Verführerische Düfte

Der alte Gort öffnete die Tavernentür persönlich und verabschiedete Viona Makanar mit einer tiefen Verbeugung, die nicht nur seine Knochenplatten laut krachen ließ, sie stellte zudem etwas dar, was die Gäste der Spelunke nicht alle Tage zu sehen bekamen. Jedoch lagen die meisten Blicke nicht auf der gekrümmten Gestalt des Glisk, sondern folgten der eleganten Frau, deren Präsenz sich aus dem Schankraum zurückzog wie das Meer vor einer Sturmflut.

Mit ihr schienen die Kerzen zu kleinen Stummeln zu schmelzen, deren Licht kaum mehr ausreichte, die vernarbten Bretter der Tische zu beleuchten. Der Qualm aus dutzenden Pfeifen und dem verrußten Kamin gewann dagegen an Festigkeit, als wollte er die schwindende Helligkeit durch seine eigene Herrschaft ersetzen.

Die Besitzerin des Waisenhauses am Wicca-Platz überging die unterwürfige Geste des Alten mit einer Anmut, deren Zauber schon ganz andere und wesentlich hübschere Männer dazu verführt hatte, sich ihr vor die Füße zu werfen. Sie wog den Spendenbeutel spielerisch in der Hand und verabschiedete sich von der stummen Menge mit einem zarten Lächeln. Ihre schwarzen Augen wanderten dabei von Gesicht zu Gesicht und egal zu welcher Rasse oder Geschlecht ihre Besitzer gehörten, ob es sich um üble Trinker, Huren oder kampferprobte Söldner handelte, jeder von ihnen war überzeugt, dass dieser Blick ganz allein ihm oder ihr gehörte.

»Danke!«, hauchte sie schlicht und trat auf die kleine Kreuzung, an deren Ecke die Taverne Zur Blutigen Klinge wie eine uralte Festung aus zusammengesunkenen Mauern hockte. Sie ließ den Geldbeutel in ihren Gewändern verschwinden, ohne dass zu sehen gewesen wäre, wohin. Ihre Gestalt zeichnete sich im Gegenlicht der trüben Tavernenbeleuchtung schlank und verführerisch ab, wohlfein zur Geltung gebracht von einem Kleid, in dem jede andere Frau wie eine Bettlerin gewirkt hätte. Doch Viona Makanar brachte den Stoff zum Leuchten, als wäre er aus kostbarstem Loptat.
Selbst die einfachen Holzpantinen an ihren Füßen schienen jeden Dreck abzustoßen, der die feuchten Steine der Gosse bedeckte. Als würde Schlamm und Unrat ebenso vor ihr weichen, wie Fnossels und anderes Getier, das sich davon ernährte. So glitten ihre Schritte tänzerisch leicht durch die Nacht, bis sie mit einer blitzschnellen Bewegung in die Dunkelheit einer Ladennische griff. Gefolgt von einem erstickten Schrei, zerrte sie daraus einen schlaksigen Jungen hervor.

»Hey, …« brachte Balay hervor, doch dann erkannte er die Frau, obwohl er sie bisher nur aus der Ferne gesehen hatte. Mit einem jungenhaften Grinsen sank er in sich zusammen.
»Frau Makanar!«, stammelte er, ohne den Versuch zu wagen, seinen Arm aus dem schmerzenden Griff zu befreien.
»Ich kenne dich«, sprach ihn die Frau an und es klang ihm in den Ohren wie das Wetzen eines Schwertes, bereit, ihm die Kehle durchzuschneiden. Trotzdem hätte er jedem sofort geschworen, je eine lieblichere Stimme in seinem Leben gehört zu haben.

»Du treibst dich mit Pinca herum!«
Ihm blieb nichts anderes übrig, als dieser Stimme, diesem sengenden Blick zu antworten.
»Ja, aber es ist ganz harmlos, Frau Makanar!«
»Harmlos?« fragte die Frau und der kühle Ton in diesem Wort schnitt sich tief in die Angst des Jungen und er konnte sich kaum dazu zwingen, nicht wie ein erbärmlicher Feigling einfach loszuzittern, oder noch peinlicheren Trieben freien Lauf zu lassen.

