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Vito Corleone: Der Pate

(c) Cinema International Corporation

Sizilien in den Anfängen des 20. Jahrhunderts: Vito, ein kleiner Junge aus Corleone, träumt davon, ein großer Mann zu werden. So stark wie sein Vater Antonio. So tapfer wie sein älterer Bruder Paolo. Vielleicht auch so mächtig wie Don Ciccio, Kopf der lokalen Mafia, dem der Vater Ehre, Respekt und Gewissen zollt. Bis auf ein einziges Mal. Es läuft etwas schief, das alles verändert.

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Antonio Andalini begeht einen Fehler, fatal und nicht verzeihbar in den Augen Don Ciccios, der sich zutiefst beleidigt fühlt und Vitos Vater ermorden lässt. Paolo, der auf Vergeltung aus ist, wird ebenfalls eiskalt umgebracht. Und auch der kleine Vito soll sterben. Er gelte als Risiko, so der Don, würde sich zweifellos rächen wollen, wenn er erwachsen wäre. Vitos Mutter fleht um Gnade für sein Leben, erkennt, dass ihre Verzweiflung Ciccio nicht rührt, greift wild entschlossen, ihren Sohn zu retten, zum Messer, attackiert den Don, wird erschossen. Aber ihr Tod ist nicht umsonst, Vito kann fliehen. Mit Hilfe befreundeter Dorfbewohner gelingt es ihm, Sizilien auf einem Schiff zu verlassen. Ganz allein ist er auf dem langen Weg in seine neue Heimat Amerika. Dort angekommen, verwechselt die Einwanderungsbehörde seinen Nachnamen mit seinem Geburtsort. Aus Andalini wird Corleone.

Der Irrtum ist schicksalshaft. Schatten, Leidenschaft und das Blut Corleones, jener kleinen, von täglicher Gewalt und Bandenfehden regierten Stadt südlich von Palermo, Hochburg der Mafia, in den sizilianischen Bergen gelegen, begleiten ihn und lassen ihn nie wieder los.

Blut der Heimat

Die sizilianische Mafia, die „Cosa Nostra“ (Unsere Sache), eine Mitte des 19. Jahrhunderts entstandene, heute weltweit operierende Verbrecherorganisation, hat seine Familie getötet. Die Wurzel von Vitos Schicksal war Corleone. Die Stadt, in der das Herz des Löwen (cuore: Herz, leone: Löwe) schlägt, in dessen Brüllen sich die Geschichten von Mord, Korruption, Gier, Geld und Macht erkennen.

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Corleone ist für Vito vorerst Vergangenheit. Mitnichten eine bewältigte. Noch kennt Vito seine Zukunft nicht. Die Gegenwart heißt New York. Dort wartet seine eigene Macht. In der Finsternis und doch dem Glanz der Unterwelt, deren Stimme der Angst schmeichelt. Dort wird Vito König sein. Ein großer Gangster, vor dem die Metropole zittert. Oberhaupt von fünf Familien. Man nennt ihn Don. Godfather. Den Paten. Sein Wort ist Gesetz. Sein Gesetz ist die Waffe. Man huldigt ihm. Von Stolz erfüllt, zu ihm zu gehören, von Furcht gequält, seine Gunst zu verlieren. Seinen Zorn auf sich zu ziehen. Seine Rache erwarten zu müssen.

„Lüge mich nie wieder an. Das beleidigt meine Intelligenz und macht mich sehr böse.“

La Vendetta ist die seine

Vito kehrt 1922 im Alter von dreißig Jahren nach Sizilien zurück, um das Versprechen einzulösen, das er sich nach dem Tod seiner Eltern und seines Bruders gegeben hatte: Den Mörder Don Ciccio bezahlen zu lassen. Unbarmherzig und endgültig. La Vendetta, die Blutrache, ist seine.
Unter einem Vorwand kommt es zu einem Zusammentreffen. Der ergraute Don Ciccio erkennt den zum Mann gewordenen Vito nicht und sieht in ihm einen potenziellen Geschäftspartner. Der Angriff erfolgt wie aus dem Nichts: Vito zieht ein Messer, schlitzt Ciccio den Bauch auf und nennt dem Sterbenden den Namen, der sein Todesurteil ist: Andalini. Dann geht er zurück nach New York. Seine Eltern und sein Bruder sind gerächt. Und die Vergeltung prägt auch zukünftig alles, Recht und Unrecht vermischen sich zu einer gültigen Substanz. Ein Satz mit vielen Echos:

„Heute nacht rechnet die Familie Corleone ab.“

In den 1920ern ist Vito ganz offiziell ein Olivenhändler aus Little Italy in New York mit florierendem Geschäft, verheiratet und Vater von vier Kindern, inoffiziell Chef eines wachsenden kriminellen Imperiums, das sich mit begründet auf den immens ausgebauten Alkoholschmuggel während der Prohibition. Vito hat sich bereits einen Namen gemacht, der respektvoll geflüstert wird. Nachdem er Don Fancci, den selbst erwählten Herrscher über „Klein Italien“, aus dem Weg räumte, weil der ihn zu erpressen und zu bedrohen versuchte, ist Vito Ansprechpartner bei den kleinen und großen Sorgen der Leute und bei den akuten Deals der Mafia.

