United States of Disappearances.

HOWDY! Euer unberechenbarer Kolumnist ist wieder zurück aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, von einer Rundreise durch das wundersame Kalifornien. Die Frisur der Marke Trump ist auch wieder verschwunden, dafür knabbere ich derzeit am Zucker-Detox.

Der Wind zauberte mir eine Frisur der Marke Trump …

Amerika, speziell Kalifornien, ist ja gerade seit der Ära Trump unbedingt eine Reise wert – der derzeitige Präsident fördert nämlich mehr denn je die Kreativität der Subkultur, die am Venice Beach oder in Haight-Ashbury sowie an vielen anderen Orten der USA blüht und gedeiht. Schön blöd wäre es, würde man die meisten Amerikaner wegen der unglücklichen Wahl von Trump stigmatisieren. Hinfahren und die Menschen und Stimmung dort selbst erleben, lautet das Gebot, anstatt im heimischen Kaffeehaus einen ganzen Kontinent zu verdammen.
(Sehr schön fand ich übrigens die Geldeinsammler auf den Straßen, die mit selbstgebastelten Schildern und viel Witz versuchten, schon im Voraus ihre Kaution für den geplanten Tritt in Trumps Weichteile zu sammeln.)

Anders ist das übrigens nach wie vor in Nordkorea, in das man zwar mittels einer Reiseagentur aus Peking als Tourist einreisen kann; ob und wie man da wieder rauskommt, ist allerdings höchst ungewiss. Mit Staunen und Schrecken habe ich den Fall des US-Studenten Otto Warmbier verfolgt – der damals 21-Jährige reiste Ende 2015 als Tourist nach Pjöngjang und kam bereits kurz darauf in große Schwierigkeiten. Laut Angaben der nordkoreanischen Behörden hatte er in einem Hotel ein Propagandaposter von der Wand gerissen. Es kam zum großen Schauprozess: Man traute seinen Augen kaum, als Warmbier unter Tränen aussagte, er hätte das Poster „als Trophäe“ mitnehmen wollen, als Belohnung hätte ihm „eine amerikanische Kirche ein Auto im Wert von 9000 Dollar in Aussicht gestellt”. Warmbier wurde dafür zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt.

Das erzwungene Geständnis half nichts – Warmbier wurde als Komapatient zurückgeschickt.

Vor wenigen Tagen wurde der Student nun als “humanitäre Geste” in die USA zurückgeschickt, allerdings befindet er sich seit über einem Jahr im Koma. Als Grund gab man an, er habe sich eine Lebensmittelvergiftung zugezogen und hätte von den Gefängnisärzten irrtümlicherweise eine “Schlaftablette” verabreicht bekommen. Warmbier wird derzeit von einem Ärzteteam in seiner Heimatstadt Cincinnati, Ohio untersucht.

Wilder Westen mitten in Kalifornien: Das Squaw Valley.

Zurück nach Kalifornien: Unsere Reise führte uns ja unter anderem auch in das Squaw Valley in der Mitte des Bundesstaates, östlich von Fresno. Dort sieht es aus wie in Texas, es ist ein menschenleeres Land, in dem grimmige Rednecks für ihr Bier mit ihren rostigen Pickups zu Kaufhäusern fahren, die wie Bretterbuden aussehen. Ein Land, in dem kein Auto jemals verschrottet zu werden scheint, sondern abgestellt mitten in der Landschaft sein Leben als grasbewachsenes Kunstobjekt seine Existenz verbringt. Und ein Land, in dem am Abend tatsächlich das Heulen der Kojoten einen Soundtrack zaubert, der einem die Gänsehaut über den Rücken laufen lässt, wenn man sich noch nach Sonnenuntergang hinauswagt.

In der Nähe von Squaw Valley befindet sich der berühmte Sequoia-Nationalpark, einer der 28 Cluster, die vom ehemaligen Polizeibeamten und Unsolved-Disappearances-Spezialisten David Paulides in seinem Riesenprojekt Missing 411 genannt werden. Jene „Cluster“ bezeichnen Brennpunkte, in denen seit vielen Jahrzehnten Menschen auf unerklärliche Weise für immer verschwunden sein sollen.

Das war natürlich ein erregendes Gefühl. Allerdings haben wir uns nicht ins bewaldete Niemandsland gewagt, sondern sind brav dem Touristen-Trail zu General Sherman gefolgt – so haben die Amerikaner einen uralten Baum genannt, der seit 2000 Jahren dort steht, mit mehr als acht Metern Stammumfang auf Brusthöhe und einer stolzen Gesamthöhe von 84 Metern.

