Verstreute Asche

Harold Yateley saugte die Bergluft ein und lauschte dem fernen Vogelgesang. Er beobachtete die Nebeldecke, die aus dem Tal herauf zu seiner Bergstatt kroch. Er betrachtete die Jakobsleiter des Morgenlichts, das auf den sich unterhalb sammelnden Nebel fiel, aber dann runzelte er die Stirn, als die morgendliche Illuminierung zerstob und Dunkelheit den Himmel ausfüllte. Die plötzlichen Gewitterwolken waren unerwartet und unwillkommen, und sein Stirnrunzeln vertiefte sich noch, als kalte Luft von oben heran fegte und sein sterbliches Fleisch umhüllte. Die Dunkelheit über ihm wirkte sonderbar, wie die hungrigen Schatten kosmischer Dämonen, die an Harolds irdischem Zuhause vorüberzogen. Er wandte sich ab, ging die Verandatreppe hinauf, und suchte Schutz vor dem schweren Niederschlag; und er wunderte sich über die Farbe des Regens, und dass er überhaupt eine Farbe hatte, eine Schattierung merkwürdiger blaugrauer und phosphoreszierender Schwärze. Harold sah zu, wie er vom Himmel fiel, bis der Wolkenbruch so plötzlich aufhörte wie er begonnen hatte. Seine Nasenlöcher saugten den Sturm ein, der aus dem Tal heranbrauste und einen Geruch mit sich brachte, den Harold nicht identifizieren konnte. Dieses Naturereignis hinterließ ein seltsames Gefühl in seinem Bauch und in seinem Kopf ein Wehklagen der Benommenheit. Die Augen schließend pfiff er gegen den Wind, bis der Sturm nur noch eine leichte Brise war, und dann bemerkte er hinter sich die Verandaschaukel, die er errichtet hatte, und fiel auf sie. Die Augen weiterhin geschlossen, zog er sich selbst mit den Füßen, die er auf das stabile hölzerne Gestell stemmte, hinauf, und begann zu schaukeln. Obwohl der Sturm vorüber war, war die Luft nach wie vor recht kühl, und er öffnete seine Augen, um den Garten, ein paar kleine Wege von seinem Haus entfernt, zu betrachten. Das Stückchen Land war in Auflösung begriffen, und er hatte nicht etwa Angst davor gehabt, es in Ordnung zu halten – auch Faulheit war nicht der Grund, aber er fürchtete sich vor dem Ding, das an die Seite der verfallenen hölzernen Hütte genagelt worden war, in der seit Generationen die Gartengeräte untergebracht waren. Sich diesem Verschlag, seinem Inhalt und der toten Hülle zu nähern, die daran festgenagelt war, bedeutete, sich mit der Familiengeschichte zu konfrontieren, die er lieber ignorieren und fliehen wollte.

Harold lebte ein Leben, das er sich stets erträumt hatte, ein einsames Leben, weit entfernt von jeglichem menschlichen Kontakt, mit genug ererbtem Vermögen, das ihn für den größten Teil seines Lebens beschwerdefrei hielt. Als seine wenigen Freunde von dieser Erbschaft und seinen Plänen, in das alte Haus in den Bergen zu ziehen, gehört hatten, hatten sie ihn für verrückt erklärt, und ihm gesagt, dass die Einsamkeit ihn bald wieder zurück in das Stadtleben spülen würde. Seine Freunde hatten ihn natürlich nie verstanden und beschwerten sich ständig über seine unsozialen Ideen, seinen Wunsch, die meiste Zeit allein zu verbringen, in seiner großen Bibliothek zu lesen oder Gedichte zu verfassen, die er nicht geruhte, mit der Welt zu teilen. Ihre ermüdenden Beschwerden konnten ihn nicht mehr erreichen, denn nicht einem von ihnen hatte er erzählt, wo sich der Wohnsitz seiner Ahnen befand. Die wenigen Freunde, die er an verschiedenen Orten seiner Beschäftigungen kennengelernt hatte, hatten nie verstanden, dass er es ehrlich meinte, als er ihnen erklärte, dass seine Bücher seine besten Freunde waren, und dass er lieber einen ruhigen Abend zu Hause mit den von ihm geliebten Autoren verbrachte, als sich mit sinnlosen Aktivitäten irgendeines sozialen Umfelds zu befassen. Seine Freunde hatten Empörung darüber zum Ausdruck gebracht, dass er sie nie über seinen reichen exzentrischen Onkel informiert hatte, und er weigerte sich, seinen Familienhintergrund mit ihnen zu diskutieren, wollte ihnen die Geschichte über Hexerei und Zauberkünste nicht enthüllen, die seine Linie beschmutzte.

