Und völlig unerwartet…klopfte es an der Tür: Fredric Brown

Denker, Könner: Fredric Brown

Früher oder später taucht der Name des amerikanischen Schriftstellers Fredric Brown wieder auf, wie eines der Zeitreiseexperimente, die er in seinen Kurzgeschichten oft beschreibt, wenn man sich mit der Historie der literarischen Science-Fiction beschäftigt. Brown gehört zum Golden Age der amerikanischen SF – obwohl er auch ein populärer und gern gelesener Krimiautor war. Seine erste Science Fiction Geschichte „Not the end yet“ (dt. Noch nicht das Ende) erschien folgerichtig im Captain Future Magazin im Jahre 1941.

Oft enden seine düsteren, satirischen Short Stories mit einer Pointe, einem gespielten Witz. Kurzweilige Unterhaltung für die damaligen Leser der Pulp Magazine. In den Geschichten offenbart sich scheinbar Browns Hang zum Fatalismus. Ein Menschen-Spötter mit Stand-up Talent. Mal bringt die Menschheit aus Versehen die noch nicht entdeckte Marsbevölkerung um, mal vergisst der Mörder den Mord auch auszuführen und wiederum ein anderes Mal ist ein voreiliger Wissenschaftler für immer in einer Zeitschleife gefangen. Kennt man, hat man schon gelesen oder auch gesehen. Stimmt. Von Brown gelesen. Und von Brown gesehen. Seine Short Stories sind der Nährboden für viele Drehbücher und Filmideen gewesen. Aus der „Smith-Corona“ des Autors stammen unter anderem Episoden für die TV-Serien „Geschichten aus der Schattenwelt“, „The outer Limits“, „Tales of tomorrow“, „Alfred Hitchcock präsentiert“ und nicht zuletzt eine Episode für die klassische Star Trek Serie (Staffel 1, Folge 18 – die mit dem Latex-Echsen Mann). Auch Stephen King und der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro geben an, von Brown beeinflusst worden zu sein.

Brown hasste das Schreiben, wie er selbst einmal in einem Vorwort schrieb. Diese beinahe schon pathologische Prokrastination konnte auch seine zweite Frau bestätigen. Immer wieder suchte er einen neuen Vorwand, um sich nicht an seine Maschine setzen zu müssen. Er spielte dann leidenschaftlich gern an seinem flötenähnlichen Instrument, das er liebevoll „the recorder“ nannte oder zockte mit Freunden und Nachbarn bis in die frühen Morgenstunden irgendwelche Kartenspiele und vernichtete dabei Alkohol in rauen Mengen. Ging er mit einer Idee für eine neue Geschichte schwanger, lief er plappernd durch das Haus, bis ihn seine Frau nichts ahnend ansprach und unterbrach. Von da an einigte man sich darauf, dass Brown eine rote Mütze tragen solle, wenn er mal wieder in einer Ideenfindung steckte und nicht in seinen Kreisen gestört werden wolle.

Fredric Brown (nicht Frederick Brown! – diese falsche Schreibweise von einigen Verlegern und Zeitgenossen hasste er bis aufs Blut!) setzte sich auch öfters in den Greyhound Bus und fuhr über Nacht quer durchs Land. In diesen nächtlichen Überlandfahrten konnte er entspannen und in der Dunkelheit des Busses – nur beleuchtet durch seine Taschenlampe – dann seine neuen Ideen für Romane und Short Stories entwickeln und zu Papier bringen.
Der unscheinbar wirkende, zierliche gebaute Autor mit den feinen Gesichtszügen, immerhin ausgezeichnet mit dem Edgar Allan Poe Award und später mit seiner Geschichte „Arena“ in die Science Fiction Hall of Fame“ gewählt, misstraute dem Schreiben als Geldquelle, war er doch ein Kind der großen Depression gewesen. So arbeitete er auch neben dem Schreiben noch als Korrektor, Bürobote, ja selbst als Arbeiter in einem Vergnügungspark. Erst später zur Zeit der Entstehung der Herrenmagazine, angeführt vom Playboy, riss man sich um seine Geschichten und er war finanziell relativ sicher.