»Ist es dir nicht Ernst mit meiner Tochter? Machst du ihr nicht seit dem letzten Neumarkt schöne Augen? Scharwenzelst du nicht jede freie Minute um sie herum und hinderst sie daran, ihren Pflichten nach zu kommen? Nennst du das harmlos? Willst du ihr das Herz brechen und sie dann einfach wegwerfen wir faules Gemüse?«

Balay gönnte sich ein kleines Aufatmen, doch wagte er nicht, weitere Anzeichen seiner Erleichterung preiszugeben.
»Es ist … sie hat … ich mein …« stammelte er. Dann hatte sich genügend Spucke und Mut in ihm angesammelt, dass er weiter reden konnte.
»Pinca – es ist ganz plötzlich geschehen, Frau Makanar! Ich konnte gar nichts dafür. Sie ist …«
» … kein Kind mehr.« Mit einem fast freundlichen Flüstern beendete Viona Makanar den Satz des Jungen und lockerte ihren Griff.

Balay fühlte sich gleich sicherer.
»Ja! Mich haut das auch völlig um, können Sie mir glauben. Wir sind wie Geschwister, äh, …« Prüfend sah er in das Gesicht der Waisenmutter.
»Beweis mir, dass du nicht nur mit ihr spielst!« Erschreckt zuckte Balay zusammen, als sich die kalten Finger wieder fester um seinen Arm schlossen.
»Was … soll ich tun?«, murmelte er.
»Früher ging man für so etwas in den Garten der Taipa.«
»Der Duftgarten?« Irritiert zog Balay die Stirn in Falten. Das war eine Legende, ein albernes Märchen für Mädchen …

Ein feines Lachen erklang und fegte Zweifel und Ängste davon.
»Was seid ihr jungen Leute doch für armselige Liebchen! Sucht ihr überhaupt noch nach den geheimnisvollen Orten der Liebe?« Plötzlich strahlte die Frau eine wohlige Güte aus und wurde nun auch in Balays Augen zu jener liebevollen Mutter, wie er sie aus Pincas Worten kannte. Der bisherige Ton dieser Begegnung hatte ihn bereits daran zweifeln lassen.
»Ich suche ja gerne alles für Pinca, aber niemand weiß, wo dieser Garten liegt!« Er mühte sich, all seine Aufrichtigkeit in diesen Ausruf zu legen.
»Da kann ich dir helfen. Ich müsste da in meinen Jugendsachen noch eine Karte haben!« Verschwörerisch zwinkerte sie ihm zu. »Die werde ich dir zukommen lassen!« Dann sah sie ihn ernst an. »Junger Mann, ich erwarte, dass du die Situation nicht ausnutzt! Ein Treffen an einem lauschigen Örtchen ist kein Versprechen für mehr! Habe ich mich klar ausgedrückt?«
Er bejahte eilig und wunderte sich, dass diese letzten Worte von ihr überhaupt nicht mehr bedrohlich wirkten. Mit einem strahlenden Lächeln erwiderte er den warmherzigen Händedruck von Pincas Mutter.

Er lächelte noch, als das Tageslicht seine kleine Gaunerschicht in den Gassen der Stadt beendete. Und er träumte von Pinca in einem blühenden Garten. Rot leuchteten ihre Haare. So rot und samten wie ihre Lippen, bereit für ein Kuss im Garten der ewigen Lieben. Seine Gedanken wanderten weiter und füllten die uralte Legende des Duftgartens mit noch viel sinnlicheren Details …

* * *

Das tiefe Brummen der Stadtwache wurde leiser, als die Patrouille um die Ecke der Gasse bog. Aus dem Zwielicht eines Hofeinganges verfolgten aufmerksame Blicke das Verschwinden der Blauschärpler. Und obwohl aus dem nächtlichen Saramee noch genügend Lärm herüber drang, wurde das unterbrochene Gespräch im Flüsterton fortgesetzt.
»Es kann überhaupt nichts passieren!«
»Das sagst du immer und hinterher bekomme ich wieder Ärger, während du längst über alle Berge bist!«
»Du darfst dich eben nicht immer erwischen lassen, wie ein lahmer Letard!«, foppte Balay das junge Mädchen, dessen große Augen misstrauisch auf ihm ruhten. Sie trug ein einfaches Stoffkleidchen, dessen Farbe im Halbschatten der dürftigen Gassenbeleuchtung nicht zu bestimmen war. Es wurde ihr bereits an einigen Stellen zu eng und als sich Pinca dem Jungen zuwandte, verriet ihr sein eiliges Wegschauen, dass auch ihm diese Veränderungen aufgefallen waren.

