangsal entkommen zu können. Dieser nicht enden wollende Schmerz war es, der Albert letztlich aus seinem Delirium erwachen ließ.

Am Montagmorgen, bei Dämmerung, erhob sich der Landwirt aus seinem Krankenbett, duschte und rasierte sich. Er spannte den Hänger an, setzte sich auf seinen Traktor und fuhr zur morastigen Weide am Fluss. Die Rinder waren ausgehungert und begrüßten ihn in stürmischer Grobheit. Albert versorgte sie mit frischem Heu und Mais. Als auch der Wassertrog gefüllt war, verabschiedete er sich von seinen Tieren und verließ die Weide.
Durch Nebelschwaden fuhr er die einsamen Wege entlang, bis er in jenen Bereich der Feldmark gelangte, der in Wildnis und Sumpfland führte. Dort brachte er seinen Traktor zum Stehen, griff nach einem Gegenstand an seiner Seite und stieg aus dem Führerhaus.
Als er sich den Weg durchs Dickicht bahnte, um den Dingen ein Ende zu setzen, so tat er es nicht allein, um Künftiges abzuwenden, sondern vielmehr um Vergangenes zu besänftigen. Tränen schossen ihm in die Augen, als er den morschen, von Würmern zerfressenen Baum vor sich aufragen sah. Wie lange hatte das Holz nun bereits gelitten? Wer konnte schon sagen, wie viele Jahre die Eiche dort stand, ob es Jahrhunderte oder gar Jahrtausende waren? Was war hier in grauen Vorzeiten geschehen, das eine solche Folter rechtfertigte? Bereits als Kind hatte er den Schmerz des Baumes gespürt. Nun war er in einem Maße davon beherrscht, dass es nur noch diese eine Lösung für ihn geben konnte. Albert fühlte den ermatteten Blick der Eiche auf sich ruhen. Entschlossen umfasste er den Benzinkanister und näherte sich dem spröden Holz. Es sollte zum Himmel lodern und nach all der Zeit endlich Erlösung finden.

V

Die Kräfte tobten. Seit Tagen zuckten Blitze vom Himmel, Donner krachten von allen Seiten auf sie nieder, Stürme peitschten durch erntereifes Korn und vernichteten den Ertrag. Es war ein böses Treiben geworden. Herut forderte die Götter heraus. Obwohl er alt und gebrechlich geworden war, hatte er es vollbracht, alle Bäume um die Eiche herum abzuholzen. Er hatte sich an ihnen versündigt, hatte sich nicht beim Geist des Waldes entschuldigt, hatte Stämme und Astwerk verbrannt, ohne ihr Holz zu ehren. Nun gab es nur noch sie beide.
Mit Furcht und Schrecken beobachteten die Dorfbewohner die Übeltaten ihres alten Heilers. Sie hatten den Rat einberufen und darüber abgestimmt, ob man ihn ergreifen sollte, ob man Herut töten und im Moor versenken sollte, doch die Vorsicht hatte gesiegt. Die weisen Männer waren der Meinung gewesen, man könne seinen Leib nicht im Grabe halten und er würde nach seinem Tod als Ruheloser in ihr Dorf zurückkehren. Andere glaubten er sei bereits ein Draugr, ein Toter, der nicht sterben wolle. Nur mühsam war es gelungen, den Tatendurst der jungen Krieger zu beschwichtigen, die den ausgemergelten Körper des Zauberers kannten, nicht jedoch dessen mächtige Seele.
An diesem Abend saßen die Alten um das Lager versammelt. Die Unwetter hatten sich unerwartet gelegt, hatten Ödnis und Leere zurückgelassen. Die Gemeinschaft schlief bereits und der Wind strich müde durch Glut und Asche.
Man begann sich an zurückliegende Zeiten zu erinnern. Mit einem Leuchten in den Augen erzählte man sich vom mächtigen Hirsch, unter dessen Heil ihr Dorf einst gestanden hatte. Sie sprachen von dem jungen Herut, von seinen Fähigkeiten und Wundern und verglichen diese mit denen des neuen Heilers. Es waren alte Geschichten, längst vergangene Legenden und wenn sich ihre Blicke ehrfürchtig zu den dunklen Silhouetten des Dorfrandes verirrten, überkamen sie Vorahnungen von Unheil und Verderben.

