Vlad III. Untold – Vom Pfähler zum Vampir

Draculea, der „Sohn des Drachen“, ergo Vlad, der Echte, sprich Tepes, der Pfähler, hat ganz furchtbare Dinge getan. In Dracula Untold, obgleich nicht ganz so böse, hätte er sich vermutlich hier und da wohlwollend wiedererkannt. In Bram Stoker’s Dracula (1887), wenn auch gleichsam inspiriert vom blutrünstigen Rumänen und weltweit (noch!) bekannter durch die Verfilmungen mit Maestro Christopher Lee, im grundsätzlich Offensichtlichen doch eher nicht. Das sind zwei Geschichten. Streng genommen natürlich drei.

vla2titWesentliches Merkmal der Unterscheidung: Vlad III. (1431 – 1477) war bekanntlich kein Vampir und wurde höchstwahrscheinlich auch keiner. Sonst hätten wir explizit von ihm Übles gehört. In Dracula Untold (2014, Regie: Gary Shore), der die unbeschreibliche oder eben auch die eine ungeschriebene Geschichte Draculas erzählt, verkauft Fürst Vlad für die Macht und zum Schutz von Familie und Volk seine Seele, indem er das Blut eines Verdammten trinkt. Drei Tage hat er Zeit, dem Durst zu widerstehen und damit dem Fluch der Unsterblichkeit zu entkommen. Vlad trotzt nicht, er wählt die ewige Gier.

Und hier kommt Stoker ins finstere Spiel, das er so vortrefflich beherrscht: Er knüpft an der beschlossenen Endgültigkeit der ganzen Sache an und bringt Vlad/Dracula als ungeschlagenen König aller zukünftig folgenden Blutsauger der Horror-Popkultur zu Papier.

Tatsächlich fiel Vlad III. bei einem letzten großen Aufstand gegen die Osmanen auf dem Schlachtfeld. Sein Kopf, in Honig konserviert, wurde dem Sultan geschickt, und der spießte ihn nach alter Väter Sitte auf einen langen Stock und zeigte ihn stolz seinem johlenden Volk. So soll das gewesen sein. Und das klingt auch nachvollziehbar für eine wahrlich ruppige Zeit, in der abgehackte Köpfe als ultimativer Beweis für die Erledigung lästiger Feinde galten.

Vlad III. freilich, Herrscher über die Walachei mit einigen kriegsbedingten Unterbrechungen, war den Türken bis zu seinem Tode nicht nur lästig, er wurde sein Leben lang gefürchtet als einer der unbarmherzigsten Herrscher des ausgehenden Mittelalters. Wobei seine Grausamkeit für die damaligen dunklen Tage keine ungeheuerliche Seltenheit war. Zimperlich ging niemand mit dem anderen um, und Vlad war eben einer der ganz Harten, der radikal gegen Abtrünnige und Oppositionelle vorging.

Im Kampf Bezwungene ließ er in der Hauptsache pfählen, eine Hinrichtungsmethode, die er von den Osmanen kannte und die mit einem sehr qualvollen, langsamen Sterben verbunden war. Details mögen hier erspart bleiben, nur soviel: Auch beim Pfählen gibt es Unterschiede, und da ist einer scheußlicher und abartiger als der andere. Mindestens 80.000 Menschen soll Draculea sich auf diese Weise aus dem Weg geräumt haben, humanistische Zeitgenossen schreiben, – dem Buchdruck (Gutenberg) hatte 1450 die Stunde geschlagen -, von „Wäldern aus Pfählen“:

„Er verursachte mehr Schmerz und Leid als sich selbst die bluthungrigsten Peiniger der Christenheit wie Herodes, Nero, Diocletian und alle anderen Heiden zusammen vorstellen konnten.“

Krass geurteilt. Alles wahr? Tatsache bleibt, dass Vlad III., der durchaus als Nationalheld gesehen wird, Massen umgebracht hat, um seine Ziele wie Kontrolle, Ordnung, Zucht zu erreichen. Überall herrschte Krieg, überall wurde verwüstet, vernichtet, gemordet für eigene Zwecke. Die des transsilvanischen Fürsten, der als großzügiger Förderer von Klöstern und Kirchen galt, waren vom Grundsatz her durchaus respektabel: Seiner umsichtigen Strenge wird zugeschrieben, dass Korruption und Verbrechen während seiner Regierungsphase(n) deutlich abnahmen, auch, dass Handel und Kultur wieder blühten.

vladGleichsam ranken sich die unappetitlichsten Erzählungen um ihn: Die Nasen seiner erschlagenen Gegner soll er an den ungarischen Hof geschickt haben, um mit seinen Erfolgen anzugeben. Türkischen Gesandten ließ er angeblich die Turbane an den Köpfen festnageln, weil diese sich weigerten, sie abzunehmen. Und unkeuschen Frauen, ein Dorn in seinem Auge, wurde kurzerhand der Prozess gemacht. Draculea ließ sie verstümmeln und brachte sie auf den Pfahl, wo sie wie all die vielen anderen so schauerlich Verurteilten wochenlang hängen blieben und verwesten. Vlad selbst soll oft und gern ganz in der Nähe seiner Hinrichtungsstätten gespeist haben, und als ihn ein Mundschenk einmal wohl unbekümmert fragte, ob ihm der Leichengeruch beim Essen nicht aufstoßen würde, wurde der arme Kerl für seine Neugier eben auch gepfählt.

Ob Vlad sich nun wirklich an seiner Grusel-Szenerie, – überall Pfähle mit Sterbenden und Toten -, maßlos ergötzt hat, wie es hier und da geschrieben steht, oder ob er sie als belehrende und mahnende Notwendigkeit betrachtete, die keine Kompromisse erlaubt, kann so wohl nie beantwortet werden. Und ob das nun ganz konkret so stimmt, dass Dorfbewohner Zeugen waren, wie…

„…Vlad aus einer Schar Zigeuner auswählte, sie braten ließ und dann die übrigen zwang, sie zu essen; Mütter mussten ihre Kinder verspeisen, Männer die Brust ihrer Frauen.“ (Flugschrift)

Eine Horrorgeschichte bleibt das. So (schlimm genug) oder so (definitiv grauenvoll).

dracula_3Auch Bram Stoker’s Dracula wirft seinen hungrigen Gespielinnen ein Kind vor, um sie von der für ihn bestimmten Beute (Jonathan) zu trennen. Derb genug. Und dass er mit 41 Särgen nach England reist, verheißt gleichsam keine menschenfreundlichen Absichten. Aber gar so extrem das Leben anderer verachtend wie sein historischer Vorreiter erscheint er uns eben nicht. Eher wie ein vom Schicksal Verteufelter, der sich mit kühler Versnobtheit und selbstgefälliger Arroganz auf keineswegs unelegante Art schützt. Anders eben.

Anders auch der Vlad in Dracula Untold. Da werden starke Schlachtszenen gezeigt, Fledermäuse machen im Sinn des Erfinders absolut Ernst und Luke Evans in der Rolle des Fürsten ist gut gewählt. Aber es fehlt diese gewisse Stoker-Romantik. Und die fehlt nun erst recht, wenn man sich Vlads wirkliche, – mal mehr, mal weniger wahre -, Geschichte vornimmt. Da bleibt am Ende nur ein klangvoll-sinnvoller Trost, die Liebe ist’s, und dabei bleibt es hier denn auch:

„Why think separately of this life than the next, when one is born from the last?
Time is always too short for those who need it, but for those who love, it lasts forever.“ (Dracula Untold)

Bram Stoker

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)