News Ticker

Unheimlich-phantastische Literatur: Eine Einführung

Übersetzt von Michael Perkampus

Der Originaltext findet sich in The Weird: A Compendium Of Strange And Dark Stories, Ann VanderMeer & Jeff VanderMeer

Titelbild: China Miéville

Die unheimlich-phantastische Erzählung, wie sie von H.P. Lovecraft in seinen Aufsätzen definiert und auf den Seiten solcher Magazine wie Weird Tales (ab 1923) geheiligt wurde, ist eine Geschichte, die übernatürliche Elemente enthält, aber nicht in die Kategorie der traditionellen Gespenstergeschichte oder der Gothic Tale gehört, wie sie beide um 1800 herum populär waren. Wie Lovecraft 1927 schrieb:

“Die unheimlich-übernatürliche Erzählung hat etwas mehr zu bieten als heimlichen Mord, blutige Gebeine oder eine in Laken gehüllte Gestalt, die vorschriftsmäßig mit den Ketten rasselt.”

Nämlich das Ausschauhalten nach dem Undefinierbarem – sie vertritt vielleicht die rasend machende Unerreichbarkeit eines Verständnisses von der Welt jenseits der uns bekannten, “eine bestimmte Atmosphäre atemloser und unerklärlicher Furcht”, oder “eine punktuelle Aufhebung oder Ausschaltung jener unveränderlichen Naturgesetze, die unseren einzigen Schutz gegen die Attacken des Chaos […] darstellen” – durch Dichtung, die von einer beunruhigenderen, schattigeren Seite der fantastischen Tradition herrührt.

Mit dem Unbehagen der vorübergehenden Abschaffung der Wissenschaft kann auch die fremdartig-schöne Verbindung mit dem Schrecken einher gehen. Träumerei oder Offenbarung, ja, aber dunkle Träumerei oder Offenbarung – nicht die Seichtheit a la: “Ich wanderte einsam wie eine Wolke”, sondern die Gewichtigkeit des Gefühls des (nur zum Beispiel) einflussreichen unheimlichen Künstlers Alfred Kubin:

“Überwältigt… von einer dunklen Macht, die vor meine Augen seltsame Kreaturen, Häuser, Landschaften, groteske und furchtbare Situationen hinzaubert.”

Wie das, was wir lose in das Genre Horror eingruppieren, kann das Unheimliche transformativ sein, manchmal sogar buchstäblich – es gibt dort Monster, die man nicht immer als solche erkennt. Es geht um eine Art von Verständnis, auch wenn etwas nicht verstanden werden kann, und um die Anerkennung des Versagens als Zeichen und Symbol unserer Einschränkungen.

Üblicherweise befinden sich die Protagonisten in unheimlich-phantastischen Erzählungen entweder an einem Ort, der den meisten von uns fremd erscheint, oder haben einen Hinweis auf etwas Ungewöhnliches erhalten, das ihre Besessenheit auslöst. Egal ob etwas existiert oder nicht, sie sind damit in einen Dialog getreten; sie mögen sich vom Abgrund zurückziehen, sie mögen entscheiden, das Gesehene nicht gesehen zu haben, aber sie haben es eben  doch gesehen! Derartige Geschichten können erschreckend sein, aber sie verlassen sich nicht auf den Schrecken als verlässliche zentrale Größe innerhalb der Horror-Literatur; auch nicht auf die überraschende Wendung wie in den klassischen Twilight-Zone-Episoden. Sie bleiben universal, weil sie unterhalten und gleichzeitig unserer eigenen Unzufriedenheit über die Unzuverlässigkeit unserer Welt Ausdruck verleihen – und zwar in einem Zusammenhang, wo die Erscheinungen und das Seltsame als erstes für sich selbst stehen, eine physikalische Körperlichkeit besitzen, die uns, zumindest während des Lesens, von der Existenz des Phantastischen überzeugt.