Harold hielt sich nicht lange mit dieser Geschichte auf, aber er kam auch nicht umhin, darüber nachzudenken, jetzt, da seine Augen den kleinen Garten erforschten, wo sein Onkel zweifellos die Kräuter und Reagenzien gezüchtet hatte, die er für seine alchimistischen Verbindungen benutzte. Vielleicht würde Harold den Flecken Erde für gewöhnlichere Dinge nutzen, Gemüse anbauen, das er essen konnte, obwohl seine Gesundheit nicht gerade robust war und er keine wirkliche Lust auf Gartenarbeit verspürte. Dennoch war er entschlossen, das Haus und das Land von allen Spuren zu befreien, die mit der Zauberei seines Onkels zusammenhingen. Er hatte bereits alle diesbezüglichen Artefakte aus dem Haus entsorgt. Allein der Schuppen verblieb noch, und er war nicht in der Lage, ihn zu dulden, wegen des Dings, das dort an die Wand über ein Diagramm genagelt worden war, das aus gelber Kreide bestehen mochte.

Der Wind wurde heftig und trieb Regen in sein Gesicht und seine Haare. Bevor er seine Füße bedeckte, flüchtete sich Harold in den Schutz seiner Behausung. Sanftes Licht begrüßte seine Augen, und den Dichter überkam ein sofortiges Gefühl der Ruhe. Er hatte den vorderen Raum in ein Reich der Literatur verwandelt, in dem er vor der Feuerstelle sitzen konnte, eine Tasse Kaffee auf dem Ständer neben seinem Sessel und ein Buch in seinem Schoß, und hatte sich viele Regale angeschafft, so dass ihn all seine Lieblingsbücher in diesem Raum umgeben konnten. Ein größerer Raum, der seinem Onkel als Bibliothek gedient hatte, enthielt Harolds andere Bücher, und auch jene, die seinem Urahn gehört und die er nicht der Miskatonic University gestiftet hatte, als der Direktor ihn kontaktiert hatte, nachdem er vom Tod Edmund Yateleys erfuhr. Harold befand sich nicht gern in der Bibliothek – der Raum fühlte sich zu sehr nach der Aura seines toten Onkels an, und es hatte Harold verstört, als er den Teppich zum Reinigen zusammenrollte und auf dem Boden darunter ein Diagramm fand, das mit Kreide gezeichnet war. Diese Gedanken fühlten sich wie staubige Spinnweben in seinem Gehirn an und er rieb sich die Stirn mit beiden Händen, wie um daraus den Schmutz zu vertreiben. Kaffee konnte vielleicht helfen, und in der Küche stand eine halbe Kanne, frisch aufgebrüht, zu der er sich jetzt aufmachte. Er konnte den Sturm vor dem Küchenfenster hören und war dankbar für die Wärme und Sicherheit in seinem Haus. Zurück im Wohnzimmer, machte er es sich in seinem Sessel gemütlich und nippte an seinem Kaffee, als es im Raum kalt wurde, weil sich die Haustür öffnete. Harold blickte finster auf die ältere Frau, die den Raum betrat und hinter sich die Türe schloss. Sie spähte den großen Mann mit den wässrigen Augen an und runzelte die Stirn.

„Wo ist Edmund?“ fragte sie mit rauer Stimme.