Herut war müde. Er war verbraucht und abgemagert vom jahrelangen Kämpfen. Kämpfe um Leben und Tod, in denen er seinem alten Freund gegenübergetreten war. Der Baum stand im Zentrum, alles rundherum war kahl. Die Leblosigkeit schwelte in der Luft, es roch nach Asche und verkohltem Holz.
Geschwind verließ er seinen Körper, ließ die vergilbte Hülle zurück, die ihm lästig geworden war, in der er sich nicht mehr heimisch fühlte, strebte dem leuchtenden Körper entgegen, begann ihn zu packen, krallte sich in den Geist der Eiche, quälte und peinigte ihn, zog ihn herab, drang in ihn ein. Er war stark geworden, hatte nun andere Mächte, die ihm dienten.
Für einen Moment schien es, als wäre ihm die Gestalt wieder entwischt. Dann spürte Herut ein wildes Zucken, ein verzweifeltes Aufbegehren und Winden, das schließlich in ein sanftes Pochen überging. Schließlich verstummte es ganz.
Taubheit beherrschte ihn, Gefühllosigkeit und eisige Starre. Er konnte sich nicht mehr bewegen, fühlte sich beengt und schwer. Vor sich auf dem Waldboden sah er einen alten Mann im Ruß liegen. Es war ein Greis, mit langem grauem Haar, verfilztem schmutzigem Bart und verkümmerter Statur, der ihm allzu vertraut war. Das Gesicht war bleich, die Wangen eingefallenen und von Dreck verschmiert. Das Leben war aus seinen Zügen gewichen, nicht jedoch die Verbitterung.
Über seiner Krone lag das Firmament. Er konnte es nicht sehen, wusste jedoch, dass dort, wo das fein gesponnene Netz am Himmel geleuchtet hatte, nur noch ölige Schwärze gähnte. Das grüne Pulsieren der Quelle, an der er seinen Durst hatte stillen wollen, war fort. Der Geist der Eiche war erloschen und er selbst war an dessen Stelle getreten. Blätter segelten zu Boden, segelten vertrocknet von seinen Zweigen in die Tiefe. Seine Wurzeln begannen zu verdorren.

VI

Im Dorf war es inzwischen etwas ruhiger um den jungen Mann geworden, der sich zwei Wochen zuvor das Leben genommen hatte. Während die Erwachsenen ihr Bestes gaben, das Ereignis möglichst schnell zu vergessen, kursierten unter den Jugendlichen die wildesten Gerüchte um den Toten und den Ort, an dem er gestorben sein mochte. Man wusste, dass es an einem Baum in der Feldmark geschehen war. Wo dieser jedoch lag, konnten nur die Wenigsten mit Sicherheit sagen und die, die es wussten, hüteten ihr Wissen wie ein Geheimnis. Inzwischen galt es unter den Eingeweihten gar als Mutprobe, eine Stunde vor der Eiche zu verharren, ohne möglichst selbst dabei im Geäst zu landen. Bisher war noch jeder, der den Versuch gewagt hatte, zurückgekehrt, doch entgegengesetzt der Erwartungen hatten diese nicht mit ihren Erlebnissen geprahlt, sondern eher wortkarge Berichte abgeliefert. Eine ungewohnte Ernsthaftigkeit hatte sie ausnahmslos umhüllt, was das Mysterium um den Baum nur vergrößerte.

