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Urban Fantasy (1) – Definition und Charakteristik

Wir starten unsere Serie der Fantasy-Subgenres mit einem weitgehend missverstandenen, aber sehr populären Genre: Urban Fantasy.

Was also ist Urban Fantasy?

„Das Göttliche. Das Verrückte. Das Fantastische oder sogar das Spirituelle. Wie auch immer der Begriff lautet, die Menschen haben ein tiefes Bedürfnis, eine größere Realität jenseits unserer weltlichen Existenz zu erblicken.“ Diese Aussage von Damien Walter besagt, dass die urbane Fantasy das Fantastische ins Alltägliche überführt – das ist gleichzeitig auch die kürzeste Definition des Genres, die man sich denken kann. Mit anderen Worten: Die urbane Fantasy bringt Mythologie und Überlieferung in einem modernen Rahmen zur Geltung. Und es war Charles de Lint, der dieses Genre Anfang der 90er ins Leben rief.

Harry Dresden, eine Ikone der Urban Fantasy

Urban Fantasy ist ein junges, lebendiges Genre der spekulativen Literatur, das erst in den letzten Jahren zur Reife gelangt ist.

Besonders beliebt bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, gibt es mittlerweile jedoch auch die sogenannte Adult Urban Fantasy. An sich ist es ein hybrides Subgenre an der Schnittstelle zwischen Fantasy, Horror, Science Fiction, Hardboiled-Krimis, Thriller und Romantik. Man könnte auch sagen, dass die urbane Fantasy ein Liminalgenre ist und dort zur Blüte gelangt, wo sich die anderen Genres treffen, an der Grenze zwischen Alltäglichem und Phantastischem, Natürlichem und Übernatürlichem, zwischen Technik und Magie. Jede dieser Geschichten beinhaltet einige übernatürliche Wesen und / oder Menschen mit magischen Fähigkeiten, die ihre Wurzeln aber immer auch in der Realität haben.

Einige urbane Fantasy-Serien sind in naher Zukunft angesiedelt oder in einer alternativen Realität, in der übernatürliche Kreaturen der Welt ihre Existenz offenbaren. In True Blood, der TV-Serie, die von Charlaine Harris‘ Sooki-Stackhouse-Serie inspiriert wurde, erlaubte die Erfindung des synthetischen Blutes den Vampiren, friedlich mit den Menschen zusammenzuleben – zumindest theoretisch. In dieser Serie finden wir die üblichen übernatürlichen Kreaturen, die man in einer Fantasy-Geschichte erwarten kann: Feen, Vampire, Werwölfe, Gestaltwandler, Dämonen usw.. Andererseits scheut die Serie keine wirklichen sozialen Probleme: Drogenmissbrauch, Rassismus, religiöser Fanatismus und Intoleranz im Allgemeinen.

In einigen urbanen Fantasy-Serien existiert das Übernatürliche am Rande der menschlichen Gesellschaft, und paranormale Kreaturen koexistieren mit Menschen, ohne unsere Gesellschaft zu bedrohen. In anderen Serien jedoch bedroht das Übernatürliche das Überleben unserer Zivilisation. In der Serie Stadt der Finsternis von Ilona Andrews zum Beispiel zerreißt Magie das Gewebe unserer technologischen Gesellschaft und zwingt den Menschen zur Anpassung. In dieser nahen, postapokalyptischen Welt gehört das, was früher als übernatürlich galt, heute zum Alltag.

Elfen spielen Gitarre in Rockbands, Goblins durchstreifen die unterirdischen Tunnel unserer Städte, und die Toten steigen aus den Gräbern, um die Lebenden zu quälen oder zu verführen. Diejenigen, die auf dieses Genre herabsehen und es als bloßen Eskapismus abtun, wären überrascht, wenn sie etwas über seine Quellen erfahren würden. Ja, meine Damen und Herren, wie wir sehen werden, ist die urbane Fantasy von nobler Abstammung!