„Ist es für Sie üblich, Madam, ungeladen fremde Häuser zu betreten?“

Das Wesen ignorierte seine Frage und tätschelte das sperrige Bündel Sackleinen, das sie sich unter den Arm geklemmt hatte. „Ich habe geschäftlich mit Edmund Yateley zu tun. Ich habe die Ausgabe beschaffen können, die er so begehrte und bin hier, um den Preis auszuhandeln.“

„Mein Onkel ist tot. Sie müssen Ihr Geschäft woanders tätigen, fürchte ich.“ Harold besah sich die alte Gestalt und bemerkte, wie elend sie in ihren Kleider wirkte, wie sie aus einer Mischung aus Alter und Kälte zitterte. Seine Stimme wurde sanfter und er erhob sich, um einen Holzstuhl näher an den Kamin zu rücken. „Sind Sie durch den Sturm gelaufen? Haben Sie keinen Schirm? Kommen Sie, ruhen Sie sich etwas aus und wärmen sich auf. Ich habe etwas Suppe auf dem Herd stehen. Haben Sie schon gegessen?“

Die Frau sah sich im Raum um, als ob sie jetzt erst bemerkte, wie sich die Einrichtung verändert hatte. Sie hinkte zu einem der Regale, studierte die Titel und schüttelte ihren Kopf. Dann drehte sie sich zu Harold, lächelte seltsam und nahm sein Angebot an, sich auf den Stuhl nahe beim Kamin zu setzen. „Wo haben Sie ihren Ahnen beerdigt?“

„Ich habe in Erfahrung bringen können, dass einige seiner Freunde seine Asche im Garten vor dem Haus verstreuten, wie er es verlangt hatte. Ich kann nicht bestätigen ob es wahr ist, denn keiner seiner Bekannten hat mich in der kurzen Zeit, die ich hier lebe, aufgesucht. Ich bin Harold Yateley“, sagte er und verbeugte sich.

„Fiona Poole, eine der Bekannten ihres Onkels.“ Ihre Augen leuchteten, als sie Harold ansah, und etwas an ihrer Miene verwirrte ihn. „Ich habe ihn mit Büchern versorgt, um seine Kunst zu unterstützen. Er war ein außergewöhnlicher Zauberer. Ich werde ihn vermissen. Ist es wohl möglich, dass ich eine Tasse Tee bekomme? Danke sehr. Es war unsere Art, eine Tasse Tee miteinander zu teilen, wenn wir uns über unsere Faszination für das Okkulte austauschten. Nein, ich bleibe lieber hier, wo es warm und trocken ist.“

Harold verschwand in die Küche und setzte den Kessel auf das Feuer, dann ging er zu einem kleinen Kämmerchen, in dem er einen ziemlich mitgenommenen, aber halbwegs funktionstüchtigen Regenschirm fand. Miss Poole grinste, als sie den Regenschirm sah, der von Harolds Arm baumelte, während er den Raum mit einem Tablett betrat, auf dem er eine kleine Teekanne aus Porzellan, zwei Tassen, Milch, Zucker und Kekse balancierte. Er stellte alles auf einen kleinen Ständer in der Nähe der Frau und beäugte das Leinenbündel, das auf dem Boden lag. „Ich habe das meiste der Bibliothek meines Onkels der Miskatonic University gespendet. Ich fürchte, ich bin zu prosaisch veranlagt, um ein Interesse an esoterischen Dingen zu haben.“

Sie nippte an ihrem Tee und schüttelte ihren Kopf. „Nein. Ich könnte diesen seltenen Band keiner Institution vermachen. Ich muss es in die Hände von jemanden geben, der es auch benutzt. Haben Sie denn gar kein Interesse an der Geschichte Ihrer Herkunft, an Ihrem unheimlichen Erbe?“

„Keineswegs“, erläuterte er leise lachend. „Mein Interesse gilt der Poesie.“

„Ah! Sie zaubern mit Worten und Einbildung. Das ist eine Art von Magie. Dann wird sie dieses Buch hier womöglich interessieren, es geht darin um alchemistische Verse.“ Sie bückte sich und ließ eine Hand in dem Beutel verschwinden, um ein sehr kleines Buch daraus hervorzuziehen, anscheinend eines von vielen Dingen, die sich darin verbargen. „Dies ist eines von wenigen Exemplaren aus dem 18ten Jahrhundert, die überlebt haben. Die meisten wurden von scheinheiligen Moralisten zerstört. Ich sehe, Sie haben eine Shakespeare-Ausgabe in Altenglisch, also müssten Sie mit der Sprache dieser Zeit vertraut sein – das Lesen sollte dann kein Hindernis darstellen.“ Sie reichte ihm das Buch, und er legte den Regenschirm beiseite und nahm den Band an sich. Er war überrascht, wie leicht das Buch in seinen Händen lag, und wie sanft der Einband sich unter seinen Fingern anfühlte.