Balay überspielte seine neugierigen Blicke, indem er sich provozierend lässig an den Torbogen lehnte. Pinca zeigte sie ihm einen Schmollmund, der vielleicht etwas zu betont ausfiel. Dann sah sie wieder auf das rissige Pergament, dessen widerspenstige Ecken mit Steinen beschwert worden waren.
Sie kannte den Kessel fast so gut wie ihr Heimatviertel rund um den Wicca-Platz. Dort stand das Waisenhaus, in dem sie lebte, solange sie sich erinnern konnte. Doch im Kessel wohnten lauter reiche Leute, hier patrouillierte die Stadtwache viel häufiger und es gab jede Menge Söldner, welche die protzigen Villen bewachten.
Sie zeigte auf einen großen Fleck. »Das ist Bofachts Haus, direkt neben deinem blöden Garten. Wir werden nicht mal in die Nähe kommen ohne erwischt zu werden!«

Der Junge rollte vergnügt mit den Augen.
»Genau das ist es doch! Man sagt sich, dass nur Bofacht den Weg zu Taipas Duftgarten kennt. Dass der Garten nun direkt neben der Hütte vom ollen Alleshändler liegt, erklärt doch, warum ihn seit Jahren niemand mehr betreten hat!«
»Oder nicht mehr darüber berichten kann.« Sie sah Balay voller Skepsis an.
»Aber wir werden es schaffen. Wir sind unsichtbar!«
Triumphierend streckte er die Faust in Saramees Nachthimmel. Eine kleine Phiole ragte aus seiner Hand hervor und funkelte kurz im Licht von Surema, dem Wandelmond.

Pinca schüttelte energisch ihre roten Locken und kniff die Brauen noch fester zusammen.
»Du glaubst aber auch alles. Ich jedenfalls finde es merkwürdig, dass man das Elixier vorher nicht ausprobieren kann und würde dein Kopf einwandfrei funktionieren, würdest du mir zustimmen, anstatt immer verrücktere Pläne auszuhecken!«
Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust und sah in herausfordernd an. Balay blinzelte, als er das Mädchen ansah. Ihm wurde flau im Magen, er schluckte und beeilte sich, weiter zu sprechen.

»Sinton hat das Elixier direkt von seinem Meister bekommen. Es wird uns unsichtbar machen!« Eindringlich betrachtete Balay die kunstvoll verzierte Flasche. Dann schaute er Pinca fest in die Augen, um ja nicht woanders hin zu schauen und lächelte. Nun musste sie blinzeln.
»Pinca,« hauchte der Junge. »Es ist ein Abenteuer! Niemand außer uns wird das schaffen. Wir sind die Kesselgeister!« Bedeutungsvoll hob er die Brauen und hauchte das letzte Wort in ihre Richtung.
Das Mädchen roch den erdigen Duft ihres Freundes und obwohl sie jede seiner Überredungskünste kannte, gelang ihr kein Widerstand. Mit dunklen Augen betrachtete sie das so vertraute Gesicht ihres Freundes.

»Du bist ein Schuft!«, flüsterte sie. Balay grinste.
»Ja, aber du bist meine große Inspiration!« Dem Stein, der mit einer geschmeidigen Handbewegung in seine Richtung geworfen wurde, wich er gerade noch rechtzeitig aus.
Sie hatte auch gar nicht genau gezielt. Das wusste er. Und es fühlte sich seltsam an.

* * *
Der Kessel verdankte seinem Namen einer natürlichen Begrenzung durch hoch aufragende Felsformationen im Osten Saramees, die eine Ausbreitung der Vorstadt in den Dschungel einschränkte. So entstand zwischen Stadtmauer und Gebirge eine abgeschottete Enklave, die besonders jene Bürger der Stadt anlockte, die im eigentlichen Stadtgebiet keine freie Fläche für ausgedehnte Wohnanlagen mehr fanden. Die Villen und Paläste umgab man mit hohen Mauern. Gut bezahlte Söldner sorgten für den Schutz und kleinere Durchbrüche in der Stadtmauer verbanden über sorgfältig gepflasterte Straßen den Kessel mit der Stadt.

