Über den Schnitter, den Schelm und Daniel Kehlmanns »Tyll«

Eine Frage stellt sich nicht mehr: Wo ist Carlos Montúfar? Jener historisch verbürgte Begleiter Humboldts fehlte einst in Daniel Kehlmanns Bestseller »Die Vermessung der Welt«. Gestrichen. Für die Geschichte. Für die Dramatik. Zwölf Jahre nach dem Erscheinen steht mit »Tyll« der nächste vermeintlich historische Roman des österreichischen Autors an. Die Frage lautet jetzt: Warum Till Eulenspiegel? Denn Kehlmann versetzt den Narren für seinen aktuellen Roman aus dem 14. Jahrhundert in die Zeit des Dreißigjährigen Kriegs.

Die Antwort lautet damals wie heute, »daß ein Erzähler niemand anderem verpflichtet ist als seiner Geschichte und daß auch diese ihm nicht gehört, selbst wenn er das glaubt. Daß die Kunst zwar zweitklassig ist gegenüber der Natur, daß sie ihr aber manchmal dennoch etwas hinzufügen muß, denn das Wirkliche ist nicht immer, nicht allen Fällen, das Wahre«. So schrieb es Kehlmann damals in einem Essay. Um das Wahre zu finden, braucht die Erzählung von »Tyll« seinen Schelm, seine Drachen, seine Anleihen an Märchen und an den klassischen historischen Roman. Denn es geht in diesem Buch vor allem darum: Entkomme dem Tod. Ein Glück ist hier der Schelm dem Schnitter stets einen Schritt voraus. »Sterben ist nichts, das begreift er.« Eine Erkenntnis, die Tyll bereits nach ein paar Seiten trifft.

Kehlmanns letzte Veröffentlichungen hatten kaum die erzählerische Kraft seiner früheren Werke, »Ruhm« und »F« reihten sich in die biedere deutschsprachige Gegenwartsliteratur ein. Erst mit der Novelle »Du hättest gehen sollen« knüpfte der 42-Jährige wieder an den Magischen Realismus seiner ersten Bücher an. Einflüsse von Shirley Jackson und Julio Cortázar inklusive. Und jetzt »Tyll«, ein Text deutlich in Tradition des österreichischen Autors Leo Perutz.

Der Dreißigjährige Krieg zieht eine Spur der Verwüstung und des Todes durch Europa. Es brennt. Überall. Soldaten schlachten sich ab. Die Machtverhältnisse lassen sich kaum noch durchschauen, dazu sterben Menschen bei Hexenprozessen. Der Tod muss als Figur in »Tyll« nicht einmal als Allegorie auftauchen. Er hat diese Zeit mehr im Griff als jeder König, als jede Religion. Der Tod bestimmt die Spielregeln. Für Könige und Herrscher, für Bettler und Handwerker, für Mann und Frau. Nur für einen nicht. Denn als Gegenspieler taucht nun jener Tyll auf, der sich stets auf das Hochseil begibt und dort mit einer Leichtigkeit voranschreitet.

Um das erste große Missverständnis auszuräumen: Kehlmann hat keinen Tatsachenroman geschrieben. Sein Ansatz für den historischen Roman streifte schon für »Die Vermessung der Welt« durch das Gebiet der Phantastik, wenn der Mathematiker Carl Friedrich Gauß am Ende auf einmal das 21. Jahrhundert in seiner Welt wie eine Schablone über der Wirklichkeit sieht. Moderatorin Christine Westermann freute sich in der ZDF-Sendung »Das Literarische Quartett« noch über die vielen Dinge, die sie durch »Tyll« gelernt habe. Literaturkritiker Volker Weidermann lobte »Tyll« wie ein Sittengemälde der Zeit. Das will »Tyll« aber gar nicht sein.

Es fängt bereits damit an: Tyll Ulenspiegel, Vagant, Schausteller und Provokateur, wie es der Klappentext schreibt, ist nicht Till Eulenspiegel. Wie auch? Bis heute gibt es Zweifel, ob der echte Eulenspiegel jemals existierte. Kehlmanns Tyll ist mindestens genauso real. Und überhaupt: In diesem Roman zweifeln mehrere Figuren daran, ob sie gerade den echten Tyll oder einen Hochstapler vor sich haben: »Bist Du Tyll Ulenspiegel?« »Einer von uns ist es. Bist hier, mich zu holen?«


Hier findet sich eine Leseprobe aus »Tyll« bei Rowohlt.


Durch diese Brüche verweist Kehlmann stets aus seiner eigenen Erzählung auf eine andere Ebene. Zum Beispiel auch wenn Tylls Vater Claus an Überlegungen verzweifelt, ob zwei gleiche Blätter bedeuten, dass sie dasselbe Blatt sind. Und was Gott damit zu tun haben könnte. Mit diesen erzählerischen Kniffen klopft Kehlmann die philosophische Logik ab.

Solche Brüche finden sich in den Romanen von Leo Perutz zwar nur manchmal, doch trotzdem erinnern viele Momente in »Tyll« an »Der schwedische Reiter« und »Nachts unter der steinernen Brücke«. Kehlmann scheut sich nicht vor dem Pathos, vor der Unterhaltung – vielmehr beherrscht er sie perfekt, streut sie an genau den richtigen Momenten ein.