„Die Sprache ist wunderbar kraftvoll, wie es bei den besten Gedichten der Fall ist – sie prickelt an den Lippen, wenn man sie laut liest. Sie werden es genießen, diese Zeilen auszusprechen.“

„Danke, Miss Poole. Welchen Preis hat mein Onkel mit Ihnen für dieses Buch vereinbart?“

Sie schüttelte ihren Kopf. „Nein – betrachten Sie es als ein Geschenk in Gedenken an Edmund. Er war mir gegenüber stets sehr großzügig. Ich trauere um ihn.“

„Vielleicht kann ich Ihnen etwas zum Andenken geben? In diesem Haus ist noch einiges aus seinem Besitz vorhanden, Gemälde und derlei. Kommen Sie mit mir in die Bibliothek.“ Sie erhoben sich gemeinsam, und er ging langsam aus Rücksicht ihrem Hinken gegenüber. Als sie den geräumigen Raum betraten, seufzte Fiona Poole.

„Er ist nicht mehr anwesend. Man konnte seinen Geist in diesem Raum spüren, als er noch lebte, er war wie ein Teil seiner Persönlichkeit. Wir hatten hier einige wunderbare Rituale abgehalten.“ Sie blickte auf den Teppich.

„Ich habe das Kreidediagramm entfernt, das sich darunter befand. Das Haus hatte sehr viel Schmutz angehäuft zwischen Onkel Edmunds Tod und meinem Einzug. Ich habe das ganze Gebäude gewissenhaft gereinigt. Aber, wie Sie sehen können, habe ich viele Dinge im Raum belassen, um einen Teil von ihm hier zu behalten. Mich überkommt eine gewisse Traurigkeit, wenn ich den Raum betrete, wie ich zugeben muss – es erinnert mich daran, dass ich nichts über meinen Onkel wusste, außer den Dingen, die man mir von ihm erzählte, als ich ein junger Mann war. Mein Vater, Edmunds Bruder, starb, als ich jung war, und meine Mutter und ich hatten nie etwas mit der familiären Seite meines Vaters zu tun.“

Harold zuckte entschuldigend die Achseln und deutete dann mit einer Hand auf die Gegenstände des Zimmers.

„Wenn Sie etwas sehen, das Sie gerne haben möchten …“

„Ich sehe, dass Sie einige interessante Bände weggegeben haben. Der Universität? Dort werden sie vor neugierigen Augen weggesperrt sein und keinem Zauberer einen Dienst erweisen. Zu schade. Darf ich die gelbe Maske haben, die dort an der Wand hängt? Haben Sie sie sich jemals genauer angesehen, wissen Sie, was das ist?“ Harold gab zu, dass er es nicht wusste.

„Er hat sie gemacht, als er sechzig Jahre alt war. Es ist Edmunds Lebensmaske. Kommen Sie, berühren Sie sie. Sehen Sie, wie sanft sein Gesicht in diesem Alter war. Seine Haut war sehr bleich, hatte einen Stich ins Gelbliche, aber nicht so glänzend wie die Maske. Ich habe sie schon immer gemocht. Darf ich sie haben?“

Harold ging zur Wand und entfernte die Maske, brachte sie der Frau und legte sie in ihre erwartungsvollen Hände. Sie murmelte zufrieden, als hätten sich die unnachgiebigen Lippen der Maske gegen ihre Handflächen gedrückt. Mit einem merkwürdigen Blick, den sie ihrem Gastgeber zuwarf, hob sie die Maske nahe vor ihr Gesicht und untersuchte sie; dann zuckte sie mit den Achseln, schüttelte ihren Kopf und ging geradewegs zur Tür und aus dem Haus. Harold folgte ihr schweigend. Gemeinsam standen sie auf der Veranda und blickten über die Landschaft hinweg und beobachteten den Nebel, der aus dem Tal aufstieg, dann folgte er ihrem Blick über den vernachlässigten Garten, wo die Asche seines Onkels verstreut wurde. Sie nickte seltsam in sich versunken und wandte sich dann der Figur zu, die an die Wand des Schuppens genagelt war. „Er hat das nie begraben“, flüsterte sie.