Vom einstigen Vorland der Stadt sah man schon so lange Zeit nichts mehr, dass kaum ein Sarameer wusste, dass hier im Osten der Stadt einst einige der berühmtesten Kultstätten des Landes zu finden waren.
Wenn sie nicht abgerissen worden waren, bezogen feinfühlige Architekten die schönsten Gebäudeteile in ihre Planungen ein. Manche alte Kultstätte verschwand auch einfach zwischen den Steinwällen benachbarter Händler, vergessen von gelangweilten Sarameern, denen die Vergangenheit nichts bedeutete. So konnte es geschehen, dass Generationen später ein Erbe über den Zugang zu einem dieser eingemauerten Überbleibseln einer fernen Vergangenheit stolperte. Und wenn es sich dabei, wie im Falle des Alleshändlers Bofacht, um eine besonders einflussreiche Persönlichkeit handelte, dauerte es nicht lange, bis die Gerüchte durch die Gassen wallten und Neugierige anzog.

Als sich herumsprach, dass Bofacht auf seinem Grundstück den mystischen Duftgarten der Taipa entdeckt hatte, sorgte es schnell für Geflüster in den Tavernen und in den Schatten wurden Münzen gewechselt. Doch Bofachts Anwesen zu betreten war noch nie einfach und der Alleshändler verstärkte seine Schutzbemühungen alsbald. Auch die Nachbarn, allesamt ähnlich reiche und auf ihre Abgeschiedenheit achtende Bürger, stellten neue Wachen auf oder kauften abgerichtete Letarden.

Bald legte sich der Wunsch, den legendären Garten zu betreten, zumal in den Sagen nie von Schätzen die Rede war, sondern nur von seiner Schönheit und den angenehmen Düften.
Als Schutzpatronin des Handels hätte Taipa vielleicht in einem anderen Land, ja sogar in einer anderen Stadt wesentlich mehr Aufsehen erregt und ihr Tempel stünde in voller Pracht, doch in Saramee blühte zwar der Handel, aber zu seinem Schutz heuerte man lieber eine gut geführte Klinge an. Außerdem hatte sich Taipa für einen Kuss aus dem Kreis der neun großen Götter verabschiedet und nur wenige entwickelten in einer so grausamen Stadt wie Saramee Zeit für sentimentale Gefühle.

Einer von ihnen hielt sich mit ganzer Kraft an einem bedrohlich verbogenem Balken fest, der ziemlich weit in einen Hof hineinragte. Balay spähte gründlich in die Dunkelheit und ignorierte derweil das Brennen in seinen Muskeln. Doch er sah nichts. Keine böse funkelnden Augen, noch das Blitzen von Metall. Die Luft schien sauber zu sein. Mit einem unterdrückten Ächzen ließ er den nachfedernden Balken los. Dumpf landete er auf dem Boden. Seine Knie taten weh und das Hämmern seines Herzens mochte den ganzen Kessel alarmieren.
Neben ihm plumpste etwas und beinahe hätte er laut aufgeschrien.

»Was ist an: ›Warte, bis ich rufe!‹, nicht zu verstehen?« übertünchte er flüsternd sein Erschrecken. »Hätten wir wenigstens den Unsichtbarkeitstrank genommen!«
Pinca legte ihm den Finger auf die Lippen, zischte etwas und wies in die nördliche Ecke. Dort standen einige Nachtkerzen und reckten dem fahlen Mondlicht ihre Blüten entgegen. Ein leises Säuseln erklang im Hof, als der Abendwind durch den gepflegten Garten wehte. Und er bewegte die Federn eines großen Vogels, der auf seiner Stange neben den langstieligen Blumen ruhte. Bisher schien er sie nicht bemerkt zu haben, was an ein Wunder grenzte, denn akturianische Nachtigallen waren bekannt für ihre Wachsamkeit.

Vorsichtig schlichen sie zu einer der nahegelegen Wände und tasteten sich an ihr entlang, bis sie die Öffnung einer Tür fanden. Ein schwerer Vorhang trennte die dahinterliegenden Räume vom Innenhof. Mit einer Hand schob Balay das Tuch beiseite, mit der anderen hielt er Pinca davon ab, unbedacht vorzustürmen. Er spürte ihren warmen Körper an seinem Arm und als ihm bewusst wurde, welchen Teil er davon berührte, wäre ihm beinah ein Laut entschlüpft. Er schüttelte seinen Kopf und trat dann über die Schwelle. Die Dunkelheit im Innern hinderte ihn zunächst daran, irgendetwas zu erkennen.