Gleich an zwei Stellen lässt er den Leser jedoch alleine: Tyll verbringt als Kind eine Nacht alleine in einem Wald. Am anderen Tag finden sein Vater und die Knechte ihn. Eingerieben in Mehl und Eselsblut steht er über ihnen auf den Ästen der Bäume. Der Wald beherbergt magische Wesen, das machen Erzähler und Figuren deutlich, jedoch tauchen sie in der Geschichte nicht auf. Übrigens wie die gesuchten Drachen, die so selten sind, dass ihre Unauffindbarkeit zum Beweis ihrer Existenz wird. Ist Kehlmanns Tyll nun in dieser Nacht durchgedreht? Oder ist er ein Wechselbalg? Oder haben Räuber ihn gejagt und er flüchtete sich auf den Baum? Die Geschichte bleibt an dieser Stelle offen.

Doch die andere Lücke ist noch gewichtiger für diesen Roman, denn sie zeigt die Kraft des Erzählens, die Kraft von Tyll, diesem Narr, der in diese Zeit ja doch gar nicht gehört: Im Laufe seines Lebens verschlägt es ihn zu den Mineuren, während einer Schlacht verschüttet es die Männer unter einen Haufen von Erde und Schutt. Die Lage ist aussichtlos, der Tod greift bereits nach ihnen. Und Tyll? »Ich geh jetzt. So hab ich’s immer gehalten. Wenn es eng wird, gehe ich. Ich sterbe hier nicht. Ich sterbe nicht heute. Ich sterbe nicht!« Ende der Episode. Dass die Kraft des Erzählens reicht, um sich vor dem Tod zu retten, gehört seit Boccaccios »Decamerone« und »Tausendundeine Nacht« zum festen Bestandteil der Literatur. Nur findet es sich in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht mehr, die sich oft lieber in erzählerischer Armut dem Selbstmitleid widmet.

Dass Kehlmann nicht chronologisch erzählt, dass sein Erzähler sich stets anderen Charakteren widmet, mal auktorial, mal personell sein will, tut sein Übriges – diese Luftsprünge machen Tyll die Flucht ja erst möglich. Der wohlwollende Erzähler, der nebenbei vom Sterben des letzten Drachen erzählt. Am Ende siegen die Kunst und die Phantasie über das Vergehen, über diesen Krieg, in diesem Leid. Und sei es, weil sie munter in diesem Buch wüten.

Und so tanzt in »Tyll« ein Narr mit einem Hochseilakt dem Tod davon. Das ist das Phantastische, das Unerhörte, das Unwahrscheinliche an diesem Roman. Kehlmann hat es geschafft, dass sein Charakter wieder gleichberechtigt neben der Handlung steht, dass sich die Spiele um Logik und Sinn in die Geschichte fügen. Und so wie Tyll vor der Nichtexistenz flieht, schließt sich der Leser dieser Welt an, in der Esel sprechen und Menschen Katzenklaviere erfinden. Schon Tolkien schrieb: »Im wirklichen Leben ist Flucht nur schwer zu tadeln, es sei denn, sie scheitert; für die Literaturkritik scheint sie umso schlimmer zu sein, je besser sie gelingt.« Tolkien bezog sich hier auf das Märchen, doch lässt sich seine Aussage auf jede Form der phantastischen oder eskapistischen Literatur beziehen. Und genau diese Flucht tritt »Tyll« an. So herausragend und konsequent wie kein anderes Buch der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die Wirklichkeit ist eben nicht das Wahre. Das musste ja schon Carlos Montúfar erleben.

Björn Bischoff

Björn Bischoff

Björn Bischoff, geboren 1987 in Bremen, studierte Literaturgeschichte und Buchwissenschaften, liebt Horror, Bücher und Comics, arbeitete als Online-Redakteur, ist freier Journalist. Wirft jeden Tag mit Buchstaben um sich, hat permanent Bohren & Der Club Of Gore im Ohr und spart auf ein Häuschen in Twin Peaks. Beiträge für Tor Online, Alfonz, Tagesspiegel, Nürnberger Nachrichten, Plattentests.de und andere.

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1 Kommentar auf "Über den Schnitter, den Schelm und Daniel Kehlmanns »Tyll«"

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Julia
Gast

Großartige Rezension, die mir jetzt noch mehr Lust auf das Buch macht. Ein Schelmenroman im besten Sinne und mit dem 30jährigen Krieg eine Allegorie auf das Europa, das heute auch an allen Ecken und Enden wieder zur Kleinstaaterei, zum “Ich zuerst!” und zum “Zündeln” neigt? Der Eulenspiegel, wie überhaupt die Hofnarren und Zwerge (Oskar Mazerath!) in der Literatur, war immer einer, der über den Dingen schwebte, andere Perspektive einnahm, sich keiner Obrigkeit verpflichtet fühlte. Und damit der ideale Erzähler. Kann’s kaum erwarten! Danke auch für die Links zu Hörbuch und Literarischem Quartett. Letzteres schenke ich mir immer häufiger, so dass ich diese Folge verpasst hatte!

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