Harold runzelte die Stirn und verstand nicht, was sie damit meinte, bis er das Ding bemerkte, das an der dünnen Holzwand befestigt war. „Was ist das, ein Hund oder so was?“

„Oder so was“, kicherte sie. „Etwas Gefundenes, das jetzt vernachlässigt wird. Nun, der Regen hat nachgelassen, ich sollte mich auf den Weg machen. Danke für das Geschenk. Hüten Sie ihr Buch.“

„Sind Sie sicher, dass Sie keine Suppe oder etwas Brot haben möchten?“ Sie schüttelte verneinend ihren Kopf. Er sah ihr zu, wie sie die Treppe hinunter humpelte und den Pfad überquerte, bis sie im Nebel verschwand, gegen den sie die gelbe Maske wie zur Beschwörung hob. Der große Mann beobachtete das Miasma, das ihre gebogene Gestalt verhüllte und verschluckte. Ein Geräusch drang aus der nebligen Luft vor ihm, möglicherweise ein Vogel oder eine der verlorenen Seelen, die dort im Dunst trieben. Harold sah eine Stelle, wo der Nebel sich kräuselte wie in einem Whirlpool, gefangen in den widersprüchlichen Strömungen des Windes. Erstaunt beobachtete er, wie der kleine Wirbelwind über die Hütte herfiel, seine zerbrechliche Hülle schüttelte, sich dann über das Scheusal legte, das dort festgenagelt war, und es befreite. Das trockene tote Ding tanzte ein paar Sekunden in der Luft wie eine Marionette, von einer unsichtbaren Hand geführt und fiel dann auf ein ausgetrocknetes Gartenstück, wo es still liegen blieb. Harold ging zum Schuppen hinüber, dessen Tür aufgerissen war und tastete nach der Schaufel, die an der Wand lehnte. Dann schlich er in den Garten, um die leblose Hülle zu untersuchen, fand das Ding allerdings derart ausgetrocknet und seine entstellten Glieder so verdreht, dass er sich nicht vorstellen konnte, was es einst gewesen sein könnte. Der Boden, in den er die Schaufel steckte, war bemerkenswert nachgiebig, und es dauerte nicht lange, bis er tief genug gegraben hatte, um die leblose Hülle hineinzustoßen und mit Erde zu bedecken. Nachdem er die Schaufel in die fadenscheinige Hütte zurückgebracht hatte, ging er zum Haus zurück und nahm in heißes Bad. Frisch gewaschen und ausgeruht betrat er das Wohnzimmer und besah sich das Buch, das er bekommen hatte; der Inhalt jedoch langweilte ihn, weil er kein Interesse für das Reich der Zauberei aufbringen konnte, das seinen Ahnen so fasziniert hatte. Vielleicht freute sich die Miskatonic ja über diesen neuen Erwerb, ihm selbst tat er jedenfalls nicht gut.

Zurück in der Bibliothek, stand Harold neben seinem goldenen Sessel und blickte sich im Raum um, bevor er sich seinem letzten Buch widmete. Dort, auf einem niedrigen Tischchen, standen einige gerahmte Fotografien, die er sich nur flüchtig angesehen hatte, als er hier eingezogen war; jetzt bückte er sich, um sie sich genauer anzusehen. Er erkannte seinen Onkel aufgrund der Ähnlichkeit mit der Maske, die er der Hexe gegeben hatte. Er wirkte völlig normal und posierte mit einer Gruppe, es mochten Freunde oder Kollegen sein. Ein Foto, kleiner als die anderen, ließ ihn etwas stutzen. Es zeigte eine große Gestalt, bei der es sich um seinen Onkel handeln musste, und sie trug eine seltsam groteske Tiermaske. Es handelte sich dabei um eine Scheußlichkeit, die es in Wirklichkeit nicht gab. Etwas an dieser Maske verwirrte ihn, denn sie wirkte wie das deformierte Gesicht eines Tieres, dessen Gesicht abgezogen und mit Konservierungsmittel speziell aufbereitet worden war. Die maskierte Gestalt hielt ein großes Buch in einer Hand, während die andere wie zu einer magischen Geste erhoben war, als ob sein Onkel bei einem Akt der Beschwörung zufällig fotografiert worden war. Neben seinem Onkel stand eine zwergenhafte, unmenschliche Figur, deren Gesicht exakt die gleiche Maske trug.