Langsam gewöhnten sich seine Augen aber an das wenige Licht, das von irgendwo über ihnen zu kommen schien. Die kühle Farbe sprach für eine Papilolampe. Balay mochte die leuchtenden Würmer nicht besonders, seit er für nichts weiter als eine schimmelige Mahlzeit mehrere Tage lang deren widerliche Körper in die Glasröhren stecken musste. Als ihn der Händler fluchend rauswarf, bereute Balay es keineswegs.

Pinca schob ihn nun ungeduldig vorwärts. Rechter Hand musste sich der Eingang in das Kellergewölbe befinden. Wenn ihre Karte den Aufbau dieses Palastes korrekt wiedergab, sollten sie von dort in die Katakomben gelangen, die direkt zu Bofachts Anwesen führten.
Er wollte schon zu den sich abzeichnenden Torbogen eilen, als ihn Pinca grob zurückriss.

»Saugar!«, flüsterte sie. Entsetzt spähte er auf den Boden zu seinen Füßen. Tatsächlich. Vor ihm konnte er den Umriss eines dieser berüchtigten Teppichwesen entdecken. Nur an den sich in Wellen bewegenden Fransen erkannte man den Unterschied zu einem einfachen Bodenbelag.
Das Mädchen zog den zunehmend verunsicherten Balay weiter. Sie umrundeten das sonderliche und furchtbar teure Wesen, von denen Balay in seinem Leben bisher nur ein einziges weiteres Exemplar gesehen hatte, und befanden sich plötzlich auf der Treppe ins eisige Nichts.

Zumindest kam es Balay so vor. Die dumpfe Hitze des Tages hatte diesen Palast kaum aufzuheizen vermocht, bestimmt wurde er aufwändig gekühlt, aber aus dem Keller schien eine ganz unnatürliche Kälte emporzusteigen. Doch während der stets mutige Straßenjunge zu verzagen begann, nahm Pinca die Stufen mit der Selbstsicherheit einer jungen Frau, der die ganze Welt zu Füßen lag und jegliche Bedrohung gleich mit.
Balay setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und wurde trotzdem vom Ende der Treppe überrascht. Ein muffiger Geruch hatte sich zu der bedrohlich wirkenden Kälte gesellt und er zog die Schultern zusammen. Die rechte Hand fest an den kleinen Dolch gepresst, lauschte er auf das leise Tappen der Schritte seiner Begleiterin. Sie wandten sich nach links und er rannte fast in sie hinein, als Pinca an einer Ecke stehen blieb. Ein Zischen erklang und dann blendete ihn eine schmerzhafte Helligkeit.

»Verdammt Pinca, kannst du mich nicht warnen, wenn du eine Fackel anzündest?«, langsam konnte er durch die schmalen Spalte seiner Lider wieder etwas erkennen. Natürlich Pincas Grinsen.
»Auch wieder dabei?«, neckte sie ihn und wies dann mit dem Kinn in Richtung eines Ganges, der sich vor ihnen öffnete.
»Genau wie in der Karte eingezeichnet, sogar die Fackel steckte hier in der Wand!« Balay beäugte skeptisch die verrostete Wandhalterung und das brennende Holzstück in Pincas Arm, doch bevor er etwas sagen konnte, hatte sie ihn schon gepackt und mit sich gezogen.
Gerade als er doch etwas anmerken wollte, sah er einen Schemen auf sie zustürzen, dann traf ihn etwas am Kopf und sein Geist verlief sich in einem Labyrinth aus Dunkelheit.

»Mutter!«, Pinca starrte mit einer Mischung aus Überraschung und Entsetzen auf Viona Makanar, die den bewusstlosen Balay in den Armen hielt und ihre Lieblingstochter sanft anlächelte.
»Du hast den Weg also gefunden und ihn mitgebracht«, säuselte Viona und streichelte dabei dem Jungen sanft über die Stirn, wischte eine Strähne aus dem blassen Gesicht und ließ Pinca keinen Moment aus den Augen.
»Aber er ist gar kein …«
»Kein Dieb?«, fragte Viona ohne die Stimme zu heben.
Sie wussten beide, dass der Junge ein ganz normaler Straßenjunge Saramees war. Ein Betrüger, Streuner und – ein Dieb.

