Über Dark Fantasy

In den 1990er Jahren wurde die Dark Fantasy als Synonyme für Horror angesehen. Warum? Große Verlage, die in den 80er Jahren den Markt mit schrecklichen, grauenhaften, nichtsnutzigen Romanen überschwemmten, um von der Popularität des Horrors zu profitieren, entschieden, dass es die Schuld des Genres war, dass die Leser nicht bereit waren, miese Massenware zu kaufen. Gleichzeitig bemerkten Marktbeobachter, dass sich Fantasy gut verkaufte. Und so entschieden die großen Verlage sich dafür, Bücher mit übersinnlichen Elementen als Fantasy und Bücher mit kriminellen Elementen als Thriller zu vermarkten, alles andere wurde als unpublizierbar abgelehnt und den kleinen Verlagen überlassen.

Sowohl Horror als auch Dark Fantasy erforschen die Natur des Bösen und die dunklen Seiten der menschlichen Natur und schaffen eine gruselige oder beängstigende Atmosphäre. Auf die Frage, was der Unterschied zwischen Dark Fantasy und übernatürlichem Horror ist, werden einige Leute antworten, dass es keinen Unterschied gibt, oder dass der Unterschied darin besteht, dass Horror zu größeren Extremen von Sex, Gewalt und, naja, Horror neigt, als Dark Fantasy.

Meiner Meinung nach ist das etwas zu einfach: Es gibt einige Bücher und Filme, die reine Fantasy sind, und die dennoch extrem grausam sind und daher als Horror verkauft werden. Zwar gibt es zwischen den beiden Genres eine breite Grauzone, aber es gibt doch einige Merkmale, um diese beiden Genres unterscheiden zu können.

(Das sind allgemeine Merkmale, die ich eher bemerkt habe als irgendwelche „Regeln“, und wer versucht, die Fantasy vom Horror zu trennen, sollte ein Werk immer als Ganzes betrachten, anstatt sich an ein einziges Element zu klammern und etwa zu folgern: „Aha, jeder stirbt am Ende, also muss das Horror sein!“)

Setting

Horror ist das Eindringen des Furchterregenden und Unbekannten in eine alltägliche, gewöhnliche Welt, die dem Leser vertraut ist. Es muss aber keine moderne Welt sein; man kann einen Horrorroman leicht in eine historisch genau definierte Vergangenheit stellen. Das Eindringen muss nicht übernatürlich sein (ein geistesgestörter Serienkiller reicht aus), obwohl es oft vorkommt.

Dark Fantasy-Geschichten haben ein bewährtes Setting, das fantastisch oder andersweltlich ist. Eine solche fantastische Kulisse kann vom eindeutigen Schwert und Zauberei-Genre in Michael Moorcocks Elric-Saga über die subtile Magie vieler Geschichten von Ray Bradbury bis hin zur Action-Komödie Buffy – Im Bann der Dämonen reichen. Wenn man sich in einer Welt bewegt, in der Vampire oder Geister oder Magie von den Charakteren als „normale“ Erscheinungen behandelt werden, ist es eine Fantasiewelt.

Buch- und Filmreihen, die als Horror begonnen haben, können dann durchaus in die Dark Fantasy gleiten, denn was im ersten Buch unbekannt und beängstigend war – sagen wir, eine Welt voller Zombies – ist danach etabliert und bekannt, wenn auch deshalb nicht weniger beängstigend.

Figuren

Die Protagonisten der Dark Fantasy sind oft klassische Helden. Sie stellen sich den Gefahren, die ihnen im Buch, in der Geschichte oder im Film drohen, um andere zu retten oder um ein größeres Ziel zu erreichen. Sie sind oft mit dem Okkulten vertraut oder verfügen über besondere Fähigkeiten, Kenntnisse oder Kräfte. Clive Barkers Privatdetektiv Harry D’Amour ist ein Beispiel für einen solch heroischen Charakter, der in einem schrecklichen Dark Fantasy-Universum operiert.

Die Protagonisten von Horrorgeschichten und Filmen sind hingegen oft Überlebende. Sie sind gewöhnliche Alltagsmenschen, die unfreiwillig in eine schreckliche Situation gedrängt wurden, und sie sind meistens sehr unvorbereitet, wenn es sie trifftn. Aber damit müssen sie umzugehen lernen, oder sie sterben auf oft spektakuläre Weise. Kirsty, die junge Heldin von Barkers Roman Hellraiser, ist ein Beispiel für den archetypischen Überlebenscharakter des Horrors.