In unserer luxuriös ausgestatteten Lodge habe ich mich dann mit einigen ausgewählten, sehr irritierenden Fällen verschwundener Personen aus und in aller Welt beschäftigt. Das Thema “Unsolved Disappearances” ist ja eures Docteurs Lieblingsthema seit vielen, vielen Jahren, und in dieser Umgebung fand ich das dann auch besonders … hm, reizvoll. Gerade als einer, den diese Fälle von unerklärlich Verschwundenen magisch anziehen.

Ambrose Bierce, verschwundener Kultautor.

Und ist nicht ein von mir sehr verehrter Autor namens Ambrose Bierce, der sein Leben lang über Vermisstenfälle recherchiert und geschrieben hat und auch davon besessen war, letztendlich selbst in Mexiko verschwunden? Man vermutet, dass er von einer Bande von Outlaws ermordet und verscharrt wurde. Restlos aufklären ließ sich sein Schicksal jedoch nie.

Nun, dieses Schicksal wünsche ich mir natürlich nicht. Auch den Plan, unerklärliche Fotos auf Facebook zu stellen, habe ich dann fallengelassen. Stattdessen habe ich im sicheren Hafen unserer Lodge eine sehr seltsame Serie vermutlich “letzter Fotos” untersucht; und zwar von zwei holländischen Studentinnen namens Kris Kremers und Lisanne Froon, die bei einer Wanderung in Boquete, Panama im April des Jahres 2014 spurlos verschwanden. Ihr Schicksal wird auf der englischen Wikipedia wie folgt zusammengefasst: ”After an intensive search, portions of their bodies were found a few months later although how they died could not be determined. The circumstances and aftermath of their disappearance have resulted in much speculation about the cause of death.”

Da war die Welt noch in Ordnung – Kremers und Froon auf ihrem fatalen Trip in den Dschungel.

Trotz intensivster Suchexpeditionen konnte bis heute nicht herausgefunden werden, was eigentlich genau passierte – das Waldstück, in dem die beiden verschwanden, war nämlich weder sonderlich groß noch sonderlich weit von der Zivilisation entfernt. Außer einem Rucksack mit akribisch gefalteter und blitzsauberer Wäsche, Sonnenbrillen und den Handys und Fotoapparaten der beiden plus einem Hüftknochen und einem Wanderschuh (in dem noch ein Fuß von einer der beiden steckte, sauber am Knöchel abgetrennt) gibt es keine weiteren Spuren – geschweige denn einen Hinweis, was den beiden zugestoßen sein könnte.

Überreste: Ein Beckenknochen und ein Schuh (mit Fuß).

Auf den Handys der beiden fand man insgesamt 77 Emergency Calls (diese wurden zwar geloggt, kamen aber nicht durch, da kein Empfang). Die aufgefundene Kamera hingegen gibt bis heute Rätsel auf: Diese machte nämlich eine Woche nach dem Verschwinden von Kris und Lisanne in einem Zeitraum von drei Stunden eine Serie von 90 Aufnahmen, mit Blitzlicht in nahezu vollständiger Dunkelheit. Trotz zahlreicher Spezialisten, die die Bilder mit allen möglichen Filtern verbesserten, ist darauf eigentlich (nahezu) nichts zu sehen. Wer die Fotos gemacht hat und zu welchem Zweck, wird vermutlich für immer ein Rätsel bleiben; es ist einfach ein kurioses und nicht erklärbares Goodbye an die Nachwelt.

Und auch ich sage jetzt Goodbye – allerdings nur bis zum nächsten Mal hier. Seid behütet auf all euren Wegen!

Doc Nachtstrom

Doc Nachtstrom

Geboren 1967 in Graz/Österreich, in den 1990er-Jahren als Elektronikmusiker und Filmkomponist beschäftigt, seit dem Millennium Moderator in einem Grazer Privatradio und in Wien für die Sendung “House of Pain” bei FM4/ORF tätig. Arbeitet weiters als Journalist und Herausgeber (Zeitschrift “Visionarium”, Anthologien) ist leidenschaftlicher Büchersammler (8000+) und Die Hard-Fan aller Spielarten der Phantastik.

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2 Kommentare auf "United States of Disappearances."

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Karin Reddemann
Webmaster

Was noch gesagt werden muss…das ist wirklich richtig uneingeschränkt gut geschrieben.

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