Das Mädchen hielt mit krampfenden Fingern die Fackel fest. Sie schluckte und sprach dann stockend: »Er ist mein Freund.«
»Ich weiß.« Viona trat näher und trug den Jungen dabei mühelos in ihren Armen. Der Glanz ihrer violetten Augen wurde strahlender als sie sich dem Licht näherte.
»Weiß du, was mit all den kleinen Taugenichtsen geschieht, die du in unsere Schatzkammer lockst?«
Angst schlich sich in Pincas Gesicht. Ihr Geist raste. Fieberhaft suchte sie nach einem Ausweg. Dieses kleine Abenteuer wandelte sich in einen finsteren und grausamen Abgrund, der all ihre kleine Träume und Wünsche aufzusaugen begann.

»Mutter! Bitte!« Die Verzweiflung brachte Tränen hervor.
Viona näherte ihr in ganz Saramee angehimmeltes Antlitz den feuchten Wangen des Mädchens.
»Was bist du bereit zu geben? Für ihn. Für mich?«
Pinca kniff erstaunt die Brauen zusammen. »Ich habe niemanden außer dich und dem Heim, Mutter!«
»Dann solltest du den letzten Schritt gehen und ganz in meine Familie eintreten!«
»Du willst mich adoptieren? Aber was hat das mit ihm zu tun?«, und Pinca wies fragend auf Balay.

Da schüttelte sich Viona. Ihr langes schwarzes Haar wehte im flackernden Licht. Mit einer ruckartigen Bewegung drehte sie ihren Kopf und mit einem Schmatzen öffnete sich die Haut ihres Gesichts am Haaransatz. Glitzernde Fühler krabbelten aus dem Spalt, pressten die klaffenden Ränder auseinander und zogen ein gänzlich anderes Gesicht hervor. Ein Gesicht mit acht schillernden Augen. Ein Gesicht mit klackernden Mandibeln. Ein Spinnengesicht.
Voller Entsetzen wich Pinca zurück, die Hand in den Mund gepresst, ohne zu spüren, wie sich ihre Zähne hineinbohrten, um einen Schrei zu ersticken oder eine Ohnmacht. Die eiskalte Wand des Ganges hielt sie davon ab zu stürzen. Ihr war schlecht und die Angst riss ihr fast das hämmernde Herz aus der Brust.
Vionas Stimme erklang erneut, seltsam klar und rein, aber ohne Zweifel die Stimme der schönen Frau, die Pinca einst bei sich aufgenommen hatte – wie so viele andere Drecksblagen aus dem verkommenen Mauerviertel im Schatten des Kessels.

»Das ist meine wahre Gestalt, Tochter. Und ich biete dir ein Leben in meiner Familie an. Im Tausch für seines«. Sie wies mit seltsam spitzen Fingern auf den Jungen, den sie immer noch wie ein Baby in ihren Armen hielt. Oder wie ein Stück Fleisch, in das sie jederzeit hineinzubeißen bereit war.
Pinca verstand nicht. »Aber ich lebe doch schon bei dir!«. Das Mädchen flüsterte vor Entsetzen. Ihre Wangen glänzen und sie spürte die Tränen nicht einmal.
Das Ungeheuer mit dem gespaltenen Gesicht ihrer Mutter wie einem Schal um den Hals, entblößte gräuliche Zähne in seinem Maul, dreieckig und spitz. Geifer erschien an den Rändern der ekelhaft riechenden Öffnung und die behaarten Mandibeln wischten ihn eifrig und beiläufig beiseite.

»Werde wie ich und er bleibt am Leben. Weigere dich und ich werde ihn hier, vor deinen Augen verspeisen. Und dann dich …« Kalte, trostlose Worte. Keine Bitte, kein Angebot. Vielmehr eine Drohung, über dessen Beantwortung sich das Wesen sicher war, denn Viona Makanar bekam immer, was sie wollte.

Das Mädchen starrte abwechselnd in eines der funkelnden Augen, während sich ihre Fingernägel tief in ihre Wangen bohrten und dennoch spürte sie den Schmerz weder dort, noch in den verkrampften Händen, die sie lieber vor die Augen legen wollte, um nichts von alldem mehr zu sehen. Doch Pinca fühlte in ihrem Bauch das sanfte Ziehen, um dessen Willen sie überall mit Balay hingegangen wäre und dann nickte ihr Kopf. Ihre Arme fielen herab. Sie senkte den Blick, ein tiefes Seufzen quoll aus ihrer Brust, als er auf den Jungen fiel und dann ging sie die wenigen Schritte vorwärts. Hin zu ihrer Mutter und sie sah, wie Balay zu Boden sank, befreit aus der klammernden Umarmung.

