„Venom“ (Wie man eine vielversprechende Figur vermurkst)

Venom hatte bis jetzt in den Filmen, die ihn zeigten, nicht gerade das große Glück. Der von David Michelinie und Todd McFarlane geschaffene unfreundliche Symbiont aus der Nachbarschaft, der in Spider-Man 3 hinter dem Sandmann und dem neuen Kobold nur die zweite Geige spielt und in Amazing Spider-Man 2 nur eine Randnotiz ist, spielt nun in seinem eigenen Film die Hauptrolle, der bei dem Versuch, den Anti-Helden vernünftig darzustellen, kläglich scheitert.

Im Kern ist der Symbiont Venom ein beängstigendes Konzept. Aus diesem Schrecken kam schließlich ein Großteil der anfänglichen Anziehungskraft des Charakters; er ist dieses außerirdisch Ding, das den Körper kontrolliert, den Verstand verwirrt und jeden in ein echtes Monster verwandeln kann. Das Problem ist, dass Ruben Fleischers Film sich in typischer Disney/MCH-Manier zu keiner Zeit entscheiden kann, was er sein will. Und so  findet er auch nie eine starke Basis. Düstere Handlungsstränge stehen neben effizienter, aber flacher Action und schlechten Comedy-Einlagen. Das alles wird eigentlich von einem der aufregendsten Casts des Jahres vorgetragen.

Der erste Akt ist bereits charmlos und langweilig. Es gibt einige langwierige Szenen, in denen Eddie (Hardy) seinen TV-Job, seine Anwaltsfreundin Annie (Michelle Williams) und sein Leben verliert, als er den gefährlichen Experimenten der Life Foundation auf die Schliche kommt, bei denen Menschen mit ekligen, formlosen Blobs, die durch Osmose in den Körper gelangen, kombiniert werden.

Gleichzeitig ist ein weiterer Symbiont auf dem Weg, der von einem Sanitäter über eine ältere malaysische Frau bis hin zu einem kleinen Mädchen springt und so auf seiner Reise in die Staaten gelangt.

Das Storytelling ist hier stumpf; was aber noch überraschender ist, ist der Mangel an Chemie zwischen Hardy und Williams, zwei der charismatischsten Schauspieler der Welt. Vor allem Hardys Performance ist unruhig, zurückhaltend und merkwürdig uninspiriert; und Williams arbeitet sich an ihrer nicht gerade verführerischen Verlobtenrolle ab. Abgerundet wird die Troika durch den fadenscheinig spielenden Riz Ahmed, dem man die Beteiligung an furchtbaren Dialogen zugeschanzt hat.

Auf dem Papier ist Fleischer der richtige Regisseur für diesen Film. Seine beste Arbeit, Zombieland, sprühte vor Witz, Biss und Energie. Das wäre auch für Venom eine sicher funktionierende Sache gewesen. Doch hier findet er einfach den richtigen Ton nicht. Die Brock/Venom-Action – von Drakes Schläger in Eddies Wohung bis hin zu Venom, der ein SWAT-Team in einem rauchgefüllten Foyer niederstreckt – hat wenig Schwung oder Geist und zeigt sich ernüchternd belanglos. Auch die Comey-Anteile zünden nicht. Die Szene, in der Eddie, der sich vor Annie in einem schicken Restaurant blamiert, in ein Fischbecken springt, fühlt sich zu zaghaft an, um lustig zu sein. Einige der Elemente in Hardys Gebaren als auch einige von Venoms Gesichtsausdrücken erinnern dabei zu stark an Die Maske von 1994.

Die traurige Tatsache bei Sonys Venom ist, dass der Film Glanzlichter enthält, und ein wirklich beängstigender Film hätte sein können. Es gibt Sequenzen, in denen er aus dem Einheitsbrei der heutigen Blockbuster herausragen hätte könnte, wenn er sich an den eingeschlagenen Ton gehalten hätte, aber das tut er nicht. Stattdessen zieht er sich zurück als hätte er Angst vor seiner eigenen Courage. Venom hatte die Chance, ein wirklich großartiger Horrorfilm zu sein. Und das wäre ihm zu wünschen gewesen.

Was bleibt ist kein Totalausfall, aber ein mittelmäßiger Streifen, dem man hier und da anmerkt, dass er hätte einschlagen können wie eine Bombe, wenn man gewagt hätte, Venom so darzustellen, wie er eigentlich darzustellen ist.

Zacherias Nerdist

1974 in Bonn geboren. Schreibt für unterschiedliche Filmplattformen, filmt hier und da selbst, versteht sich aber eher als Nerd der 80er Jahre. (Was auch der Grund dafür ist, warum er hier und heute so happy ist)

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