Handlung

In vielen Dark Fantasy-Geschichten gibt es einen stillschweigenden Trost für den Leser: Die Achterbahn bleibt in der Spur. Die Charaktere, um die sich der Leser sorgt, schaffen es in der Regel am Ende lebend raus und der Tag ist gerettet.

In vielen Horrorromanen und Filmen bekommt der Leser diesen Trost nicht; die Autos können jederzeit von der Straße abkommen. Der Protagonist darf die Zombiehorden überleben, nur um in der Schlussszene von einem Redneck-Hinterwäldler erschossen zu werden. Jeder könnte sterben. Es ist schrecklich.

Zensurprobleme

Horror hat den Ruf, „böse“ zu sein und wurde in der Vergangenheit beschuldigt, den Satanismus zu fördern, weil er das Okkulte erforscht. Ich habe Schriftsteller mit einer zimperlichen Ader getroffen, die sich dem Entsetzen entziehen, nur weil sie meinen, es würde ihnen einen schlechten Ruf einbringen.

Mancherorts wird seit langem davon ausgegangen, dass Science Fiction (und damit auch die traditionelle Fantasy) „jugendliche“ Literatur ist, also vor allem Lesestoff für Heranwachsende. So zögern viele Magazine über Spekulative Literatur, Geschichten mit expliziten Beschreibungen von Gewalt oder Sex zu veröffentlichen. Der meiste Horror ist hingegen nur für Erwachsene, er schreckt vor keinem Thema und keiner Beschreibung zurück.

Es mag daher den Anschein haben, dass der Horror besonders anfällig für Zensur ist, weil Gruppen, die anstößige Inhalte verhindern wollen, Druck ausüben. Einige meinen, dass das Dark Fantasy-Label hauptsächlich dazu benutzt wird, den Horror vor Angriffen der Konservativen zu schützen.

Doch die Dark Fantasy bietet letztendlich nicht viel Deckung; denken Sie daran, was mit den Harry-Potter-Büchern passiert ist, die sehr populäre (und zunehmend dunkle) Fantasy-Romane für Kinder sind. Einige Randgruppen protestieren lautstark dagegen, dass Harry Potter die Hexerei und damit den Satanismus fördert. Die Proteste wären ohne die große Popularität der Bücher nicht einmal aufgekommen, denn Magie ist ein Grundnahrungsmittel in praktisch jedem Fantasy-Roman, den ich mir vorstellen kann, einschließlich christlich beeinflusster Werke wie Herr der Ringe und Die Chroniken von Narnia.

So behaupte ich, dass die meisten Horror-/Dark Fantasy-Werke vom Radar der Verrückten wegbleiben, weil es nicht die Art von Literatur ist, die sie jemals lesen würden, und die Presse ihre Aufmerksamkeit nicht darauf lenkt; sie waren nie das Zielpublikum Marktes für diese Bücher, und die Verleger hören auf den Markt.

Proteste waren in der Tat in einigen Fällen sogar gut für den Verkauf von Büchern, weil die Leute sich aus Neugier ein Exemplar kaufen, um zu sehen, worum es hier geht.

Anstrengend werden diese protestierenden Idioten nur dann, wenn sie Druck auf lokale Geschäfte und Bibliotheken ausüben können, um bestimmte Bücher aus den Regalen zu verbannen. In der modernen Welt ist es ein Segen, dieser Art von Gedankenkontrolle zu entgehen, weil man seine Bücher Online bestellen kann.

Lucy A. Snyder

Lucy A. Snyder ist eine fünfmalige Bram Stoker-Preisträgerin. Sie schrieb die Romane Spellbent, Shotgun Sorceress und Switchblade Goddess, das Sachbuch Shooting Yourself in the Head for Fun and Profit: A Writer’s Survival Guide und die Sammlungen While the Black Stars Burn, Soft Apocalypses, Orchid Carousals, Sparks and Shadows, Chimeric Machines, and Installing Linux on a Dead Badger. Ihre Texte wurden ins Französische, Russische, Italienische, Tschechische und Japanische übersetzt und erschienen in Magazinen wie Apex Magazine, Nightmare Magazine, Pseudopod, Strange Horizons, Weird Tales, Scary Out There, Seize the Night und Best Horror of the Year. Sie lebt in Columbus, Ohio und ist Dozentin  der Seton Hill University über das Schreiben moderner Literatur.