 

Der Unterschied zwischen Urban Fantasy und Paranormaler Romantik

Gibt es einen Unterschied zwischen urbaner Fantasy und paranormaler Romantik? Das ist eine strittige Frage. Theoretisch sind das verschiedene Genres, aber in Wirklichkeit ist es schwierig, sie zu trennen. Jim Butchers Die dunklen Fälle des Harry Dresden-Serie ist zweifellos urbane Fantasy, während die Black Dagger-Serie von J. R. Ward gewöhnlich zu den paranormalen Romanzen gezählt wird. Aber was ist zum Beispiel mit der Mercy Thompson-Serie von Patricia Briggs? Viele Buchreihen, die zum Genre der urbanen Fantasy gehören, haben auch eine gehörige Portion Romantik unter ihren Hauptbestandteilen, aber das ist nicht immer der Fall.

Grundsätzlich ist urbane Fantasy für jeden, der eine gute, phantasievolle Geschichte zu genießen weiß, unabhängig von Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung oder ethnischer Zugehörigkeit. Das Genre ist so vielfältig, dass jeder in der Lage sein sollte, Urban Fantasy, die seinem Geschmack entspricht, zu finden.

 

Die Quellen der Urban Fantasy

Der Pionier der heutigen urbanen Fantasy war Charles de Lint, ein Schriftsteller, Poet, Folklorist, Künstler, Songwriter und Performer (laut seiner offiziellen Biographie). Sein erster Roman Moonheart: A Romance erschien 1984, so dass wir dieses Jahr als Ausgangspunkt unserer Zeitreise betrachten können.

Der unmittelbarste Vorläufer der urbanen Fantasy war die Horrorgeschichte, insbesondere die Vampirromane, wie z.B. Anne Rices Vampire Chroniken (beginnend mit Interview mit einem Vampir, 1976). Tatsächlich ist es schwierig zu sagen, wo das Vampir-Subgenre endet und die urbane Fantasy beginnt. Horrorliteratur bringt ebenfalls mythologische Kreaturen in einem modernen Setting unter. Der Hauptunterschied liegt in der Atmosphäre der Geschichten; während Horrorliteratur sich auf das Schreckliche und Makabre konzentriert, ist die urbane Fantasy in der Regel leichter im Ton und legt mehr Wert auf Weltenbau.

Die Entwicklung der traditionellen Fantasy in den 60er und 70er Jahren trug ebenfalls dazu bei, den Weg für die urbane Fantasy zu ebnen. Einige Autoren begannen, Science Fiction und Fantasy, Technologie und Magie zusammenzubringen. Bemerkenswert waren in dieser Hinsicht die Amber-Chroniken von Roger Zelazny (1970), die mit Corwin beginnen, der in einem Krankenhaus in New York aus dem Koma erwacht. Er hat Amnesie, findet aber bald heraus, dass er nicht von der Erde stammt. Er ist Mitglied einer übermenschlichen Königsfamilie, die über eine Welt namens Amber herrscht. Ebenfalls findet er heraus, dass unsere Realität nur ein „Schatten“ von Amber ist, und dass es unendliche Parallelwelten gibt, die „Schatten“ genannt werden, durch die die Fürsten von Amber zu reisen vermögen.

Dank Autorinnen wie Ursula Le Guin und Anne McCaffrey traten damals weibliche Protagonistinnen in Fantasy-Geschichten auf. Überhaupt begannen Frauen eine aktivere Rolle in der Fantasy zu spielen und waren nicht mehr nur Mädchen in Not, die darauf warteten, aus irgendeinem Kerker gerettet zu werden.

Im nächsten Artikel sehen wir uns die berühmten Quellen der Urban Fantasy etwas genauer an.

A. J. Blakemont

Romanautor und Essayist, der sich für Fantasy, Science Fiction und paranormale Literatur interessiert. Seine Leidenschaft gilt auch der Musik, der Mythologie, der Geschichte und ihren Mysterien. Ist in Paris aufgewachsen, wo er Literatur studierte. Er wohnt in der Nähe von London und ist Mitglied der Society of Authors.