Brown schrieb einmal, dass die Science Fiction „einem redlichen, echten Schrifttum viel näher kommt als irgendeine andere Literaturgattung – weil sie der Phantasie einen größeren Spielraum lässt und dem Autor weniger Regeln und Schranken auferlegt.“ Dennoch stehen im Mittelpunkt der Science Fiction des Autors aus Ohio die Menschen, die Kritik an der Gesellschaft und logische Plot-Twists und nicht gigantische technische Set-ups oder mehrbändige Planetenzyklen, eben keine spekulative SF. Er war kein Neuerer der Science Fiction im klassischen Sinne. Man mag ihn mit einem seiner musikalischen Zeitgenossen vergleichen: dem Jazzsaxofonisten Hank Mobley. Betrachtet man diesen mit dem Visionär Miles Davis oder dem aggressiven Stil eines John Coltrane, spielte Mobley nur in der zweiten Liga der Aufmerksamkeit der damaligen Zeit.

Ähnlich Frederic Brown in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Er suchte keinesfalls die Öffentlichkeit oder einen kurzlebigen Ruhm. Sein Freund und Kollege Robert Bloch (er schrieb u.a. die literarische Vorlage zu dem Film „Psycho“) sagte diesbezüglich über ihn: „…und eine überraschend große Zahl von Fans und Schriftstellerkollegen kannten nur den Namen, nicht die Person, zu der er gehörte.“

In den 1970er wurde er dann fast von den Lesern und dem Buchmarkt vergessen. Diogenes verlegte Ende der 1970 seine Kurzgeschichtensammlung „Flitterwochen in der Hölle“ und Bastei Lübbe einige seiner Krimis in den frühen 1980, dann war Ende.

Doch Browns Geschichten lohnen sich einer erneuten Betrachtung, verdienen es nochmals gelesen zu werden. Denn beim wiederholten Lesen eröffnen sich mehrere Deutungsebenen – bewusst gesetzt oder nicht – die über einen gespielten hallervordenschen Witz mit Schlusspointe hinaus gehen. Bei allem Defätismus, was die Gesellschaft, die Wissenschaft und die Entwicklung der Menschheit angeht, bergen seine Geschichten oft eine große humanistische Weltsicht ja beinahe einen Wunsch zur Änderung ins Positive hinein ohne jedoch dieses zu offensichtlich zu transportieren. Das erlaubte sich der Hornbrillen- und Schnauzbartträger dann doch vor sich selbst als Autor und auch als Mensch nicht.
Fredric Brown starb 1972 in Tucson im Alter von 66 Jahren.

Ähnlich einem Langstreckenläufer haben sich also die Short Stories von Brown wacker in die nächste Runde, ins nicht mehr so neue Jahrtausend hinüber gerettet und sind immer noch im Rennen, um sich mit ihren Mitstreitern messen zu lassen. In meiner Eigenschaft als ausgebildeter Sprecher war es mir ein persönliches Anliegen seine Geschichten einzusprechen und daraus – als non-profit project – zwei von mehreren Hörbüchern zu gestalten. Ich bin der Meinung, dass Fredric Brown, dieser Großmeister der Kurzgeschichte (die Kürzeste: „Der letzte Mann auf Erden saß allein in einem Zimmer. Da klopfte es an der Tür …“) ein Hörbuch verdient hat.

Die Serie „Flitterwochen in der Hölle“ mit seinen Short Stories wird von mir auf youtube fast wöchentlich fortgesetzt und zwei Zusammenfassungen der Short Stories von fast 60 Minuten sind bereits ebenfalls auf youtube unter „Stell Dir vor – Das Hörbuch“, sowie „Die Halle der Spiegel“ zu hören.
Viel Spaß beim Wieder-Entdecken von Fredric Brown.

 

Stell Dir vor ! – Das Hörbuch

Die Halle der Spiegel – Das Hörbuch

Playlist  der einzelnen Kurzgeschichten „Koslar liest Brown“

Michael Koslar

Michael Koslar

Michael Koslar - Der Kölner Autor, Sprecher und Moderator arbeitet seit 25 Jahren „in den Medien“. Er moderierte über 400 TV-Shows und Sendungen (VOX, RTL, tvnrw, tm3), war/ist Stand-upper mit eigenem Programm (u.a. nightwash), schrieb Drehbücher fürs Fernsehen und Werbung und ist seit 2012 die Stimme bei der wochentäglichen Show „4 Hochzeiten & eine Traumreise“ auf VOX. Als „Stimme“ arbeitet er für Funk, Fernsehen und diverse Hörbuch-Verlage. Was viele nicht wissen: Seit 2011 macht er sich einen Namen als Maler unter seinem Pseudonym Malte Sonnenfeld. Mit seiner Neo-Pop Art ist er mittlerweile deutschlandweit bekannt und hing mit seinen renommierten Werken bereits in verschiedenen deutschen Museen.

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