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Verfallsdatum

Frisch auf den Löffel und ab damit ins Mäulchen, schön artig kauen und schlucken, bloß nicht würgen, bloß nicht kotzen. Mehr hatte der alte Mann nicht verlangt.

Vorher noch kurz die Schädelplatte mit den lächerlichen Kringellocken entfernen, in denen sich seit Alexander die üblichen Verdächtigen tummelten. Große Güte, Schrimpfipimpfi, nichts dazugelernt. 3000 Jahre jüdische Vergangenheit spulten sich in diesem brillanten Kopf ab, aber irgendein verdammtes Wässerchen gegen die lausigen weißen Dinger war wohl nicht drin gewesen in Davids Schatztruhe. Gott gibt, Gott nimmt, kommt auf seine Laune an, aber Schuppen sind dem scheißegal, weiß doch jeder. Jud Schrimpfsüß wohl nicht. Sollte man mit geballter Faust wieder wach hauen, den ollen Schuppenschlecker, ist doch wahr, dachte Tom, solch ein Fäustchen im Nacken bewirkt oft wahre Wunder, Angst frisst Seelchen auf, befreit von dummen Flöckchen, lässt sie tanzen, aber bitte nicht auf meinem Teller, ist doch wirklich widerlich. Außerdem muss man keine bluttriefenden Schweinereien veranstalten, wenn das Träumerle sich wieder die Äuglein reibt, anstatt abzusaufen in seiner Wanne.

Noch schnarchte Schrimpf. Tom hätte jetzt döppen müssen, hübsch lange, bis keine Bläschen mehr blubbern. Dann sägen. Ging aber nicht. Er war betrunken. Nicht genug, um die verfluchte Faust los zu werden, die völlig idiotisch in ihm herumspukte. Armer Tor, blödes Arschloch, schimpfte der klebrige Ungar in ihm, der sich lustig mit dem Weinbrand amüsierte. Hab‘ ich doch Juristerei und Philosophie studiert, Medizin und, ach, Theologie. Dachte er gelassen und wusste, dass es nicht wahr war. Du nicht, bellte sein Teufel böse, aber Schrimpfipimpfi, der hat. Und der will jetzt, dass Du ihn ertränkst wie ein Bündel nichtsnutzige Katze und sein Gehirn frisst. Tom starrte auf den schmächtigen Körper im Pfefferminzbad, worauf Schrimpf Wert gelegt hatte, roch Gesundes, zählte die Schuppen an der linken Schläfe und hustete. Ohne diese entzückenden weißen Tüpfelchen auf den verstaubten Klamotten kannte Tom Tietz seinen schrulligen Professor nicht, der ihn nach all den Jahren höflich zu sich eingeladen hatte, um sich von seinem Lieblingsstudenten zersägen zu lassen. Nein, korrigiere, dachte Tom, beruhige Dich, alter Junge, schließlich solltest Du nur am Kopf schnippeln, der Rest bleibt dran, der Kopf des Maestros ist gemeint, nicht mehr, auch nicht unbedingt weniger, schließlich gilt’s, ans Hirn zu kommen, lediglich an das leckere warme Hirn. „Damit ich Dich lecken und schlecken kann.“
Schrimpf hatte die ganze Ladung Tabletten geschluckt, brav weg gespült mit ordentlich Wodka, den er misstrauisch bewacht hatte, um Tom nicht in Versuchung zu bringen. „Besauf‘ Dich nachher, Junge. Aber jetzt brauche ich Dich klar.“ Zwei Glas Rotwein, mehr wollte er ihm nicht gönnen. „Warte, bis ich schlafe. Dann mach‘ Dich an die Arbeit. Schnell, dann spüre ich nichts. Und dann iss mich, mein Junge. Mach mich unsterblich, das bist Du mir schuldig. Hab Dich durchs Studium gebracht, Du fauler kleiner Penner. Und verdammt, die zwanzigtausend kannst Du doch gebrauchen.“ Klar. Und ficken musste ich Dich auch. Dachte Tom böse, setzte sich die wievielte Flasche von irgendwas an den Hals, spuckte in die Pfefferminze und drückte den grauhäutigen Kopf seines Gönners fest und fast gleichgültig unter Wasser, hielt ihn dort, bis er leer und frei war.