Es war Dämmerzeit, als sich zwei 14-jährige Jungen auf den Weg machten, um alle Rekorde zu brechen. Unter den Bewohnern waren sie als Lausbuben verschrien, da sie ständig etwas ausheckten. Man argwöhnte, dass sie mit ihrem wenig tugendhaften Verhalten die anderen Kinder zu verderben drohten. Wenn ein Unglück im Dorf geschah, vermutete man nicht selten, dass die zwei in irgendeiner Weise darin verwickelt waren.
Die beiden Jungen hatten lauthals verkündet, dass sie mehrere Stunden, ja sogar bis zur Mitternacht auf der unheimlichen Weide verbringen würden, an der man den Toten gefunden hatte. Obwohl sie behaupteten, keine Furcht vor ihrem Vorhaben zu verspüren, hatten sie sich eine Flasche gebrannten Korn mitgenommen, was sie untereinander damit begründeten, dass ihnen die Zeit im Rausch nicht allzu lang werden würde – auf einer solchen Wiese sei es ja schließlich ziemlich öde. Der Sohn des Försters hatte ihnen die Lage der Weide auf der Karte markiert und als sie lärmend und feixend ihr Ziel erreichten, hatten sie bereits einige Schlucke aus der Flasche genommen. Die abgestorbene Krone der alten Eiche überragte bald ihre Häupter und von diesem Moment an stellten sie keineswegs mehr infrage, dass der Ort etwas ganz Gespenstisches hatte. Eine seltsame, kaum greifbare Vorahnung gesellte sich bald zu der ohnehin schon bangen Stimmung der beiden. Es musste an dem seltsamen Geruch liegen, der ihnen sogleich in die Nasen gestiegen war, als sie das üppige Strauchwerk zur Weide durchbrochen hatten. Einer der beiden meinte, es röche wie beim Schmied, wenn man einem Pferd die Hufe machte. Der diffuse Hauch nach verkohltem Horn, angesengten Haaren oder Gewebe stand förmlich in der Luft.
So sehr es ihnen bereits beim Anblick des toten Geästs einen Schauer über den Rücken gejagt hatte, so sehr verunsicherte sie nun ein dunkler Brandherd, den sie in unmittelbarer Nähe des Stammes ausmachten. Als sich die beiden zaghaft einige Schritte genähert hatten, um mit einem Stock darin herumzustochern, packte sie das kalte Grausen. Aus der verkohlten Fläche meinten sie etwas Rosiges, gleich verbranntem Fleisches hervorschimmern zu sehen. Anfangs glaubten sie, es müsse sich dabei um ein großes Tier handeln, als sie jedoch die Silhouette genauer betrachteten, ergriff sie das blanke Entsetzen. Auf dem Heimweg, den sie größtenteils rannten, als hätte sich etwas an ihre Fersen geheftet, verständigten sie ihre Eltern. Diese meldeten den Vorfall sogleich der Polizei.

Die Ermittlungen ergaben noch am selben Tag, dass es sich bei den verkohlten Überresten um den Leichnam des Landeigentümers handelte. Der 63-Jährige hatte sich am Vortag an der Eiche mit einem Benzinkanister übergossen und daraufhin in Brand gesetzt. Die beiden ermittelnden Polizisten mussten bei diesem neueren Schrecken, der das Dorf erschütterte, schwer um Professionalität ringen. Auch wenn sie nichts davon der Öffentlichkeit preisgaben und vieles selbst unter den beiden Kollegen unausgesprochen blieb, plagten sie Selbstzweifel und schwere Vorwürfe. Wenige Tage zuvor hatten sie noch mit dem Landwirt in seiner Wohnung gesprochen. Wäre das Unglück zu verhindern ge-wesen, wenn sie an diesem Tag aufmerksamer gewesen wären? Hatten sie möglicherweise Vorzeichen übersehen?
Im Allgemeinen ging man davon aus, dass der Landwirt den Suizid auf seiner Weide nicht verkraftet und sich aus diesem Grund das Leben genommen hätte. Den beiden Polizisten sollte der Fall jedoch wie ein unwirkliches Trugbild im Gedächtnis bleiben. Selbst Jahre nach ihrer Versetzung lauerte noch immer der rätselhafte Umstand in ihnen, dass das trockene Holz der Eiche kein Feuer gefangen hatte. Die Rinde des Baumes hatte nicht einmal Rußspuren aufgewiesen, obwohl der Körper des Landwirtes direkt davor in Flammen aufgegangen war. Es blieb den beiden Beamten nichts anderes übrig, als die Erinnerung daran immer wieder aufs Neue in den abgeschiedenen Bereich zu stoßen, der sie vor allzu großer Grübelei schützte. Spätestens, wenn sie jedoch einmal bei einem Gewitter die alte Spruchweisheit: »Vor Eichen sollst du weichen« vernahmen, kroch die bitterliche Ohnmacht jener vergangenen Tage in sie zurück.

Simon H. Krätzer
Über Simon H. Krätzer (1 Artikel)
Simon H. Krätzer, geboren 1984, arbeitet im sozialen Bereich und beschäftigt sich seit seiner frühen Jugend mit phantastischer Literatur. Zu seinen Vorbildern zählen die Schriftsteller der Epoche der Romantik und zahlreiche Vertreter der deutschsprachigen Phantastik, die in den 20er Jahren erschienen ist. Er lebt und schreibt naturnah im Umland von Hannover. Mit seiner Kurzgeschichtensammlung Traumtanz ist erstmals eine Auswahl der frühen Erzählungen des Autors erschienen.

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