* * *

»Mein Kopf! Was ist passiert?«, fragte der Junge, als er zu sich kam. Seine Finger betasteten die schmerzende Stelle an seiner Stirn.
Ein leises Kichern antwortete ihm. »Augen auf in fremden Kellern! Du bist zu groß, das ist alles. Da stößt man sich eben den Kopf, wenn man nicht aufpasst.« Pinca stupste ihren Freund gegen die Brust.
»Was ist mit deinem Gesicht passiert?« Noch immer verwirrt, besah sich Balay die Kratzer im Gesicht des ungeduldigen Mädchens.
»Aufgeschürft, als ich dich, schwerfälliger Karrial, auffangen wollte und nun hör auf zu reden, wir müssten gleich da sein!«

Pinca zog ihn mit festem Griff durch verwinkelte und muffige Gänge. Die Kälte schien verschwunden zu sein, dafür plagten ihn nun heftige Kopfschmerzen. Doch bald gewann das Jagdfieber wieder Oberhand und mit Spannung beobachtete er die Veränderungen im Gestein der Kellerwände. Man konnte an ihnen sehr gut erkennen, wo neue Häuser und Räume begannen, obwohl sie nur durch unwichtige und längst vergessene Verbindungsgänge zu eilen schienen.

»Pst!«, zischte Pinca. Vor ihr befand sich eine dunkle Nische. Fetzen mürben Stoffes verdeckten das Loch zu Hälfte, doch Balay nahm einen feinen Windzug wahr, der nach etwas unbeschreiblichem roch. Blüten?
Pinca drehte die Fackelspitze an der Mauer bis sie unter Knirschen und Fauchen erlosch. Punkte schwachen Lichtes stachen aus dem Dunkel der Öffnung vor ihnen. Pinca schob den Stoff mit dem Fackelstiel nach oben und lugte hinein. Dann drückte sie mit der Schulter gegen etwas, das Balay in der Dunkelheit nicht erkennen konnte.
Mit einem ekelhaft lauten Knarzen bewegte sich dieses Etwas vor ihnen. Er hielt den Atem an und lauschte, ob der Lärm irgendeine Reaktion auslöste, doch es blieb ruhig.

»Komm, hier müsste es sein!«, und schon war Pinca verschwunden. Die Handfläche, in der eben noch die Hitze ihrer Finger zu spüren gewesen waren, wurde schlagartig kühl. Er beeilte sich, ihr zu folgen und stieß mit den Armen gegen etwas Hartes. Er tastete sich voran und erkannte im zunehmenden, kühlfahlen Mondlicht, mehrere dürre Stämme mit hohen und sehr schlanken Blättern, deren Berührung ungewöhnlich angenehm erschien. Sie mussten feine Härchen besitzen, die ihn beim Beiseiteschieben sanft streichelten, fast so, wie die feinen Härchen auf Pincas Unterarmen. Und der Geruch! Kein Duft an den er sich erinnern konnte, kam diesem Geruch nahe.
Dann trat er aus dem Unterholz und stand am Rande eines geschwungenen Weges.

Surema beschien etwas, das ohne Zweifel der gesuchte Garten sein musste. Das bleiche Licht formte Schatten und strahlende Blautöne auf Pflanzen und Skulpturen, die so fremdartig auf ihn wirkten, dass er sich wunderte, keine Angst zu verspüren. Seine Nasenflügel vibrierten, als er gierig die Düfte einsog, deren Vielfalt er kaum erfassen konnte. Und jeder davon war verlockend, betörend, aufreizend. Sein Herz schlug und schlug, Schwindel erfasste ihn, und doch ähnelte das Kreisen im Kopf vielmehr einem Tanz als einer Ohnmacht. Schmerz und Sorgen verwehten mit dem Balsam der Gerüche.