Wenigstens hatte Schrimpf den Anstand besessen, sich ordentlich bekleidet in die Wanne zu legen, nackt und geschrumpft hätte er ihn nicht ertragen, sah seine Großtante Lilli vor sich, die mit entblößten Brüsten und verschmiertem Lippenstift gefunden worden war, graue faltige Haut, die Zähne im Melissengeist auf der Nachtkonsole. Er glotzte auf den toten Kopf dort im grünen Wasser, dachte an die Säge und das Gehirn und kippte sich den Rest aus der signierten Flasche, deren Bedeutung ihm scheißegal war, bis hinunter zu seiner quengelnden Blase. Hatte irgendwo zwischen der Pest und einer verstaubten Camus-Biographie gestanden, wohl ein Relikt aus glorreichen trunkenen Akademikerspähren. Schmeckte wie bereits getrunken und ausgerotzt, spülte aber geschickt Mama Ratio weg. Er fühlte sich wie weg geschissen. Besoffen. Irre. Er hatte sich tatsächlich auf diesen wahnwitzigen Deal eingelassen, und jetzt konnte er nicht kneifen. Oder doch?
Wer war er denn? Ein affiger kleiner Studienrat, der im intellektuellen Müll der neuen Zeit stocherte. Nicht unbedingt ein Killer. Kein Gwupschupupschi-Indianer, keiner von denen, die frisches Hirn schlürften. An den korrekten Namen konnte er sich nicht mehr erinnern, unwichtig. Da war Schrimpfs Anruf. Das Geld für sein Flugticket. Der dahingelächelte Hinweis auf den Krebs, der sich in ihm festgebissen hatte. Dieses Buch über die Gwappapschodings, die glaubten, ein großer Geist würde in ihnen weiter leben, wenn sie sein Denken und Fühlen fressen würden. Aber bitte warm serviert. Wie einfach hatte das geklungen: „Ich sterbe eh‘, Junge, also mach was aus mir.“ Logisch der Schlüssel zum Glück: Wodka, Tabletten, Absaufen, Schädel aufsägen, Hirnmasse spachteln. Kräftig rülpsen. Drin ist er, der oberschlaue Wichser, drin in Dir mit allem, was er weiß. Wusste. Wissen wird. Verlockend, so schnell so gut schlau zu werden.
Die Zwanzigtausend lagen auf dem Küchentisch. Tom betrachtete seine erste richtige Wasserleiche, übergoss sie mit einem Schwall aus seinem Mund, der eindeutig nach zuviel unverdautem Alkohol roch, schämte sich kurz, da es diesbezüglich eine Abmachung gegeben hatte. Schlief ein, mit dem Kopf in der Toilettenschüssel, zu der er sich vorgerobbt hatte, um seiner miesen kleinen Moral noch ein letztes Mal Feines anzutun. Träumte wirr, sah sich die Säge aus Schrimpfi-Pimpfis abgenutzter Reisetasche holen, nachdem er den Stöpsel aus der Wanne gezogen hatte, beobachtete sich bei ungewohnter Arbeit, die ihn weniger entsetzte als seine gleichgültige Entschlossenheit, einem alten Mann auf dem Sterbebett die gewünschte Beichte abzunehmen. Ruhe im lausigen Frieden. Betete er zärtlich, wachte unter dem Waschbecken auf und fuhr sich mit blutverschmierten Fingern durch das Haar, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Sorgfalt, die er gewohnheitsmäßig an den Tag legte, wenn es um seine geliebte Frisur ging. Rotgoldenener Prachtschopf, akkurat frech, perfekt gestylt mit unartigen Sommersprossen, die auf der Nase hüpften. Direkt darunter sein Strahlemann-Gebiss. So was macht Weiber nass. Dachte er halbherzig entseelt, leckte verschlafen seine Fingerspitzen ab, kotzte auf die rotzgelbe Badezimmermatte und freute sich wie ein ungezogener Lausbub, als er die noch halbvolle Flasche neben dem Wäschekorb sichtete. „Nicht soviel saufen, Cowboy.“ Mahnte er sich streng, kurz nur, kicherte, krabbelte zu seinem Schätzchen und knutschte mit ihm.

