Unheimlich-phantastische Literatur: Die frühen Jahre

Übersetzt von Michael Perkampus

Der Originaltext findet sich in The Weird: A Compendium Of Strange And Dark Stories, Ann VanderMeer & Jeff VanderMeer

Titelbild: China Miéville

Die Geschichte der unheimlich-phantastischen Literatur wird häufig als die Geschichte um sich greifender Tentakel gesehen, dem Symbol des modernen Horrors. Die Tentakel und all das, was sie repräsentieren wurden zu einem Metatext dieser Geschichten und des Lovecraft-Zirkels, jenen Schriftstellern um Lovecraft. Zu diesem Zirkel gehörten Robert E. Howard, Fritz Leiber, Clark Ashton Smith, Howard Wandrei und August Darleth. Obwohl weibliche Beiträge zur frühen Horror-Literatur seltener vorkamen, hatte die Südstaaten-Dichterin Mary Elizabeth Counselman einen siginifikanten Einfluss, ebenso wie Francis Stevens (das Pseudonym von Gertrude Barrows Bennett, unter dem sie Unseen – Unfeared schrieb). Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass, obwohl viele dieser Autoren Nachahmer hervorbrachten, was die visionären Qualitäten ihrer Arbeiten für moderne Leser ins Gewöhnliche hinab zogen, sie jedoch in ihrer eigenen Epoche die Repräsentanten einer Revolution gegen überkommene Ideen innerhalb der phantastischen Literatur waren. (In Europa hatte das Weird Tales Magazine ein gleichwertiges Gegenstück im Orchideengarten – 1919 gegründet).

Der Lovecraft-Zirkel war auf den Seiten der ersten Ausgaben vertreten, aber er dominierten bei Weitem nicht alleine. Warum? Weil andernorts ein ähnlicher Impuls aufkam. Etwa zur gleichen Zeit, als Lovecraft Erzählungen wie Das Grauen von Dunwich und Der Ruf des Cthulu schrieb, schrieb auch Jean Ray in einem belgischen Gefängnis seine beeindruckenden und anspruchsvollen Geschichten, wie etwa Die Gasse der Finsternis und Das Mainzer Psalter. Der Japaner Hagiwara Sakutaro komponierte das halluzinogene und befremdliche Die Katzenstadt, und der polnische Autor Bruno Schulz mythologisierte seine Kindheit in unheimlichen Geschichten wie sie in Das Sanatorium zur Sanduhr zu lesen sind.

Diese nicht-anglistischen Versionen des Horrors waren keineswegs Einzelfälle. In den 1910er jahren veröffentlichte Ryunosuke Akutagawa seine Conte Cruels in Qualen der Hölle, und Franz Kafka, noch wenig bekannt, schrieb den Klassiker In der Strafkolonie, während in Indien Rabindranath Thakur die Erzählung Die hungrigen Steine verfasste. In Italien schrieb Luigi Ugolini The Vegetable Man, die Geschichte einer Verwandlung.

Ebenfalls zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts halfen Autoren wie Alfred Kubin, Algernon Blackwood und F. Marion Crawford in ganz unterschiedlicher Weise der modernen Ära des Phantastischen auf die Sprünge: Kubin als Vertreter des Symbolismus/der dekadenten Schriftsteller, Blackwood als Vorläufer Lovecrafts, und Crawford als eine der frühen Impulsgeber in Richtung einer kommerzielleren Ausrichtung der unheimlichen Erzählung, wie sie später durch Ray Bradbury, Fritz Leiber und Robert Bloch beispielhaft wurden. Insbesondere Kubin wählte einen Weg, der von Kafka, Schulz und anderen aufgenommen und verstärkt wurde, und der auch bei heutigen Vertretern wie Michael Cisco, M. John Harrison und Leena Krohn beobachtet werden kann.

All diese Autoren hatten sehr unterschiedliche Hintergründe, was sie aber miteinander verband war der gemeinsame Impuls ihrer Ansichten, der Angst und dem faszinierenden Unbekannten, das sie im Leben vorfanden, einen Sinn zu verleihen. Und das auf ihre besondere Art und Weise. Eine unverhältnismäßig hohe Zahl dieser Autoren starb in bitterer Armut, wurde als Außenseiter oder Schmierfink stigmatisiert und an den Rand gedrängt, ihre Fantasie ignoriert oder missverstanden, sogar innerhalb der bereits bestehenden Genres SF/Fantasy/Horror. Einige von ihnen wurden erschossen oder in Konzentrationslager gesteckt. Zu viele begangen Selbstmord, manchmal ausgelöst von einer Tragik, die in engem Verhältnis zu ihrer Kreativität stand. Einigen wenigen gelangten glücklicherweise durch ihre Bemühungen zu Popularität und einer breiten Leserschaft.

Was all diese Dichter, und all diejenigen, die nach ihnen kommen würden, miteinander teilen, ist ein Element des Visionären in ihren Schriften, eine Weltsicht, die sie über das Alltägliche hinaus katapultierte. In manchen Ländern hinterließ ihre Weltsicht nur das schimmern oder Glitzern, das aus einem tiefen Brunnen herauf scheint. In anderen aber ist das Zentrum ihrer Werke ein großes, wütendes Feuer. In beiden Fällen, ob subtil oder breit gefächert, steckt jedoch die Erkenntnis, dass unsere Suche nach einem Verständnis der Welt jenseits der unseren nicht allein mit Wissenschaft
oder Religion zu schaffen ist, dass die phantastische Literatur eine Alternative darstellt, um die Wege des Unendlichenzu erkunden. Glaubten diese Schriftsteller an die übernatürlichen Kräfte, die sie beschrieben? In einigen Fällen deutet alles auf ein Ja hin. Der überwiegende Teil jedoch hat es darauf angelegt, zu unterhalten, gepaart mit dem Bestreben, die Leserschaft an die Seltsamkeit unserer Welt und die Grenzen unseres Begreifens zu erinnern. Einige wenige nahmen die Welt so anders wahr, dass das, was für sie als normal galt, dem Leser höchst abnorm erschien. Manchmal geht es in der unheimlichen Erzählung nicht allein darum, das Unerklärliche verstehen zu wollen, sondern um die Faszination, das Unbegreifliche zuzulassen, um einen Verzicht der Erklärung, um den Schrecken einer solchen Suche beschreiben zu können. Manche dieser Geschichten halten aus diesem Grund einem wiederholten Lesen bis heute stand.

Jeff Vandermeer

Jeff Vandermeer

Jeff Vandermeer wurde am 7. Juli 1968 in Pennsylvania geboren. Seine eigenen Werke bezeichnet er als Magischen Realismus. Im Jahr 2000 erhielt er den World Fantasy Award für die Novelle "The Transformation of Martin Lake". Er ist außerdem als Herausgeber und Redakteur tätig.

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