Da legten sich Arme um seinen Hals und ein neuer Geruch kitzelte ihn. Er blickte in die funkelnden Augen Pincas. Der Mond glitzerte darin und all die Versprechungen, um deren Willen er dieses Abenteuer erdacht und geplant hatte. Pinca.
Die kleine Pinca. Solange schon seine Freundin. Ein freches Gör – und gefährlich wie ihre Mutter. Pinca, die ihm vor gar nicht langer Zeit kaum bis zu Brust reichte. Die ihm dann vor zwei Wochen über den Arm strich und plötzlich weder klein noch frech aussah. Deren Augen sich verdunkelten und deren verfilzte Haare in seltsamen Tanz seine Blicke an sich rissen, bis ihm gewahr wurde, dass sie gebürstet waren und einen Ton wie Blut angenommen hatten.
Er wollte sie küssen. Um alles in der Welt wollte er sie küssen. Seine Pinca.

»Balay?« Er blickte auf ihre Lippen.
»Ein Kuss für dein Leben.«

Das Mädchen sah in die gierigen Augen des Jungen. Sie spürte seine Erregung, sein Zittern und Beben. Und sie spürte das Gift in sich. Es hatte ihren Bauch mit Kälte angefüllt. Ihre Muskeln kribbelten. Knochen wuchsen in neue Richtungen, verborgen unter einer fremdgewordenen Haut.
Der Kopf des Jungen schob sich ihrem langsam entgegen. Sie roch seinen Schweiß und vor allem sein Blut. Süßes, warmes Blut.
Dann küsste Pinca Balay und im Angesicht von Taipa, der Schutzgöttin des Handels, tauschten Leben und Tod, tauschten Liebe und Einsamkeit ihre Plätze.

So, wie es einmal jede Generation im Duftgarten der Taipa geschah.

 

Kurzinfo:
Die Stadt Saramee – ein Schmelztiegel von Abenteurern, Glücksrittern, Vertriebenen und verlorenen Existenzen auf der Suche nach einem neuen Weg zum Leben, Ruhm, Reichtum und einen Neuanfang. Doch werden sie ihr Glück in Saramee finden …?
Saramee ist eine Shared World Serie in Tradition der Diebeswelt Geschichten von Robert Asprin. 2002 aus der Taufe gehoben, erschien die Serie von 2005 – 2012 im Atlantis Verlag. Da alle Bände inzwischen verlagsseitig vergriffen sind, startete 2014 die Neuauflage als E-Book.
Duftgarten ist die erste in einer Reihe neuer Geschichten, auf die sich der Leser im Laufe des Jahres 2016 freuen darf.
Hintergrundinformationen zur Serie finden sich auf www.saramee.de

Ralf Steinberg

Ralf Steinberg

Ralf Steinberg, wurde 1971 in Berlin geboren, einem kleinen Dorf an der polnischen Grenze, das er wohl auch so schnell nicht verlassen wird.
Sobald er lesen konnte, verschlang er Unmengen an Büchern, begann sie zu sammeln und bald schon kritzelte er in Hefter und Mathe-Arbeiten kleine Gedichte sowie etliche Romananfänge.
Der Zerfall der DDR öffnete nicht nur den Zugang zu neuen Ländern, sondern auch zu neuen Büchern, Denkern und Berufen. Notgedrungen stürzte er sich in die öffentliche Verwaltung, die ihm auch heute noch ein Leben in Saus und Braus ermöglicht.
Dermaßen von der Last der Nahrungssuche befreit, pflegt der Anwendungsprogrammierer nun etliche Hobbys, darunter so zeitverbrennende Dinge wie Familie, Table Top, MMOs und Lesen. Aber auch dem Schreiben blieb er treu. Obwohl er sich in erster Linie als Dichter sieht, entstanden im Laufe der Zeit auch einige Prosatexte. Vornehmlich klassische SF-Storys.
Durch die Mitarbeit an SONO kam er zum Fantasyguide und begann Rezensionen, Interviews und Artikel zu schreiben, die dort und auch im Phantastik-Magazin PhaseX erschienen. Inzwischen werkelt er als stellvertretender Chefredakteur auch an der Technik des Fantasyguides herum und übernahm zudem die Pflege der Saramee-Wiki, einem Online-Lexikon zur Fantasy-Reihe. Seine Geschichte „Amtsfreuden“ in „Am Ende des Regens“ (pmachinery) wurde für den KLP nominiert.
Aktuell schreibt er an der Fortsetzung der Saramee Serie, die Geschichte „Duftgarten“ findet sich auf dem Phantastikon.

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