Geflüsterter Name

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Er hat es weit gebracht. Er bringt es weiter, sein : In den 1930er Jahren hält er als endgültig mächtigster Gangster New Yorks komplett die Fäden in der Hand, nachdem er den einflussreichen Don Salvatore Maranzo eliminiert hat. Vitos „Familie“ wächst: Viele Männer standen 1929 wegen der Wirtschaftskrise auf der Straße, Vito gab ihnen einen Job. Seine Mitglieder und Mafia-Getreuen sind ihm zu Dank, Respekt und Gehorsam verpflichtet, sprechen im Schlaf, mit der Pistole unter dem Kopfkissen, sein Gebot:

„Halte deine Freunde nahe bei dir, aber deine Feinde noch näher. Und…hüte dich, deine Feinde zu hassen, weil es dein Urteilsvermögen trübt.“

1945 findet die Hochzeit von Connie, Vitos einziger Tochter statt. Es ist ein imposantes Fest mit vielen Gästen, an denen man den geladenen Revolver unter dem Nadelstreifen wittert. Vito hält Audienz im Hinterzimmer und hört sich die Anliegen der Leute an, die um seine Hilfe bitten. Hoffnungsvoll, unterwürfig, zögerlich, ängstlich und in dem Bewusstsein, dass eine Gefälligkeit der Mafia niemals gratis ist. Der Don ist heilig. Der Pate ist unantastbar. Vito sagt:

„Geld ist eine Waffe. Politik ist, zu wissen, wann man abdrückt.“

Die Familie über allem

Ein auf ihn verübtes Attentat aus Rache über von ihm verweigerte Kooperation überlebt Don Vito Corleone. Er stirbt 1955 im Alter von dreiundsechzig einen überraschenden, aber gewaltlosen, natürlichen Tod. Herzinfarkt. Totenschein und Testament sind allerdings mit Blut geschrieben: Während seiner Beerdigung findet ein Rachefeldzug gegen die vier weiteren Mafia-Familien in New York statt, den Vito zuvor noch gemeinsam mit seinem Sohn Michael geplant hat. Michaels Leute töten die Oberhäupter, die sich und ihre Familien sicher wähnten, weil von angeblich ernstzunehmenden Friedensverhandlungen unter den Clans die Rede gewesen war. Der Irrtum ist Verderben, der neue König ist Vitos Erbe. Sein Vater setzte ihm die Krone des Wissenden auf:

„Du darfst nie einen Menschen, der nicht zur Familie gehört, merken lassen, was du denkst.“

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Erschaffen hat den legendären Mafia-Boss Vito Corleone als einen der faszinierendsten Charaktere des letzten Jahrhunderts der Schriftsteller Mario Puzo 1969 mit seinem Roman „Der Pate“ (Originaltitel: The Godfather, italienisch: Il Padrino), der sich weltweit mit über 21 Millionen Exemplaren seinen Ausnahmeplatz in den heimischen Bücherregalen sicherte. Die mit Nominierungen und Preisen überschüttete Verfilmung erfolgte 1972, Regie führte Francis Ford Coppola, den Vito spielte (göttlich!) Marlon Brando. Godfather folgte 1974 eine Fortsetzung mit Robert de Niro als jungerVito, – gleichwohl eine absolute Paraderolle auch für ihn – , 1990 kam „Der Pate III in die Kinos. Coppola führte auch hier Regie.

Werbespot für die Mafia

Paramount, Anfang der 1970er kurz vor dem finanziellen Desaster stehend, atmete damals tief durch und sehr viel tiefer auf. „Der Pate“, Teil I, abgekauft von Puzo für recht bescheidene 12.500 US-Dollar und mit einem Budget von sechs Millionen gedreht, spielte 245 Millionen US-Dollar ein. Und galt und gilt nicht nur als künstlerisches Meisterwerk der Filmgeschichte, sondern auch als Mega-Meilenstein des Gangsterfilms und hier und da eben gleichwohl als…

„..bester Werbespot für die Mafia, der je macht wurde.“

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Tatsächlich idealisiert der Film und wird dabei durchaus den großen Mafia-Tugenden wie der persönlichen Ehre, dem familiären Stolz und Zusammenhalt des Clans gerecht. Am (Dreh-)Buch die beringten Finger gehabt hat die „Cosa Nostra“ aber nicht, auch wenn Puzo bei seiner Erzählung ein berüchtigt-illustres Vorbilder im Kopf hatte: Unter dem Namen Don Vito war der sizilianische Mafiaboss Vito Cascio Ferro (1862 – 1943) aus Palermo bekannt, der in New York City den „Krieg von Castellammare“ initiierte.

Den perfekten Paten auf der Leinwand gegeben hat unverkennbar auf diesen einen speziellen, besonderen Charakter zielend Marlon Brando mit seiner Darstellung einer Milieu-Figur, die ein Bild prägte, das sich im Bewusstsein eingebrannt hat. Mit jener Melodie als Klang-Kulisse, die zu den größten Filmmusiken aus 100 Jahren zählt, komponiert von Nino Rota und Carmine Coppola.

Ein einziger Satz, gesprochen mit heiserer Stimme, und wir wissen, wer ihn sagt, wann er ihn sagt. Und was er bedeutet.

„Ich mache ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann.“

Dieser Satz, im Original-Wortlaut: „I’m going to make him an offer he can’t refuse.“, steht auf dem zweiten Platz der 100 besten Filmzitate aller Zeiten. Und wer den nun wirklich nicht kennt, weiß auch nichts von der Sache mit dem abgetrennten Pferdekopf auf dem Kopfkissen als Mahnung, Vito Corleone keine Widerworte zu geben. Zudem: Stets daran zu denken, ihn respektvoll Pate zu nennen. Sein gekränkter Vorwurf…

„You don’t even think to call me Godfather“

…verheißt definitiv nichts Gutes. Aber wir sind instruiert. Wir verbeugen uns.

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