Schläfrigkeit überkam Harold, so dass er die Augen schloss und dem Sturm vor dem Haus zuhörte. Er wusste, dass die Träume, die sein Nickerchen heimgesucht hatten, sehr merkwürdig waren, aber als er erwachte, konnte er sich nicht mehr an sie erinnern. Er öffnete seine Augen und lauschte, denn es war ein unnatürlicher Schrei in seinem Traum gewesen, der ihn geweckt hatte. Er konnte den Regen vor dem Fenster direkt neben sich prasseln hören, und dann vernahm er den grauenhaften Schrei erneut. Es war wie das Wehklagen eines Tieres in Qual. Taumelig erhob er sich aus seinem Sessel und stolperte zur Haustür und auf die Veranda hinaus. Regen fiel wie ein Sturzbach, und er konnte in der Dunkelheit nicht viel erkennen, obgleich ein wenig Licht aus der geöffneten Tür sickerte und jenen Teil des Gartens beleuchtete, wo sich etwas unbeholfen bewegte. Was war das? Ein formloses Tier, das in der Erde grub? Das Ding drehte sich dem Licht entgegen, das aus dem Haus drang, es öffnete sein Maul und schrie, um dann damit fortzufahren, sich aus der Grube zu befreien, in der es lag.

Was immer es war, es litt. Als ob er weiterhin träumte, ging Harold in den Sturm hinaus und näherte sich dem Garten. Er kniete vor der Kreatur und sie blickte ihn aus tiefschwarzen und unmenschlichen Augen an. Er sah, wie sich das Maul erneut öffnete, aber diesmal drang kein Laut des Schmerzes daraus hervor – es war Harolds geflüsterter Name. Er beobachtete, wie sich die Kreatur auf die Grasnabe schob, die eine Menge Asche und Knochensplitter enthielt – die verbrannten Überreste Edmund Yateleys.

Dann vernahm er ein Geräusch in diesem peitschenden Wind – eine Stimme; und als er seine Augen hob, sah er seinen Onkel in der Ferne stehen, wie er sich durch den heftigen Regen auf ihn zubewegte. Er wunderte sich, warum sein Onkel Frauenkleider trug, bis er bemerkte, dass es gar nicht sein Onkel war, sondern die Hexe, der Harold die Maske gegeben hatte, die sie nun trug. Sie bückte sich, um sich neben ihn zu knien und drückte ihre trockenen, rissigen Finger auf seinen Mund. Sie griff nach einem Stück Knochen, das ihr von dem begrabenen Scheusal gereicht wurde, und mit dessen scharfer Kante ritzte sie ein Zeichen in Harolds Stirn. Sie drückte ihre Finger gegen die Wunde und brachte den Geschmack von Blut auf seine Lippen, dann wiederholte sie den Vorgang und reichte die purpurne Flüssigkeit dem gnomenhaften Wesen, das sie mit seiner schmalen Zunge ableckte. Die Frau nahm die Maske von ihrem Gesicht und sprach den Namen seines Onkels in den Sturm, dann drückte sie die Maske auf Harolds Gesicht. Er mochte das geschmeidige Gefühl der Maske nicht, wie sie sein Fleisch umklammerte und sich seinem Gesicht anpasste, noch mochte er den Blick der alten Vettel, der in ihrem Gesicht glühte als sie sich zu ihm beugte und mit ihren Lippen die der Maske berührte. Wie seltsam, dass er ihren Kuss schmecken konnte, die salzige Absonderung ihres Atems schlich sich in seinen Mund und verdunkelte seine Seele. Wie seltsam, dass seine Erinnerung an das Leben verblasste, um dann zurückzukehren, neu zusammengesetzt, restauriert.

Er stand da und lachte in den Sturm hinein, nahm die Frau in seine Arme, und ihr Kuckuckskind, endgültig aus der Erde befreit, tänzelte fröhlich um ihre Füße herum.

 

Übersetzt von Michael Perkampus © 2017
Das Original  „This Scattered Ash“ ist im famosen Lovecraft eZine erschienen.
W.H. Pugmire

W.H. Pugmire

W.H. Pugmire schreibt „Lovecraftian Weird Fiction“ seit den frühen 70ern, entschlossen zu zeigen, dass man in Lovecrafts Tradition schreiben und trotzdem originell und einzigartig bleiben kann. Von seinen zahlreichen Büchern liegt bisher kein einziges in deutscher Sprache vor.

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