Faktum war: Er hatte partout keinen Hunger. Bevor er sich sein Fläschchen gönnte, pulte er mit dem Daumen ein kleines Loch ins Hirn, würgte, spuckte einen gelben Klumpen auf Schrimpfs dezent gemusterte Seidenkrawatte und verrieb ihn verträumt zu einer breiigen Masse, die dem alten Herrn nicht gefallen hätte. „Hast gekleckert, Doditodi. Dududu.“ Tom zupfte neckisch an Theodors linkem Ohrläppchen, wurde dreister, weil der nicht muckte, kniff böse hinein, erwog kurz, es gänzlich abzureißen und ließ es. Darum hatte Professor Theododitodi ihn schließlich nicht gebeten. Gestört hätte es ihn vermutlich nicht mehr, wie ihn auch zu Lebzeiten die ekligen Pünktchen auf dem Cordkragen seines karierten Jacketts nicht gestört hatten. Immer Cord. Immer kariert. Schuppen auf Müll aus stinkendem Tweed, die Tom vor Urzeiten gern weg gepustet hätte, um Doditodi plumpe Lacher zu ersparen. Jetzt nicht mehr. Der feine Herr, dem Käfig und Glatze erspart geblieben waren, hatte sich in die Hose gemacht, bevor es ans Eingemachte gegangen war. Roch wie Großtante Magda auf 1B, die seeelenruhig schiss und kotzte, bevor sie meckerte: „Keiner da? Bin wach. Wisch einer den Mist weg.“ Und jetzt? Niemand Kompetentes da zum Reinemachen. So viel Blut, so viel Schädel. Und dieses verflucht frische Gewusel irgendwo in Schrimpfipimpfif lädiertem Kopf, das ihm gesegneten Appetit wünschte. Tom kicherte erneut und segnete zum wiederholten Mal den klebrig süßen Ungarn und seine hochprozentigen Freunde, die ungezogen seine Feinmotorik blockierten. Genau um die ging’s aber jetzt. Und? Wie sollte er das Zeug verputzen? Ohne Arme, ohne Hände.