Als eine Kunstform des zwanzigsten- und einundzwanzigsten Jahrhunderts ist die Geschichte der unheimlich-phantastische Erzählung nicht nur eine der Verfeinerung (und Destabilisierung) der übernatürlichen Literatur innerhalb eines festgelegten Rahmens, sondern auch eine der Vermischung mit anderen literarischen Traditionen, die auf den ersten Blick wenig mit dem Phantastischen zu tun haben. In der modernen Spielart des unheimlich-phantastischen haben Elemente wie merkwürdige Rituale oder Science Fiction das Übernatürliche verdrängt, ohne den dunklen Schauder vor dem Unbekannten oder dem Visionären einzubüßen. Die größten und einzigartigsten Autoren des Genres aus früheren Zeiten, wie Arthur Machen (der seine besten Erzählungen vor 1910 geschrieben hat), hinterlassen zwar eine Marke in dieser neuen unheimlichen Welle, aber keinen Stiefelabdruck mehr.

Da das Unheimliche oft in den Zwischenräumen existiert, weil es verschiedene Gebiete gleichzeitig besetzen kann, besteht der Impuls einiger Fachleute, dahingehend zu argumentieren, dass das Unheimliche nicht aus anderen literarischen Traditionen extrahiert werden sollte (und auch nicht kann). Denn das Unheimliche ist mehr ein Gefühl als dass es sich um eine Art des Schreibens handelt. Der Eifrigste unter uns wird sagen: “Ich weiß es wenn ich es sehe”,womit gemeint ist “Ich weiß es wenn ich es fühle” – und das ist es, was die Torwächter als Argument nutzen, um anzudeuten, das Unheimliche existiert überhaupt nicht, wenn diese Aussage  eine der überzeugendsten Argumente für seine Existenz sein soll.

In seiner reinsten Form versucht die unheimlich-phantastische Literatur stereotype Bilder wie Zombies, Vampire und Werwölfe, sowie die Assoziationen, die diesen Bildern zu Grunde liegt, zu vermeiden. Die besten Beispiele der unheimlich-phantastischen Literatur sind solche noch nicht ausgetretener Wege und wenig besuchter Orte. Sie bringen von dort Berichte mit, die auch heute noch frisch und innovativ wirken.

Außerdem ist die unheimlich-phantastische Literatur nicht nur dunkel sondern auch demokratisch. Du kannst ein Schriftsteller wie Thomas Ligotti sein, in allen Belangen unheimlich. Oder einer wie James Tiptree Jr. oder Karen Joy Fowler, bei denen der Hang zum Unheimlichen nur gelegentlich auftritt. Es ist egal, die Authentizität steckt in den Worten auf der Seite, im gemeinsam genutzten Schauder, der von dort aufsteigt. Authentizität in der unheimlich-phantastischen Literatur bedeutete während des ganzen zwanzigsten Jahrhunderts – wenn auch nur untergeordnet – die Thematisierung der Probleme des modernen Lebens, inklusive des Krieges.

Gleichzeitig wurden der unheimlich-phantastischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts Strömungen der unterschiedlichsten Traditionen zugeführt und von ihr absorbiert: Surrealismus, Symbolismus, Literatur der Dekadenzzeit, sowie die mehr esoterischen Ansprüche des Gothic. Keine dieser Strömungen definierte für sich die unheimlich-phantastische Literatur, sickerten aber tief ein. Zusammen mit den Lovecraft’schen und Kafkaesken Ansätzen veränderten sie die Zutaten dieser literarischen Form für immer.

Jeff Vandermeer

Jeff Vandermeer wurde am 7. Juli 1968 in Pennsylvania geboren. Seine eigenen Werke bezeichnet er als Magischen Realismus. Im Jahr 2000 erhielt er den World Fantasy Award für die Novelle “The Transformation of Martin Lake”. Er ist außerdem als Herausgeber und Redakteur tätig.

Kommentar verfassen