Er atmete tief durch. Bleib cool, Tom Tietz, schwitz nicht, schrei nicht, da sind sie doch, die süßen Fingerchen, einszweidreiundzehn, sind nur nicht zu gebrauchen, zucken und zittern herum, könntest sie Dir auch abrupfen, unmöglich, Dich damit zu füttern. Könntest ja einfach die Zähne reinhauen und Stück für Stück weg beißen, zwei Kilo sehniges blutiges Saurierfleisch, vier Pfund feines Mett von der Wursttheke, haben andere vor Dir auch geschafft. Nein, nicht einpacken, das esse ich sofort. 100 Milliarden Nervenzellen zum Naschen, da lehnt doch niemand dankend ab, teilt oder brät das Ganze. Wie viele hatte Doditodi sich wohl bereits weg gesoffen? Allemal nicht genug, um uninteressant zu sein für Toms eigenes Potential. Verhasster Durchschnitt, mehr war da nicht. Mit Titzimietzi und Schrimpfipimpfi im Kopf würde es sich leben lassen. Besser als Affenhirn. Nur was für perverse Weicheier, die ihn nicht hoch kriegen. Sein Schwanz war in Ordnung. Würde er eh nie machen. Die süßen unschuldigen Äffchen, pfui Deibel. Tom schüttelte sich, soff noch ein Weilchen, während er in Schrimpfs Bücherregal nach weiteren Leckereien suchte. Schlief wieder ein, irgendwo zwischen Couchtisch und dem abgewetzten Ledersessel, in dem er vor wie vielen Stunden gehockt hatte, um mit Schrimpf aufs Absaufen und Sägen und Fressen anzustoßen. Träumte selig. Er auf dem Podium, die Meute klebt an seinen Lippen, während er ihr seinen Genius um die entrückten Ohren knallt. Wachte irgendwann mit einer hübsch gewaltigen Erektion auf, wühlte stolz ein bisschen an sich herum und wurde augenblicklich zornig, als er dabei an die Flasche stieß, die sich von ihm weg kullerte Richtung Kamin, in dem vor Urzeiten das Feuer krepiert war. Hatte Schrimpf entfacht, der olle Romantiker, extra für ihn. Damit’s noch so richtig nett gemütlich wird, bevo r… bevor was? „Ich kann das nicht.“ Tom sprach zu Tom, sehr bestimmt, flennte dann doch und wünschte sich seine Mama zurück. „Hab Mist gebaut, Mutsch, hab den Schrimpf um die Ecke gebracht. Hab den Schädel zersägt und soll das jetzt essen. Ist nicht meine Schuld, Mutsch, der da war’s. Der hat angefangen, der wollte das so.“ Tom schniefte, putzte sich den Rotz mit dem Hemdsärmel ab, ließ seinen Blick hilflos umher schweifen, dachte an die Flasche vor dem Kamin, die neue volle, die er wohl irgendwo irgendwann in der Nacht entdeckt haben musste, strahlte, weil sie heil geblieben war. Ein Schlückchen noch. Mut muss her, Cowboy, stell Dich nicht so an, Jammerlappen.

Als die Tür eingetreten wurde, saß Tom mit einem bekotzten Frotteehandtuch um den Hals, nett drapiert wie eine Serviette, am Küchentisch, hielt Messer und Gabel ordnungsgemäß in den Händen, starrte auf sein Mittagessen und freute sich diebisch, mit dieser ganzen Sauerei nicht mehr allein zu sein. „Setzen Sie sich doch.“ Zwei Männer. Ein schlaksiger Dünner mit einer Billion Aknenarben, ein fetter Pygmäe. Na großartig, dachte Tom. Unsere Polizei. Echte Kerle. Der Dicke glotzte ihn nervös an. „Wieso machen Sie nicht auf, wenn wir klingeln? Sie haben doch angerufen? Tom Tietz?“ Tom nickte vergnügt. „Jau. Hab aber nichts gehört.“ Er legte das Besteck beiseite, nahm stattdessen einen Löffel und klopfte damit das Hirn auf seinem Teller wie ein steinhart gekochtes Hühnerei ab. Versuchte, wohl wissend, dass das nicht klappte, ein Häppchen abzustechen, um es seinen neuen Freunden unter die Nasen zu halten, scheiterte auch jetzt wieder, glücklich unter Zeugen. Ein süßer Triumph. „Sehen Sie? Das geht nicht. Kann man nicht mehr essen. Frisch muss das sein. Hat Schrimpfipimpfi mir gesagt. Wird wohl nichts.“ Und dann, kläglicher, als beabsichtigt: „Hab wohl zu lange gewartet. Jetzt ist er futsch, der Schrimpf. Aber ich war’s nicht. Der da, der da in der Wanne war’s.“ Sprach es, schnippte mit dem Finger an die leere Flasche, spuckte den stinkenden Schwall, der jetzt wohl auf ewig in ihm schwappte, ein letztes Mal auf das Hirn, wischte sich fahrig mit dem Zipfel des Handtuchs den Mund ab und wünschte sich, betrübt zu sein. „Jetzt ist es völlig hinüber. Ich hätte ihn schon gern in mir drin gehabt.“ Flüsterte verschwörerisch. „Wissen Sie. Er war halt eine Koryphäe.“ Glotzte neugierig die beiden Deppen in Schrimpfs Küche an und atmete kräftig männlich durch.
„Warum ich Sie angerufen habe … ist es strafbar, das Verfallsdatum nicht zu berücksichtigen?“

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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